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Quatember

Evangelische Spiritualität heute
von Dietrich Stollberg
(Teil 2)


A. Das Thema
B. I. Spiritualität im Pluralismus
II. Spiritualität »damals«
III. Spiritualität heute
IV. Kennzeichen und Impulse einer protestantischen Spiritualität heute
C. Ausblick

LeerZur heutigen evangelischen Spiritualität rechne ich aber nicht nur die pluralistische Vielfalt des Deutschen Evangelischen Kirchentags, sondern auch die neupietistische Mentalität des Gemeindetags unter dem Wort, eine, vielleicht ängstliche, Reaktion auf die das Bedürfnis nach Orientierung und Heimat herausfordernde verwirrende Vielfalt dessen, was in der Volkskirche möglich zu sein scheint. Heimat braucht Grenzen, Definitionen. Die Heimat nur nach innen zu verlegen und das Setzen der Grenzen der individuellen Verantwortung zu überlassen, überfordert die meisten, und es ist kein Wunder, daß die Evangelikalen wie die konservativen politischen Parteien mit ihrer normativen und an Außenleitung interessierten Mentalität Zulauf haben.

LeerInnerer Orientierungs- und Heimatlosigkeit will auch jene Theologie begegnen, die sich den »Gemeindeaufbau« (im Anschluß an amerikanische Versuche von stewardship, inner city mission u.ä.) oder sogar den »missionarischen Gemeindeaufbau« aufs Panier geschrieben hat: Werbung soll jene Gemeinschaft wiederbeleben, die es einst gegeben zu haben scheint und nach der sich viele sehnen. Die Unverbindlichkeit und Freiheit der säkularen Großstadt, die Harvey Cox in »Stadt ohne Gott« positiv gewürdigt hat (Anm. 7), macht angst und soll durch den Zusammenschluß und die Sammlung der Christen überwunden werden. Der Zunahme der Singles wird ein Idealbild von Familie und »Gemeindeleben« entgegengesetzt. Schade ist nur, daß es allenthalben beim »Bild« davon bleibt.

LeerDas kann man von den Kommunitäten, kibbuzimähnlichen Versuchen u.ä. nicht sagen, deren Alternative zur bürgerlichen Gesellschaft freilich ähnlich wie monastische Bewegungen der Antike und des Mittelalters stets auf einen kleinen Kreis beschränkt sein dürfte. Das verweist uns auf die psychosoziale Tatsache unterschiedlicher Frömmigkeitstypen, die unterschiedliche Sozialgestalten auch von Kirche hervorbringen und kaum gegeneinander ausgespielt werden dürfen. Vielmehr haben wir in unserem Jahrhundert gelernt, von der »Einheit in der Vielfalt« zu reden, äußere und innere Uniformität nicht länger als notwendige Voraussetzung für die Einheit der Kirche (und sogar der Menschheit) zu betrachten, sondern in der Unterschiedlichkeit menschlicher Ausdrucksformen - und damit auch »Spiritualitäten« - einen Reichtum zu sehen, der gegenseitige Ergänzung und gegenseitige Neugier möglich macht. Recht verstandene Ökumene wird daher auch Abstand nehmen von Vorstellungen äußerer organisatorischer Einheit oder gar dogmatischer Konsensfindung: Man kann gemeinsam zu Gott beten ungeachtet menschlich bedingter dogmatischer und spiritueller Optionen.

LeerZur evangelischen Spiritualität rechne ich schließlich auch die Wiederentdeckung des Erzählens in Gesellschaft, Wissenschaft und Theologie (Narrativität) sowie die Faszination breiter Kreise der Gesellschaft von Symbol, Mythos und Märchen.

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IV. Kennzeichen und Impulse einer protestantischen Spiritualität heute:

