A. Das Thema
B. I. Spiritualität im Pluralismus
II. Spiritualität »damals«
III. Spiritualität heute
IV. Kennzeichen und Impulse einer protestantischen Spiritualität heute
C. Ausblick
A. Das Thema
Das Thema bringt drei Begriffe zusammen: »evangelisch«, »Spiritualität« und »heute«. Daraus darf man zu Recht schließen, es gebe auch andere - z.B. katholische, aber auch fremden Religionen zugehörige - Spiritualitäten; Spiritualität sei nicht dasselbe wie z.B. Glaube, Frömmigkeit oder Lebensstil (das Thema hätte ja auch »Evangelischer Glaube heute« heißen können). Spiritualität zur Zeit der Reformation oder der Romantik, so läßt sich weiter folgern, sei etwas anderes gewesen als Spiritualität »heute«. Wenn ich über»evangelische« Spiritualität rede, so frage ich nach dem »Geist« des Protestantismus, also durchaus nach einer Art konfessionellen Propriums. Sollte sich dieses darüber hinaus als konfessionsübergreifend christlich oder gar als etwas Interreligiöses erweisen, so wäre das kein Schade, wenn es dabei nicht an Konkretion mangelt. Wenn ich von »Spiritualität« rede, so meine ich eine Grundeinstellung (Geisteshaltung), die Frömmigkeit im Sinne von anbetendem Verhalten und ethischen Konsequenzen einschließt. Auch die Frage der Politiker nach den »Grundwerten« gehört in diesen Zusammenhang, wie problematisch dann auch der Umgang damit sein mag.

B. I. Spiritualität im Pluralismus
Von Spiritualität reden seit einiger Zeit viele. Manfred Seitz verhandelt unter dem Stichwort »Spiritualität« die Wirkung des HeiligenGeistes, das Zeugnis der Christen, Askese und Freiheit zum Feiern, Märtyrertum, Beichte, Meditation und Gebet sowie das Verhältnis zwischen den beruflichen Aktivitäten des Pfarrers und seinem geistlichen Leben. (Anm. 1) Hans-Joachim Thilo versteht darunter, »was früher Frömmigkeit genannt wurde, heute als Sehnsucht in uns lebt und sich als Spiritualität neu zu äußern beginnt« (Anm. 2), und auch Richard Riess spricht im Zusammenhang von Spiritualität und Seelsorge von »Sehnsucht. ... nach Leben«. (Anm. 3) Eine Arbeitsgruppe der EKD definierte 1979: Spiritualität sei » ... eine unverzichtbare Dimension ... ein neues ganzheitliches Verständnis von christlicher Lebensgestaltung ...«. Der Begriff »Spiritualität« biete »eine Alternative zu spätprotestantischer, entweder einseitig wertorientierter oder ebenso einseitig handlungsorientierter oder ebenso einseitig stimmungsorienter Frömmigkeit«. In dem Begriff solle wieder zusammengebracht werden, was unglücklicherweise auseinandergedriftet sei. (Anm. 4) Ja, man könne sogar schon von »erneuerter Spiritualität« sprechen, die im Protestantismus in »drei Strängen« zu beobachten sei: dem evangelikal-charismatischen, dem liturgisch-meditativen und dem emanzipatorisch-politischen Strang. Zum ersten wären etwa Wolfram Kopfermanns charismatische Gemeinden, u.a. in Hamburg, aber auch Horst-Klaus Hofmanns »Offensive junger Christen« in Bensheim zu rechnen, zum zweiten z.B. Karl Bernhard Ritters und Wilhelm Stählins Michaelsbruderschaft, aberauchKommunitäten wie die auf dem Schwanberg oder in Imshausen, zum dritten gehören u.a. Dorothee Sölle und das Politische Nachtgebet, Feministische Theologie, aber auch weite Aspekte des Kirchentags. Diese und andere Erneuerungsbewegungen, zu denen übrigens als vierter Strang auch die ökumenische Bewegung als solche sowie als fünfter Pastoralpsychologie und Seelsorgebewegung zu zählen wären, das etwas amorphe New Age, das durchaus auch in der Kirche Anhänger hat, nicht zu vergessen - sie alle suchen nach der Überwindung einer deprimierenden Situation, die Manfred Seitz so zusammenfaßt: »Wir sind spirituell ortlos, heimatlos, bindungslos.« (Anm. 5)
Die Krise der Spiritualität dürfte viele Ursachen haben, vor allem auch die rasante technische Entwicklung, die eine kaum noch zu bewältigende Mobilität und damit eine Entwurzelung auch derer, die keine Flüchtlinge sind, zur Folge hat, ferner die Informationsüberflutung und eine entsprechende Überforderung des einzelnen, aber auch ganzer Gruppen, die militärische Bedrohung durch apokalyptisch anmutende Waffen - kurz: Orientierungslosigkeit und Unfähigkeit, ja Unmöglichkeit, für alles, was wir heute erleben und wahrnehmen, persönlich Verantwortung zu übernehmen. Psychologisch produziert diese Situation Angst. Angst war schon immer eine der Hauptwurzeln der Frömmigkeit, und zwar in der Verbindung mit schier unendlicher Hoffnung auf Überwindung: Überwindung z.B. von Krankheiten, Ohnmachtsgefühlen, Armut und Tod. Die Krise der Spiritualität bringt also neue Spiritualität hervor. Ich vermute, das war schon immer so, und blicke daher kurz und »über den Daumen« zurück.

