Alle Ikonen der Ostkirche sind ihrem Wesen und ihrer Absicht nach nicht Historienbilder, sondern sie wollen Wahrheit des Glaubens sichtbar machen, für die Augen vergegenwärtigen. Für die Weihnachts-Ikone gilt das in besonderem Maße. Bei anderen Ikonen aus der Blütezeit der Ikonenkunst ist es doch meist nur eine Szene, die dargestellt wird: die Verkündigung an Maria, die Taufe Christi, die Auferweckung des Lazarus, die Kreuzigung, die Himmelfahrt. Auf der Weihnachts-Ikone sind mehrere Szenen, die zeitlich zum Teil weit auseinanderliegen, zu einem kompositorisch ausgewogenen, aber doch locker gefügten Ganzen vereint. Nicht ein einzelnes Geschehen soll anschaulich gemacht, sondern die Mitte, aber auch die ganze Weite der Botschaft des Weihnachtsfestes soll durch malerische Mittel verkündet werden. Die Ikone gleicht weniger einer erzählten Episode aus der Weihnachtsgeschichte als vielmehr einem lyrisch-theologischen Weihnachtshymnus. Und in der Tat sind Quelle der Inspiration der Ikonenmaler oft stärker die liturgischen Hymnen als die biblischen und apokryphen Erzählungen.
Einer der schönsten und bekanntesten Weihnachtsgesänge der Ostkirche, verfaßt um 540 von dem byzantinischen Kirchendichter Romanos dem Meloden, beginnt:
"Heute gebiert die Jungfrau den,
der höher ist als alles Sein,
und die Erde führt dem Unzugänglichen die Höhle zu;
Engel rühmen zusammen mit Hirten,
Magier wandern mit einem Stern;
Denn um unsertwillen ward geboren als kleines Kind,
der Gott ist seit Ewigkeiten."
Wie in diesem Hymnus die jungfräuliche Mutter am Anfang steht, so beherrscht sie auch in ihrer alle anderen Gestalten weit überragenden Größe die Mitte der Ikone. Selbst das Christuskind ist neben ihr so klein und beinah versteckt (es gibt sogar Ikonen, auf denen es ganz fehlt), daß das Weihnachtsbild mehr eine Marien- als eine Christus-Ikone ist. Das ist kein Zufall. Für die Ostkirche ist Weihnachten nicht einfach das Geburtsfest Jesu Christi, die Weihnachtsfreude nicht einfach Freude darüber, daß der Erlöser, der Heiland der Welt, jetzt erschienen ist. Mitte der Weihnachtsbotschaft ist für die Ostkirche die Geburt aus der Jungfrau - eine Lehre, auf die die moderne Theologie keinen besonderen Wert legt oder über die sie mit Verlegenheit oder gar mit offener Ablehnung hinweggeht.

Das Weihnachtsbild der Ostkirche
Nach einem Fresko vom Athos aus dem Jahr 1423 |
Der Nachdruck, den die Ostkirche auf die Geburt aus der Jungfrau legt, hat verschiedene Ursachen. Einerseits hebt das Wunderbare, Wunderhafte eines solchen Geschehens die Geburt Christi über die Geburt aller anderen Menschen hinaus, wie ja auch Luther in der Übersetzung eines altkirchlichen Liedes sagt: "Daß sich wunder alle Welt, Gott solch Geburt ihm bestellt." Gleichzeitig ist dieses wunderhafte Geschehen die ebenso wunderhafte Erfüllung einer alten Weissagung, die man aus verschiedenen Stellen des Alten Testamentes herauslas, vor allem aus der griechischen Übersetzung von Jes. 7,14: "Eine Jungfrau wird schwanger sein und wird einen Sohn gebären, den wird sie heißen Immanuel."
