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Quatember

Wo ist Gott?
von Norbert Müller
(Teil 4)


III

LeerEs muß zuletzt der Eindruck entstanden sein, als wären wir durch den Versuch einer Umschau bei den überlieferten Vorstellungsweisen einer heute vertretbaren Antwort auf die Frage »Wo ist Gott?« nicht nähergekommen, sondern eher fernergerückt. Das wäre in dem Sinn nicht zutreffend, als hätten die bisher betrachteten Antwortmöglichkeiten zu nichts weiter gedient, als uns in die Irre zu führen. Sie enthalten unentbehrliche Aspekte einer schließlich auch für uns hilfreichen Antwort. Aber ein Ungenügen gegenüber jeder einzelnen wie auch ihrer Gesamtheit bleibt unüberwindbar. Was fehlt, ist eine gemeinsame, die Einzelaspekte verbindende und uns in unserer Lebenssituation als Zeitgenossen dieses Jahrhunderts einbeziehende Perspektive. Sie könnte zu gewinnen sein, wenn wir unsere Frage nochmals aufnehmen und in zugespitzter Weise neu fassen: »Wo ist Gott?« - das könnte für uns bedeuten: »Wo ist Gott wirklich (und das bedeutet: wirkend, wirksam) da?«

LeerAuch angesichts dieser dringlicheren Fragestellung kann der Aufblick, der in dem Wort » Himmel« zugemutet wird, eine Orientierungshilfe bedeuten: Gott ist etwas über uns und weiter über alles sonst noch Wirkliche hinaus. Wenn Gott für uns wirklich sein soll, dann muß eine Grenze überschritten werden, die den Wesensbestimmungen des Göttlichen und des Menschlichen nach beide gerade unerbittlich trennt. Es muß also nach der Möglichkeit eines Überschreitens gefragt werden; nach dem, was in der Fachsprache der Philosophie als Transzendenz bezeichnet wird. Ist für uns Transzendenz zu Gott hin erreichbar? Es ist nicht sinnvoll, besonders angesichts der Vielfalt religiöser Erfahrungswelten, der wir uns heute gegenübergestellt sehen, eine solche Frage von vornherein mit dogmatischen Argumenten zu verneinen oder gar für unzulässig zu erklären. Schließlich bekennt der Apostel Paulus von sich selbst, eine Entrückung »bis in den dritten Himmel« erfahren zu haben (2. Korinther 12, 2). Aber Paulus macht auch gerade in diesem Zusammenhang deutlich, daß nicht dieser Weg, nicht der Weg der Ekstase, die im Evangelium angebotene Weise des Überschreitens darstellt: Nicht den Ekstatikem, nicht den religiös Starken gilt die Zusage der Gottesnähe, von der hier gesprochen wird, sondern den Schwachen: »Laß dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.« (2. Korinther 12, 9) Damit ist aber unsere Frage nach der Möglichkeit, theologisch von »Transzendenz« zu sprechen, nicht beantwortet, sondern erst an die Stelle gebracht, wo eine Antwort beginnen kann. Der Ausdruck »Transzendenz« ist schon im Verlauf seiner philosophischen Bedeutungsgeschichte auf recht verschiedene Weise gebraucht worden. Er ist umso mehr einer Klarstellung bedürftig, wenn wir ihn theologisch verwenden wollen. »Transzendenz« bezeichnet nicht, wie man annehmen könnte, das Überschreitende, das Jenseitige. Das lateinische Wort, das ihm zugrundeliegt, muß vielmehr mit »Hinüberschreiten« übersetzt werden, beschreibt also einen Vorgang, einen Weg, nicht das Ziel.

