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Teil 2 Vor

Quatember

Michael - eine Engelsmacht in der Geschichte
von Heinrich Beck
(Teil 1)


LeerEine Thematisierung der Wirklichkeitsdimension der "Engel" mag kühn erscheinen - auch in Anbetracht dessen, daß sie von derzeitiger Theologie und Philosophie kaum beachtet oder gar als "ausgefallener Spezialbereich" angesehen wird. Allein die jüngsten Ereignisse der Geschichte lassen die Frage wieder ernstnehmen, ob hier nicht eine hintergründige Dimension der Wirklichkeit greifbar wird, die unser Denken zu unkonventionellen Frageansätzen oder gar Neuaufbrüchen zwingt. Andererseits zeigt sich - vielleicht gerade dadurch mitausgelöst - neuerdings verstärkt ein rational unkontrollierter Hang zu Formen des Mystizismus und Spiritismus.

LeerDie nachfolgende Erörterung ist daher bewußt in den Zusammenhang des philosophischen Erkenntnisproblems gestellt. Denn sie geht nicht von der Voraussetzung aus, das Thema sei absolutes Reservat der Glaubenstheologie und grundsätzlich für Philosophie unzugänglich, d. h. für eine die Erfahrungsgegebenheiten auf ihre "letzten Gründe" hin aufschließende rationale Reflexion. Eine Glaubensüberzeugung ist ja auch nur dann verantwortlich, wenn sie auf einen An-spruch erfahrener Wirklichkeit ant-wortet, indem sie deren Sinnrichtung in sich hineinnimmt und über die Wißbarkeitsgrenzen hinaus verdeutlicht. Die hier angegangene Frage zielt auf solche philosophisch-theologische Erhellung von Hinter-Gründen der Erfahrungswirklichkeit.

LeerDiese Art von philosophisch-theologischer Rationalität unterscheidet sich wesentlich von jener im neuzeitlichen Sinne technisch-wissenschaftlichen, die die Erfahrungsgegebenheiten lediglich nach vorgefaßten Begriffen "logisch in Griff" zu bekommen sucht, um sie intellektuell zu "beherrschen" und für bestimmte Zwecke verfügbar zu machen. Es handelt sich vielmehr hier um ein problemlösendes und sinnerfragendes Denken, das seine "Logik" aus einer sich anzeigenden Sinnstruktur (einem "Logos") der Wirklichkeit gewinnt. So suchte der ursprüngliche philosophische Ansatz in der Antike, z. B. bei Aristoteles, die Erfahrungsgegebenheiten nicht nur auf subjektive, sondern vor allem auch auf objektive Bedingungen zurückzuführen, d. h. als Ausdruck einer hereinwirkenden Wirklichkeit zu verstehen.

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LeerDie antagonistischen Seins- und Ereignisformen der materiellen Erfahrungswirklichkeit z. B. erschienen begründet durch letzte geistige Formprinzipien, die Götter. Als Götter galten die "Sterngeister" (oder "Sphärengeister") des Himmels, die durch umkreisende Bewegung das Geschehen und Leben auf der Erde in kosmischem Gleichgewicht und göttlicher Harmonie halten; die Gesamtordnung aber wurde auf einen höchsten Gott zurückgeführt, wie es etwa in dem aristotelischen Gottesbeweis (Metaphys. XII,1, vgl. auch den Gesamtzusammenhang von 1073 a 14 bis 1074 b 8) deutlich wird.

LeerDas christliche Glaubensverständnis, das an die philosophische Tradition anknüpfte und sich mit ihr auseinandersetzte, erfaßte den einen höchsten Gott nicht nur als Weltenbildner (der aus einem ihm vorgegebenen Stoff Wesen und Ordnungen herausformte), sondern als Schöpfer aus dem Nichts: Er bringt gerade auch die stoffliche Grundlage aller Formen hervor und ist so absolut unabhängig und allmächtig. Die geistigen Sternenbeweger und kosmischen Formprinzipien aber wurden in der frühchristlichen Theologie und Philosophie als die Engel bezeichnet, und es wurde ihnen - in Abhängigkeit von Gott - Herrschaft über den Kosmos, die Himmel und die Elemente zugeordnet, auch die Schutzherrschaft über ganze Völker und die Kirche. Den sieben Planetengöttern z. B. entsprachen die sieben Erzengel. Im Rahmen der göttlichen Weltregierung (gubernatio Dei) wurden die Engel dann als Ausdruck einer besonderen göttlichen Vorsehung (providentia Dei specialissima) betrachtet, was besonders in der protestantischen Orthodoxie thematisiert wurde.

