II. Die Gestalt des Michael
Der Engel als reines Geistwesen durchdringt und bestimmt sich durch seinen Entscheidungsakt durch und durch in seinem Wesen; er ist das, wozu er sich entscheidet, vollkommen. Michael aber bestimmt sich durch eine Frage: "Wer ist wie Gott? ". Also läßt sich sagen: Michael ist seine Frage; er ist der "Wer ist wie Gott? " in Per-son.
Der Ausdruck "Mi-cha-el" bedeutet in hebräischer Sprache: "Wer ist wie Gott? ". Ein Name benennt aber das Seiende in seinem Wesen: Also kann man nicht sagen, daß die Frage des Michael etwas seinem Wesen Zusätzlicher oder Äußerliches sei, oder daß er sie nur bei bestimmten Gelegenheiten - den Begegnungen mit dem Bösen - gestellt hätte. Wenn von einem Engel gesagt wird: "Er ist Michael", so heißt dies: "Er ist die wesenhafte Wirk-lichkeit: Wer ist wie Gott? ". Noch weniger handelt es sich hier um eine rein "rhetorische" oder bloße Schein-Frage. Eine solche wäre nicht nur dem Sprecher (d. h. Michael) selbst äußerlich, sondern auch seinem gesprochenen Wort, da dieses ja dann in Wahrheit eine Behauptung und die Frage nur deren äußere Form oder bloßen Schein darstellte. Vielmehr entspricht gerade die Frage seiner ontologischen Wahrheit. Denn da ein Engel ein begrenztes Wesen ist, weiß er auch nur begrenzt, was der unbegrenzte Gott ist: d. h. er weiß es mehr nicht, als daß er es weiß; somit ist die Frage nach Gott einem Engelwesen (wie jedem Geschöpf) angemessen. Sie drückt die Anerkennung eben dieses Verhältnisses der eigenen Begrenztheit zur Unbegrenztheit Gottes aus und bedeutet eine suchende Hinwendung zu Gott; Michael ist das archetypisch subsistierende Unterwegs zu Gott. Nach dem Alten Testament ist Michael einer der höchsten Engel. Er ist auch der himmlische Fürst und Schutzherr (und das bedeutet wohl letztlich: der Archetyp) Israels, also des Volkes, das seiner geschichtlichen Bestimmung nach den Weg Gottes zu bahnen hatte: Dan 10, 13, 21; 21,1.

Im Neuen Testament erscheint Michael noch deutlicher als der Widerpart des Teufels. Er streitet mit ihm um den Leichnam des Moses (Jud 9) und er stürzt als Anführer seiner Engel ihn und seine Engel nach einem siegreichen Kampf vom Himmel auf die Erde (Apk 12,7-12). Diese Stelle, die apostolische Lesung für den Tag des Erzengels Michael, ist vorgebildet im Alten Testament (Ez 28,1 ff.). Jesus sagt: "Ich sah den Satan wie einen Blitz aus dem Himmel stürzen" (Lk 10,18). Dabei handelt Michael, entsprechend seiner Rolle als Fürst Israels, des Gottesvolkes, als Engel der Gemeinde Jesu (vgl. Apk 12,10 ff.). Im nachbiblischen frühchristlichen Schrifttum ist er als der Engel des christlichen Volkes Fürbitter und Verteidiger gegen das Böse (auch Heiler, Bläser zum Gericht, Seelenwäger); insbesondere steht er den Sterbenden bei und geleitet ihre Seelen in den Himmel, ähnlich dem griech. Gott und Götterboten (d. h. Logosbringer) Hermes (lat. Merkur, vgl. auch den ägypt. Wissensgott Thot). In dieser Funktion ist Michael als "Hermes" also vielleicht auch außerhalb des jüdischen und christlichen Bewußtseins bekannt.
Alle Funktionen und Taten Michaels sind im Zusammenhang mit dem in seinem Namen ausgedrückten Wesen zu sehen. Indem er durch seine Frage das Böse vertreibt und Gott und das Heil heranläßt, verbindet sich z. B. seine Funktion des Gerichtsengels mit der des Wegbereiters und des Heilers.
