Karmel in Auschwitz
Einen dritten Zugang zum Thema geben unsere Mitschwestern im Karmel in Auschwitz.
Beten nach Auschwitz
Eine Vorbemerkung ist wichtig: Ich habe bereits die Orte Dachau, Plötzensee, Auschwitz gleichsam aneinandergereiht, in der Reihenfolge der Gründung der dortigen Karinelklöster. Aber ich möchte deutlich machen, daß diese Redeweise irreführend ist und die Realität verschleiern kann; denn tatsächlich sind die Orte nicht in einem Atemzug zu nennen, sie sind unvergleichbar. Selbst Dachau mit seinen Greueln läßt sich mit den Massenvernichtungslagern Auschwitz-Birkenau nicht vergleichen, Diese Unvergleichbarkeit des Ortes muß auch der Karmelgemeinschaft irgendwie anhaften, die sich dorthin gewagt hat. Jedenfalls scheint mir, daß man die extremen Schwierigkeiten, in die die Schwestern geraten sind, in diesem Sinn deuten kann.
Was mich bewegt, die Karmelitinnen von Auschwitz in mein Thema einzubeziehen, ist einmal die besondere, ja, provozierende Aussagekraft ihres Lebens, sodann der persönliche Kontakt, der uns verbindet, seit ich im vergangenen Jahr die Lager Auschwitz und Birkenau und den Karmel in Auschwitz besuchen konnte.

Der Gedanke an einen Karmel in Auschwitz hat nicht nur in Polen, sondern auch in der Bundesrepublik bereits Geschichte. Mit einer gewissen Folgerichtigkeit kam mir vor etwa zehn Jahren im Karmel Heilig Blut in Dachau dieser Wunsch. Ich fühlte mich gedrängt, mit einer Gruppe Schwestern von Dachau nach Auschwitz aufzubrechen und gerade als Deutsche dort zu leben. Ich sagte mir, daß an dem Ort, wo von Deutschen am meisten gefrevelt, wo unvorstellbares Leid und millionenfacher Tod über unschuldige Menschen gebracht wurden, - daß dort eine betende, von Glauben und Liebe getragene Gemeinschaft wichtig, ja notwendig sei; daß gerade deutsche Schwestern an dieser Stätte sozusagen existentiell die Bitte um Vergebung leben müßten.
Diese Gedanken nahmen mehr und mehr Gestalt an. Ein Besuch von Kardinal Wyczinski, dem damaligen Primas von Polen, im ehemaligen Konzentrationslager und im Karmel Dachau gab uns berechtigte Hoffnung, daß unser Plan zu verwirklichen war. Doch es sollte anders kommen. Zuständige kirchliche Stellen konnten sich unserem Plan nicht anschließen; die Zeit sei noch nicht reif dafür - und eine Gründung in Berlin stehe als vordringliche Aufgabe an.

Inzwischen haben es polnische Karmelitinnen gewagt, in unmittelbarer Nachbarschaft zum Stammlager Auschwitz in einem großen Gebäude, das als Magazin diente, einen Karmel zu gründen. Der unmittelbare Anstoß ging von der persönlichen Berufung einer Schwester aus, der Gründerin, die aus dieser Gegend stammt und deren Kindheit geprägt wurde von Verschleppung und Tod lieber Menschen im KZ Auschwitz, auch vom Widerstand der Bevölkerung und heimlicher Hilfe für Juden.
Inzwischen leben 14 Schwestern in dem mit viel Mühe umgebauten und hergerichteten Gebäude; mit seiner Rückseite grenzt es an den doppelten, ursprünglich elektrisch geladenen Stacheldraht, der wenige Meter hinter dem berüchtigten Todesblock 11 verläuft. In diesem Block liegt die Todeszelle von Maximilian Kolbe, der freiwillig den Hungertod auf sich nahm, um einem Familienvater das Leben zu retten; in den Kellern fanden Tausende sowjetischer Kriegsgefangener bei den ersten Versuchen mit dem tödlichen Gas Zyklon B den Tod, und in dem angrenzenden Hof wurden Zehntausende, vor allem Polen, erschossen. Zum Kloster gehört eine große, jetzt mit Rasen eingesäte Fläche, die ehemalige Kiesgrube, in der zur Zeit des Lagers über 20.000 Polen erschossen wurden. Nun erhebt sich in der Mitte dieses Platzes ein riesiges Holzkreuz.