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LeerDamit Gott wirklich für uns da sein kann, muß Transzendenz geschehen, muß es zu einem Überschreiten kommen. Und weil dieses überschreiten uns Menschen in der Regel verwehrt ist, muß es durch Gott selbst vollzogen werden. Genau das wird uns ja nun durch das Evangelium von Jesus Christus als Wirklichkeit vor Augen gestellt: »Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber«, sagt Paulus im 2. Korintherbrief (5, 19) nach Luthers Übersetzung: Gott war im Heilandswerk Christi bei uns wirksam gegenwärtig. Freilich ist damit unsere Frage immer noch nicht zulänglich beantwortet. Wir wollen ja wissen, wo Gott ist, und nicht, wo er war. Wenn wir hier stehenbleiben wollten, würden wir die kosmische Jenseitigkeit nur mit einer historischen vertauschen. Trotzdem kündigt sich in der Formulierung des Paulus bereits die auch für uns entscheidende Wendung in der Blickrichtung an. Die Frage nach dem Ort Gottes in unserer Wirklichkeit läßt sich nicht mit Hilfe eines Aufstiegs in eine überweltliche Seinsstufe beantworten, sondern Gott kommt zu uns. Transzendenz in diesem theologischen Sinn ist ein göttlicher Akt, eine Herabkunft, ist Gottes Kondeszendenz. Diese Kondeszendenz ist in die menschliche Geschichte eingebunden. Sie kann und muß auch mit den Mitteln der Geschichtswissenschaft erfaßt und gedeutet werden. Daß sie aber für uns nicht in eine historische Jenseitigkeit entrückt bleibt, ist in den Worten, in denen Paulus diesen alle Denkgewohnheiten umstürzenden Vorgang beschreibt, schon angedeutet und an anderen Stellen des Neuen Testaments bestätigt. Daß Gott in Christus »war« und die Welt mit sich selber »versöhnte«, damit ist eine grundstürzende Veränderung im Verhältnis zwischen Gott und Mensch (das Wort »Welt« ist hier zuerst auf die Menschheit bezogen) angezeigt. Das Wort, das Paulus hier verwendet, ist zwar mit »versöhnen« richtig übersetzt, aber es hat einen weiteren Bedeutungsumfang als das deutsche Wort. Es ist von dem Wortstamm »anders«, »ein anderer« abgeleitet und bedeutet eigentlich: in einem radikalen Sinn verändern, vertauschen, austauschen. Wenn wir, wie in einer mathematischen Gleichung, diese Einsicht in unsere Frage nach dem Ort Gottes einsetzen, dann ergibt sich die Aussage: Gott hat in Christus seinen Ort gegen den unseren vertauscht, er hat uns so verändert, daß wir ihn in unserem irdischen Daseinsraum finden können. Zusagen wie »Ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende« (Matthäus 28, 20) und »Wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen« (18, 20) weisen genau in die gleiche Richtung. Die Frage »Wo ist Gott?« ist damit - nicht in doktrinärer Grundsätzlichkeit, aber im Geltungsbereich unseres daseinsorientierten Fragens - vom Himmel auf die Erde herabgeholt. Aber damit bleibt gleichwohl ein entscheidendes Moment dieser Fragestellung noch zu berücksichtigen.

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LeerWir könnten schon jetzt als Antwort auf unsere Frage »Wo ist Gott wirklich da?« formulieren: Er ist hier bei uns. Aber wann und wie gilt diese Antwort tatsächlich für uns; wo wird dieses bei uns lebendige Wirklichkeit? Wir müssen begreifen lernen, daß die Wendung des Blickes, von der wir sprachen, eine noch viel grundlegendere Neuorientierung von uns fordert, als es zunächst scheinen könnte, nämlich nicht nur hinsichtlich der Suche nach dem Ort Gottes. Es geht überhaupt nicht nur um eine Blickwendung (»Ihr Männer von Galiläa, was steht ihr da und seht zum Himmel?«, Apostelgeschichte 1, 11), sondern um eine vollständige Umkehr unserer Lebensrichtung. Das Gleichnis vom barmherzigen Samariter macht nicht nur in seinem Bildgehalt, sondern vor allem auch in seiner logischen Struktur Wesen und Richtung solcher Umkehr erkennbar. Es ist ja die Antwort Jesu auf die Frage: »Wer ist denn mein Nächster?« Es gibt aber keine kasuistische Umschreibung des Kreises von Personen, denen das Prädikat »Nächster« zukommt, sondern es erzählt einen Einzelfall und stellt nun seinerseits die Frage, wer hier »Nächster« gewesen sei, und mündet in die Aufforderung »Tue desgleichen! « (Lukas 10, 25-37). Das Ergebnis wäre unzulänglich erfaßt, wenn wir hier nur den Übergang von der theoretisierenden Frage zur praktischen Tat gefordert sähen. Es geht nicht nur um eine Hebung der Moral; die war bei Jesu Gesprächspartnern keineswegs besonders schlecht. Es geht vielmehr um eine neue Position, um eine Vertauschung des Standpunkts, entsprechend der, die sich im Akt der Versöhnung zwischen Gott und Mensch vollzieht. Jesus kehrt ja am Ende seiner Erzählung die Fragestellung um: Zu fragen, so wird uns angedeutet, ist nicht, wie ich einen Nächsten finde, an dem ich das Liebesgebot erfüllen kann, sondern was ich zu tun habe, um selbst ein »Nächster« zu sein. Der Imperativ des Gleichnisses lautet dann also: Sei ein Nächster! Die Bewegung Gottes, der in Christus war und so seinen Ort mit unserem vertauschte, setzt sich in unserer Bewegung fort, wenn wir angesichts der »geringsten Brüder« zu Nächsten in diesem aktiven Sinn des Wortes werden (Matthäus 25,40) - und dann begegnen wir in ihnen Christus und damit Gott selbst.

