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Zum Dienst der Bruderschaft
in Kirche und Welt


von Albrecht Peters

Einleitung
I. Eucharistiegebet und Umgang mit der Zeit
II. Beichtfeier als stellvertretendes Sichbeugen unter gemeinsame Schuld
III. Friedensdienst in der weltlichen Christenheit
IV. Schutzpflicht an der Erde

Einleitung

Aspekte unseres Dienstes in Kirche und Welt: Ich setze bewußt ein im Zentrum, beim Eucharistiegebet, und suche von dort aus vorzudringen bis zu unserem Schutzamt an dieser Erde. Vier Lebensräume und damit auch Dienstbereiche sollen ins Blickfeld genommen werden;ein jedes einzelne dieser Dienstfelder könnte genug Stoff für einen ganzen Gesprächszyklus bieten. Wir setzen ein beim Herrenmahl und überdenken anhand des Hochgebets unseren Umgang mit der Zeit. In einem zweiten Gedankenkreis soll unter Bezug auf die Beichte unsere Teilhabe an der Schuld unseres Volkes angesprochen werden. In einem dritten Kreis möchte ich den Friedensauftrag konzentrieren auf das Spannungsfeld zwischen den Generationen. In einem vierten und letzten Kreis seien einige Hinweise zum Umgang mit der nichtmenschlichen Kreatur gegeben. Jeweils wird ein prägnantes Zitat vorangestellt. Die Ausführungen können nur fragmentarisch sein, sie sind bewußt provokativ gefaßt und wollen zum intensiven Gespräch wie zur umfassenden Besinnung anregen.
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I. Eucharistiegebet und Umgang mit der Zeit

"Das Gebet ist nicht in der Zeit, sondern die Zeit im Gebet, das Opfer nicht im Raum, sondern der Raum im Opfer, und wer das Verhältnis umkehrt, hebt die Wirklichkeit auf."

In Martin Bubers wegweisender Schrift "Das dialogische Prinzip" zum Verhältnis zwischen "Ich und Du" stieß ich auf diese flüchtig hingeworfene Bemerkung, die seitdem mit mir geht: Das Gebet nicht in der Zeit, sondern die Zeit im Gebet - wer dieses Verhältnis umkehrt, vergreift sich an der Wirklichkeit. Eine ungeheure These. In unserem zentralen Abendmahlsgebet, das lediglich die Grundgestalt eines jeden rechten christlichen Betens reich ausfaltet, wird die Zeit in ihren drei Horizonten oder Ekstasen, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, ausgeschritten und zugleich Gott, ihrem Schöpfer und Herrn, dargebracht. Unsere vergehende Zeit wird aufgenommen und hineingeborgen ins Gebet. Unser Hochgebet nimmt dann recht die Wirklichkeit wahr daß es jene drei Horizonte unserer Raum-Zeit ins Gebet hineinhebt. Zum Eingang grüßen wir uns wechselseitig, werfen unsere Herzen empor zu Gott und lassen sie in der Danksagung sich verströmen. Der Lobpreis, die Doxologie, welche nach Edmund Schlink die unterschiedlichen Gestalten rechten Betens in sich vereint, wird angestimmt. Wir fallen ein in das ewige Lied der himmlischen Kreatur, ins Dreimalheilig der Cherubim und Seraphim. Aus diesem Lobpreis heraus spricht der verordnete Diener als Mund der versammelten Gemeinde die Anamnese. Darin erinnern wir uns nicht lediglich an ein längst Vergangenes, schon lange im Strom der Zeit Versunkenes. Wir heben dies scheinbar Vergangene vielmehr heraus aus dem Strom des Vergessens und halten es dem Herrn aller Zeit selber vor. Er selbst und nicht nur die versammelte Schar ist das Subjekt des Gedenkens. Vor ihm berufen wir uns auf die Heilstaten, die er selbst in den Strom der Zeit als Wegmarken hineingerammt hat; wir halten ihm diese seine Gnadenzeichen vor. In Gemeinschaft mit der ganzen heiligen Kirche "gedenken wir vor Dir, himmlischer Vater . . . ", und nun wird der Opfergang des Sohnes nacherzählt, die Stiftung des Herrenmahls geltend gemacht. Damit ist schon die Brücke zur Gegenwart geschlagen, berufen wir uns doch hier und heute auf jenes heilsentscheidende Eingreifen Gottes. - Mit dem zweiten Glaubensartikel durchstößt zugleich unser Gedenken den eisernen Vorhang unserer Todeszeit. Nicht wir, sondern unser Herr Jesus Christus hat ihn aufgerissen, er ist erstanden aus den Toten, er wurde erhöht zur Rechten Gottes des Vaters, er vertritt uns dort als unser ewiger Hohepriester. Damit erschließt er uns wahrhaft Zukunft. Im Sehnsuchtsschrei der ersten Christen, im Maranatha ist dies noch radikaler bezeugt. Unser Herr Jesus Christus ist keineswegs in Gottes zeitenthobene Ewigkeit eingegangen; wie er auf seinem Erdenweg den unmittelbaren Einbruch der Gottesherrschaft angekündigt hat und uns in der Kernbitte des Vaterunsers um das endgültige Hereinbrechen des Reiches flehen läßt, so ist er selber als zu Gericht und Errettung Herbeieilender in Gottes letztgültige Zukunft aufgenommen. In Aufnahme frühchristlichen Betens, welches seinerseits auf die Bitten Israels um Heimführung der Zerstreuten zurückgreift, recken auch wir uns jener Zukunft entgegen und beziehen nun die gesamte Erdenwelt in sie ein. "Wie dies gebrochene Brot zerstreut war auf den Bergen und zusammengebracht eins wurde, so bringe zusammen Deine Kirche von den Enden der Erde zu Deinem Reich." Die epikletische Dimension des Hochgebets greift aus dem Hier und Heute heraus und umspannt die Zukunft unserer gesamten Erdenwelt. Streng durchreflektiert enthüllt das biblische Zeugnis freilich noch eine präzisere Struktur der Raum-Zeit. Weil Jesus Christus nicht in die Ewigkeit einging, sondern in die Zukunft der Gottesherrschaft aufgenommen ist, deshalb kommt uns der scheinbar in der Vergangenheit Versunkene aus Gottes Zukunft heraus entgegen und gewährt uns erst so heilsträchtige Gegenwart. Die Epiklese, die Bitte um den Schöpfer- und Neuschöpfer-Geist, realisiert diesen eigenartigen Brückenschlag aus der Vergangenheit heraus über die Zukunft zur Gegenwart. Unser Hochgebet bezeugt und wird der Wahrheit gerecht, daß nicht wir Menschen die Raum-Zeit in ihren drei Ekstasen oder Horizonten in unseren Fäusten halten; der dreieinige Gott selber ist und bleibt der Herr der Zeit. Die Zeit steht im Gebet, nicht steht das Gebet in der Zeit. Dies gilt unverbrüchlich.



