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Quatember
Geistliches Leben im Dienst der Versöhnung
von Sr. Gemma Hinricher
(Teil 1)


Der Karmel - Kontemplation im Dienst der Versöhnung
Karmel in Dachau - Sühne und Versöhnung
Karmel in Berlin-Plötzensee
Widerstand und Versöhnung
Anstöße aus dem Evangelium
Karmel in Auschwitz
Beten nach Auschwitz
Christlich-jüdischer Dialog - Hoffnung auf Versöhnung

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LeerIn der Nähe der ehemaligen Hinrichtungsstätte Plötzensee in Berlin-Charlottenburg befindet sich seit 1984 ein Karmelitinnenkloster. Die Berliner Gründung geschah 1982 von Dachau aus, von dem Kloster, das sich seit 1964 auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers befindet. Es muß Gründe geben, warum es eine christliche Gemeinschaft gerade an solche Orte der Gewalt zieht. Sicher gibt es im Leben jedes Christen Berührungspunkte mit dem Dienst der Versöhnung.

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LeerAuf meine im Karmel Dachau verbrachten Jahre geht folgende Erinnerung zurück: In der dortigen Klosterkirche - wie auch inzwischen in Berlin in der Gedenkkirche - haben wir einen sogenannten Anliegenkasten aufgestellt. Besucher der Kirche können ihre Sorgen und Anliegen auf einen Zettel schreiben und in den Kasten einwerfen. Die meist ungenannten Schreiber dieser Anliegenzettel zählen auf das fürbittende Gebet der Schwestern. Und für uns ist es wichtig, daß so eine Gebetsgemeinschaft mit vielen Menschen zustandekommt. Der Anliegenkasten im Karmel in Dachau enthielt eines Tages einen Zettel mit französischem Text. Er lautete übersetzt: "Mein Vater ist hier im Lager umgebracht worden. Weil Sie hier sind, konnte ich ein Vaterunser beten."

Leer"Weil Sie hier sind", hatte der Unbekannte im Blick auf die Schwestern geschrieben, die er wohl beim gemeinsam gesungenen Psalmengebet erlebt hatte. -Weil Sie hier sind" - die Klosterkirche liegt über der Kiesgrube, in der Häftlinge in Sonderkommandos unter besonders unmenschlichen Bedingungen arbeiten mußten. Kann man singen und beten an einem solchen Ort der Qual und der Verbrechen? - Für einen Betroffenen - und, wie wir immer wieder erfahren haben, für viele andere in ähnlicher Weise - war und wurde es zu einem Stück Erlösung: eine Gemeinschaft, die gerade an diesem Ort Glaube, Hoffnung und Liebe ahnen läßt.

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Der Karmel - Kontemplation im Dienst der Versöhnung

LeerEs ist gewiß kein Zufall, daß an drei Orten, mit denen für immer unvorstellbares Leid und abgründige Schuld verbunden sein werden, heute ein Kloster der Kamelitinnen steht. 1964 in Dachau, 1982 in Berlin-Plötzensee und 1986 in Auschwitz waren es Schwestern dieses Ordens, die persönlich und als Gemeinschaft auf diese Orte eine Lebensentscheidung getroffen haben.

LeerDer Orden der Karmelitinnen geht auf die Reform der Teresa von Avila im 16. Jahrhundert zurück. Sie gab dem Gebet die zentrale Stellung im Leben der Schwestern, die es bereits am Anfang des Ordens gehabt hatte, als im 13. Jahrhundert. Einsiedler auf dem Berge Karmel sich zu einer Gemeinschaft zusammenschlossen. Die Schwestern gehören also einem kontemplativen Orden an, dessen wesentliche Aufgabe das Gebet ist. Das bedeutet zunächst, daß das Gebet - gemeint ist vor allem das persönliche innere Beten - im Leben der Gemeinschaft und der einzelnen an erster Stelle steht, nicht eine äußere Tätigkeit oder Aufgabe. Aber auch diese Formulierung könnte verdecken, worum es geht. Nicht die viele Zeit, die dem Gebet im Ablauf des Tages zukommt, ist letztlich entscheidend, so wichtig sie im Gefüge unseres Lebens auch ist. Entscheidend ist, was unser Leben insgesamt prägen und bestimmen soll: daß es in Gebet und Fürbitte ganz für Gott und ganz für die Menschen gelebt wird.