Michael stellt nicht eine Behauptung auf; er behauptet nicht, ist nicht die Behauptung: "Niemand ist wie Gott!". Worin liegt der Unterschied?
Eine Behauptung ist auch Selbstbehauptung dessen, der sie ausspricht. Jeder Satz bedeutet eine Setzung, durch die der Betreffende sich auch selber setzt - und dem Hörenden aus-setzt. Dieser blickt und trifft dann nicht primär auf den Behauptungsinhalt, sondern ebenso auf den (sich) hier Behauptenden.
Bei der Frage aber tritt der Sprechende völlig zurück und der Hörende ist genötigt, auf die gefragte Sache zu blicken, um die Antwort selbst zu finden. Er ist es nun, der die Behauptung zu fällen und darin auch sich selbst - angesichts der Sache! - zu behaupten hat.

Nun richtet Michael nach der Schrift seine Frage an Luzifer als den Engel, der sich selbst wie Gott behauptet. Dadurch wird dieser gezwungen, auf die Wirklichkeit zu blicken, auf die sich seine Behauptung bezieht, und jetzt unverwischbar die Wahrheit zu erkennen. So muß Luzifer im Lichte der Wahrheit sich selbst verurteilen.
Durch die auf ihn gerichtete Frage wird Luzifer gerichtet. Nicht Michael ist es, der ihn richtet - dieser urteilt ja nicht -, auch nicht unmittelbar Gott. Durch die Frage des Michael hindurch trifft ihn der Lichtstrahl der Wahrheit, und in ihm richtet er sich selbst.
Die Frage ist zwar keine Behauptung, sondern soll zu einer solchen erst hinführen. Wohl aber setzt sie ein anfängliches und unausdrückliches Wissen um das Erfragte voraus; sonst wüßte der Fragende überhaupt nicht, wonach er fragt und könnte die Frage gar nicht stellen. Wüßte er es schon vollkommen, so wäre die Frage überflüssig und somit nicht mehr möglich; wüßte er es noch nicht einmal unvollkommen, so wäre die Frage ohne Inhalt und somit noch nicht möglich. - In diesem Sinne weiß Michael also immer schon, wer Gott ist und wer wie Gott ist - nämlich, wie es seinem eigenen begrenzten (und anfänglichen) Wesen entspricht, anfänglich und unvollkommen und in einer ganz und gar der Frage fähigen und bedürftigen Weise (was er durch die Tatsache seines Fragens zum Ausdruck bringt). Luzifer hingegen fragt nicht nach Gott; er überspringt mit der Frage auch seine eigene Endlichkeit und kann deshalb vor der Frage, die die Wahrheit durchläßt, nicht standhalten.

So verhält sich die Frage gewissermaßen wie ein "Kanal", der die Wahrheit in einem originären Sinne per-sonal vermittelt und transparent macht. Die Frage ist das reine Medium (Dia-phanum) oder die reine (rezeptiv-produktive) Potenz im Bereich des Geistes. Da nach dem Gesagten der Engel sich selbst durch seine Frage wesenhaft bestimmt und dann seine Frage ist, so folgt: Er macht sich zur reinen Durchlässigkeit und potenten Leere, zum per-sonalen Nichts, das die Wahrheit unbegrenzt durchwirken läßt; diese wird so seine ganze Wirk-lichkeit. Er hält sie nicht fest, sondern gibt sie so, wie er sie empfängt; er gibt sich ihr hin, ohne von sich her irgendeine Selbstbestimmung entgegenzusetzen, und stellt sich ihr uneingeschränkt zur Ver-fügung. So macht er sich zum (archetypischen) "Dien-Mut" für Wahrheit und Sinn im voll entschiedenen "Gegen-Satz" zu (arche-typischer) sinn-widriger Resistenz.
Darum ist Michael der geistige Archetyp der Stofflichkeit und der Weiblichkeit.