LeerHier und da gibt es noch ein verkrampftes Festhalten an der Zentralstellung der Wortverkündigung, nach wie vor eine starke Tendenz zu auf Autonomie und Selbstverwirklichung bedachtem Individualismus, freilich auch die Einsicht in die Notwendigkeit, Gemeinsinn zu entwickeln und neue Formen gemeinsamen Lebens zu entdecken, Pluralismus als Konsequenz von Individuation und Individualismus, kritische Einsicht in die Relativität konkreter Formen von Theologie und Frömmigkeit, Tendenz zur Ethisierung religiöser Symbole (Moralismus, Gesetzlichkeit, Gernot Otto: »helfen und lehren«), aber auch die Gegenbewegung einer eucharistischen Frömmigkeit und »zweckfreier religiöser Kommunikation in Liturgie und Kunst« (so daß z.B. der Bischof der EKKW in seinem letzten Hirtenbrief vom 21. August 1991 auf Amtstracht, Fürbittengebet und Kunst ausdrücklich eingegangen ist und die Ergänzung des schwarzen Talars durch die farbige Stola für »sinnvoll und ganz gewiß erwägenswert« erklärt hat). Einer relativ verkrampften Suche nach Rettung kirchlicher Traditionen und protestantischer Identität, die gelegentlich apologetisch-defensive Züge trägt, steht die große Weite einer »Sehnsucht nach Leben« (Riess) gegenüber, wie sie vor allem durch die Theologie Paul Tillichs repräsentiert wird, und wie man sie in unseren Tagen etwa bei Wolfhart Pannenberg finden kann, der nicht nur vom »sakramentalen Wesen der Kirche« und deren symbolischem Charakter spricht, sondern auch davon, daß »die Feier der Eucharistie, nicht die Predigt ..., im Zentrum des gottesdienstlichen Lebens der Kirche« stehe. Protestantische Spiritualität hinke gerade im deutschsprachigen Raum hinter der ökumenischen Entwicklung hinterher, zumal die römisch-katholische Kirche hinsichtlich des Gottesdienstes »in vielen Einzelheiten ... klassischen Forderungen der Reformation entsprochen« habe. Pannenberg hält daher die »Tendenzen zur Interkommunion« für »eine der verheißungsvollsten Manifestationen der neuen eucharistischen Spiritualität«. (Anm. 8) Generell beobachte ich in der Unruhe, die auch die Kirche(n) erfaßt hat, einen Urimpuls evangelischer Spiritualität: den zur Erneuerung (ecclesia semper reformanda).

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C. Ausblick

Leer1928 konnte Paul Tillich anläßlich der Berneuchener Konferenz in seinem Vortrag »Natur und Sakrament« vom »Sterben der Sakramente« sprechen: Gegenkräfte seien »nirgends sichtbar«. Aber »das Sakramentsproblem« sei »entscheidend für die Frage nach der Möglichkeit protestantischer Verwirklichung«, denn »ein völliges Verschwinden des sakramentalen Elements ... würde zu einem Verschwinden des Kultus und schließlich zu einer Aufhebung der Existenz der sichtbaren Kirche führen«. (Anm. 9) Heute scheint mir das »Sterben der Sakramente« erst einmal gebannt. Allenthalben wird auch in der Theologie, nicht zuletzt von den Frauen, Sinnenhaftigkeit, ja Sinnlichkeit und Sakramentalität der Schöpfung beschworen.

LeerWeniger Verständnis findet man, nicht zuletzt aufgrund der historisch-kritischen Exegese, die die Vielfalt des biblischen Zeugnisses aufgedeckt hat, für den Satz Gerhard Ruhbachs: »Evangelische Frömmigkeit ist Bibelfrömmigkeit.« (Anm. 10) So historisch richtig der Satz sein mag und so sehr ihn die Evangelikalen permanent wiederholen, so wenig entspricht er doch tatsächlicher protestantischer Gegenwart. Und was »Nachfolge Christi« heißt, weiß abgesehen von gesetzlichen Parolen heute niemand so recht zu sagen. Das Kirchenjahr, einst eine wichtige Hilfe zum geistlich erfüllten Leben im Rhythmus des Naturjahrs, ist leider selbst Theologen kaum noch gegenwärtig, und »Freude an der Gemeinschaft der Glaubenden« (Ruhbach) wird man, wenn man nicht gerade in der Begeisterungswelle eines Kirchentags mitschwimmt oder von einer Kommunität, etwa Taizé, fasziniert ist, in unseren landeskirchlichen Ortsgemeinden kaum entwickeln können, freilich auch nicht müssen. Die Rede vom »Gemeindeleben« führt möglicherweise in die Irre, weil sie eine christliche Paragesellschaft voraussetzt, die den Intentionen des Evangeliums nur bedingt entspricht.

Leer»Evangelische Spiritualität heute« wird Zweifel (Tillichs »Rechtfertigung des Zweiflers«), Angst und (durchaus politischen) Protest, emanzipatorische und antiautoritäre Impulse, das Ringen um einen neuen Lebensstil (einschließlich einer Erneuerung, nicht Restauration von Ehe und Familie) und um eine neue Moral ebenso einschließen wie den Kampf gegen die materialistische Konsumwelle, die kapitalistische Ausbeutung der Armen und die Verwechslung von Auto und Video mit echten Werten, die seit dem Zusammenbruch des real existierenden Sozialismus nun auch Osteuropa überrollt. Wir sollten als Christen dabei unseren Mund freilich nicht zu voll nehmen, was unsere eigenen Möglichkeiten und das »Angebot« der Kirche betrifft.

