In diesem Jahr liegt es zweimal dreißig Jahre zurück, daß die Michaelsbruderschaft gestiftet wurde. Im vergangenen Jahrzehnt, in den letzten zwanzig und dreißig Jahren, also in dem Zeitraum, in dem die meisten von uns zur Bruderschaft gefunden haben, und besonders noch in den letztvergangenen zwei Jahren, hat sich unbegreiflich viel ereignet, das uns als Brüder, als Christen, als Deutsche, als Menschen betroffen, erschüttert, gefordert, das uns begeistert, aber auch gedemütigt hat. Wir haben uns um Rechenschaft bemüht, sind bereit für Besinnung und Wegweisung; ja wir spüren mitten unter den uns bedrängenden Anforderungen des Tages ein tiefes Bedürfnis, einen Hunger danach. Kann die Bruderschaft helfen, ihn zu stillen, sie, die doch nun alt geworden ist, so alt, daß wirin den letzten zehn Jahren des hundertsten Geburtstages der meisten Brüder aus der Väter- und Stiftergeneration zu gedenken hatten, und daß wir selbst, die Söhne dieser Väter, längst auch schon Väter und Großväter geworden sind oder sein könnten? Sie kann helfen, so meine ich, solange wir nicht aufhören, ihr Dasein als Sendung und Auftrag und damit als Frage an unser Dasein und Selbstverständnis zu empfinden.
Nun haben ja die Stifter der Bruderschaft ihr jedenfalls die eine Frage unausweichlich mitgegeben, die im Namen des Erzengels liegt, dem sie zugeordnet ist. Die hebräischen Worte Mi-cha-el bedeuten ja »Wer ist gleich Gott?« Und dieses Namengebilde ist durch das Fürwort »Wer« nicht nur eindeutig als Frage gekennzeichnet. Das Wort »Gott« gibt dieser Frage vielmehr eine besondere Richtung. Der Name des Erzengels ist eine theologische Frage; noch mehr: ist eine theologische Grundfrage, theologisches Urgestein.

Freilich ist es gar nicht selbstverständlich, daß wir den Namen des Erzengels auch wirklich als Frage, und gar als Frage an uns verstehen; ich bin auch nicht sicher, ob die Väter der Stiftergeneration ihn immer und in erster Linie so verstanden haben. Das Moment des Fragens in der Bedeutung des Namens kann im Bewußtsein durch die Gewißheit gewissermaßen zugedeckt werden, daß wir die Antwort kennen: Niemand ist Gott gleich; und so wird die Frage »Wer ist gleich Gott?« sofort zum Bekenntnis der Unvergleichlichkeit Gottes und weiter zur Herausforderung und Kampfansage gegen jeden Anspruch auf Gottgleichheit. Und der Michaelskampf ist ja tatsächlich gegen alle widergöttlichen Mächte gerichtet, die sich Gott gleichstellen wollen. So war und ist es legitim, den Bekenntnischarakter des Michaelsnamens anzunehmen, und er soll nicht aus dem Selbstverständnis unserer Bruderschaft verdrängt werden. Aber wir wären falsch beraten, wenn wir darüber den Frageimpuls verfehlten, der in dem Namen liegt.
Wir wollen gerade diesen Impuls aufnehmen und uns dadurch ermutigen lassen, unserer Besinnung eine entschieden theologische Orientierung zu geben. Wir wollen Theologie treiben - freilich nicht im Sinne einer »Professorentheologie für Theologieprofessoren«, wie es einmal Helmut Gollwitzer kritisch und auch mit einem Funken Selbstironie ausgedrückt hat. »Theologie« heißt ja nach der alten, ursprünglichen Bedeutung des Wortes auch dichterische, hymnische Rede von Gott und den göttlichen Dingen. Dichter waren so die ersten Theologen; Theologen sind ebenso die Psalmisten, aber auch wir, wenn wir auf unserem Fest - obgleich vielleicht eher de profundis als in excelsis - uns im Psalmgesang üben. In der Frage des Engelsnamens ist freilich auch »Theologie« in einem zweiten, ganz speziellen Sinn dieses Wortes angelegt: »Lehre von Gott«, das Kernstück christlicher Glaubenserkenntnis, in dem gewagt wird, von »Gott selbst« zu reden - im Wissen um die Grenzen, die unserem Wort hier gesetzt sind, die Grenze zwischen Glauben und Schauen, in die wir in unserem leiblichen Dasein eingeschlossen sind.

Der Michaelsname ist zugleich Frage und Kampfruf. Aber können wir ihn in diesem doppelten Sinn zum theologischen Programm unserer heutigen Besinnung werden lassen? Können wir diese Frage zu unserer eigenen machen, ohne uns zu übernehmen, zu überheben, ohne uns ganz einfach über uns selbst und über unsere Gewißheit vom Gott zu täuschen? Ob es gut war, daß die Theologie in den letzten Jahrzehnten es zu einer ihrer vornehmsten Aufgaben gemacht hat, die Menschen in ihren überlieferten und vorgefaßten Meinungen über Gott zu enttäuschen, mag dahingestellt bleiben. Aber gewiß ist es nicht das Amt der Theologie, uns in unseren Selbsttäuschungen zu bestärken. Daher meine ich, daß die Frage nach Gott, die in innerer Aufrichtigkeit zu unserer Frage werden kann, einem noch elementareren Frageimpuls entsprechen müßte. Sie dürfte nicht ein zur fraglosen Gewißheit gewordenes Dasein und Sosein Gottes schon voraussetzen, sollte jene Unsicherheiten, Zweifel, Problematisierungen nicht verleugnen, die der Erzengel Michael überwunden hat, die aber uns bedrängen.