Die Frage des Michael lautet nicht: "Wer ist Gott? ", sondern: "Wer ist wie Gott?". Indem Luzifer sich durch sie in seiner Pseudo-Identität fortwährend durchschaut und vernichtet, vor ihr nicht Stand hält und ver-geht, geht die Frage (wie ein "Blitz" oder ein "Schwert") durch ihn hindurch. Aber wenn nicht Luzifer - wen meint sie eigentlich? Wer ist in Wahrheit wie Gott? Die Frage zielt wesenhaft auf den Logos. Luzifer wird nur wie "zu-fällig" von ihr getroffen, sofern er sich vor den Logos oder an seine Stelle stellt. Sie fragt - d. h. auch: hört - dorthin, wo "jemand" ist wie Gott; dies aber kann nur ein Wort Gottes sein, in dem er sich vollkommen ausspricht und das ihm vollkommen gleich ist.
Die Frage verhält sich wesentlich wie ein "Kanal" oder "Weg", durch den das, worauf sie sich richtet, herankommen und in Klarheit hervortreten kann. Die Michaelsfrage ruft den Logos herbei und läßt ihn als Richtgrund und Herrn herankommen - dorthin, wo seine Herrschaft und Herrlichkeit noch aussteht. Dies trifft aber letztlich Natur und Geschichte, für die das Geschehen "im Himmel" archetypische Bedeutung hat. So eröffnet die Michaelsfrage dem Logos den Weg in die Welt; die Einstrahlung ihrer dispositiven geistigen Lichtenergie in den Form- und Informationsprozeß der Materie in Evolution und Geschichte bahnt dem Logos den Weg zur Inkarnation.

Eine gewisse Resonanz ließe sich im Fernen Osten in philosophisch-ideellen Geistesbewegungen erblicken wie der des Lao-tse oder des Buddha: Nach dem ersteren soll die Einstimmung des Lebens auf das TAO als "unbegrenzte Sinnharmonie des Kosmos" den Geist weiten; nach dem Buddhismus soll die Meditation des KUON den Geist zur Transzendenz aufbrechen. Im Westen ist vor allem auf die griechische Philosophie und besonders die Figur des Sokrates hinzuweisen, der eine "Kunst des Fragens" als "Geburtshilfe (Mäeutik) für den Logos" entwickelte.
Die zum Logos hinführende und den Logos heranführende Einwirkung der Michaelsfrage richtete sich zuletzt auf das Volk Israel, dessen geschichtliche Aufgabe es war, inmitten der Verwirrung und des Dunkels der heidnischen Welt "Platzhalter" des Erlösers zu sein. Die Juden verstanden sich als die "Kinder Abrahams". Abram aber bestimmte sich zu Abraham durch die Entscheidung, Gott mehr zu glauben als seinen eigenen widerstreitenden Gedanken und Gefühlen, da ihm einerseits ein Sohn verheißen war, auf den Gott den Bund gründen wollte, er andererseits dann aber gerade diesen töten sollte. Abraham traf die Entscheidung, sich Gott bedingungslos anzuvertrauen und zur Verfügung zu stellen - womit er die Michaelsfrage in der Dimension der Geschichte kontinuierte; denn die Bestimmung von "Kindern" ist es, das Leben des Vaters (und das bedeutet: seine geistige "Ek-sistenz") fortzusetzen.

Diese in der vorbehaltlosen Hingabe empfängnisbereit geöffnete und im Kampf der Geschichte hoffende und harrende Existenz kulminiert in Maria. Mit ihr erreicht der durch die Geschichte herankommende Logos sein Ziel, indem er aus ihr als Mensch persönlich geboren wird. Ihre Entscheidung ist der des Abraham ähnlich: Entgegen ihren eigenen widerstreitenden Gedanken und Gefühlen stellt sie sich Gott zur Ver-fügung. Der "Alte" Bund ist durch den Glaubensakt eines Mannes gegründet, der "Neue" durch den einer Frau.
Die durch Mitwirkung der Engel vermittelte Inkarnation des Logos ist das metaphysische Thema der Evolution und der Weltgeschichte. Sie wurde zuletzt durch den besonderen geschichtlichen Auftrag der Juden vorbereitet und in Jesus von Nazareth Wirklichkeit. Diese Wirklichkeit ist mit Jesus aber erst grundgelegt und begonnen; ihre weitere Ver-wirklichung und Ver-voll-kommnung (d. h. ihr volleres Kommen) ist von da an immer Aufgabe der Zu-kunft. Auf diese zielt das Weinstock-Reben-Gleichnis Jesu (Joh 15,1-18, besonders v.5): "Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben." Von daher ist das Thema der Geschichte die Kontinuation der Inkarnation und der in Apk 12,7 ff geschilderte arche-typische Engelskampf im Hinblick auf die an ihm partizipierende Weltgeschichte sowohl vor-zeitlich als auch end-zeitlich zu verstehen. Dies bedeutet aber auch, daß die Wirk-lichkeit des Michael, an der die Juden partizipierten, in den Christen sich fortsetzt.