Hinter dieser Hochschätzung des Wunderhaften steht aber noch etwas Tieferes, Weiteres. Jungfräulichkeit und Mutterschaft, die sich gegenseitig ausschließen, werden doch in vielen Kulturen gleichzeitig als höchste Werte anerkannt. Die Jungfräulichkeit bedeutet Nicht-berührt-Sein von dem Natürlich-Triebhaften, von dem nicht Sündigen, aber doch Dunklen, das mit der Sphäre des Sexuellen verbunden ist. Mutterschaft aber heißt: Leben spenden, Leben schenken und hegen und pflegen unter Einsatz, Hingabe und Aufopferung des eigenen Lebens. Und menschliches Leben weitergeben heißt ja gleichzeitig: die Möglichkeit geben zu weiterer Entwicklung der Menschheit, zum Fortgang der Heilsgeschichte, zum Fortschreiten der Menschheit zu tieferer Erkenntnis Gottes, zu höherem Heil, als am Anfang möglich und erreichbar war. Die Hochschätzung der Geburt aus der Jungfrau heißt also Lobpreis der göttlichen Gnadengnabe der Mutterschaft bei gleichzeitiger Scheu vor dem Dunkel (Dunkel, nicht Sünde!) des Triebhaft-Sexuellen. Darum läßt die Bibel schon in der Heilsgeschichte vor Christus herausgehobene Heilsträger gern aus Verbindungen geboren werden, in denen die sexuelle Lust keine Rolle spielt (Isaak, Johannes der Täufer). Die Geburt des höchsten Heilsträgers, die Fleischwerdung des ewigen Wortes, das am Anfang bei Gott war, aber kann sich das gläubige Bewußtsein nur vorstellen als ganz frei von dem Dunklen des Sexuellen.

Schließlich hat die Betonung der Geburt aus der Jungfrau noch einen heilsgeschichtlich-theologischen Aspekt. Gott und Welt, Himmel und Erde sind nach Auffassung der Ostkirche nicht zwei völlig voneinander getrennte Reiche, sondern sie gehören zusammen, sie waren vor dem Fall des Menschen miteinander vereint, und sie werden es am Ende der Zeit wieder sein, wenn Gott alles in allen sein wird. Anfang dieser neuen Vereinigung von Himmel und Erde ist die Empfängnis und Geburt Christi: "Himmel und Erde sind heute vereint", so beginnt ein Weihnachtshymnus. Wie das Licht die Pflanze und die Pflanze das Licht sucht, so sucht Gott die der Eitelkeit verfallene Welt zurückzuholen in seine Ewigkeit, und die Welt streckt sich suchend aus nach dem ewigen Heil, ihrer ewigen Heimat. Schönen Ausdruck findet dieser Gedanke in einem anderen Weihnachtshymnus:
"Was sollen wir dir darbringen, Christus,
dafür, daß du auf Erden erschienen bist
als Mensch um unsertwillen?
Denn ein jedes der von dir geschaffenen Geschöpfe
bringt dir seine Dankesgabe:
die Engel den Hymnus,
die Himmel den Stern,
die Magier die Geschenke,
die Hirten das Staunen,
die Erde die Höhle,
die Einöde die Krippe,
wir aber die jungfräuliche Mutter."
In diesem Hymnus ist das Wichtigste, die höchste der Gaben an letzter Stelle genannt: die Gottesmutter. Das Menschengeschlecht hat sie hervorgebracht - freilich unter Mitwirkung der göttlichen Gnade, aber doch als ein Geschöpf, das ganz zu ihr gehört, das die Menschheit Gott darreicht, in dem die Menschheit sich selbst Gott darreicht, damit er durch sie seinen Heilsplan erfüllen kann. Die tiefste Bedeutung des Weihnachtsfestes liegt nicht darin, daß Gott an diesem Tage zur Erde herabkommt - das hat er auch vorher schon getan, im Hain Mamre etwa, als die "drei Männer" Abraham besuchten, oder auf dem Sinai, wo er mit Mose sprach -, sondern darin, daß "Himmel und Erde heute vereint sind".
Wir verstehen jetzt, warum Maria auf der Weihnachts-Ikone übergroß dargestellt und beherrschend in die Mitte gerückt ist. Sie liegt nach der Geburt auf dem Ruhebett ausgestreckt; damit wird ausgedrückt, daß es eine wirkliche menschliche Geburt war, von der die Mutter erschöpft und ruhebedürftig geworden ist. |