Leer»Ehrfurcht vor dem Leben« (Albert Schweitzer) sowie Sinn für »Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung« brauchen heute (nach Manfred Josuttis) nicht nur die befreiende Predigt des Evangeliums, sondern auch die strenge Drohung des Gesetzes, »das schonungslos das Verderben aufdeckt und zeigt, wohin sein Wahnsinn treibt«. Ich weiß nicht, ob man das so sagen kann, aber ich weiß eines: Wir brauchen eine evangelische Spiritualität gerade da, wo Mündigkeit und Zivilcourage unterdrückt werden - wie immer noch im Katholizismus, auf subtilere Weise aber auch im Beamtenstaat der Landeskirchen und selbstverständlich in der Politik (man denke nur an die Informationspolitik, besser: Desinformationspolitik, während des Golfkrieges und danach bis heute). Evangelische Spiritualität heißt hier wie seinerzeit in der DDR Konfliktfähigkeit, Widerspruchsgeist und Protest. Nach Josuttis liegt »die eigentliche Sprachlosigkeit der Kirche« darin, »daß sie die Predigt der Buße nicht mehr wagt«; »aber letztlich liegt hier die einzige Überlebenschance der Menschheit« (Anm. 11). Das ist sehr protestantisch, ja beinahe mittelalterlich: Bußfrömmigkeit gepaart mit Wortgläubigkeit (vgl. dagegen W. Pannenberg). Auch ziviler Ungehorsam, den Josuttis als prophetische Zeichenhandlung interpretiert, hat protestantische Tradition. »Engagement und Verweigerung«, die Konstitutiva asketischer Frömmigkeit, seien, so Josuttis, Kennzeichen der »Kampfhandlungen des Glaubens«, die, so meine ich, den meditativen Rückzug derer, die stellvertretend für die Menschheit den priesterlichen Dienst der Anbetung in ängstlicher Klage und dankbarer Doxologie wahrnehmen, mindestens ergänzen müssen. Josuttis hält es für möglich, spirituellen Glaubenskampf und existentiellen Lebenstrieb zu versöhnen: Menschen wie Gandhi hätten dafür ein Beispiel gegeben.

Dazu folgende Thesen:
  • Evangelische Spiritualität ist gekennzeichnet durch den Willen zur Veränderung und Sehnsucht nach Leben.
  • Evangelische Spiritualität heißt nicht Anpassung an Bestehendes, sondern Konfrontation des Glaubens mit der Welt und Konfrontation des Glaubens mit der Kirche (ecclesia semper reformanda).
  • Evangelische Spiritualität heißt nicht selbstgenügsame Innerlichkeit, sondern selbstkritische Besinnung auf das, was uns unbedingt angeht. Dazu gehört auf jeden Fall Freiheit.
  • Evangelische Spiritualität schließ deshalb Zweifel, Skepsis und Kritik ein.
  • Evangelische Spiritualität kennt die Liebe zur Tradition und zur geistlichen Heimat, aber ebenso den Exodus-Impuls zum Aufbruch in unbekanntes Land.
  • Evangelische Spiritualität heißt nicht landeskirchliche Bibelwochen und künstlich beatmetes Gemeindeleben, sondern autonomes Hören auf den inneren Dialog und seine Konflikte in jedem einzelnen (aber auch in Gruppen) sowie Wahrnehmung tatsächlichen Gemeinschaftslebens, wo immer es sich, wenn auch in noch so problematischen Formen, abspielt.
  • Evangelische Spiritualität heißt nicht rationalistische Moralpredigt, sondern Sinn für den Symbolcharakter der Schöpfung, für Mythos und Kult.
  • Evangelische Spiritualität heißt nicht lieblose Agendentreue und verkrampfte Bemühungen um eine brillante Predigt, sondern Sinn für den symbolischen Charakter von Kirche als solcherund Freude, Freude auch am liturgischen Spiel vor Gott.
Anmerkungen:
  1. Manfred Seitz: Praxis des Glaubens. Göttingen, 1978, S. 22.
  2. Hans-Joachim Thilo: Frömmigkeit, München, 1991, S. 9.
  3. Richard Riess: Sehnsucht nach Leben. Göttingen, 1987.
  4. EKD (Hrsg.): Evangelische Spiritualität. Gütersloh, 1979.
  5. M. Seitz, s.o., S. 225.
  6. Klaus Winkler: Die Zumutung im Kontliktfall. Luther als Seelsorger in heutiger Sicht. Hannover, 1984,
  7. Hervey Cox: Stadt ohne Gott. Stuttgart, 1966
  8. Wolfhart Pannenberg: Christliche Spiritualität. Göttingen 1986, S. 36-40.
  9. Paul Tillich: Symbol und Wirklichkeit. Göttingen, 3.Aufl. 1986, S. 49.
  10. Gerhard Ruhbach: Theologie und Spiritualität. Göttingen, 1987.
  11. Manfred Josuttis: Der Kampf des Glaubens im Zeitalter der Lebensgefahr. München, 1987, S. 50, 52.
Quatember 1992 (S. 8-16)
© Prof. Dr. Dietrich Stollberg


© Joachim Januschek
Letzte Änderung: 01-09-04
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