Das Kloster liegt faktisch außerhalb des Lagers. Nach der Grenzziehung der UNESCO, die eine Schutzfunktion über das Lager innehat, gehört jedoch das ehemalige Magazin, das heutige Kloster, zum Lager dazu. Auf dieser Festlegung der Lagergrenzen beruht der jüdische Widerstand gegen das Kloster.
Für Polen ist Auschwitz der Ort, wo ihre Verwandten und Freunde unsäglich gelitten haben und viele den Tod fanden. An diesen Ort des Grauens geht man nicht oder man hält es nur kurz dort aus. Auch mir wurde von Polen besorgt und liebevoll angeraten, doch lieber nicht das Lager zu besuchen, und wenn es unbedingt sein müßte, höchstens für eine Stunde! Vor diesem Hintergrund können wir vielleicht ahnen, was für einen Mut und welche Glaubenskraft die Schwestern haben, die sich entschlossen haben, an diesem Ort zu leben. Sie alle sind mit ihren Familien persönlich Betroffene! Das "Dennoch" des Glaubens und der Liebe, das diese Schwestern leben und bezeugen, wird jeden, der ihnen begegnet, tief berühren.

Um so tragischer mutet der Streit an, der um sie und ihr Kloster entbrannt ist. Für viele Juden, wahrscheinlich für die meisten, ist die Existenz eines christlichen Klosters am Ort des jüdischen Holocaust eine unerträgliche Vorstellung, eine christliche Vereinnahmung und Verschleierung der 6 Millionen jüdischer Opfer, eine Verschleierung auch des christlichen Anteils an Schuld an diesem Völkermord. Ich kann die jüdische Ablehnung verstehen, wenn auch die Heftigkeit der Reaktionen einen traurig stimmt. Aus jüdischer Sicht kommt als Grund der Ablehnung hinzu, daß an einem Ort des Fluches keine Stätte des Gebetes errichtet werden kann.
Vor zwei Jahren kam es bereits zu einer vertraglichen Regelung zwischen Vertretern des Weltrates der Juden und Vertretern der Katholischen Kirche, die eine Verlegung des Klosters vorsieht. Doch ist seither keine Entspannung eingetreten, eine konkrete Lösung ist nicht in Sicht, und die Schwestern leben noch in ihrem Kloster. Inzwischen hat der Vatikan entschieden, daß das Kloster in ein christlich-jüdisches Begegnungszentrum verlegt werden muß.
Ihr Beispiel zeigt, daß der Dienst der Versöhnung nur von Jesus Christus in einem absoluten Sinn geleistet wird. Es gehört zum Paradox seines umfassenden und allein gültigen Versöhnungsdienstes, daß er in das Dunkel und die Verlassenheit des Kreuzes führt. Aber gerade dort, in der scheinbaren Vergeblichkeit, geschieht die Erlösung. Der Schatten des Kreuzes fällt auch auf die Karmelgründung in Auschwitz. Möge es zum Zeichen des Heils für die Schwestern und für alle werden, denen sie mit ihrem Leben an diesem Ort dienen wollen.

Für meine Mitschwestern und mich in Berlin ist die Existenz des Karmel in Auschwitz sehr wichtig; und es ist für jeden Christen, gerade auch in Berlin, wichtig, daß es diese Stätte des Gebetes und der Fürbitte gibt. Diese Schwestern sind sozusagen ein existentieller Beitrag zu dem Problem, ob man nach Auschwitz - in Auschwitz - (noch) beten kann.

Es gibt auch jüdische Stimmen, die diese Frage nicht nur bejahen, sondern die - im Sinne ihrer mehr als zweitausendjährigen Leidensgeschichte - glauben, daß gerade nach Auschwitz gebetet werden m u ß. Beten steht hier für Glauben, für ausdrücklich gewordenen, konkret vollzogenen Glauben.
Ein jüdischer Gast in unserem Kloster gab uns seine Aufzeichnungen über seinen Besuch in Auschwitz und Birkenau. Im Widerspiel verschiedener Kräfte, die "Auschwitz" für sich reklamieren, wurde ihm eine Gruppe deutlich, die sich, wie er sagt, "der in Auschwitz-Birkenau konkret gewordenen Gegenwart des Bösen als schlechthin Gläubige stellt." Ihm steht eine Prozession von vorwiegend jungen Polen vor Augen, die auf dem Lagergelände den Kreuzweg betete. Den jüdischen Gast überzeugte der tiefe Ernst der Teilnehmer, die Beziehung der Stationen auf die Leiden derer, die an den betreffenden Stellen gemartert worden waren, auf das Martyrium der Juden und Christen. Er empfand: Hier geschieht keine christliche "Vereinnahmung". In diesem Sinn kann er auch die in Auschwitz lebenden Karmelitinnen - wie er sagt - "einigermaßen verstehen". Auch wenn er sich mit dem institutionell-religiösen Charakter eines Klosters an diesem Ort schwer tut, ist er überzeugt, daß eine "religiöse Präsenz", eben Menschen, die "schlechthin Gläubige" sind, in Auschwitz notwendig sind.