Wo wir diese Grundordnung auf den Kopf stellen, da machen sich jene drei Zeitdimensionen selbständig und geraten miteinander in Widerstreit. Dies haben wir in den letzten Jahrzehnten recht handgreiflich erfahren. Das 19. Jahrhundert war dem Historismus verfallen; es folgte eine Welle futurologischer Utopien, welche auf den Optimismus der Aufklärung zurückgriff; als sich der Zukunftshorizont verdüsterte, suchte man in der Meditation das Ewig-Wahre im gegenwärtigen Augenblick zu erhaschen. Nun scheint sich das Karussell bereits wieder zur nostalgischen Wiederbelebung der guten alten Zeit hin zu bewegen.

Auch unter uns knüpfen manche in ihrer Seelsorge entweder an Sigmund Freud oder an Carl Gustav Jung an. Gemeinsam hierbei ist das Regredieren, der Wille, sich bis in früheste seelische Verknotungen zurückzutasten, um sie durch erneutes Ausagieren aufzulösen. Dieser Vorstoß zurück in die Vergangenheit bleibt sachnotwendig ambivalent und trägt, wie dies etwa an der Malerei und Architektur des 19. Jahrhunderts erkennbar wurde, die Gefahr in sich, daß nicht wir das einst Gewesene "aufarbeiten", sondern daß uns die Vergangenheit in ihren Bann schlägt. Deshalb werden wir schon als bedachtsame und besonnene Menschen nicht nur ins Dunkel des Gewesenen hineinstarren, sondern uns tief einzugründen suchen in gute Erlebnisse und hilfreiche Erfahrungen, die unserem Leben Halt und Orientierung gaben. Doch selbst ein derartiges Sich-Gründen in Gutes und Tragendes vermag jenes Kreisen um sich selber nur schwer aufzubrechen. Deshalb lassen wir uns im Erzählen biblischer Geschichten in eine fremde und zugleich unendlich reiche Tradition hineinnehmen. Dieser Vorgang ist bereits im Horizont des Ersten Glaubensartikels sowie des Schöpfersegens therapeutisch wirksam. Wir werden behutsam aus dem Kreisen um uns selber herausgelöst; unsere Herzen werden weit, wir beginnen zu ahnen, daß die Welt nicht erst mit uns begann und keineswegs um uns kreist.