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LeerIn einem Brief, in dem Dietrich Bonhoeffer über seine ersten Erfahrungen als Studentenpfarrer berichtet, faßt er seine tiefen Zweifel am Erfolg seiner Arbeit in dem Ruf zusammen: »Die Unsichtbarkeit macht uns kaputt.« Und er erläutert:

Leer»... dies wahnwitzige dauernde Zurückgeworfenwerden auf den unsichtbaren Gott selbst - das kann doch kein Mensch mehr aushalten.« (18. Oktober 1931 an Helmut Rößler, GS. 1, S. 61). Aber zugleich hatte sich ihm schon die Notwendigkeit und Möglichkeit jener Wendung aufgedrängt, die er zuletzt, während seiner Haftzeit, so beschreibt: »Unser Verhältnis zu Gott ist ein neues Leben im 'Dasein für andere', in der Teilnahme am Sein Jesu ... Der jeweils gegebene erreichbare Nächste ist das Transzendente.« (Widerstand und Ergebung, 1970, S. 414) Freilich macht nun die Spannung zwischen diesen beiden Aussagen auch etwas von der inneren Zerrissenheit, von der kaum erträglichen Belastung deutlich, unter der sich christliches Dasein vollzieht: zwischen neuerschlossener Transzendenz und einem entmutigenden Auf-sich-selbst-Zurückgeworfensein. Aber dieser versöhnende Tausch zwischen Gott und Mensch, der uns erst zu wahrhaft »Nächsten« machen kann, ist eben nicht nur ein moralischer Appell. In ihm stellt sich Gott nicht nur neben uns, sondern er kehrt zugleich bei uns ein. Nur dann können wir am Sein Jesu teilnehmen, wenn Gott in uns Transzendenz bewirkt, so daß wir über die Mauer springen können, in der unsere Selbstliebe uns einschließt. Diese Geistgegenwart Gottes ist freilich kein ruhender Zustand, keine Wesenseigenschaft der menschlichen Seele. Wir können immer nur neu um sie bitten: »Komm, Heiliger Geist, erfüll die Herzen Deiner Gläubigen und entzünd' in ihnen das Feuer Deiner göttlichen Liebe!«

LeerNachdem wir diesen Weg des Fragens, Hörens und Weiterfragens durchmessen haben, möchten wir es wagen, auf die Frage »Wo ist Gott?« zu antworten: Gott ist gegenwärtig; er ist hier, wenn wir an uns seine Transzendenz geschehen lassen.

LeerUnsere Bruderschaft könnte den Sinn haben, daß in ihr und durch sie diese Transzendenz Gottes beispielhaft verwirklicht wird, daß sie ein Ort der Gegenwart Gottes ist. Diese Gegenwart Gottes ist keine nur moralische - auf unser Sollen, Wollen und Tun bezogene -, sie ist zuerst eine sakramentale , das ganze Sein durchdringende Wirklichkeit.

Aus: Quatember 1992 (S. 21-33)
© Prof. Dr. Norbert Müller, Leipzig


© Joachim Januschek
Letzte Änderung: 03-05-21
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