Auf manchen Ikonen tritt Jesus, im Jordan stehend, auf Drachen. Damit wird der Sieg symbolisiert, den Christus über den altbösen Feind, der sich gerade auch in den menschenfeindlichen, alles menschliche Leben und alles Menschenwerk bedrohenden Wasserfluten verbirgt, errungen hat, indem er in dessen Herrschaftsbereich, das Wasser, hinabgestiegen ist. So läßt die liturgische Dichtung Christus zu Johannes sagen (S. 428):
"... Ich eile herbei, zu verderben den in den Wassern verborgenen Feind, den Fürsten der Finsternis, zu erlösen die Welt aus ihren Plagen und ihr zu schenken, als Menschenliebender, das ewige Leben".
Hierdurch wird die Taufe Christi eng mit seiner Hadesfahrt, seinem Abstieg in das Reich des Todes verbunden.
In den gleichen Vorstellungskreis gehört das, was in der Handhaltung Christi zum Ausdruck kommt. Er segnet mit seiner Rechten das Wasser, das von nun an nicht mehr Wohnstätte des Feindes, sondern lebenspendendes Element der Taufe ist, er vollzieht jene erste Wasserweihe, die der Priester in jedem Jahr an diesem Festtag symbolisch vergegenwärtigt: "Heute wird die Natur der Gewässer geheiligt" (S. 418); denn "Christus ist erschienen im Jordan, die Gewässer zu heiligen" (S. 414).

Mit der Wasserweihe im Zusammenhang steht auch das Kreuz, das auf der Goldenen Tür in Suzdal (wie auf vielen Ikonen dieses Typs) neben den Beinen Christi in den Fluten des Jordan dargestellt ist. Dieses Kreuz auf der Säule ist einerseits ein entfernter ikonographischer Nachklang eines Denkmals der Taufe Christi, das im 6. Jahrhundert an der Stelle errichtet war, an der Johannes getauft hatte, und das aus einer Marmorsäule bestand, auf der ein eisernes Kreuz befestigt war. (Siehe darüber Clemens Kopp, "Die heiligen Stätten der Evangelien", 2. Aufl., Regensburg, 1964, S. 157 ff.; Gerhard Kroll, "Auf den Spuren Jesu", 5. Aufl., Leipzig, 1973, S. 230). Andererseits aber weist es auf das Kreuzesleiden Christi hin, das der Abschluß des Weges ist, den Christus mit der Jordantaufe beginnt, und es ist, ähnlich wie der Segensgestus, mit dem Christus die Wasser heiligt, die Urform eines Teils der jährlich sich wiederholenden Wasserweihe, an deren Höhepunkt dreimal ein Kreuz ins Wasser getaucht wird. (Eine Photographie einer solchen Wasserweihe findet sich in dem schönen Bildband "Die Orthodoxe Kirche in Rußland", von Fred Mayer und anderen, erschienen 1982 im Orell Füssli-Verlag in Zürich, Tafel 39.)

Zur Rechten Christi, über ihm auf einem Uferfelsen des Jordan stehend, befindet sich Johannes der Täufer, auf den meisten Ikonen leicht zu erkennen an seinem ungepflegten Haar- und Bartwuchs und an seinem Kleid aus Kamelhaaren (Matth. 3,4). Auch er wird meist in demütiger Haltung dargestellt, da er sich gemäß dem Bericht von Matth. 3,14 dessen bewußt ist, daß er unwürdig ist, Christus zu taufen - ein Motiv, das in den liturgischen Texten noch stärker entfaltet wird als in der Erzählung des Matthäus. Sein Blick ist entweder auf Christus gerichtet oder, wie auf unserem Bild aus Suzdal, nach oben, von wo er die Stimme Gottes vernimmt und wo er die Taube des Heiligen Geistes sieht.

