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Jungfrau und Mutter, Tochter des Sohnes
von Jürgen Boeckh

(Teil 2 von 5)



Während man die Heiligen, sofern sie nur als "Exempel des Glaubens" gelten, lediglich als historische Gestalten anzusehen braucht, ist die historische Dimension verlassen, wenn wir mit Maria das Magnificat beten oder wenn wir in der Eucharistischen Feier sagen : "Vater, erbarme dich über uns alle, daß wir das ewige Leben erlangen und mit Maria, den Aposteln und allen Heiligen, die Deine Gnade gefunden haben von Anbeginn der Welt, Dich loben und preisen durch Deinen Sohn Jesus Christus... " In dieser Formulierung, wie sie neben anderen Eucharistiegebeten in der Evangelischen Michaelsbruderschaft gebraucht wird, ist die Bezeichnung "selige Jungfrau und Gottesmutter", die im zweiten Hochgebet der römisch-katholischen Gemeindemesse für Maria gebraucht wird, fortgelassen worden. Trotzdem habe ich auch hier schon zweimal - in jüngster Zeit - Anfragen gehabt, von Pfarrern übrigens. "Maria" wirkt für viele als Reizwort. Sollte sie nicht mit gemeint sein, wenn wir - auf pietistische Art - singen: "Wenn die Heilgen dort und hier, Große mit den Kleinen, Engel, Menschen mit Begier alle sich vereinen ... " (EKG 275,4). Daß wir m i t den in Gott Vollendeten, die nach frühchristlichem Sprachgebrauch "Selige", bald aber (in Umkehrung dieses Sprachgebrauches) "Heilige" genannt wurden, den Herrn loben und preisen, ist im Neuen Testament bezeugt, davon zeugen auch viele unserer Lieder. Leider aber werden unsere Glaubenszeugen (wenn überhaupt) meist nur als Menschen, die einmal hier auf dieser Erde gelebt h a b e n betrachtet, nicht als solche, die heute in der Herrlichkeit Gottes 1 e b e n, mit denen wir in der "Gemeinschaft der Heiligen" verbunden sind. Liegt es daran, daß in der Liturgie und in den Liedern ihre Namen nicht vorkommen?

Wenn Maria im Glauben unser Vorbild ist, warum sollte sie dann nicht auch in der Gemeinschaft der Heiligen, die "Himmel und Erde" umfaßt, unsere Vorbeterin sein?

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Bis zu diesem Punkt müßte ein evangelischer Christ, der die Bibel in der Sicht der reformatorischen Tradition des 16. Jahrhunderts als sein Fundament betrachtet, mitgehen können. Aber an dieser Stelle ist nun auch zu fragen: wenn die Einheit der Christen in faith and order als Ziel auch hinter dem Gespräch über Maria steht, kann dann den Katholiken zugemutet werden, daß sie sich auf das Minimum lutherischer Einschätzung der Mutter Gottes beschränken, oder umgekehrt, kann von Protestanten erwartet werden, daß sie die katholische Marienverehrung und Mariologie übemehmen? - Eine Einigung über die Eucharistie, ja sogar über das kirchliche Amt ist bedeutend wahrscheinlicher als eine "Einigung" in Marienfrömmigkeit und -lehren. Dafür zeugen unter anderem die Dokumente der gemeinsamen römisch-katholisch / evangelisch-lutherischen Kommission zum "Geistlichen Amt in der Kirche" und zum "Herrenmahl". Aber ist es nicht denkbar, daß eine gegenseitige Anerkennung der Kirchen erfolgt, auch wenn die eine sich nicht mit der anderen in ihrer Art, Maria zu sehen, sie in das Glaubens- und Gebetsleben einzubeziehen oder nicht, identifizieren kann?



Im Blick auf einzelne Christen gibt es ja ohne Zweifel eine solche "Anerkennung". In der Frömmigkeit vieler katholischer Christen (auch in der Theologie mancher katholischer Theologen) spielt Maria eine geringe Rolle, umgekehrt gibt es evangelische Christen, die über das hinausgehen, was in ihrer Kirche - offiziell - für möglich gehalten wird. Ulrich Wickert berichtet, wie sich vor Jahren auf einem Kongreß lutherischer Theologen herausstellte, "daß etliche der dort versammelten Pfarrer für sich daheim den Rosenkranz beteten." (Ein evangelischer Theologe schreibt über Maria, Morus-Verlag Berlin 1979, S. 23). Ein evangelischer Theologe schrieb mir kürzlich, nachdem ich über den "Christus-Rosenkranz" von Romano Guardini referiert hatte : "Er ist nicht zu den glücklichsten Einfällen Guardinis zu zählen - ein künstliches Gebilde und für diejenigen ein Alibi, die sich an Maria vorbeistehlen. Den marianischen Rosenkranz zu beten ist im übrigen für die ecclesia universalis: de necessitate salutis. Denn 'JETZT' ist Mariens Zeit!" Mag dies ein extremes Zeugnis sein, sicher ist, daß man bei vielen Christen (und ich denke da durchaus an solche, die sich ihres Glaubens bewußt sind), lediglich von einer partiellen Identifikation mit der Konfessionskirche, der sie angehören, sprechen kann. In der Regel werden diese "Grenzgänger" heute hier wie dort toleriert. Warum sollte dann nicht auch Toleranz von Kirche zu Kirche möglich sein, genauer: Einheit auch mit dieser Verschiedenheit? In diesem Zusammenhang ist es angebracht, eine katholische Anfrage zur Kenntnis zu nehmen. Der Benediktiner Gerhard Voß hat sich in seinem Artikel "Maria zwischen den Konfessionen" ("Una Sancta" / Zeitschrift für Ökumenische Begegnung, Meitingen / Freising, H. 1/1981, S. 76-88) dagegen verwahrt, daß "das konfessionell Reformatorische, die 'Summa Evangelii' nach reformatorischem Verständnis, zum Sachkriterium, zum kritischen Maßstab des Ökumenischen" gemacht wird. Und er stellt fest: "Alles, was darüber hinausgeht, - alles 'Katholische' z. B. - wird dann zur Sondertradition. Das aber besagt, daß es einen gar nicht mehr ernsthaft in Frage stellen kann; daran festzuhalten ist dann von vornherein unökumenisch."



Sollten wir uns nicht ernsthaft fragen, ob nicht auch das reformatorische Christentum eine "Sondertradition" darstellt? Es ist uns doch heute klar, wesentlich aufgrund der historisch-kritischen Schriftforschung, daß schon im Neuen Testament verschiedene "Christentümer" trotz ihrer Verschiedenheit zu einer Einheit zusammengefaßt sind. Innerhalb des Neuen Testaments selbst finden wir jedoch kein Kriterium dafür, ob eins von diesen "Christentümern", etwa das des Johannes, das "eigentliche" ist. Von verschiedenen Voraussetzungen ausgehend kann ich darüber zu ganz verschiedenen Schlüssen kommen. Gilt nicht das gleiche für die verschiedenen "Christentümer" heute, die ja in gewisser Weise denen des Neuen Testamentes entsprechen?


© Joachim Januschek
Letzte Änderung: 01-05-03
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