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Quatember
Geistliches Leben im Dienst der Versöhnung
von Sr. Gemma Hinricher
(Teil 2)


Karmel in Dachau - Sühne und Versöhnung

LeerVor diesem Hintergrund kontemplativen Lebens sei nun der spezielle "Dienst der Versöhnung" gestellt, der Gemeinschaften unseres Ordens in Dachau, Plötzensee und Auschwitz entstehen ließ.

LeerDer Karmel in Dachau wurde wesentlich geprägt durch die Intuition seiner Gründerin. Sie hat ganz persönlich den Auftrag erfahren, ihr ganzes Leben im Dienst der Versöhnung an dieser Stätte der Gewalt einzusetzen, und zwar zusammen mit einer Gruppe von Schwestern, die diese Aufgabe für sich übernehmen konnten. In einem Brief an den zuständigen Erzbischof von München begründet sie 1962 ihr Anliegen: "...ein Ort, wo so gefrevelt wurde, wo so viele Menschen Unsagbares gelitten haben, dürfte nicht zu einer neutralen Gedenkstätte oder gar zu einem Besichtigungsort erniedrigt werden. Es sollte stellvertretende Sühne geleistet werden durch das Opfer unseres Herrn Jesus Christus und damit verbunden durch das Opfer und die Sühne von Menschen, die sich diesem leidenden und sühnenden Herrn anschließen..."

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LeerDer Blick der Gründerin war keineswegs nur rückwärts gewandt, wie aus den folgenden Worten eines anderen Schreibens von ihr hervorgeht: "Dachau ist ja nur Zeichen, was geschieht, wenn der Staat an die Stelle Gottes gesetzt wird. Wir denken deshalb auch an die vielen, die heute noch um ihrer Überzeugung willen gefangen sind und leiden müssen, sowie an diejenigen, die immer wieder in neuen Formen Unheil anrichten. So soll unser Leben allen Menschen dienen, damit Christus durch sein Blut die Versöhnung der Völker erwirke und durch seine Liebe siege."

LeerSühne und Versöhnung stehen in diesen Aussagen in engem Zusammenhang. Es ist dieser Schwester selbstverständlich: Diese Schuld, diese Frevel, wie sie sagt, verjähren nicht einfach, sie sind auch nicht durch irgendwelche Anstrengungen zu bewältigen. Was bedeutet dann stellvertretende Sühne, Wiedergutmachung? Die Worte der Gründerin geben bereits den entscheidenden Hinweis: Sühne durch das Opfer Christi, Versöhnung durch das Blut Christi.

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LeerSein Opfer hat "ein für allemal" Versöhnung gebracht, wie der Hebräerbrief .sagt. In der Hingabe seines Lebens setzt Jesus einen neuen Anfang. Er allein als der Sohn kann sich mit denen, die er zu Söhnen und Töchtern des Vaters macht, identifizieren und sich so dem Vater vorstellen, beladen mit ihrer Schuld. So hat sich Jesus freiwillig in die bleibende Todessituation des Menschen hineinbegeben. Diese Stellvertretung, die in Leben und Tod Jesu deutlich wird, ist eine einmalige Stellvertretung "für alle". Sie ist der Grund der Versöhnung Gottes mit den Menschen.

LeerWas bedeutet dann u n s e r e Sühne, u n s e r e Stellvertretung? Sie kann nur darin liegen, daß wir als Getaufte, die in Tod und Auferstehung Jesu hineingenommen sind, bereit sind, ihm nachzugehen auf seinem Weg, mit ihm und auch mit seiner Kraft für die Menschen zu leben. Ich meine, wenn wir so nach den eigentlichen Grundlagen der Lebensentscheidung unserer Gemeinschaften in Dachau, Berlin-Plötzensee und Auschwitz fragen, wird es ganz deutlich: Wir Schwestern versuchen auf unsere Weise zu verwirklichen, was unser aller Auftrag ist: im Denken, Reden und Tun, besonders auch durch unsere Ohnmacht und unsere Verwundungen hindurch, das Wort der Versöhnung, das Jesus unter uns gestiftet hat, zu bewahren und weiterzusagen.

Gedächtnisbuch für die Häftlinge des KZ Dachau

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Karmel in Berlin-Plötzensee

Widerstand und Versöhnung

LeerDie Wurzeln der Gemeinschaft, mit der ich seit sieben Jahren in Berlin-Plötzensee lebe liegen in Dachau. Aber dem Karmel bei der Gedenkkirche Regina Martyrum sind offensichtlich neue Aufgaben gestellt. Schon bald nach unserem Kommen setzten die Anfragen an uns, an unsere Lebensform und an unseren Dienst in dieser Stadt ein. Das ließ uns immer wieder nachdenken über unsere Identität als Schwestern des Karmel Regina Martyrum in Berlin.