LeerDiesem Ziel, der Offenheit für Gott und für die Menschen - man könnte es als das Ziel allen geistlichen Lebens bezeichnen - kommen wir nach unserer Erfahrung in besonderer Weise nahe, wenn wir uns persönlich betreffen lassen von dem, was Menschen trifft und betrifft; wenn wir verwundbar werden für das Leid, das uns begegnet.

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LeerDarum suchen wir die Stille, nicht nur für uns, sondern auch für andere. Wir versuchen, einen Raum der Stille zu schaffen, in dem Leid ausgesprochen und drängende Fragen gestellt werden können; einen Raum, in dem die tragende Kraft des Gebetes spürbar wird und der Mensch sich ermutigt erfährt, seine Lebenssituation auf Gott hin zu öffnen. Das Gebet setzt Offenheit voraus und bewirkt sie zugleich. Unserer Lebensform nach gehen wir nicht zu den Menschen, aber wir bemühen uns, erreichbar zu sein, ansprechbar.

LeerSuche Gott in dir!" - das ist auch die Einladung der heiligen Teresa von Avila und der Gotterfahrenen aller Zeiten. Es ist die Grundbewegung der Kontemplation, und ihre Grundhaltung ist Schweigen, Hören, Empfänglichkeit. Im Einüben dieser Haltung geschieht bereits Kontemplation, werden heilende Kräfte in uns frei und werden wir dem Wirken des Geistes Gottes zugänglich.
Nicht nur wir selbst möchten uns diesem Wirken des Geistes öffnen durch Gebet und innere Wachheit, sondern wir möchten auch den Menschen Wege weisen zu dieser geliebten Kontemplation. Das ist nicht so gemeint, als ob wir den Menschen zeigen und theoretisch deutlich machen könnten, wie sie glauben, beten und lieben können. Vielmehr geht es vor allem darum, daß wir unser Leben aus dem Glauben mit ihnen teilen, daß wir sie teilnehmen lassen an dem Wirken Gottes in unserem persönlichen und gemeinsamen Leben und sie dadurch ermutigen, die Stellen zu finden, an denen Gott auch in ihrem Leben gewirkt hat und wirken will, vielleicht gerade dort, wo sie sich gelähmt und unfähig zum Guten vorkommen.

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LeerGott will uns von innen heilen und zu neuem Leben erwecken. Sein Ziel ist eine neue Schöpfung, wie Paulus im 2. Brief an die Korinther schreibt: "Wenn einer in Christus ist, dann ist er eine neue Schöpfung. Das Alte ist vergangen, Neues ist geworden. Das alles aber kommt von Gott her, der uns mit sich versöhnte durch Christus und uns den Dienst der Versöhnung übertrug." (5,11 ff). Der Versöhnung dienen heißt dem Leben dienen, sich zu neuer Lebendigkeit befreien lassen und andere dazu befreien. Entscheidend dabei ist wie Paulus betont: "Das alles kommt von Gott her."
So sehr dieses erneuernde Wirken Gottes uns ganz persönlich in der Tiefe trifft, so ist es doch die Gemeinschaft - die Gemeinde, die Gruppe, die regelmäßig zusammen betet - die mit einer gewissen Beständigkeit Räume der Gottesbegegnung eröffnet. Auch meine Berufung bindet mich an Gott und an meine Gemeinschaft. Sie ist es, die jene "Präsenz" erst möglich macht, von der die Rede war, eine Präsenz von Glauben und Liebe gerade auch an Orten der scheinbaren Gottesferne. Die Erfahrung in Dachau und Berlin hat es uns gezeigt: Es ist die Gemeinschaft, die die Atmosphäre des Schweigens und der Sammlung schaffen und bewahren muß, damit jener Raum des Gebets entsteht und mit Leben erfüllt ist, der sie selber trägt und viele aufnehmen kann.

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© Joachim Januschek
Letzte Änderung: 00-10-07
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