Eine analoge Hypertrophie des Erwarteten, ein ungutes Übergewicht des Zukünftigen brach mit dem futurologischen Trend der letzten Jahrzehnte auf. Das "Prinzip Hoffnung" (Ernst Bloch) erzeugte auch in der Christenheit einen gewaltigen Bücherberg von Theologien der Hoffnung, der Zukunft, der Befreiung, der Emanzipation, der Revolution. Nicht lediglich die gesellschaftlichen Zwänge, die zwischenmenschlichen Strukturen, auch das Verhältnis zwischen Mensch und Natur sollte nicht mehr nur neu interpretiert, sondern radikal umgestaltet werden. Doch ein derartiges Drängen auf absolute Neuprägung ohne echte Annahme des Gewordenen ist irreal und illusorisch und muß umschlagen entweder in Terror oder in Resignation. Das Atmen im Hochgebet kann uns hiervor bewahren, gemahnt es uns doch daran daß wir zuerst Beter und darauf dann auch Täter sind, daß hierbei der Dank der Bitte vorhergeht. Deshalb beten wir: "Wie Du Deinen Sohn auferweckt hast von den Toten und seinen irdischen Leib verwandelt hast in himmlisches Wesen, so wandle uns, Herr, und schaffe diese Welt neu nach Deiner Liebe." Wir haben uns nicht selber geboren; wir werden aus uns heraus diese Welt nicht in ein Paradies verwandeln können. Das Eucharistiegebet wird der Wirklichkeit gerecht, daß wir die Zukunft nicht in unseren Fäusten halten;es gemahnt uns daran, daß wir deren Gelingen weder zu erzwingen noch zu garantieren vermögen. Deshalb will unser geduldiges Sich-Mühen vom beharrlichen Beten umgriffen sein. Bei dieser Bitte schlagen wir über uns das Kreuz und halten Gott dem Vater sogar die Auferweckung des Sohnes vor. Wirkliches Neuwerden unseres Lebens und dieser Welt schließt ein daß wir miteinander dem Gekreuzigten und Erhöhten gleichgestaltet werden.

Weil der Ausgriff der Futurologen ins Dunkel der Zukunft utopisch und zugleich zu kurzatmig war, ist die Flutwelle jener Hoffnungstheologien und Befreiungsutopien schon wieder fortgespült von einer neuen Welle des Feierns und Meditierens, welche im gegenwärtigen Hier und Jetzt das wahre Leben zu erhaschen sucht. Mit einer Art zweiten Romantik gewinnt Schleiermachers frühes Diktum zum Wesen des Religiösen erneut Macht über unsere nach Halt und Sinn dürstenden Gemüter: "Mitten in der Endlichkeit eins werden mit dem Unendlichen und ewig sein in einem Augenblick das ist die Unsterblichkeit der Religion" (Über die Religion. Reden an die Gebildeten unter ihren Verächtern).



In meist unkritischer und oft enthusiastischer Rezeption östlicher Meditationspraktiken wird der Einbruch des ewigen Jetzt in die dahinrinnende Zeit angestrebt, wo man nicht gar die Last des Vergangenen abwirft, sich der Verantwortung für die Zukunft entschlägt und in den rauschhaften Augenblick flüchtet. Unser Hochgebet will uns vor einem derartigen Hinundherschwanken zwischen Historismus, Futurologie und Meditation bewahren. Sein intensiver und wacher Mitvollzug übt uns ein in jenes Aushalten des Spannungsfeldes der drei Zeitdimensionen, bewahrt uns vor Bevorzugung oder Vernachlässigung der einzelnen Ekstasen und läßt uns durch jenen raschen Wandel der Moden frei hindurchgehen. Schon rein innerweltlich lernen wir: Keine rechte Vergangenheit, die uns nicht in der Gegenwart verpflichtet und sich so unter uns Zukunft erschließt. Keine rechte Zukunft in der nicht die Vergangenheit als prägend für die Gegenwart auf dem Spiel steht. Keine rechte Gegenwart, in der sich nicht Vergangenes mit Zukünftigem vereint und so dem Augenblick Gehalt und Gestalt verleiht.

Unser Eucharistiegebet ist freilich noch etwas anderes als eine meditative Einführung ins Zusammenspiel von Vergangenheit, Zukunft und Gegenwart, wie dies etwa auf einem hohen Niveau Martin Heidegger in "Sein und Zeit" expliziert hat. Nicht wir halten die Zeit in ihren drei Ekstasen in unseren Händen; wir können ihrem Geheimnis wohl nachsinnen, doch mit Leben zu erfüllen vermag sie allein der Schöpfer, Versöhner und Neuschöpfer. Deshalb lassen wir unser Leben bestimmt sein durch jene Einsicht Bubers: Die Zeit steht im Gebet, nicht das Gebet in der Zeit. Wer dieses Verhältnis umkehren will, verstößt gegen das erste Gebot und versündigt sich zugleich an seinen Menschenbrüdern und Mitkreaturen. Indem wir uns unverdrossen in den weltumspannenden Atem des Hochgebets hineinnehmen lassen, weitet sich unser Leben. Nur so lassen sich auch die Vorlieben und Einseitigkeiten unter uns aushalten und integrieren. Nur so tun wir einen notwendigen stellvertretenden Dienst sowohl für unsere Kirchen als auch für die Menschen. Diesen doppelseitigen Dienst sollten wir wohl noch bewußter und intensiver tun.


© Joachim Januschek
Letzte Änderung: 01-06-11
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