Noch ein abschließendes Wort von der geistigen Dimension der Erotik muß in diesem !Zusammenhang gesagt werden. Die Erotik stammt aus entwicklungsgeschichtlich sehr frühen und daher sehr tiefen Schichten des Menschseins, wirkt aber gerade deswegen auch bis in die höchsten Gipfel des Geistes hinein (Fr. Nietzsche). Die Geschichte der geistig-geistlichen Erotik deckt sich in der christlichen Geistesgeschichte weitgehend mit der Geschichte der christlichen Mystik und Meditation bis ins Neue Testament hinein. Im ersten Rundschreiben der Evangelischen Michaelsbruderschaft aus dem Jahre 1931 hat der inzwischen verstorbene Theologe Otto Haendler hierzu wertvolle Hinweise gegeben, aus deren Fülle ich nur einige angebe. Er sagt, Meditation, also der einzuübende und zu begehende Weg zur Mystik, heißt: Sich anschauen, sich berühren, sich hingeben, sich öffnen, eindringen, etwas in sich aufsteigen lassen, sich durchdringen lassen, sich lieben, eins werden u.s.w. Diese Dimension religiösen und theologischen Denkens ist bisher in den westlichen Kirchen noch gar nicht entdeckt worden, während sie in der ostkirchlichen Theologie eine Jahrtausende alte Tradition hat. Dogmengeschichtlich ist zu beachten, daß in der Ostkirche nicht die Mariologie und Jungfräulichkeit, sondern die Sophiologie im Vordergrund steht. Das Wesen der christlichen Ehe ergibt sich, so meine ich, weniger aus den Hinweisen auf die beiden Schöpfungsberichte in Matth. 19 als aus der Aufwertung der Frau im christlichen Personenverständnis schlechthin. Der Schenkungscharakter der christlichen Liebe steht in ihrem Mittelpunkt: Liebe als Geschenk Gottes an den Menschen, der es weitergibt an einen anderen. Geschenke aber kann man nicht zurücknehmen, es sei denn, man fordere sie zurück. An solchem Fordern aber zerbrechen sehr oft Schenkende, Beschenkte und schließlich das Geschenk selbst, wie aus den Lebensschicksalen so vieler Kinder aus geschiedenen Ehen immer wieder deutlich wird. Diese Zerbrechlichkeit der Liebe hängt ganz eng mit dem Wesen des Schenkens selbst zusammen. Im Akt des Schenkens werden Schenkender und Beschenkter nämlich verwandelt, und diese Verwandlung kann nicht mehr rückgängig gemacht werden. Dem Zeitgenossen fällt es unheimlich schwer, sich etwas schenken zu lassen, noch viel schwerer, als selbst etwas zu schenken. Das hängt damit zusammen, daß die soziologischen Kategorien von Leistung und Lohn nicht nur in alle Sparten der Psychologie, sondern nun auch in den Bereich der Sexologie eingedrungen sind. Schenken wird zu einer Form der Unterdrückung. Daher erleben wir zur Zeit nicht nur eine zunehmende Unfähigkeit zu trauern, sondern auch eine Unfähigkeit zum Schenken, sich beschenken lassen, zum Danken und auch zum Lieben. Leistung und Lohn sind im Akt des Schenkens und Dankens nicht mehr möglich. Die Vergötzung von LeisWng und Lohn vernichten die Liebe in all ihren Dimensionen.

