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Quatember

Utopie und Wirklichkeit
von Norbert Müller
(Teil 1)


LeerVor 100 Jahren, im April 1892, erschien, gewissermaßen als Ausgabe letzter Hand, die um ein Vorwort vermehrte englische Version einer Schrift, der es bestimmt war, durch die ihr zuwachsende nahezu kanonische Autorität und eine fast grenzenlose Verbreitung das Bewußtsein vieler Millionen Menschen zu beeinflussen und so am Schicksal unseres Jahrhunderts unverwechselbar mitzuwirken: die Abhandlung »Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft« (»Socialism utopian and scientific«) von Friedrich Engels. In ihr wurde der Anspruch des Marxschen »dialektischen Materialismus« begründet und allgemeinverständlich dargestellt, als Geschichtsphilosophie und ökonomische Doktrin nicht nur das ideologische Fundament für eine unaufhaltsam vorwärtsdrängende politische Bewegung zu bieten, sondern im Sinne des im 19. Jahrhundert sich durchsetzenden Wissenschaftsverständnisses bewährte, keiner Berufungsinstanz unterworfene, naturgesetzliche Wahrheit zu sein. Es muß vor allen weiteren Erörterungen klar sein, daß dieser Anspruch spätestens seit den politischen Umwälzungen in Osteuropa im Jahre 1989 nicht nur in Frage gestellt, sondern grundsätzlich und endgültig widerlegt ist. Die marxistische Theorie selbst ermächtigt, ja zwingt zu diesem kategorischen Urteil: »Das Wahrheitskriterium letzter Instanz, das allen übrigen Methoden der Wahrheitsprüfung ... direkt oder indirekt zugrundeliegt, ist die Praxis«, lautet ein Schlüsselsatz marxistisch-leninistischer Philosophie (Anm. 1), und er berechtigt mindestens zu der Schlußfolgerung, daß die Theorie eines wissenschaftlichen Sozialismus, die Engels in der erwähnten Schrift darstellt, in der dort formulierten Form durch die historischen Tatsachen überholt, also an der Praxis gescheitert ist. Sie ist also im Sinne ihres eigenen Kriteriums nicht wahr und kann nicht länger als wissenschaftlich vertretbar betrachtet werden. Der Überschritt von der Utopie zur Wissenschaft, den Engels in seiner Schrift proklamiert hat, ist mißlungen. Welchen Erkenntniswert hat eine gescheiterte Theorie? Hat es Sinn, gewissermaßen im Rückblick nach ihrer Beziehung zur Wirklichkeit zu fragen? Wir müssen uns auf diese Frage ernsthaft einlassen, bevor wir sie mit Gründen beantworten können.

1. »Socialism scientific«

LeerFriedrich Engels hat vor 100 Jahren im Schlußteil seiner Schrift ein weltgeschichtliches Tableau entworfen, das die gesellschaftliche Entwicklung vom Mittelalter bis in die von ihm vorausgesagte revolutionäre Zukunft aus der Sicht des historischen Materialismus in ihren charakteristischen Merkmalen eindrucksvoll vor Augen stellt. Es bietet zuerst - unter dem Aspekt der sich ständig wandelnden Funktion der Warenproduktion in der Gesellschaft - einen allerdings sehr gedrängten Rückblick auf den mittelalterlichen Hintergrund (»Kleine Einzelproduktion. Produktionsmittel für den Einzelgebrauch zugeschnitten, daher urwüchsig-unbehülflich, kleinlich, von zwerghafter Wirkung ...«), der mit seinen abwertenden Prädikaten zu erkennen gibt, daß die sozialistische Theorie des ausgehenden 19. Jahrhunderts auch nur den leisesten Anschein einer romantischen Verklärung der Vergangenheit zu vermeiden suchte. Zweitens folgt eine ausführliche Analyse der neuzeitlichen Entwicklung und der zeitgenössischen Situation unter dem zusammenfassenden Leitbegriff »Kapitalistische Revolution«. Die Ausbildung kapitalistischer Verhältnisse bedeutet einen Fortschritt durch die Konzentration und damit Intensivierung der Produktion, ist aber durch den »Grundwiderspruch« des Kapitalismus belastet, »aus dem«, wie Engels betont, »alle Widersprüche entspringen, in denen die heutige Gesellschaft sich bewegt«:

