"Evangelischerseits gibt es kein Gebet, in dem Maria angerufen wird." So heißt es lapidar in dem Arbeitspapier der VELKD. Leider wird in dem Abschnitt über "Die Hochschätzung Marias bei den Reformatoren" verschwiegen, daß der Reformator durchaus Maria angerufen hat. Nicht nur seine Auslegung des Magnificat, aus der wir schon zitiert haben, zeugt davon. Auf die Anfrage des Pfarrers von Eilenberg, Georg Kunzelt, wie die Predigt begonnen und geschlossen werden solle, antwortet er: "Daß das Wort Gottes uns fruchtbar sei und Gott angenehme, so lasset uns zuvor seine göttliche Gnade anrufen, und sprechet ein inniges Ave Maria oder Paternoster" (Briefe II, 300). An anderer Stelle sagt er: "Betrachten wir, was das Ave Maria ist; es ist nämlich kein Bittgebet, sondern nur Lob; denn es wird (darin) nur gepriesen; diese Worte sind Preisungen." (WA 11,60). Hier wird deutlich, daß Luther lediglich den ersten, dem Lukas-Evangelium (1,28 b. 42 b.c) entnommenen Teil des (heute üblichen) Ave Maria empfiehlt. Ein historisches Kurisorium ist es, daß die erste Urkunde, die das Ave Maria in der heutigen Form bringt und zugleich bezeugt, daß es als Volksgebet betrachtet wurde, aus dem Jahre 1483, dem Geburtsjahr Luthers also, stammt. Die heutige Form der Bitte wurde erst im Jahre 1568 für das römische Brevier vorgeschrieben (F. M. Willam, Die Geschichte und Gebetsschule des Rosenkranzes, Herder, Wien 1948, S. 101). Vielleicht ist der Reformator - wie in manch anderer Beziehung - auch hierin mehr ein Bewahrer des Alten als ein Neuerer gewesen! Andererseits hat er im "Magnificat" geschrieben: "Anrufen soll man sie, daß Gott durch ihren Willen gebe und tu, worum wir bitten. So sind auch alle anderen Heiligen anzurufen, daß das Werk immer ganz allein Gottes bleibe." Und am Schluß: Wir "bitten Gott um rechtes Verstehen dieses 'Magnificat', das nicht allein leuchte und rede, sondern brenne und lebe in Leib und Seel': Das verleihe uns Christus durch Fürbitte und Willen seiner lieben Mutter Maria. Amen."

Luther hat in ihr wohl eine F ü r b i t t e r i n , nicht aber eine F ü r s p r e c h e r i n gesehen. Von einer Fürsprecherin wird erwartet, daß sie bei Christus und Gott dem Vater ihre Verdienste als die "Heiligste der Frauen" zugunsten des sie als Fürsprecherin Anrufenden geltend macht und zu dessen Begnadigung mitwirkt. Die Fürbitterin im Himmel tut dagegen das gleiche, was eine Fürbitterin auf Erden auch tut, wenn sie für jemand anderen betet. Diese Unterscheidung entspricht durchaus dem Neuen Testament: Fürsprecher, parakletos werden dort allein der Heilige Geist (Joh. 14, 16. 15,26. 16,7) und Jesus Christus (1. Joh. 2,1) genannt. Die Apostel beten für andere und bitten andere um ihre Fürbitte. Martin Luther hat uns nicht nur Maria als Exempel des Glaubens vor Augen gestellt, er hat sich auch nicht nur mit ihr verbunden gewußt in der Gemeinschaft der Heiligen, er hat sich auch an Maria gewandt und trotz aller Vorbehalte gegenüber einer wuchernden Marienfrömmigkeit - wiederum im "Magnificat" - gesagt: "Was glaubst du, daß ihr lieber begegnen mag, als daß du durch sie zu Gott kommst und aus ihr lernst, auf Gott zu trauen und zu hoffen, wenn du auch verachtet und vernichtet wirst? Wann es auch geschehe, im Leben und Sterben, sie will nicht, daß du zu ihr kommst, sondern durch sie zu Gott." Wenn schon über die Hochschätzung Marias durch die Reformatoren gesprochen wird, sollte man solche Aussagen nicht übergehen, Die protestantische Befangenheit diesem Bereich gegenüber wurde mir vor kurzem wieder deutlich, als ein bewußt lutherischer Pfarrer, angesprochen auf die positiven Äußerungen Luthers zu Maria, sofort dagegenhielt: "Luther ist für uns kein Papst, Luther ist nicht unfehlbar." Andererseits ist eben auch für uns heute wenig gewonnen, wenn wir feststellen, daß für Luther die Jungfrau-Mutter Maria eine weitaus größere Bedeutung gehabt hat als es im nachlutherischen Protestantismus der Fall ist. Durch Überrnittlung von Kenntnissen ist in geistlichen Dingen wenig getan. Nur neue Erfahrungen, auch mit und über der Heiligen Schrift, in Meditation und Gebet, können dazu helfen, daß Maria für evangelische Christen an Bedeutung gewinnt, Solche Erfahrungen gibt es in unserem Jahrhundert. Die Stalingrad-Madonna, die hier abgebildet ist (vgl. den Bericht 'Stalingrad-Madonna in Berlin') ist ein Zeugnis dafür. Nicht nur im Kessel von Stalingrad, sondern darüber hinaus an manchen Orten in der Endphase des Zweiten Weltkrieges und in den Nachkriegsjahren, wo immer das Bild auftauchte, haben Menschen es betrachtet und in Mutter und Kind ein Gegenüber gefunden. Weihnachten 1944 hat der damalige Marineoberpfarrer Arno Pötzsch (Michaelsbruder wie Kurt Reuber, Autor des Liedes "Du hast zu Deinem Abendmahl" [EG 224, weitere Lieder: EG 408 und EG 533], + 1956) das Heft "Die Madonna in Stalingrad / Ein Gedenken vor der Weihnachtsmadonna von Stalingrad" in "die Hände der Freunde gelegt". Im Dezember 1945 konnte es gedruckt werden (Verlag H. H. Nölke GmbH, Hamburg 20. Mehrere Gedichte und weitere Informationen finden Sie in: Die Madonna von Stalingrad). Neben zehn Sonetten - angesichts der Madonna und eines Selbstbildnisses von Kurt Reuber - finden wir das damals verbreitete Gedicht "Die Mutter Gottes von Stalingrad". Die letzte der zehn Strophen lautet:
"Die Mutter Gottes von Stalingrad
aus Liebe vom Himmel entboten,
sie hat gesegnet in schauriger Welt,
in Gräbem und Gruben, in grausigem Feld,
die Lebenden und die Toten,"
In einem als Manuskript in geringer Anzahl vervielfältigten Heft mit dem Titel "Unter Gottes Hand" hat der Berliner Pfarrer Eugen Weschke (einer der Gründer des Pfarrernotbundes, Michaelsbruder ab 1951, + 1981) das Gedicht "An eine Madonna im Felde" zu Weihnachten 1944 Freunden zugänglich gemacht, Gedruckt erscheint es hier in unserer Zeitschrift zum ersten Mal.
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