»Meinen Sie, Sie haben verstanden, wer Jesus Christus ist, und wissen nicht, wer Sie selbst sind? Woher wollen Sie denn wissen, daß Sie Jesus Christus verstanden haben? Wer ist denn derjenige, der etwas versteht? Finden Sie das erst einmal heraus. Das ist die Grundlage von allem. Weil wir uns darüber nicht im klaren sind, gibt es immer noch all diese engstirnigen religiösen Leute, die ihre sinnlosen religiösen Kriege führen - Moslems gegen Juden, Protestanten gegen Katholiken, und so weiter. Sie wissen nicht, wer sie sind, denn wenn sie es wüßten, gäbe es keine Kriege.
So wie ein kleines Mädchen einen kleinen Jungen fragte: >Bist du Presbyterianer?< Darauf antwortete der Junge: >Nein, wir haben eine andere Konfrontation!< «
Anthony de Mello SJ.
Ein Wort für die Welt?
Vor einem Jahr, vom 7. bis 20. Februar 1991, trat im australischen Canberra »im Zeichen des Heiligen Geistes« die 7. Vollversammlung des Weltrats der Kirchen zusammen. Wie bereits im Jahr zuvor, bei der Weltversammlung für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung in Seoul (5.-12. März 1990), erwarteten viele ein Wort der Kirchen, das die Welt nicht überhören könne. Inhaltlich war die Erwartung mit dem »Konziliaren Prozeß« verbunden, aber vor allem galt die ökumenische Stimme als Autorität. Von Christen, die mit einem Munde reden, erhofften viele das Orientierungszeichen der Stadt auf dem Berg, des Lichtes auf dem Leuchter (Matthäus 5,14.15). Und heute? Auch prophetische Stimmen, die das Wort der Kirchen einforderten, sind nicht mehr vernehmbar Die Bemerkung eines Journalisten, nach Canberra sei der Kurswert der Ökumene rapide abgesunken, ist kaum zu widerlegen. Zu Pfingsten 1989, bei der Europäischen Ökumenischen Versammlung in Basel, konnte man an Hölderlins Zeile »So viel Anfang war nie« denken. Es war der erste große ökumenische Anlaß, den alle Kirchen - einschließlich der römisch-katholischen - in gemeinsamer Verantwortung trugen. Die Übereinstimmung war über alles Erwarten groß; auch im gemeinsamen Glaubenszeugnis. Den Weg des Schiffes mit dem Aachener Friedenskreuz von den Niederlanden bis Basel säumten Tausende, die sich fröhlich feiernd und betend als das eine Volk Gottes erfuhren. Wer wartet heute noch auf ein Schiff, das sich Ökumene nennt? Wer liest und bedenkt, erwägt und bespricht die Texte von Königstein und Stuttgart, von Magdeburg und Dresden, von Basel, Seoul und Canberra? Viele Synoden des vergangenen Jahres, auch unsere Bistumssynode, fanden kaum Zeit, sich mit den Ergebnissen der Vollversammlung des Ökumenischen Rates zu beschäftigen. Nun steht die Konferenz Europäischer Kirchen im September in Prag bevor. Wer weiß davon, von Insidern abgesehen?.
Neue Vorbehalte, neue Spannungen
Die Freiheit der Kirchen in den Ländern des Ostblocks war zu Pfingsten 1989 in Basel noch ein Traum. Aber sie führte vielerorts zu ökumenischen Vorbehalten und Spannungen. Man sagt dort, nur regimetreue Kreise hätten bisher in diesen Ländern die Ökumene vertreten und zu internationalen Konferenzen ausreisen können. Führende Kirchenvertreter seien den kommunistischen Machthabern und ihren Geheimdiensten verbunden gewesen, und nicht wenige von ihnen bis zur Stunde in Amt und Würden. Exilkirchen im Westen, vor allem der Russen und der Rumänen, betonen nach wir vor ihre Distanz zur Heimatkirche.
