Symbol Navigation Inhalt 1983

Drucken
Downnoad
Links Teil 1
Links Teil 2
Links Teil 3
Teil 5 Rechts
Quatember


Jungfrau und Mutter, Tochter des Sohnes
von Jürgen Boeckh

(Teil 4 von 5)



An eine Madonna im Felde

Du fühlst die dunklen Mächte, die uns überschatten;
um deine müden Schultern legt sich Grauen.
Du spürst die Seele preisgegeben dem Ermatten,
Das fast wie Sterben ist. Im stillen Schauen

Des Wunders aber, das verhüllt die Weite
Der Himmel in sich trägt, bist du geborgen
In Gott, Maria, Mutter, du Gebenedeite.
Dein Kind bringt in die Nacht den hellen Morgen.

Eugen Weschke, 1944
Weschke hat damals als Erläuterung hinzugefügt : "Das Marienbild, auf das sich dieses Gedicht bezieht, wurde von dem Pfarrer und Oberarzt und Maler Dr. Kurt Reuber an der Front auf die Rückseite einer großen russischen Landkarte gezeichnet. Vor dieser Mutter mit dem Jesuskind haben die einsamen Männer am heiligen Abend 1942 und auch später sinnend beim Kerzenschein gesessen... " Denen, die diese Mutter Gottes von Stalingrad betrachtet haben - und vielleicht auch heute betrachten - ist sie nicht nur figura ecclesiae, ein Bild der Kirche, sondern ein Gegenüber, zu dem man "Du" sagen kann, eine Schutzmantelmadonna neuer Art, bei deren Anblick der Betrachter sich mit dem Kind identifizieren oder sich neben dieses Kind, das uns Bruder wurde, gestellt sehen kann.



"So ist das Kind uns geschenkt", sagt Martin Luther (WA 11,224), "und wir sind Kinder Mariens." Hier ist der Ansatzpunkt, in Maria die "Mutter der Gläubigen", die "Mutter der Kirche" zu sehen. Die Stalingrad-Madonna hat auch etwas in sich von der Mutter Gottes, wie sie im orthodoxen Rußland gesehen wird, mehr der Erde verbunden als dem Himmel (Carl-Gustav Jung hat einmal darauf hingewiesen, daß ihr dort oft die braune Farbe eignet, während im Westen die blaue Farbe der "Himmelskönigin" vorherrscht). Kurt Reuber hat selbst zu seinem Bild geschrieben: "Dieses Erdhaft-Gegenständliche wird mit transparent für die ewigen Hintergründe - und am Ende wird es Weihnachten, und dann tritt die Madonna vor uns hin. " (Martha Reuber-Iske, Antlitz und Gestalt / Handzeichnungen und Aquarelle von Kurt Reuber, Bärenreiter-Verlag Kassel und Basel 1951, S, 18, vergriffen.) Aus dem gleichen Jahr wie die Stalingrad-Madonna stammt ein Sonett von Reinhold Schneider "An die Mutter des Herrn". Reinhold Schneider war Katholik, aber seine Gedichte wurden auch von evangelischen Christen dankbar aufgenommen. Die zweite Strophe des Sonettes lautet:
"Du bist die Mutter auch der Scheu'n und Blinden,
Die nie zu dir und deinem Sohn gefleht;
Da durch ein Herz das Schwert der Liebe geht,
So muß es dich und deinen Sohn empfinden."
Eine Mutter, gute Protestantin ihrer Herkunft nach, erzählte mir einst, wie sie nach dem Tod ihres Sohnes in der Kriegszeit in eine geöffnete katholische Kirche ging und spontan vor einem Seitenaltar mit der Gestalt der Mutter Maria niederkniete. Die Mater Dolorosa mag mancher Mutter in unserem Jahrhundert zum "Trost der Betrübten", wie es in der Lauretanischen Litanei heißt, geworden sein.