Seine rechte Hand ruht auf dem Haupt Christi, wie es der Taufritus vorsieht und wie es in den liturgischen Texten häufig erwähnt wird; so sagt dort Christus zu dem Täufer (S. 413):
"Täufer Johannes,
der du schon im Mutterleib
mich erkannt hast, das Lamm Gottes,
diene mir nun im Fluß,
tu mit Engeln zusammen mir den heiligen Dienst,
strecke deine Hand aus
und berühre mit ihr
mein unbeflecktes Haupt!
Und wenn du die Berge beben siehst
und den Jordan seinen Lauf zurückwenden,
so rufe mit ihnen:
'Herr, fleischgeworden aus der Jungfrau
zu unserem Heil, Ehre sei dir!'".
Die linke Hand des Täufers öffnet sich in einer Gebärde, die ähnlich ist der bei der Fürbitte; gilt doch Johannes in der Orthodoxen Kirche neben Maria als der große Fürbitter des Menschengeschlechtes. Darum werden auch die Gottesmutter und der Vorläufer im Zentrum der Ikonostase, der "Deesis", uns fürbittend vor dem Weltenrichter Christus vor Augen gestellt. In der Liturgie des 6. Januar bitten ihn die Gläubigen (S. 432 f.):
"Deine Hand, die das reine Haupt des Herrn berühren durfte,
mit deren Fingern du uns auf ihn gewiesen hast,
erhebe sich für uns zu ihm, o Täufer,
da du viel Freimütigkeit bei ihm besitzest,
der ja selbst von dir gezeugt hat,
daß du größer bist als die Propheten alle.
Deine Augen aber, die den allheiligen Geist gesehen haben,
wie er herabkam in der Gestalt einer Taube,
richte wieder auf ihn. o Täufer,
ihn gnädig stimmend".
Wie Christus, so wird auch Johannes meist schreitend dargestellt; er hat gleichsam seine Zweifel überwunden und geht nun mit Entschlossenheit an die Erfüllung der Aufgabe, gegen die er sich zunächst im Gefühl seiner Unwürdigkeit gesträubt hatte (S. 416). Auf manchen Ikonen trägt der Täufer in seiner linken Hand eine Schriftrolle mit den Worten: "Siehe, das ist das Lamm Gottes, welches der Welt Sünde trägt" (Joh. 1 ,29).

Am anderen Ufer des Jordan, dem Täufer gegenüber, stehen Engel. Auch von ihnen sprechen die liturgischen Texte des Festes der Theophanie. Da werden die Engelsmächte aufgefordert: "Gehet voraus von Bethlehem zum Strom des Jordan!" (S. 415); sie sollen dort, wie wir schon gehört haben, mit Johannes zusammen den "heiligen Dienst" (griechisch "leiturgia") tun; und als sie dann Zeugen des Geschehens werden, "erschrecken sie in Furcht und Freude" (S. 432; vgl. Matth. 28,8). Daß ihre Hände von Tüchern bedeckt sind, entspricht einem alten Brauch, in Gegenwart geheiligter Personen die Hände zu verhüllen. Oft sind es mehr als zwei Engel; häufig schaut, wie auf unserem Bild, einer von ihnen, der hinten stehende, nicht hinab zu Christus, sondern hinauf, dorthin, woher die Stimme aus dem Himmel ertönt.
Gott-Vater, von dem diese Stimme ausgeht, darf nach der orthodoxen Bilderlehre nicht dargestellt werden; ein Kreis oder der Teil eines Kreises deutet die Himmelssphäre an, da der Kreis, die immer in sich selbst zurückkehrende Linie, das Symbol der Ewigkeit ist. Eine Hand, die sich aus dem Kreis herausstreckt, symbolisiert die Stimme, die aus dieser Welt der Ewigkeit herab die Göttlichkeit des Sohnes, der in die Erniedrigung des Menschseins gegangen ist, verkündet.
Von der Hand des Vaters geht ein Strahl zum Haupt Christi. Dieser Strahl, der aus dem Urquell des Lichtes in unsere Welt fällt, ist jenes "geistige Licht", das schon im Namen des Festes aufleuchtet (S. 413). Dieser Strahl gleicht dem, der auf den Weihnachtsikonen aus dem Himmel zum Kind in der Krippe sich erstreckt. Aber während dort der Stern von Bethlehem die Mitte dieses Strahles bildet, schwebt hier eine Taube darin. Der Heilige Geist darf auf dieser Ikone als Taube dargestellt werden, weil es in dem biblischen Bericht ausdrücklich heißt, der Geist sei "gleich wie eine Taube gesehen" worden. Eine Moskauer Synode hat aber im Jahre 1667 darauf hingewiesen, daß der Heilige Geist nur auf dieser Ikone der Taufe Christi - also nicht zu Pfingsten - in der Gestalt einer Taube gemalt werden dürfe, denn nur damals sei er, der seiner Natur nach Gott ist, in der Gestalt einer Taube erschienen. Wir sagten es schon zu Anfang: Dadurch, daß bei der Taufe Christi Gott-Vater, Gott-Sohn und Gott-Heiliger Geist gemeinsam in Erscheinung treten, ist die Theophanie des Sohnes gleichzeitig eine Theopanie der göttlichen Dreifaltigkeit. Darum endet auf manchen Ikonen der Strahl über dem Haupt Christi in drei Zacken - wiederum ein Hinweis auf das dreisonnige Licht der trinitarischen Gottheit.