Im Hinblick darauf gewinnt die Michaelsfrage nun noch eine neue geschichtliche Dimension: die der Beantwortung, die sie in der Geschichte der Menschheit nach Christus erfährt. Nachdem sich die Hoffnung erfüllt und Maria empfangen hat, ist Christ-sein als Fortsetzung des Empfangens auch Fortsetzung der Wirklichkeit des Empfangenen in den Christen, d. h. eine Fortsetzung des Lebens Christi selbst. Da aber Christus als der menschgewordene Logos ist "wie Gott", bedeutet die Michaelsfrage nun eine Einladung an alle, Christ zu werden; sie ruft alle in Christus zusammen: "Wer (alles) ist wie Gott?".
Als die für die Welt im Prinzip bereits beantwortete und erfüllte Frage läßt sie den Logos nun noch voller herankommen. In diesem Sinne kommt Michael eine Führungsrolle in der Geschichte zu: Er führt sie zur Entscheidung.

Diese archetypische Disposition in der Auseinandersetzung mit dem Widersinn spiegelt sich zunächst wiederum in umfassenden, ja weltumspannenden geschichtlichen Ideenbewegungen, die das praktische Handeln bestimmen. Bedeutet es mehr als einen bloßen Zufall, daß sie in der Mehrzahl von Deutschen begründet wurden, wie Thomas v. Aquin (Mutter war Deutsche), Luther, Hegel, Marx, Freud, Einstein, Heidegger, Buber, Adorno und Horkheimer und anderen, die wiederum zum großen Teil Juden gewesen sind?
Die eigentümliche Verflechtung von Juden und Deutschen begegnet bis in die unheimlichen Juden-Massenhinschlachtungen durch Hitler und das "Dritte Reich", die schon vom ideologischen Ansatz her die natürliche Verstehbarkeit übersteigen. Sollte sich hier eine Konvergenz der geschichtlichen Bestimmung, eine metaphysische Verwandtschaft beider Völker anzeigen? Die auffällige, durch allen Widersinn hindurch möglicherweise noch tiefer sinnhafte Konstellation setzt sich fort, indem die Ereignisse des Dritten Reiches nach dem Kriege zur Wiedergründung des Staates Israel führten. - Vielleicht ist eine hintergründige Dimension angesprochen, wenn ähnlich den Juden in besonderer Weise die Deutschen dem Engel Michael zugeordnet werden, der als ihr "Patron" gilt?
Jede in einer konkreten geschichtlichen (oder individuellen) Situation mutig gestellte Frage nach dem Sinn, die den Partner nicht zur Funktion angstvoller oder überheblicher (Selbst?)behauptung degradiert, sondern zur mit-ver-antwortlichen Antwortfindung freigibt, einlädt und herausfordert, partizipiert an der Michaelsfrage und läßt sie geschichtlich wirksam werden. Je ausdrücklicher man sich der geistigen Energie und personalen Macht des Engels unterstellt und anvertraut, desto mehr gibt man ihr Raum. Damit aber weitet sich sein Ruf zu der Frage: Wer ist wie Michael?
Modifizierte Fassung von "Wer ist Michael? Zur Geschichtsmetaphysik des Engels"
In: Grenzgebiete der Wissenschaft 31 (1982) 73-100
Vgl. auch Heinrich Beck - Anthropologischer Zugang zum Glauben. Eine rationale Meditaton - Salzburg/München 1979.
In Quatember ist außerdem erschienen: Die Engel als metaphysische Umwelt des Menschen (1984,138)
Quatember 1982 (S. 196-206)
© Prof. Dr.Dr.h.c. Heinrich Beck
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