Symbol Startseite Inhalt Suchen E-Mail Kloster Kirchberg Inhalt Navigation Inhalt 1982

Drucken
Zurueck Teil 1

Quatember

Der Mensch der Gegenwart und die christliche Kunst
von Wolfgang Krönig
(Teil 2)


3. Über die Wirkensweise der Bilder

LeerAls Menschen der Gegenwart stehen wir den Bildern nicht entfernt so unbefangen gegenüber wie frühere Zeiten. Die Tiefenräume psychologischer, systematischer und historischer Forschung haben uns vielfältigste Erkenntnisse gebracht. Wir wissen, daß das, was wir "Kunst" nennen, in anderen Zeiten und Zonen etwas gänzlich anderes war: es war Religion selbst, Leben, magische Beschwörung, Preis des Herrschers, schlichte Mitteilung und vieles andere mehr - es war nicht, was es jetzt ist: ästhetische Schöpfung. Und im Lichte dieser Erkenntnis, daß z. B. im Mittelalter das, was wir heute "Kunst" nennen, garnicht "Kunst" war, daß die "artes liberales" gänzlich anderes meinten, können wir dem heutzutage wieder wankend gewordenen Kunstbegriff auch gelassener zuschauen.

LeerEbenso wissen wir auch, daß es unter der einen Bezeichnung "Bild" sehr verschiedene Formen gibt, die im Bereiche christlicher Kunst verschiedenen geistigen Bedürfnissen, Absichten und Zweckbestimmungen entsprechen: daß es lehrhaft-symbolische, darstellend-erzählende, streng repräsentative Bilder gibt.

LeerGrade auch im Bereich christlicher Kunst ist es wichtig, die Unabhängigkeit des Bildes vom Wort einsichtig zu machen, vom Text, von jedem vorgegebenen Text. Diese richtig verstandene Unabhängigkeit muß überall da betont werden, wo die Gefahr besteht, das Bild nicht nur zu unterschätzen, sondern gradezu mißzuverstehen - es in Abhängigkeit bloßer Illustration des Textes, des Wortes, auch der Bibel zu sehen.

Linie

LeerDie rechte christliche Kunst, die wir ins Auge fassen wollen, ist ebenso wie die wahrhaftige Kunst aller Zeiten und Formen dadurch gekennzeichnet, daß in ihr Abbildendes und Sinnbildendes, Abbildhaftes und Sinnbildhaftes fast immer gemeinsam auftreten, wobei es freilich verschiedene "Mischungsgrade" geben kann. Diese Einsicht ist sehr wichtig, denn mit ihr erfassen wir nicht nur wechselnde, verschiedene Stilformen des Bildes, sondern seine Verhaltensformen. Überblicken wir die Vielfalt geschichtlicher Entwicklungen der Kunst, so läßt sie sich im wesentlichen auf diese zwei großen, unterschiedlichen Verhaltensweisen vereinfachend zurückführen, läßt sich in ihnen kennzeichnen:
  • eine sinnbildliche, zeichenhafte, daher auch unrealistische, nicht perspektivische.
  • eine abbildhafte, realistische, räumliche, perspektivische Kunst.
LeerDoch trotz solcher Unterscheidung: es gibt viele Mischungsverhältnisse zwischen beiden; jede hat auch Anteil am Wesen der anderen! Grade dies gilt es, vor den Bildern einzusehen.

LeerAlle bisherigen Überlegungen, und besonders die letzte, machen es endlich notwendig, etwas Zusammenfassendes zu sagen über Sinnbild, Zeichen, Symbol. Ich möchte alles in dem präziseren Begriff des Symbols fassen, in dem die sichtbare Repräsentanz eines Unsichtbaren geschieht, in dem beides - nach dem griechischen Wortsinn -zusammenfällt, sich deckt, ineinander enthalten ist.