Die christliche Liebe ist aber nicht nur die Weise schenkender Liebe, sondern auch der Liebe, die um einen Menschen ein Leben lang kreist, kreisen hier im östlich-meditativen Sinne gemeint. Das echte Verhältnis zweier Geschlechtspartner ist im eigentlichen Sinn auch gar keine Beziehung, wo in einer direkten Konfrontation einer den andern an sich zieht und bindet oder auch wieder abstößt, sondern ein liebendes Umkreisen. Auf dieser kreisenden Umwanderung von der Jugend bis zum Alter ergeben sich immer neue Aspekte des sich ebenfalls wandelnden Wesens. Eine gelungene Ehe wird daher auch auf Dauer nicht langweilig, sondern kann bis zum Ende interessant bleiben. Muß man auf dieser Wanderung Durststrecken durchstehen, liegt die Abwanderung natürlich nahe. Ganz abgesehen von dem Geschenkcharakter der christlichen Liebe, sind wir ja auf diesen Weg der Liebe von Gott geschickt worden, der uns allein auch die Kraft schenken kann, in seinem Namen den Weg zu vollenden. Eheberater machen auch immer wieder die Beobachtung, daß nach Überstehen einer ehelichen Krise sich ein neues, intensiveres Liebesverhältnis entwickeln kann. Aber niemand, auch kein Christ, kann über Gott verfügen und damit für sich selbst garantieren. Im letzten Grunde bleibt schenkende Liebe eine Kraft der Gnade und ich meine noch mehr: ein Sakrament, das heißt eine natürliche Weise des Lebens, wie sich waschen, essen, trinken und sich lieben. Alle diese Weisen kann Gott durchsichtig machen für sein Verhältnis zum Sohn und für das Verhältnis des Sohnes zu uns. So ist ist nicht nur das Bild in Epheser 5, sondern auch das "gegenseitige Insein" des johanneischen Christus zu verstehen (z. B. Joh. 17, 22 und 23). Beachten wir dazu auch die entsprechende Äußerung des jungen Luther in der Römerbriefvorlesung von 1515/16 (Corrolarium zu Röm 8, 26)! In diesem Zusammenhang wird auch deutlich, daß Gott und sein Sohn nicht im biologischen Sinn männlich differenzierte Wesen sind, sondern jenseits der sexuellen Dialektik der Schöpfung stehen, ja diese dialektischen Gegensätze in idealer Weise in ihnen integriert sind.

Hier ist auch der Ort, von dem Recht und Dienst des ehelosen Standes in der Kirche zu sprechen. Erotisches Erleben ist nicht unabdingbare Voraussetzung lebendig-mystischer Gotteserfahrung, da jeder Mensch in sich männliche und weibliche Strukturelemente vereinigt. Diese können, besonders bei einer angeborenen Fälügkeit dazu (Matth. 19,12), zu einer vollen Ganzheit zusammenwachsen und so zu jener Schönheit des Menschen werden, die anderen in der Liebesvereinigung geschenkt werden kann. Die christliche Mystik ist dafür ein uraltes Zeugnis. Das Zwangszölibat der römischen Priester halte ich für eine unbiblische Institution, das sich auf die oben erwähnten "frühkatholisch-patriarchalen" Motive der Hierarchie und der Verehrung der Jungfräulichkeit zurückführen läßt. Die christliche Ehe ist kein Gesetz, schon gar kein bürgerliches Gesetz, sondern ein Geschenk der göttlichen Gnade, über die niemand verfügen kann. Darum gibt es auch eine christliche Ebescheidung, eben weil auch ein Christ vom Wege abkommen und Gott sich ihm entziehen kann. Ist das der Fall und wird so die Ehe zur gegenseitigen Quälerei für Eltern und übrigens auch für die Kinder, dann ist eine Scheidung besser als ein Leiden ohne Ende. In solchen schmerzhaften Entwicklungen sollten aber Mann und Frau daran denken, daß, wie es bei der Kindertaufe so etwas wie einen "fremden Glauben" (Luther) gibt, der stellvertretend für das noch nicht glaubensfähige Kind eintritt, es auch in der Ehe tatsächlich so etwas wie eine "fremde Liebe und Treue" gibt, die stellvertretend einer für den andern durchhält oder auch ein begnadeter Dritter. Sind wir als Christen doch alle Glieder an dem einen Leib Jesu Christ und wissen von dem Leben Jesu her, daß auch Leiden einen verwandelnden Sinn haben kann. Von dem oben aufgezeigten Verständnis christlicher Liebe und Ehe her dürfte es deutlich werden, daß die in den letzten Jahrzehnten aufgekommenen neuen Formen der Geschlechtergemeinschaft wie freie Partnerschaft, offene Ehe oder Ehe auf Zeit einen problembeladenen Rückschritt in der Entwicklungsgeschichte der menschlichen Liebe darstellen. Daß sie in manchen Fällen, zum Beispiel bei psychiatrisch Erkrankten, geradezu hilfreich sein können, muß auch gesagt werden. Man sollte sie daher nicht moralisch verteufeln, sondern solche Verhältnisse begleitend reifen lassen. Denn christliche Liebe und Ehe sind kein moralisches Gesetz, sondern Geschenk Gottes, das den Menschen seiner eigentlichen Lebensaufgabe ein Stück näher bringen kann: Abbild des schenkenden und treuen Gottes zu werden.
Quatember 1982 (S. 228-233)
© Pfarrer i. R. Dr. med Siegfried Buddeberg
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