LeerWir verstehen unser Leben und unseren Auftrag zunächst von der Örtlichkeit her, von unserer Zuordnung zu der Gedenkkirche, die ja auch unsere Klosterkirehe geworden ist. Sie wurde in größtmöglicher Nähe zur ehemaligen Hinrichtungsstätte Plötzensee erbaut und erinnert damit an die Untaten und Leiden, die in Beziehung zu Plötzensee stehen; darüber hinaus ist sie der Erinnerung an alle Märtyrer der NS-Zeit gewidmet. Ausdrücklich sind jene gemeint, die sich im Bewußtsein ihrer Verantwortung zum Widerstand gegen den Unrechtsstaat entschlossen und dafür Freiheit und Leben riskiert haben.

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LeerDer Widerstand mochte darin bestehen, einem ausländischen Kriegsgefangenen ein Stück Brot zuzustecken oder einen Juden zu verstecken und so vor dem Transport in den Tod zu bewahren; es gab die verschiedensten Widerstandskreise, darunter solche, die den Umsturz planten. In einigen dieser Widerstandsgruppen arbeiteten Menschen der verschiedensten religiösen und politischen Richtungen zusammen. Es war möglich, Gegensätze um des gemeinsamen Zieles willen zu überbrücken. Diese Gemeinsamkeit haben viele auch unter der Folter nicht preisgegeben, wenn sie dazu gebracht werden sollten, die Namen der Freunde zu verraten. Sie hat sie in den Gefängnissen gestärkt bei dem zermürbenden Warten auf die Vollstreckung des Todesurteils. Die Frauen und Männer des Widerstands haben Versöhnung praktiziert zwischen den Konfessionen, zwischen gegensätzlichen politischen Richtungen; ja, viele haben ihren Richtern und Henkern ausdrücklich vergeben, wenn auch leider nicht bekannt ist, daß diese sich später der Vergebung bedürftig erklärt hatten.

LeerIn der Krypta der Gedenkkirche befindet sich eine Grabstätte, die an diese Märtyrer erinnert. Den meisten von ihnen wurde das Grab verweigert, ihre Asche über die Rieselfelder Berlins verstreut.

LeerGemessen an dem Massenmord an den Juden, dem millionenfachen Mord an Polen und anderen Nationalitäten, war es nur eine Minderheit von Christen und anderen Gegnern des Regimes, die den Mut zum Widerstand besaßen. Es ist sehr still um sie geworden. Hat sich ihr Einsatz gelohnt?

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LeerEs ist wichtig, wenn wir über Versöhnung, speziell über einen geistlichen Dienst der Versöhnung nachdenken, sich an die Frauen und Männer des Widerstands zu erinnern. Denn Versöhnlichkeit und Versöhnung meinen nicht Anpassung an einen allgemeinen Trend, Kritiklosigkeit und Desinteresse gegenüber dem, was nicht mich selbst betrifft. Der Dienst der Versöhnung besteht auch nicht darin, Konfrontation zu vermeiden und sich nach Möglichkeit zu arrangieren. Er entbindet nicht von der Verantwortung, der Lüge, Rechtlosigkeit und Gewalt zu widersprechen und nach Kräften entgegenzuwirken, auch wo die eigenen Interessen nicht berührt sind. Plötzensee, der Widerstand im sogenannten Dritten Reich machen uns deutlich, daß es Grenzen der Versöhnung unter Menschen gibt, daß Versöhnung nicht um jeden Preis erkauft werden darf, daß auch die Frucht der Versöhnung, der Friede, - wenn er von Dauer sein soll - zusammengehen muß mit einer gerechten Friedensordnung.

LeerVielleicht gehört es zu den Aufgaben einer kontemplativen Gemeinschaft in der Nähe von Plötzensee, diese Spannung zwischen Widerstand und Versöhnung und ihre wechselseitige Zuordnung bewußt zu halten. Dafür brauchen wir die Herausforderung des Evangeliums und speziell der Bergpredigt; nicht, daß wir dort klare Handlungsanweisungen erhielten - die Botschaft Jesu geht in keiner menschlichen Handlung auf - aber wir können im Wort des Evangeliums ganz neue Möglichkeiten entdecken, an der "neuen Schöpfung" mitzubauen.

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© Joachim Januschek
Letzte Änderung: 00-10-07
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