II. Spiritualität »damals«
In der Antike gab es u.a. so etwas wie eine apokalyptische Spiritualität, die auch das Neue Testament mitgeprägt hat und die Angst vor der Zukunft bewältigen wollte. Im Mittelalter begegnen wir einer Spiritualität, die durch die Auseinandersetzung von christlicher Überlieferung mit arabischer Weisheit und griechischer Philosophie - nicht nur im Sinne eines akademischen »Glasperlenspiels«, sondern durchaus im politischen Kontext - geprägt ist: Die Spiritualität eines Thomas oder Abälard mutet uns heute fremd und zugleich faszinierend an. Im Spätmittelalter begegnen wir einer Geisteshaltung, die Angst durch Bußfrömmigkeit bannen wollte. Ihrer Ausnutzung trat Martin Luther mit seinen 95 Thesen entgegen. Neue Impulse aus Mönchtum, Humanismus und Frühaufklärung prägen die reformatorische Spiritualität: Sprach- und Wortkultur, Pädagogisierung derFrömmigkeit im Interesse größerer Mündigkeit und Unabhängigkeit von »Rom«, also ein kräftiger emanzipatorischer Impuls, den übrigens auch das Bürgertum gegenüber Fürsten und Rittern verspürt, ferner der aufkeimende Individualismus, der den einzelnen Menschen als seinen eigenen Priester vor Gott stellt, kämpferischer Protest und Impulse zur Demokratisierung gehören in diesen Zusammenhang. Der Dreißigjährige Krieg bringt eine stark jenseitsorientierte Spiritualität hervor, wohingegen der Pietismus im Zuge wirtschaftlicher Besserung dem Diesseits wieder größeres Gewicht geben und einer praktischen Frömmigkeit hier und jetzt das Wort reden kann.
Während sich traditionelle Volksfrömmigkeit im Katholizismus noch länger erhalten kann (Kirchen- und Heiligenjahr, Prozessionen, Wallfahrten usw.), lösen sich die gottesdienstlichen Formen und die Vielfalt liturgischer Ausdrucksmöglichkeiten seit der Aufklärungszeit im Protestantismus langsam auf: Die Kirche wird zur obrigkeitlich geförderten Fortsetzung der Schule - sonntags hat man eine Art Ethikuntenicht in der Kirche zu besuchen -, in privaten Hauskreisen und im stillen Kämmerlein sowie in der frommen (Pfarr-)Familie übt man Bibellese, freies Gebet und Hausandacht. Der Pfarrer ist eine Mischung aus Dorfgelehrtem, Gemeindevater, Freund und Helfer einerseits, Aufseher (z.B. über die Schulen, aber selbstverständlich auch über die Moral seiner einzelnen Schäfchen) und Polizist andererseits. Das Schwarz des sogenannten Preußentalars, des akademischen Gelehrtenmantels (den seit 1811 evangelische Pfarrer, aber auch Juristen und Rabbiner zu tragen hatten), paßt zu diesem Typus protestantisch-biederer Rechtschaffenheits-Spiritualität. Dazu gehört auch die geradezu wissenschafts-positivistische Ausrichtung protestantischer Theologie: Das Schriftprinzip führte zu einer Gleichsetzung von philologischer Akribie im Umgang mit Texten der Bibel und Erforschung der Offenbarungswahrheit des Glaubens; Predigt als gelehrte Rekonstruktion des Textsinns soll »Wahrheit« ansagen - welche? Die Wahrheit des Schriftgelehrten? Doch der Biblizismus führt sich in der historisch-kritischen Exegese selbst ad absurdum. Was bleibt als Spiritualität? Jemand meinte: »Der Protestantismus ist eine denkbare, aber keine lebbare Religion.« Sein humanistischer Intellektualismus gibt den Leuten viel zu denken, aber wenig zum Leben. Klaus Winkler hat diese »Zumutung« pastoralpsychologisch erläutert und als Überforderung interpretiert. (Anm. 6)

Die »Verschulung der Gesellschaft« hat also früh begonnen. Eigentlich besteht jetzt die ganze Kirche, ja die ganze Gesellschaft aus lauter Lehrern und Schülern. In dieser Spiritualität ist viel Raum für Sprachen und Geschichte, aber auch für Naturwissenschaften und andere sogenannte Realien, weniger jedoch für Symbol und Kunsthandwerk (im Sinne des mittelalterlichen Künstlertums), für Mythos und Kultus. Diese wandern aus in eine abgespaltene individualistisch-elitäre Kunst und Literatur, so daß Friedrich Daniel Schleiermacher denn auch den Zusammenhang von Kunst und Religion erst wieder ins Bewußtsein heben und betonen muß.