LeerDie Engelsmächte als Dimension des Numinosen können so als von Gott geschaffene reine Geistwesen verstanden werden, die er mit Dienstfunktionen an seinem Schöpfungs- und Erlösungswerk teilnehmen läßt. Der Begriff des "Engels" besagt ein geschaffenes körperloses Ich, das von der in Raum und Zeit ausgedehnten Welt wesentlich verschieden und ihr überlegen ist; solche wesenhafte Unstofflichkeit schließt jedoch nicht aus (sondern ist geradezu die Bedingung dafür), daß der Engel den Stoff in stoffüberlegener Weise bewegt und in ihm wirkt, ja gelegentlich - wenn es seinem Auftrag entspricht - einen Leib annimmt, um in der stofflichen Welt zu "erscheinen".

LeerIn der Perspektive dieser philosophie- und theologiegeschichtlichen Entwicklung und Tradition ist nun in systematisch-methodischer Form zunächst zu fragen, ob sich im Ausgang von der Erfahrung die Existenz und Einwirkung reiner Geistwesen philosophisch nahelegt. Auf dieser Grundlage kann dann nach der besonderen Bedeutung der Gestalt des "Erzengels Michael" gefragt werden, dem nach christlichen Glaubenszeugnissen eine entscheidende Wirkung in der Geschichte zukommt.

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l. Die Wirklichkeit der Engel

LeerEinen Hinweis auf die Existenz von Engeln vermitteln zunächst alte Quellen religiösen und außerreligiösen Glaubens und entsprechende Symbole in den unbewußten Tiefenschichten der Seele, die in Bräuchen der Völker, Mythen und Träumen greifbar werden und als Ausdruck von allgemeinen, aber weithin verschütteten Menschheitserfahrungen gedeutet werden können Die Existenz von Engeln wird aber auch durch rationale philosophische Argumente nahegelegt. Diese haben in jenen einen umfassenden menschlichen Hintergrund, jene aber gewinnen durch diese das Kriterium eines verbindlicheren Realitätsbezugs.

LeerIn der Welt entstanden und entstehen neue Arten und Gattungen von leblosen, von lebendigen und von bewußten Seinsformen. Diese werden als solche durch die einzelnen Individuen, die an ihnen partizipieren, nicht grundlegend hervorgebracht, sondern nur weitervermittelt, z. B. vom den Vorfahren an die Nachkommen. Die alle Individuen einer Art prägende und umfassende Seinsform wird so von allen gemeinsam empfangen - anfänglich vom "ersten Glied", von den folgenden vielleicht "voll-kommener"; sie ist dann durch den fortlaufenden Generationsprozeß immer mehr im Kommen. Sie kann dabei aber nicht aus Nichts kommen. Beim Entstehen einer neuen Art sind die auslösenden Faktoren oder Bedingungen (z. B. Erbsprung, Genmutation) und der eigentliche Wesensgrund oder die Seinsquelle (aus der die neue Sinnstruktur der Art erfließt) zu unterscheiden. Ähnlich ist bei einer Melodie wohl das "Material" der Töne, nicht aber der Sinngehalt ihrer Kombination auf physikalische Ursachen zurückzuführen. Wenn also die je neue Wesensstruktur zwar "in" der Welt, aber nicht "aus" ihr kommt (da sie vorher ja nicht in ihr da war), so sind von der Welt verschiedene Wesensgründe anzunehmen. Als von der Welt verschieden subsistieren sie nicht im "Stoff der Welt", sondern in sich selbst; d. h. es handelt sich um unstoffliche reine Geistenergien oder "Engel", die als personale Urformen (Archetypen) und Vor-bilder des Seienden im Weltprozeß wirksam sind.

