Anstöße aus dem Evangelium
Jesus tritt uns in den Evangelien als ein Mensch entgegen, der in vertrauter Nähe zu Gott lebt; der aus dieser intensiven Gemeinschaft mit Gott, seinem Vater, nichts anderes sucht und will, als was der Auftrag Gottes für ihn ist. Liebe zu Gott, das ist für Jesus der ungeteilte Dienst für Gott. So sagt er bei Matthäus: "Niemand kann zwei Herren dienen... Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon... " (6,24).Das Gebot, Gott "aus ganzem Herzen und mit allen Kräften zu lieben, stellt Jesus dem zweiten Gebot gleich: seinen Nächsten zu lieben wie sich selbst; diese Gleichrangigkeit von Gottes- und Nächstenliebe ist bereits in der jüdischen Auslegung des Gesetzes verankert. Aber: Wer ist mein Nächster? - so fragt ein Schriftgelehrter Jesus. Wir kennen alle diese Frage, hinter der die selbstverständliche Annahme steht, daß es doch irgendwo eine Grenze geben muß, über die hinaus meine Liebe nicht mehr gefordert sein kann. Ich kenne doch auch Fernstehende und Fernste, solche, die mir nichts sagen, zu denen ich die Beziehungen abgebrochen habe, solche, von denen ich mir nichts Gutes erwarten kann. Es gab und gibt Menschen, die andere kaltblütig verraten, gequält, in den Tod geschickt haben; so die Heerschar der Denunzianten, die Richter und Aufseher und Henker der Opfer der Nazi-Herrschaft.

Jesus beantwortet de Frage nach der Grenzziehung für unsere Liebe mit dem Gleichnis von dem Mann, der unter die Räuber fiel. Hilfe erfährt der Verletzte nicht von Angehörigen seines Volkes und seines Glaubens - sie sehen ihn zwar und gehen doch vorüber. Ein Fremder, der zu den von den Juden abgelehnten und verachteten Samaritem gehört, sorgt für ihn, als wäre es sein bester Freund. Es gibt in einer frühchristlichen, syrischen Bibelhandschrift des 6. Jahrhunderts eine wunderschöne Darstellung des barmherzigen Samariters. Jesus selbst ist dieser Samariter, kenntlich gemacht durch den Kreuznimbus; er beugt sich tief zu dem Ausgeplünderten, Mißhandelten herunter. An Jesus selbst, so wollte der Künstler wohl zeigen, können wir ablesen, wer unser Nächster ist: immer der, der uns braucht.
Jesus zeigt durch seine Worte und durch seine Zuwendung zu den Menschen, daß die Liebe sich durch nichts abhalten lassen soll, dem anderen gut zu sein. Das Verzeihen und Sich-versöhnen ist in der Lehre Jesu offensichtlich der Prüfstein der Liebe, an dem deutlich wird, ob wir selbst uns von der maßlosen, grenzenlosen Liebte Gottes beschenken, durchdringen lassen; ob wir unsere engen Grenzziehungen von ihr aufsprengen lassen.

Wir sind bereits dem Vaterunser begegnet, das täglich gebetet werden will mit der Bitte um das tägliche Brot. So ist auch die tägliche Bemühung vorausgesetzt, denen, die unsre Schuldner geworden sind, zu vergeben, damit wir von Gott für uns Vergebung erbitten und empfangen können. "Vergib uns unsere Schulden, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern".
Die Forderung, den Mitmenschen zu verzeihen, sich mit ihnen zu versöhnen, geht mit innerer Konsequenz aus der Botschaft Jesu vom barmherzigen Vater hervor und wird von seinem eigenen Verhalten gegenüber "Zöllnern und Sündern", den Letzten der damaligen Gesellschaft, gespiegelt Diese Forderung gipfelt in dem Wort Jesu, das Matthäus in der allgemeinen Form überliefert: "Seid vollkommen, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist" (5,48). Lukas gibt diesem uns so sehr übersteigenden Anspruch einen konkreten Sinn, wenn er Jesus sagen läßt: "Seid barmherzig, wie euer Vater barmherzig ist" (Lk 6,36). Barmherzig sein mit dem, der Schuld auf sich geladen hat, speziell mit dem, der an mir schuldig geworden ist, das heißt: Mitleid haben mit dem Schuldigen, mit seiner Schwäche; es heißt, an das Gute im anderen glauben, auch wenn es noch so verborgen ist. Es heißt, sich nicht über den Schuldigen stellen, sondern neben ihn in der Solidarität derer, die alle fehlbar sind.