Auf der Suzdaler Goldenen Tür fehlt wegen der äußersten Konzentration der Darstellung ein Motiv, das auf den meisten Ikonen dieses Typs vorhanden ist: das Symbol des Flusses Jordan in Gestalt eines halbnackten Mannes, der eine Urne in der Hand hält, neben dem rechten, und das des Meeres in Gestalt einer halbnackten Frau (das Wort für Meer ist im Griechischen weiblichen Geschlechtes) neben dem linken Bein Christi. Der Mann sitzt und wendet sich zu Christus um, die Frau reitet auf einem Fisch, der sie davonträgt. Hier werden die Worte des 114. Psalmes, der von den Wundern beim Auszug der Kinder Israel aus Ägypten redet, auf die Taufe Christi im Jordan übertragen (S. 428):
"Heute eilt die Prophezeiung des Psalmes, in Erfüllung zu gehen;
denn, so heißt es,
'Das Meer sah es und floh,
der Jordan wandte sich zurück
vor dem Antlitz des Gottes Jakobs',
als der Herr kam, von dem Knecht die Taufe zu empfangen,
auf daß wir, gewaschen von der Unreinheit des Götzendienstes,
durch ihn erleuchtet werden an unseren Seelen".
So werden durch die Übertragung von Worten des Alten Testamentes auf Ereignisse des Lebens Jesu die Heilstaten Gottes im Alten Bund in Beziehung gesetzt zu denen des Neuen Bundes, wie denn ja auch in den alttestamentlichen Lesungen zum 6. Januar fast alle Berichte des Alten Testamentes über Wasserwunder vorkommen.
Auf manchen Ikonen der Taufe Christi erblühen inmitten der Felsenwüste rechts und links vom Jordan Blumen - Zeichen des Paradieses, das sich dem Menschen wieder öffnet, da die Schuld Adams abgewaschen wird in dem Wasser der Taufe.
Wir sahen zu Anfang, wie reich der theologische, heilsgeschichtliche Gehalt des Festes der Theophanie, "der heiligen Gotteserscheinung", in der Ostkirche ist. Wir müssen jetzt, nach aufmerksamer Betrachtung der Festtagsikone dieses hohen Festes, bewundem, wieviel von diesem Gehalt die Ikonenmaler in ihren Bildern dem gläubigen Beschauer zu vermitteln wußten.
Quatember 1983 (S. 2-10)
© Prof. Dr. Dr. Ludolf Müller
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