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LeerIhre Existenz jedoch verdankt die Welt nicht dem formenden Einfluß von Engeln, sondern Gott. Denn die Existenz ist keine Form, sondern deren Voraussetzung; nur unter der Bedingung, daß die Welt dabei überhaupt ist, kann sie so oder anders sein und geformt sein. Während sie von einer Form in andere übergeht, strömt ihr die Existenz fortwährend zu - nicht von einem Form-, sondern Seinsgrund, der das Sein als solches meint. Da das Sein als solches aber allem zukommt, was überhaupt ist - allem Stoff, allen Individuen und allen stofflichen wir unsofflichen Formen - , so umfaßt dieser Seinsgrund überhaupt alles. Er ist im Gegensatz zu Engeln schlechthin unbegrenzt und allmächtig - Gott. Also: Während die Welt unter dem in-formierenden Einfluß geistiger Formgründe sich entwickelt, wird sie mit diesen zusammen in ihrem gleichzeitigen Überhaupt-Sein fortwährend von Gott hervorgebracht. Man könnte versucht sein einzuwenden: Wenn die Welt stets unter irgendwelchen Formen existiert und gemäß diesen von Gott ins Sein gerufen wird, so sind die Formgründe als "göttliche Ideen" in Gott selbst anzunehmen und Engelwesen verzichtbar. Doch dann müßte ebenso gelten: Da jedes Individuum die spezifische Form seiner Art in einer einmaligen Ausprägung repräsentiert, in der es von Gott erschaffen wird, so gründet auch diese in göttlichen Ideen, und ihre Hervorbringung oder Vermittlung durch die Eltern, d. h. die elterliche Zeugung selbst, wäre überflüssig. Da jedes So-Sein unter artspezifischem und individuellem Aspekt von Gott in seinem Überhaupt-Sein bewirkt wird, so sind beide Aspekte in göttlichen Ideen notwendig ur-vorgebildet und sowohl Engel (die das artspezifische So-sein prägten) als auch Eltern (die die jeweilige individuelle Naturkonkretion vermittelten) in einem absoluten Sinne nicht notwendig; Allmacht ist auf anderweitige Mitwirkung nicht angewiesen. Jedoch hat "Überflüssigsein" auch - und grundlegend - einen positiven Sinn: Es entspricht dem Allmächtigen, im Maße des Möglichen "über sich hinaus zu fließen", andere Wesen hervorzubringen und gemäß ihrer Wirk-lichkeit an seinem Wirken teilnehmen zu lassen; warum sollte absolutes Ver-mögen nicht grundsätzlich Mögen bedeuten? So ist es in einem tiefsten Sinne natürlich, daß ebenso wie für die individuelle Bestimmung der Natur des Seienden in der Welt jeweils Eltern existieren und mitverantwortlich sind, so für übergreifendere Aspekte Engel. Dann gilt: Während das Individuum von seinen Eltern in seiner individuellen Natur gezeugt und von seinen Engeln in allgemeineren Strukturen seines Wesens geprägt wird, gibt Gott gleichzeitig die Existenz: ihm, den Eltern und den Engeln.

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LeerEs ist also anzunehmen, daß die Entwicklung des Kosmos in den durchgreifenden Strukturen der Materie, des Lebens und des Bewußtseins (d. h. der Kultur) durch das immanente Wirken transzendenter Geistwirlichkeiten wesenhaft mitbestimmt wird. Dies macht nicht nur den Aufbau und die Bewegung sinnvoller dynamischer Ordnungen, sondern auch gewisse negative Erscheinungen verständlich, die nicht auf den Menschen zurückgehen können: die Naturübel in der Evolution und das Böse in der Geschichte.

LeerWenn z. B. die Katze die Maus zu Tode ängstigt und quält, so liegt solches Verhalten in ihrer Wesensstruktur begründet. Diese aber ist nicht ein Produkt des Menschen, sondern wurzelt ontologisch tiefer und erdgeschichtlich früher. Sie ist als solche aber auch nicht direkt und unmittelbar von einer all-mögenden göttlichen Allmacht herleitbar. - Oder grundsätzlicher gesagt: Die Natur drückt in ihrer Wesensstruktur - vorgängig zu jedem bewußten sinnwidrigen Verhalten des Menschen - eine gestörte Sinnordnung aus. Widersinn aber setzt als seine Grundlage den Sinn voraus, dem er widerspricht (und sagt diesen in seinem Begriff notwendig mit aus); nur dieser Sinn, nicht aber seine Negation ist auf den reinen göttlichen Sinngrund zurückzuführen. Woher dann die Negation und Per-version des Sinns? Denn Widersinn bedeutet nicht lediglich ein Ausbleiben von Sinn (einen Un-sinn), sondern einen "Sinn wider den Sinn als solchen". - Ebenso: Jede gestörte Ordnung muß grundlegend Ordnung sein, um gestört sein zu können, und gründet in dieser Hinsicht in Gott. Die Gestörtheit in Sinnwidrigkeit (die "Dysteleologie") ist aber offenbar in der substantiellen Verfaßtheit der Natur mitangelegt. Dies weist nicht auf einen bloßen "Zufall" oder "Unfall" hin, sondern auf eine der Natur vorausgehende ("trans-zendente") anlegende Macht. Es weist hin auf eine Perversion des einwirkenden Urbildes, eine Verkehrung in der archetypischen Sinnwirklichkeit.