Die Ermahnung, den Nächsten nicht zu richten, nimmt in der Verkündigung Jesu eine wichtige Stellung ein. "Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet" (Mt 7, 1). Lukas entfaltet den Spruch: "Verurteilt nicht, dann werdet auch ihr nicht verurteilt werden. Erlaßt einander die Schuld, dann wird auch euch die Schuld erlassen werden" (Lk 6,37). Die Mahnung: "Richtet nicht! ", spielt in der urchristlichen Gemeinde, in der geistlichen Lehre der frühchristlichen Einsiedler in der Wüste und in der Tradition des westlichen wie des östlichen Mönchtums eine große Rolle. Das äußere oder innere Richten über den anderen zerstört die Demut, das Vertrauen und die Sammlung, die zum Gebet nötig sind. Jeder kann diese Erfahrung machen. So stellt sich das Richten nicht nur zwischen den Nächsten und mich, sondern auch zwischen mich und Gott. Es behindert auch die Selbsterkenntnis, ohne die ich im Gebet nicht wachsen kann, wie Jesus bei Matthäus seine Mahnung weiterführt: "Warum siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, aber den Balken in deinem Auge bemerkst du nicht..." (Mt 7,3).
Wenn wir über den anderen zu Gericht sitzen, sind wir auch schnell bei der Hand, ihn zu verurteilen. Wir grenzen diesen Menschen aus, wir haben das Wort und den Dienst der Versöhnung verraten. Umgekehrt ist der bewußt erkämpfte Verzicht auf eine Richterrolle gegenüber den Mitmenschen ein überaus wirksamer Dienst an der Versöhnung, an einem Klima des Verstehen und der Solidarität.

Zwei Sprüche der Wüstenväter aus dem dritten nachchristlichen Jahrhundert zeigen, welche Bedeutung sie dem Richten über den Nächsten beimaßen:
Man erzählte vom Altvater Makarios dem Großen, daß er, wie es in der Schrift heißt, ein Gott auf Erden war (Ps 82,6); denn wie Gott die Welt schützend deckt, so bedeckte Altvater Makarios die Schwächen, die er sah, als sähe er sie nicht, und was er hörte, als hörte er es nicht.
Ein Bruder in der Sketis war gefallen. Man hielt eine Versammlung ab und schickte zu Abbas Moses; der aber wollte nicht kommen. Daraufhin sandte ihm der Priester den Auftrag: "Komm, denn das Volk erwartet dich!" Moses erhob sich und kam. Er nahm einen durchlöcherten Korb, füllte ihn mit Sand und nahm ihn auf die Schulter. Die Brüder gingen ihm entgegen und sagten zu ihm: "Was ist das, Vater?" Da sprach der Greis zu ihnen: "Das sind meine Sünden. Hinter mir rinnen sie heraus, und ich sehe sie nicht, und nun bin ich heute gekommen, um fremde Sünden zu richten." Als sie das hörten, sagten sie nichts mehr zu dem Bruder, sondern verziehen ihm.

Wie unbedingt die Forderung Jesu zur Versöhnungsbereitschaft ist, zeigt sich in seinem Gebot der Feindesliebe. Es steht bei Lukas geradezu provozierend am Anfang der großen Feldrede, in der Jesus das neue Gesetz der Liebe verkündet. "Euch, die ihr mir zuhört, sage ich: Liebt eure Feinde, tut denen Gutes, die euch hassen. Segnet, die euch verfluchen, betet für die, die euch mißhandeln..." (Lk 6,27.28). Jesus verlangt nicht nur den Verzicht auf Vergeltung für erlittenes Unrecht, sondern er fordert positiv, den Feind als Freund zu behandeln: ihn zu lieben, ihn zu segnen, für ihn Gutes von Gott zu erbitten und selbst ihm Gutes zu tun.
Nirgendwo erscheint dieses Verhalten als Taktik, um sich den Feind günstig zu stimmen. Das Motiv ist vielmehr allein Gottes barmherzige Liebe zu allen Menschen; wenn wir uns die Großzügigkeit der göttlichen Liebe zu eigen machen, Gutes tun, auch wo wir nicht auf Dank hoffen können, dann sind wir "Söhne und Töchter des Höchsten"; denn, so fährt Lukas fort, "auch er ist gütig gegen die Undankbaren und Bösen." Oder, wie es Matthäus konkreter sagt: "er läßt seine Sonne aufgehen über Bösen und Guten und er läßt regnen über Gerechte und Ungerechte." (Mt 5,45).