In Rußland entstanden erhebliche Schwierigkeiten, weil die mit Rom unierten Ostkirchen gleiche Freiheit wie die Orthodoxen beanspruchen. Das geschieht da und dort mit Gewalt und Gegengewalt. Auch die von der Sowjetregierung verbotene autokephale ukrainisch-orthodoxe Kirche pocht auf ihre Rechte und hat ihren Patriarchen und ihre Bischöfe aus dem Exil zurückgeholt. Evangelische Kirchen beklagen die großen Schwierigkeiten, die bei der Rückerstattung ihres vom Staat beschlagnahmten Eigentums entstehen. In Polen belastet die politische Einflußnahme der römisch-katholischen Kirche nach der Wende das zwischenkirchliche Verhältnis. Mit dem unseligen Bürgerkrieg im zerbrochenen Jugoslawien sind auch die konfessionellen Gegensätze vermengt. So ist das Vertrauen zwischen den Konfessionen in Ost- und Südosteuropa geschwächt. Der Vizesekretär des Päpstlichen Rates für die Einheit der Christen, Prälat Eleuterio Fortino, äußerte dieser Tage, er glaube nicht, »daß es in naher Zukunft möglich sein wird, auf ökumenischer Basis Arbeitsplattformen, etwa für die Neuevangelisierung, erreichen zu können«, obgleich das Arbeitsfeld »immens« sei.

In Deutschland stieg seit dem Sommer des Vorjahrs die Zahl der Kirchenaustritte sprunghaft an. Dazu kommen nicht wenige, die sich den Weg zur Behörde sparen und einfach beim nächsten Wohnungswechsel die Spalte mit der Konfessionsangabe leer lassen. Vielerorts wird das Bild des Kirchenalltags, da und dort auch des normalen Sonntags, vom Gläubigermangel bestimmt. Die Gottesdienstbesucherzahlen sind vielfach rückläufig. Die kirchengewohnte Generation der Älteren reduziert sich durch Krankheit und Todesfälle.
Bedenklicher stimmt freilich, daß die Kirchenaustrittswelle die Kirchenleitungen nicht alarmiert und veranlaßt hat, runde Tische einzurichten, an denen gemeinsam Wege der Neuevangelisierung beraten werden. Denn die wenigsten verlassen die Kirchen konfessionsbezogen, und die Entfremdeten können auch nicht nur konfessionsbezogen wieder erreicht werden. Müßten wir in unseren Kirchen nicht, ähnlich wie in der Not der NS- und DDR-Zeiten, auch aus dieser Notlage den Ruf zur Einheit, zum Tun, das uns eint, hören? Schon vor Jahren hieß es: Alles gemeinsam tun, was man nicht getrennt tun muß!
Was hindert uns daran?
Ist es nicht die Angst der Kirchen, unsere eigene eingeschlossen, die Angst um die konfessionelle Besitzstandwahrung, die Angst vor der Minderung der eigenen Reputation, die Angst, daß bei Dialogen die eigene Sprache und Gewohnheit in Frage gestellt werden, die Angst, nicht genügend modern oder genügend konservativ zu sein? Vor allem ist es die im Grunde unverständliche Angst davor, sich auf das Wort des lebendigen Gottes einzulassen und dadurch unsere eigenen großen Worte, die alten wie die neuen, in Frage stellen zu lassen.
Europa
Über Mission und Evangelisierung in Europa berieten sich vom 13. -17. November 1991 im Jakobus-Wallfahrtsort Santiago de Compostela Vertreter der Konferenz Europäischer Kirchen (KEK) und der Europäischen Römisch-Katholischen Bischofskonferenzen. Der kurz darauf plötzlich verstorbene evangelische Bischof Hans-Gernot Jung aus Kassel hatte dabei noch engagiert mitgetan. Bei der wenige Tage später in Rom zusammengetretenen Bischofssynode zur gleichen Thematik wurde von diesem Treffen und von der Zusammenarbeit mit den in der KEK verbundenen nicht-römisch-katholischen Kirchen überhaupt nicht mehr offiziell gesprochen. Aus anderen Kirchen (nicht aus der Utrechter Union) waren »brüderliche Delegierte« eingeladen. Aber die russisch-orthodoxe und mehrere andere orthodoxe Kirchen lehnten die Einladung von vorneherein ab. Der Vertreter des Ökumenischen Patriarchats von Konstantinopel, Metropolit Spyridon, sparte nicht mit herben Vorwürfen gegenüber den vatikanischen Gastgebern. Die römisch-katholische Kirche habe den Weg des 2. Vatikanischen Konzils verlassen, in ihren Ortskirchen in Osteuropa werde Gewalt geübt, orthodoxe Christen würden abgeworben.
Man muß sich daran erinnern, daß Patriarch Alexej von Moskau noch immer den Vorsitz der KEK innehat und der Versammlung in Basel zusammen mit Kardinal Martini von Mailand vorgestanden hat. Der neue Ökumenische Patriarch, Bartholomaios I. von Konstantinopel, waren Canberra Copräsident des Weisungsausschusses und wurde in den Zentral- und Exekutivausschuß des Ökumenischen Rates gewählt.
Beide Männer sind demnach alles andere als ökumenisch reserviert.
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