LeerDefinitionen sind notwendig, aber sie sind nicht das Letzte, das Eigentliche einer lebendigen Erfahrung. Deshalb möchte ich versuchen, sozusagen für jeden nachprüfbar und nachvollziehbar, einige Hinweise auf das Wesen des Symbols zu geben.

LeerDas Kreuz ist ein solches Symbol, ein solches Zeichen; es ist das christliche Symbol schlechthin, Inbegriff der Erniedrigung und zugleich des Sieges, des Todes und der Auferstehung Christi. Wir gewinnen daher als erste Feststellung: Das Kreuz - und jedes echte Symbol - wendet sich an eine Gefolgschaft,, es ruft auf zur Gemeinschaft; und es kommt aus einer Gefolgschaft, Gemeinschaft. Daraus folgt: es kann nicht willkürliches Werk eines einzelnen sein.

Linie

LeerZweitens: das Kreuz - und jedes echte Symbol -meint etwas, bezeichnet etwas, nämlich bestimmte geistige Inhalte, Tatsachen, Lehren, und vor allem: es macht anschaulich, anschaubar, was eigentlich unanschaulich ist, also auch: es enthüllt etwas, aber zugleich verhüllt es auch. Es ist nämlich nur dem in der Gefolgschaft stehenden Offenbarung, Zeichen, Enthüllung gemeinsamen Sinnes und Glaubens; dem Draußenstehenden ist es unverständlich, geheimnisvoll, verhüllend und deshalb womöglich abstoßend, unheimlich.

LeerMan muß um diese Grundtatsachen wissen, um zu begreifen, daß keine Zeit, keine Gemeinschaft (welcher Art auch immer) auf das Symbol verzichten kann: "Ich schwöre der Fahne die Treue"; "Ich glaube an das Kreuz".

LeerDas Symbol, das Zeichen, ist identisch mit dem Unsichtbaren, daß es vertritt, das in ihm enthalten ist, in ihm anschaulich wird.

LeerDiese Lebensmacht, diese Lebensnotwendigkeit des Symbols wird deutlich in einer weiteren Eigenschaft: nämlich darin, daß es über dem Wort steht. In einem knappen Zeichen, in der "Sprache des Bildes", des Bildzeichens, wird für Kind und Greis, wird für einfache und für geistig anspruchsvolle Menschen "gesagt", was in Worten vielfältig, verschiedenartig und sehr ausführlich sein müßte.

LeerZugleich aber steht das Symbol unter dem Wort, insofern es ständiger Exegese bedarf. Grade in diesem "zugleich" zeigt sich seine Unentbehrlichkeit, denn es ist unausschöpfbar.

LeerDamit ergibt sich, wie ich meine, beiläufig die große Verantwortung für alle, die mit dem Symbol zu tun haben, aber auch mit allem, was "Bild" in einem umfassenderen Sinn ist: gestaltend, Auftrag gebend, unterweisend, deutend. Denn "Bild" ist selbst Glaubensbekenntnis geworden; Bild ist und soll sein der Leib des Wahren, der die Wahrheit enthält und verhüllt.

LeerNoch einmal: nicht Beschreibung, nicht Begriffe ersetzen das Bild, ja sie können es nicht einmal erreichen.

Linie

4. Erwägungen zu uns, den Betrachtern der Bilder

LeerWir befinden uns in einer merkwürdig zwiespältigen Lage den Bildern gegenüber: Wir stellen uns über die Bilder - wertend, urteilend, historisch einordnend, vergleichend und wir stehen zugleich unter den Bildern; unbewußt: ihrer Wirkung ausgesetzt; bewußt: "hinhorchend" auf die geistigen Mächte und Ordnungen, die in ihnen sichtbar werden, auf den tragenden Grund, der nur dem Glaubenden sichtbar wird. Es ist also oder sollte sein zugleich ein Hinhören, Aufmerken, Innewerden. Aber auch da kann die Wirkung eines Bildes auf verschiedene Betrachter eine völlig verschiedenartige sein; denn sie ist abhängig von dem, was wir von uns aus mitbringen, an Vorwissen, an Bereitschaft, an möglichen Assoziationen. Und wiederum verbinden sich auch dann noch beide Weisen des Verhaltens zum Bilde miteinander.