Freilich entstehen immer auch Gegenströmungen, so etwa die liturgische Bewegung des vorigen Jahrhunderts oder die Tiefenpsychologie - zunächst bei scheinbaren Ketzern wie Ludwig Feuerbach und Friedrich Nietzsche zu Hause -, die den symbolischen Charakter der Welt und ihrer Erscheinungen verstehen: »Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis, das Unzulängliche, hier wird's Ereignis.» (Johann W. v. Goethe: Faust. II. Schlußchor.) Und es ist kein Zufall, daß ich hier Goethe zitiere; denn ich denke, das Lebenswerk dieses unglaublich umfassenden Geistes ist nicht nur ein Höhe- und Endpunkt protestantischer Spiritualität - ein anderer Höhe- und Endpunkt der protestantischen Geisteshaltung wäre etwa Immanuel Kant -, sondem auch der Beginn von »etwas«, das sich heute u.a. auch in allerlei Konvergenzphänomenen - Ökumene, Jungsche Quaternitäts- oder Ganzheitspsychologie, Fritjof Capra, »Paradigmenwechsel« und New Age äußert: einer zögernden Befreiung aus provinzieller Intoleranz und konfessioneller Enge, der freilich die schon genannte spirituelle Heimatlosigkeit und entsprechend reaktionäre Versuche, Traditionen mit Gewalt zu sichern, korrespondieren.

III. Damit sind wir wieder in der Gegenwart: Spiritualität heute.
Innerhalb der Kirche begeistern - Spiritualität hat es immer mit dem zu tun, was begeistert- sich Menschen für die große, festliche Gemeinschaft der Kirchentage: Hier wird etwas sichtbar und erlebbar von der ungeheuren Menschenmenge, in der wirheute existieren; aber zugleich ist diese Menge auf einem Kirchentag strukturiert, verbunden durch ein vages, aber doch nicht völlig undefiniertes gemeinsames Interesse und Bekenntnis; sie zeigt ein den dazugehörigen Werten entsprechendes Verhalten: z.B. friedliches und diszipliniertes Benehmen in großstädtischen Verkehrsmitteln. Zu dieser Spiritualität gehört auch eine gewisse Unverbindlichkeit und vieles, was an eine antike Wallfahrt zum Zentralheiligtum denken läßt, z.B. Festlichkeit. Der politische Aspekt dabei ist für viele sehr wichtig: Man will Einfluß nehmen und sich nicht länger ohnmächtig fühlen. Befreiungstheologie und politische Ethik sind Bestandteile dieser Einstellung, die manchmal freilich nicht weit von dem entfernt ist, was bei Martin Luther »Werkerei« hieß: Diakonisches Engagement wird scheinbar für wichtiger gehalten als zweckfreies, ja spielerisches Gebet; aber nein: DafUr haben Spiel und Kunst auch wieder Raum als eine Art Balance-Medizin; und die Wiederentdeckung der Körperlichkeit des Glaubens schlägt sich in Konzepten therapeutischer Seelsorge ebenso nieder wie in eucharistischer Frömmigkeit und noch etwas unbeholfenen Versuchen kultischen Tanzes. Schließlich sei die feministische Bewegung genannt, die bei aller Pauschalität ihrer Anklagen, Vorurteile und Verurteilungen und trotz aller Vorbehalte, die ich gegen die Einseitigkeiten ihrer provokativen und sexistisch-blinden Flecken anmelden möchte, durchaus etwas vom Erneuerungswillen protestantischer Spiritualität an sich hat (und wäre es nur durch die Wiederentdeckung der Beginen und Begarden oder solcher Persönlichkeiten wie Hildegards von Bingen).
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