TOP

Wir haben schon die Worte Luthers aus dem Magnificat zur Kenntnis genommen: "Sie will nicht, daß du zu ihr kommst, sondern durch sie zu Gott." Per Mariam ad Deum - das ist wohl das größte Ärgernis für protestantische Theologen. Luther sagt ganz unbefangen, "... durch sie zu Gott", obwohl für ihn doch ohne Zweifel Jesus Christus der einzige "Mittler" ist. Und in Art. XXI des Augsburgischen Bekenntnisses, der sich gegen die Anrufung der Heiligen richtet, wird betont: "Es ist ein einiger Versühner und Mittler gesetzt zwischen Gott und den Menschen, Jesus Christus, 1. Tim. 2,5, welcher ist der einige oberste Priester, Gnadenstuhl und Fürsprecher vor Gott, Röm. 8,34." In den "Schmalkaldischen Artikeln" vom Jahre 1537 heißt es darüber hinaus in dem Abschnitt "Von Anrufung der Heiligen": "Das ist Abgötterei (idolatricium) und solche Ehre gehört Gott allein." Im Arbeitspapier der VELKD wird diese Aussage bekräftigt: "Niemals ist Maria Adressat des Gebets, sondern immer nur der dreieinige Gott. Nach reformatorischer Lehre ist nicht auszuschließen, daß die Heiligen im Himmel Fürbitte leisten für die Christen auf der Erde. Aber sie darum anzurufen, fiele unter das Verdikt der Abgötterei."

Hierzu hat Gerhard Voß OSB bemerkt: "Den Vorwurf der 'Abgötterei' können wir nur schlicht zurückweisen. Solange er noch erhoben wird, hat das ökumenische Gespräch nicht den geringsten Fortschritt gemacht. (Es gibt katholischerseits an die evangelische Adresse keinen Vorwurf von vergleichbarer Härte und Konsequenz für eine Kirchengemeinschaft!)." (Katholische Bemerkungen zu: Maria - Evangelische Fragen und Gesichtspunkte, in : "Una Sancta", H. 2/1983, S, 156.)



Hinter dem Vorwurf der "Abgötterei" steht die Annahme, daß Maria zur "Göttin" erhoben wird, oder zumindest als "Zwischen-Macht" in einer Weise verehrt wird, wie sie nach dem Zeugnis des Neuen Testamentes, besonders des Hebräerbriefes, allein dem Mittler des neuen Bundes, Jesus, zukommt. Im 8. Kapitel der "Dogmatischen Konstitution über die Kirche" über "Die selige jungfräuliche Gottesmutter Maria im Geheimnis Christi und der Kirche" hat sich das II. Vatikanische Konzil ausdrücklich auf das Apostel-Wort 1. Tim. 2,5, das im Augsburgischen Bekenntnis als Argument gegen die Anrufung der Heiligen verwendet wird, berufen: "Ein einziger ist unser Mittler nach dem Wort des Apostels: 'Es gibt nämlich nur einen Gott und nur einen Mittler Gottes und der Menschen, den Menschen Jesus Christus, der sich selbst als Erlösung für alle gegeben hat' (1. Tim. 2,5-6)." Dennoch heißt es kurz darauf von Maria: "In ihrer mütterlichen Liebe trägt sie Sorge für die Brüder ihres Sohnes ... Deshalb wird die selige Jungfrau in der Kirche unter dem Titel der Fürsprecherin, der Helferin, des Beistandes und der Mittlerin angerufen. Das ist aber so zu verstehen, daß es der Würde und Wirksamkeit Christi, des einzigen Mittlers, nichts abträgt und nichts hinzufügt." Protestanten fällt es schwer, dieser Denkweise zu folgen. Sie sehen eine solche Argumentation in der Regel als den untauglichen Versuch an, einen Widerspruch zu glätten. Für sie heißt es "Christus o d e r Maria", wo Katholiken - wenn sie im Rahmen der kirchlichen Lehre bleiben - "Maria i n Christus" sehen. Hier haben wir die verschiedenen Denkstrukturen vor uns, auf die Gerhard Voß hingewiesen hat ("Maria zwischen... ", S. 79). Die konfessionelle Problematik ist allerdings auch in der gegenseitigen Nötigung der abendländischen Konfessionen begründet, dogmatisch, theologisch zu definieren, was in Gottesdienst und Frömmigkeit gewachsen ist. An der Beantwortung der Frage, ob oder wie Maria neben oder in dem einen Mittler (mediator) Jesus Christus Mittlerin (mediatrix) genannt werden kann, entscheidet sich vermutlich unser Gespräch über Maria und damit auch die Möglichkeit der Anerkennung der anderen Konfessionen, auch wenn ihre Lehre und Praxis nicht übernommen werden.


© Joachim Januschek
Letzte Änderung: 01-05-03
Haftungsausschluss
Teil 3 Links TOP Rechts Teil 5 Kirchberg