LeerSchließlich sind noch einige wenigstens andeutende Worte notwendig zu der so gewaltigen und garnicht in Kürze zu behandelnden Frage nach Brauch und Mißbrauch des Bildes im Bereich christlicher Kunst; sie muß nach ihrer systematischen wie auch nach ihrer historischen Seite hier ganz ausgeklammert bleiben. Es kann sich in unserem Zusammenhang nur um Erörterungen auf einer gemein-christlichen Grundlage handeln.

LeerEin Wort Goethe's mag dabei als Einführung dienen zu einem, wie mir scheint, zentral wichtigen Gedanken: "Man weicht der Welt nicht sicherer aus als durch die Kunst - und man verbindet sich nicht sicherer mit ihr als durch die Kunst". Diese bedeutende Einsicht, die einfach das Paradoxon stehen läßt, weil sie es stehen lassen muß, gilt auch von Kunst und Religion. Die Kunst kann die größte Helferin sein auf dem Wege zur Religion, und sie kann doch zu einem Selbstzweck, einem willkommenen Vorwand werden, der Religion, der Begegnung mit Gott, mit Christus auszuweichen. Das heißt also: der Mißbrauch ist stets gegeben - in allen Künsten. Der Mißbrauch liegt dann entscheidend in der Person, im Subjekt.

LeerEduard Spranger: "Es ist das Schicksal des Menschen, das Metaphysische nur in Bildern ausrücken zu können."

LeerPaulus (1. Korinther, 13, 12): "Wir sehen jetzt durch einen Spiegel in einem dunklen Wort, dann aber von Angesicht zu Angesicht."

Linie

LeerEinige Sätze, gleichsam Folgerungen aus dem Vorangehenden, möchten auch in die Praxis hineinwirken.
  1. Die ältere christliche Kunst, die unter uns gegenwärtig ist, wird wirksam nach den geheimnisvollen Gesetzen sich wandelnden menschlichen Lebens, der Gesinnung, der Sitte, des Lebensstils, des Geschmacks und kann daher in jedem Augenblick zu einer neuen Wirkung und Wirksamkeit gelangen. So ist es nie zu vermeiden und nie auszuschließen, daß einer Gemeinschaft oder einem Einzelnen von dem an sich gleichsam ständig gegenwärtigen Schatz älterer christlicher Kunst bald das eine viel bedeutet, ja völlig neu "aufgeht", das andere dagegen wenig bedeutet und gänzlich zurücktritt. Wir sollten aber gleichsam den großen Atem haben, den Zeugen vergangener Zeiten auch da noch Lebensraum zuzubilligen, wo sie heutigem Empfinden ferner stehen.
  2. Aus der "optischen Überlastung", aus dem Überdruß am Bilde müssen Folgerungen gezogen werden, die in Richtung auf eine "schauende Askese" gehen, die dem Betrachter not tut. "Meditation"! Damit meine ich etwas Ähnliches für den Bereich des Bildes: wie aus einem Bereich des Schweigens, ja des Schweigen-Könnens das Wort erst wieder zu Wert und Wirkung kommen kann, so auch im Bereich des Bildes. Und dies würde jedenfalls bedeuten: statt des Vielen das Wenige und das sozusagen "Gezielte".
  3. Es ist falsch, die Einsicht in die in gewissem Sinne als folgerichtig und notwendig zu bezeichnende neuzeitliche abendländische (westliche) Kunstentwicklung einmünden zu lassen in die Meinung oder gar programmatische Feststellung: es kann keine christliche Kunst mehr geben, also darf es keine mehr geben. Leider begegnet man öfter einer solchen Einstellung. Für den Christen kann eine solche Argumentation keine Gültigkeit haben. Die Christen haben eine Tradition zu wahren, die in jeder Gegenwart Anspruch darauf hat, lebendig gehalten zu werden. Denn wo eine große Überlieferung mit einer neuen Gegenwartsaufgabe und echter Hingabe zusammentrifft, da kann Wesentliches geschehen. Und diese Möglichkeit sollten wir uns stets offen halten. Und, wie Pater Regamey in seinem bedeutenden Buch "L'art sacré au vingtième siècle" ganz schlicht sagt: der Sinn für das Mögliche - er ist wichtig.
  4. Es gilt also den Weg zu finden zwischen Skylla und Charybdis, zwischen vorgefaßter Ausschließung des Bildes und der Gefahr, eine "modern" genannte Schematik zu gebrauchen.
Linie