Jesus verlangt in der Feindesliebe von seinen Jüngern, den "normalen", menschlichen Horizont der Liebe zu überschreiten, nicht mehr abhängig zu sein von der Resonanz, die meine Liebe findet; schöpferisch zu lieben - wie Gott selbst -, und in der Kraft dieser Liebe das Böse durch das Gute zu überwinden, wie es im Römerbrief heißt (12,17-21).
Mit heutigen Exegeten können wir fragen: Wen meint Jesus, wenn er vom Gegner und Feind spricht? Was meint er konkret mit dem Verzicht auf Wiedervergeltung und Gegengewalt, mit dem Gebot, den Feinden Gutes zu tun? Die Worte Jesu sind absolut und grundsätzlich gemeint. Man darf sie nicht auf den privaten zwischenmenschlichen Bereich einschränken. Die ganze Jüngergemeinde ist vielmehr angesprochen. Die extreme Forderung der Feindesliebe macht deutlich, daß sich in der Gemeinde und durch sie die Gottesherrschaft verwirklichen soll, die das private und öffentliche Leben, den einzelnen und die Gesellschaft umspannt. Die Evangelisten haben mit Sicherheit die Forderung Jesu auch auf ihre gesellschaftliche Situation bezogen - ein notwendiges Bemühen, damit sie geschichtlich wirksam werden kann! Wir können das in der Situation der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft an den höchst unterschiedlichen Formen des Widerstands erkennen, den Christen aus Gewissensüberzeugung geleistet haben. Das Ziel war ihnen gemeinsam: den Haß, das Unrecht, die Unterdrückung, das Morden an den Fronten des Krieges und an den verborgenen Stätten der Gewalt zu beenden, eine neue Friedensordnung vorzubereiten. Ihnen allen gilt die Seligpreisung der Friedensbringer, zu deren Einsatz auch der Dienst der Versöhnung zählt. Versöhnung und Frieden gehören untrennbar zusammen in dem Sinne, daß ohne Versöhnung dauerhafter Friede nicht möglich ist. So müssen auch Versöhnungsarbeit und Friedensarbeit Hand in Hand gehen. Der Friede, von dem die Bibel spricht und den Jesus meint - hebräisch Schalom - hat ja eine viel umfassendere Bedeutung als unser Wort, das in seiner Bedeutung oft eingeengt wird auf "Nicht-Krieg".

Der jüdische Theologe Pinchas Lapide erklärt diesen Schalom als ein integrales Ganzsein des Menschen, als sein Eins-sein mit sich selbst, mit Gott und mit allen Menschen. Der Schalom ist unteilbar und umfaßt alle Bereiche des menschlichen Daseins: Politik, Gesellschaft, Natur, Theologie. In einem Gespräch mit Carl Friedrich von Weizsäcker über die Seligpreisungen der Bergpredigt zeigt Lapide, daß die zugleich göttliche und menschliche Wirklichkeit des Schalorn "Dienste der Versöhnung" einschließt (vgl. Die Seligpreisungen, Ein Glaubensgespräch, Stuttgart 1980, S. 88f).
Unser ganzes menschliches Leben mit seinen menschlichen Möglichkeiten solle eingehen in die Mitarbeit am Friedenswerk Gottes. Dabei dürfen wir uns berufen auf d e n Sohn, den Gott eingesetzt hat als Mittler unserer Versöhnung, in dem alle trennenden Schranken aufgehoben sind, von dem es im Epheserbrief heißt: Er ist unser Friede (2,14).

|