Es ist eine dieser radikaleren, unserer Anfechtungssituation entsprechenden Fragen, die uns bei unserer Besinnung leiten soll. Diese Frage » Wo ist Gott«? ist uns ja ebenso wie jene andere »Wer ist gleich Gott?« aus der Heiligen Schrift wohl vertraut. In der Form »Wo ist nun dein Gott?« entspricht sie wie jene einer Kampfsituation, nur daß der Fragende hier nicht der Gotteskämpfer, sondern der scheinbar überlegene, spottende Gegner ist. Seine Position können wir nicht annehmen, aber wir können und sollten uns von seiner Frage berühren lassen. So wird sie aus einer höhnischen Herausforderung zu einer nachdenklichen Selbstprüfung unserer Glaubenserkenntnis: Ja, wo ist eigentlich unser Gott? In einer gewissen Naivität wollen wir uns, von dieser Frage geleitet, um etwas wie eine Lokalisierung Gottes bemühen. So naiv wir diese Frage stellen wollen, wird uns natürlich doch das Bewußtsein leiten müssen, daß wir uns dabei nicht einem beliebigen Gegenstand menschlichen Forschers zuwenden. Die Frage läßt sich nicht schnell mit einem definitiven »hier« oder »da« ein für allemal entscheiden. Aber sie läßt sich auch nicht, davon wollen wir ausgehen, durch ein abwehrendes »überall« oder »nirgends« beiseite schieben. Unsere Frage könnte vielmehr einen ähnlichen Sinn haben wie jener erschütternde Bittruf zu Jesus »Ich glaube, hilf meinem Unglauben«; sie könnte besagen: Wir bekennen uns zu dir, Gott; wo aber bist du?
I
Wir stehen mit unserer Frage in einer Gemeinschaft des Fragens nicht nur über heute bestehende Grenzen hinaus, sondern auch über die Zeitalter hin. Wir können uns nicht erlauben, uns so zu ihr zu stellen, als hätte vor uns noch nie jemand versucht, auf sie zu antworten. Wir können von solchen Antwortversuchen aus weiterfragen oder uns entschließen, über sie hinweg auf den Grund der Frage zurückzugehen, aber wir dürfen sie nicht ignorieren.
Der erste Antwortversuch, mit dem wir uns zu beschäftigen haben, und der für die Ausbildung eines religiösen, auch des christlichen Weltbildes klassische Bedeutung gewonnen hat, lautet: Gott hat seinen Ort im Himmel. Zahllos sind die Aussagen der Bibel, in denen diese Vorstellung sprachliche Gestalt gefunden hat und auch uns nahekommt, ja sich uns unausweichlich zueignet: »Ich hebe meine Augen auf zu dir, der du im Himmel wohnest.« (Psalm 123,1) »Des Herrn Thron ist im Himmel. Seine Augen sehen herab, seine Blicke prüfen die Menschenkinder.« (Psalm 11,4) »Unser Gott ist im Himmel; er kann schaffen, was er will.« (Psalm 115,3) In der biblischen Sprache und Vorstellungswelt wird das Wort »Himmel« mit solcher Ausschließlichkeit als Bezeichnung für die Wohnung Gottes in Anspruch genommen, daß es - in heiliger Scheu vor dem Mißbrauch des Namens Gottes - geradezu an dessen Stelle treten kann: »Das Reich Gottes ist nahegekommen« heißt es nach dem Bericht des Markus-Evangeliums am Anfang der Verkündigung Jesu (1,15); bei Matthäus wird die gleiche Aussage mit den Worten »das Himmelreich ist nahegekommen« wiedergegeben (3,2). Aber damit wird die Wirklichkeit Gottes ja nicht in die einer unnennbar-umgreifenden kosmischen Größe aufgelöst. »Vater unser, der du bist im Himmel«: das gibt uns in unserem durch die Schwerkraft der Erde gebundenen Dasein eine Orientierung, es erschließt uns eine Dimension der Freiheit, gibt unserem Glauben Raum. In diesem Glaubensraum gilt die Wegweisung: »Suchet, was droben ist, wo Christus ist, sitzend zur Rechten Gottes.« (Kolosser 3,1)
Die Kritik an der biblischen Vorstellungs- und Glaubenswelt im Namen einer modernen wissenschaftlichen Weltanschauung hat nun allerdings bei dieser ihrer räumlichen Struktur an- und eingegriffen; und sie ist darin von der Theologie aufgenommen und bestätigt worden. |