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Quatember


Jungfrau und Mutter, Tochter des Sohnes
von Jürgen Boeckh

(Teil 5 von 5)



Nicht nur evangelische, auch katholische Christen wissen, daß es als Randerscheinung des römischen Katholizismus eine primitive Muttergottesreligion gibt, in der Maria oft nicht einmal mehr "Mittlerin", sondern "Göttin" ist. In dem Zusammenhang muß aber auch bedacht werden, daß wir als Gegenstück dazu auf protestantischer Seite einen naiven Herrgottsglauben kennen ("Brüder, überm Sternenzelt..."), in dem Jesus Christus als Mittler überhaupt keine Rolle spielt. Während die Muttergottesreligion Rückfall ins Heidentum ist ("Abgötterei"), ist der Herrgottsglaube Vorstufe des bewußten Atheismus und oft genug schon praktische Gottlosigkeit. Christen, die hier wie dort Jesus Christus als ihren einzigen Mittler bekennen, sollten bedenken, warum es im Bereich ihrer eigenen Kirche zu solchen Fehlentwicklungen kommen konnte.

Mag es in der katholischen Kirche, wie Wilhelm Stählin einmal gesagt hat, immer wieder eine "Kapitulation vor der Volksfrömmigkeit" geben, so provoziert oft genug auf protestantischer Seite eine exzentrische Theologie die Entleerung des Glaubens- und Gebetslebens. Für liberale Theologen um die Jahrhundertwende war Jesus selten der "Mittler zwischen Gott und den Menschen", und heute kommt es oft erst dann zu einer Betonung des Mittlertums Christi, wenn es um die Abgrenzung zur römisch-katholischen Kirche geht. Im Bedenken vieler Gespräche mit evangelischen und katholischen Christen, die ich geführt habe, kann ich nicht feststellen, daß für Christen "mit Maria" Jesus Christus w e n i g e r im Mittelpunkt ihres Glaubens und Betens steht als für Christen "ohne Maria". Eher ist das Gegenteil der Fall. Paul Tillich hat in einem Kapitel über die "Neuerschließung des trinitarischen Symbolismus" (Systematische Theologie, III, Stuttgart 1966, S. 336) geschrieben: "Die wachsende symbolische Macht des Bildes der Heiligen Jungfrau, vom 5. Jahrhundert an bis in unsere Zeit, stellt den Protestantismus vor ein schwieriges Problem. Im Kampf der Reformation gegen alle menschlichen Mittler zwischen Gott und dem Menschen war dieses Symbol beseitigt worden, und mit diesem Reinigungsprozeß war das weibliche Element in dem symbolischen Ausdruck dessen, was uns unbedingt angeht, weitgehend ausgeschaltet. Der Geist des Judentums mit seinem exklusiv männlichen Symbolismus hatte sich in der Reformation durchgesetzt. Ohne Zweifel war dies einer der Gründe für die großen Erfolge der Gegenreformation gegenüber der ursprünglich überlegenen Reformation. Im Protestantismus selbst führte dieses Fehlen des weiblichen Elementes zum Entstehen eines stark verweiblichten Jesus-Bildes im Pietismus."



Tillich bezweifelt, daß "der Protestantismus das Symbol der Heiligen Jungfrau jemals wieder gebrauchen wird," stellt aber die Frage, ob es im genuin protestantischen Symbolismus Elemente gibt, "die die Alternative 'männlich-weiblich' transzendieren." Er denkt an den Ausdruck "Grund des Seins", der, insofern er (auch) symbolisch ist, auf das "Mütterliche" hinweist. Aber "Grund des Seins" ist doch mehr eine philosophische Redeweise, die der auch von Tillich empfundenen Einseitigkeit des Protestantismus noch nicht aufhilft. Zu Recht behandelt er diese Frage im Rahmen der "trinitarischen Symbole"! In diesem Rahmen versuchen wir auch - ansatzweise - eine Antwort.



Gegenüber den Juden ist evangelischen und katholischen Christen gemeinsam, daß sie Jesus Christus als "Priester und Versühner aller seiner Diener" (EKG 275,2) bekennen. Das Gebet der Christen richtet sich an den e i n e n Gott. Wir glauben, daß er derselbe ist wie der, der sich Mose, dem Mittler des alten Bundes, und damit zunächst nur dem Volk Israel offenbart hat. Das Gebet der Christen richtet sich nicht "an Gott und Christus" (so ein Zitat in dem Arbeitspapier der VELKD), sondern an den e i n e n Gott, der sich uns als Vater, Sohn und Heiliger Geist zuwendet. Nicht nur der Schöpfer und Vater ist Gott, sondern auch der Sohn, auch der Heilige Geist. (Der heute als solcher meist gar nicht mehr erkannte Subordinatianismus übersieht das und provoziert damit den Widerspruch einer feministischen Theologie.) Aber der unsichtbare Gott jenseits der Symbole Vater, Sohn und Geist ist nicht (nur) Vater, sondern Vater und Mutter. Ist Gott als Mutter gemeint, wenn Maria als Fürbitterin angerufen wird? "Mutter Gottes" ist Symbol im vollen Sinne des Wortes - wie auch "Sohn Gottes" Symbol ist. Der 33. Gesang des Paradiso in Dantes Divina Commedia beginnt: "O Jungfrau, Mutter, Tochter Deine Sohnes!" In diesen paradoxen Aussagen ist das Mysterium angedeutet.
"Die Wahrheit will sich uns im Widerschein
Geformter Bilder streitend offenbaren",
sagt Reinhold Schneider. Ist das Bild der Mutter eikwn, Ikone, Abbild oder eidwlon, Idol, Götzenbild? Kann nicht auch Jesus, der Mensch, zum Idol werden, wenn er nicht mehr als der G o t t - Mensch geglaubt wird und damit dann auch nicht mehr "Mittler" ist? Es ist an der Zeit, den pauschalen Vorwurf der "Abgötterei", den viele einzelne evangelische Christen schon längst nicht mehr erheben, von seiten der reformatorischen Kirchen her gegenüber der römisch-katholischen Kirche (wenn nicht zurückzunehmen, dann doch) nicht mehr auszusprechen. Noch einmal Gerhard Voß (Maria - Evangelische Fragen ..., S. 145) : "Das Marianische ist ein integraler Bestandteil katholischer Theologie und Spiritualität: Nicht nur christologische und ekklesiologische, auch soteriologische, d. h, den erlösten Menschen ins Auge fassende Glaubenswahrheiten werden marianisch gesagt. Zugleich aber kann in der Tat nahezu alles, was marianisch gesagt wird, auch anders artikuliert werden." Könnten Protestanten sich dazu bereit finden, sofern sie selbst nicht willens sind, "das Symbol der Heiligen Jungfrau zu gebrauchen", anzuerkennen, dar "nahezu alles" (oder doch sehr vieles) nun eben a u c h marianisch artikuliert werden kann?

© Jürgen Boeckh
in: Quatember 1983, S. 193-206


© Joachim Januschek
Letzte Änderung: 01-05-03
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