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LeerNun determiniert zwar nicht, wohl aber disponiert die materielle Natur auch die individuellen und menschheitlichen geistigen Ereignisse in der Geschichte, die einen ähnlichen Eindruck begründen. Wenn z. B. bei einem Streit eine Zerstörung menschlicher Beziehungen angerichtet wird, die "niemand so gewollt" hatte, und die Wirkung eine ihr adäquate Ursache verlangt: Wo liegt die Instanz, welche die in den Beteiligten unbewußt bereitliegenden Frustrationen, Aversionen und Aggressionen bei situativer Gelegenheit zusammenfügt und das "Material" in die "entsprechende Form" bringt? Woher empfängt die Vielheit negativer Elemente diese gerichtete Einheit? Dazu paßt die mit immer faktisch vorhandenen Neigungen zu destruktiver Reaktion - Überheblichkeit, Haß und Neid, Schadenfreude, maßloser Vergeltung, Lust am Quälen etc. - zu machende Erfahrung: Sobald man einwilligt, verliert man über sich die Kontrolle und erlebt sich "wie von einer höheren Gewalt" fortgerissen. Ähnlich gehen zunehmende kollektive Erscheinungen wie Kriege und Massenhinschlachtungen, atomares Wettrüsten, verführende und hypnotisierende Ideologien, in ihrer verheerenden Wirkung über die Absicht und die Macht aller beteiligten Personen hinaus. Sie zeigen einen eindeutigen Richtungssinn - den Widersinn.

LeerDie "Energie", d. h. die Wirk-lichkeit der reinen Geistwesen verhält sich wie ein entweder ordnendes oder aber beirrendes Licht, das sich der Welt mitteilt und im Spiel der Evolution gut oder böse mit-spielt sowie im individual- und menschheitsgeschichtlichen Formungsprozeß der Sprache, der Ideen und der Intentionen mit-in-formiert. Dieser permanente Einfluß ist für die Eigenwirklichkeit und Eigentätigkeit des Seienden in der Welt nicht determinativ, sondern dispositiv, d. h. die guten, gemäß den göttlichen Schöpfungsideen einfließenden Engel begünstigen sinnvolle Entwicklungen der Natur und verantwortliche Entscheidungen des Menschen und wirken so befreiend, die bösen jedoch wirken auf sinnwidrige Entwicklungen und Entscheidungen hin und respektieren so nicht die selbstverantwortliche Freiheit - was sich aus dem bereits angeführten Zusammenhang nahelegt, vielleicht auch aus gewissen parapsychologischen Phänomenen.

LeerDas reine Geistwesen als über der Weltmaterie in sich selbst subsistierende Urform ist dabei als einfaches Bei-sich-Sein oder reine Selbstgerichtetheit aufzufassen, und seine positive oder negative Ge-sinnung als einfache und völlige Ent-schiedenheit,. als sich selbst völlig durchdringender ("per-sonierender") und bestimmender Akt. Allgemein aber gilt: Je einfacher, geschlossener und entschlossener ein Seiendes in sich ist und andern gegenübersteht, mit desto mehr Durchdringungs- und Umfassungskraft kann es auch nach außen wirken. Also sind die Engel gerade durch ihre wesenhafte Überlegenheit und Freiheit gegenüber dem materiell-geschichtlichen Kosmos umso tiefer auf ihn bezogen - im Sinne einer "Annäherung durch Abstand". In diesem Sinne wirken sie nicht durch ein ihrem Wesen nur äußerliches (ak-zidentelles oder gelegentliches) Handeln ein, sondern sind sie ihm durch ihre sub-stantielle Wirk-lichkeit zugeordnet - und ebenso er ihnen durch eine ent-sprechende sub-stantielle Formbarkeit. Beide bilden nach ihrer tiefsten ontologischen Bestimmung eine gemeinsame dynamisch-energetische Seins- und Begegnungsordnung, die als solche in Gott gründet. Auf der Grundlage eines solchen Aufhellungsversuchs zum Wesen und geschichtlichen Wirken von Engeln kann sich nun das Besondere der Per-son eines Michael herausheben. Wer ist er?


© Joachim Januschek
Letzte Änderung: 03-02-17
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