LeerEs kann da für den Christen keine verbindlichen Vorschriften geben. Da aber in Liturgie und Verkündigung der Kirche das künstlerische Element ein selbstverständliches, ein leibhaftiges Ausdrucksmittel ist, kann es sich nur darum handeln, der Kunst die angemessenen Kategorien ihres Wirkens zu bestimmen. Und das heißt: es muß an die Kunst die Wahrheitsfrage gestellt werden und auch die kritische Frage künstlerischer Analyse. Was können wir dabei tun? Wir können Mitverantwortung tragen, denn nicht nur die Künstler, auch die Auftraggeber (und diese in einem sehr weiten Sinn) haben ein hohes Maß von Verantwortung: die Möglichkeit des Rats, der Auftragerteilung, des Gesprächs, der Einwände. Der Künstler braucht dies alles; er wünscht nicht allein gelassen zu werden.

LeerWir machen uns noch einmal klar, daß für uns Heutige die Notwendigkeit bestehen kann, gegenständliche Darstellungen in der Kirche zurücktreten zu lassen. Romano Guardini sagte einmal: "die Aufgabe, das Angesicht Gottes zu suchen, scheint im leeren Kirchenraum leichter zu sein, als dann, wenn ein (gegenständliches) Bild den Blick hemmt".

LeerDoch kann dieser völlige Verzicht auch ein negatives Zeichen dafür sein, daß wir gänzlich verzichten auf die Deutung der konkreten Glaubensinhalte und auf die Aufgabe, die Deutung der uns umgebenden Welt ernst zu nehmen. Außer Frage aber steht es, daß eine objektive Verbindlichkeit sich heute nicht erreichen läßt, ja man wird hinzufügen müssen, daß sie außerhalb der orthodoxen Kirche von keiner anderen Kirche oder kirchlichen Instanz gefordert worden ist. Auch heute noch gilt, daß das Leben der Kirche sich auch und sehr wesentlich in der Kunst äußern kann. Das Zeugnis christlicher Kunst erreicht auch heute noch viele Menschen, die nicht mehr in der Kirche leben und die sich dennoch von ihr getroffen fühlen.

LeerDie letzte Begründung aber für das christliche Bild wird immer ein elementares Bedürfnis sein, das wie im Wort, so auch im Bild und im Ton nicht verzichten kann und will auf einen Umgang mit dem Heiligen und das Zeugnis geben möchte - das sich vergegenwärtigen, das inne werden will auch in denjenigen Schichten des Menschen, die das rationale Wort nicht erreicht, und das auch diesen Bereich nicht einer ebenso unkünstlerischen wie unchristlichen Bilderflut und damit jenen Mächten überlassen möchte, die wir als antichristlich bezeichnen müssen. Entscheidend wird stets der Dienst sein, den auch das christliche Bild als Lobpreis Gottes und als Zeugnis, als Gebetshilfe, als Meditationshilfe für den einzelnen und für die Gemeinde zu leisten vermag, in welcher Formensprache auch immer. Und dies ist das Geschenk eines wirklichen Künstlers, ein Geschenk Gottes.

Quatember 1982 (S. 152-161)


© Joachim Januschek
Letzte Änderung: 03-02-17
Haftungsausschluss
Zurueck TOP Kirchberg