Das Ringen um den Glauben, um das Glauben- und Betenkönnen angesichts des Holocaust wird viele der überlebenden Juden bedrängen. Es ist letztlich das Ringen um ihren Gott, es sind die quälenden Fragen nach dem Warum ihrer Leiden und des anonymen Sterbens ihrer Lieben; es ist die Frage nach dem Schweigen Gottes in dieser Schreckenszeit. Auch den Schwestern des Karmel werden diese Fragen nicht fremd sein. Ich meine, sie halten auf vorgeschobenem Posten für uns alle aus - auch wenn sie eines Tages ihren Standort in Auschwitz verlegen müssen. Denn es ist unser aller Gott, der in Auschwitz, Majdanek und an allen Orten der Vernichtung sich in Schweigen zu hüllen schien; den wir auch in unserem Leben oftmals als den Schweigenden erfahren, nicht selten gerade dann, wenn wir seine Antwort so dringend brauchten.
Die Dimensionen der Verbrechen und der Leiden, die sich an den Holocaust des jüdischen Volkes knüpfen, sind unvergleichbar. Und doch sind wir, jeder von uns, als Zeitgenossen oder deren Nachkommen angesprochen mit unserer eigenen Leidensgeschichte, die uns selbst früher oder später das Geheimnis dieses unbegreiflichen Gottes führt.

Christlich-jüdischer Dialog - Hoffnung auf Versöhnung
Die Antwortversuche jüdischer Denker und Beter können uns berühren; berühren und aufrichten kann uns die Kraft ihres unzerstörbaren Glaubens, der sie an Jahre festhalten läßt, auch wenn eigentlich alles dagegen spricht. Wie nötig brauchen wir für unseren Glauben das Zeugnis der Gotterfahrenen!
Umgekehrt versichern uns gläubige Juden, daß sie das Gespräch mit dem christlichen Glauben brauchen, in dessen Mitte der Jude Jesus steht.
Bei aller Dialogbereitschaft im einzelnen müssen wir uns jedoch bewußt machen, daß es kein Gespräch unter Gleichen ist, daß wir Christen mit nicht verheilten Wunden und einer großen Verletzbarkeit bei den jüdischen Gesprächspartnern rechnen müssen. Aber neben dem Gebet ist sicher der Dialog der einzige Weg, der Christen und Juden einander näherbringen kann und dem die Hoffnung auf Versöhnung innewohnt. An den geduldig und beharrlich gesuchten und geführten Dialog lassen sich die vielen Bausteinchen der Entspannung anfügen, von denen Pinchas Lapide in seinem Text über die Friedensbringer spricht. Jedes Wort, das man von sich dem anderen anvertraut und das man vom anderen entgegennimmt, ist eine Brücke des Verstehens und der Verständigung.

Der Name, den die Karmelitinnen in Auschwitz ihrem Kloster gegeben haben, ist diesem Geist verwandt: Karmel von allen Heiligen, Auch das ist Ausdruck einer Weite, die auf Gott blickt, und von ihm her zugleich Nähe, versöhnte Nähe stiftet. Der Name "Von allen Heiligen" umschließt Juden und Christen, alle, die hier glaubend und hoffend in den Tod gegangen sind und von Gott angenommen wurden als seine Zeugen.
Der Name "Von allen Heiligen" will zugleich die Verbindung herstellen zwischen all denen, die schon bei Gott vollendet sind, und den Lebenden, die auf dem Weg sind. Möge es mehr und mehr für uns und alle Menschen ein gemeinsamer Weg werden als Frucht der immer wieder neu geschehenden Versöhnung.
Vortrag gehalten auf dem 23. Evangelischen Kirchentag in Berlin 1989
Aus: Quatember 1989 (S. 190-203)
© Sr. Gemma Hinricher
|