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Leer»Die Produktion ist ein gesellschaftlicher«, d.h. nicht mehr individueller Entscheidung verfügbarer, »Akt geworden; der Austausch und mit ihm die Aneignung bleiben... Akte des einzelnen.« Der marxistische Lehrsatz., den Engels im Druck hervorhebt, lautet: »Das gesellschaftliche Produkt wird angeeignet von Einzelkapitalisten.« Die kapitalistischen Eigentumsverhältnisse bedeuten die »Scheidung des Produzenten« (d.h. des Arbeitenden) »von den Produktionsmitteln« und damit die »Verurteilung des Arbeiters zu lebenslänglicher Lohnarbeit«. Der Kapitalismus, Ergebnis eines Prozesses, dem die positiv wertbesetzte Bezeichnung einer »Revolution« zugebilligt wird, entwickelt sich also durch seinen »Grundwiderspruch« zu einem spannungsreichen Klassenkampf: »Gegensatz von Proletariat und Bourgeoisie.« Der Grundwiderspruch führt auch in anderer Hinsicht zu belastenden Spannungen; Engels skizziert in Stichworten: »Zügelloser Konkurrenzkampf. Widerspruch der gesellschaftlichen Organisation in der einzelnen Fabrik und der gesellschaftlichen Anarchie in der Gesamtproduktion.« Die krisenhafte Fortsetzung dieser Entwicklung vollzieht sich in dem Bild, das Engels entwirft, unter dem »Zwangsgesetz der Konkurrenz«: Die industriellen Produktionsanlagen werden technisch vollkommener; dadurch werden einerseits Arbeitskräfte überflüssig. Die nunmehr arbeitslosen Menschen bilden eine »industrielle Reservearmee«; andererseits kommt es zu »Überproduktion, Überfüllung der Märkte«. Die »kapitalistische Form der Produktion« verbietet »den Produktivkräften ... zu wirken, den Produkten zu zirkulieren«: »Der Widerspruch hat sich geweigert zum Widersinn«. Die Konsequenz aus dieser Entwicklung zieht Engels mit dem kategorischen Urteil: »Die Bourgeoisie ist überführt der Unfähigkeit, ihre eigenen gesellschaftlichen Produktivkräfte fernerhin zu leiten.« Die Situation der eigenen Gegenwart sieht Engels durch eine erzwungene, freilich nur »teilweise Anerkennung des gesellschaftlichen Charakters der Produktivkräfte« bestimmt: Aktiengesellschaften, Trusts, später der Staat eignen sich die »großen Produktions- und Verkehrsorganismen« an: »Die Bourgeoisie erweist sich als überflüssige Klasse.« Der dritte Aspekt des Gesamtbildes, auf den hin die ganze Darstellung orientiert ist, gilt der im Sinne von Engels unausweichlichen Zukunftsentwicklung, deren Stichwort lautet: »Proletarische Revolution«. Nach dem streng beobachteten Gesetz dialektischer Logik muß sich nun hier die »Auflösung der Widersprüche« vollziehen. Engels skizziert den Vorgang mit folgenden Worten:

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Leer»Das Proletariat ergreift die öffentliche Gewalt und verwandelt kraft dieser Gewalt die den Händen der Bourgeoisie entgleitenden gesellschaftlichen Produktionsmittel in öffentliches Eigentum. Durch diesen Akt befreit es die Produktionsmittel von ihrer bisherigen Kapitaleigenschaft und gibt ihrem gesellschaftlichen Charakter volle Freiheit, sich durchzusetzen. Eine gesellschaftliche Produktion nach vorbestimmtem Plan wird nunmehr möglich. Die Entwicklung der Produktion macht die fernere Existenz verschiedener Gesellschaftsklassen zu einem Anachronismus. In dem Maß wie die Anarchie der gesellschaftlichen Produktion schwindet, schläft auch die politische Autorität des Staats ein. Die Menschen, endlich Herren ihrer eignen Art der Vergesellschaftung, werden zugleich Herren der Natur, Herren ihrer selbst - frei.« (Anm. 2)

LeerGerade diese letzten Sätze, mit denen Engels seinem Geschichts- und Zukunftstableau die entscheidenden Glanzlichter aufsetzt, machen die erschütternde und zugleich groteske Diskrepanz erkennbar, die sich zwischen marxistischer Theorie und der Wirklichkeit herausgebildet hat, nachdem jene in einem welthistorischen Großexperiment sieben Jahrzehnte hindurch die Möglichkeit gehabt hat, sich zu bewähren: Die Theorie ist falsifiziert; der Sozialismus als Wissenschaft im Sinne der marxistisch-leninistischen Schulterminologie ist tot, so tot, daß man versucht ist, auf ihn die drastischen Worte anzuwenden, mit denen Dickens sein »Weihnachtslied in Prosa« im Hinblick auf die dort auftretende Spukgestalt Marley beginnt: »Marley was dead: to begin with. There is no doubt about that. The register of his burial was signed ... Old Marley was dead as a door-nail.« Socialism scientific is dead as a door-nail.

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LeerWas damit aber nicht entschieden ist, ist die Frage, ob nicht in der Theorie, die wir uns anhand ihrer kurzen Zusammenfassung durch Engels vor Augen geführt haben, einzelne Wahrheitsmomente enthalten sind, die wir gerade in unserer heutigen Situation und angesichts der sich in ihr aufdrängenden noch ganz unabsehbaren Verantwortungen nicht vernachlässigen sollten. Dabei muß zunächst klar sein, daß, gerade auch für eine wissenschaftliche Betrachtungsweise, keineswegs alle Behauptungen und Urteile, auf die sich die marxistische Theorie stützt, die ökonomische, soziale und politische Wirklichkeit verfehlen, auf die sie sich beziehen. Der große Erfolg, den diese Theorie in den weltweiten Machtverteilungskämpfen durch etwa ein Jahrhundert hin haben konnte, liegt ja darin begründet, daß auf sie das zutraf, was Marx (in unmittelbarer Nachbarschaft zu dem berühmten Wort vom »Opium des Volks«) von der Religion gesagt hat: Sie war für viele »Protestation gegen das wirkliche Elend ...,, der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüt einer herzlosen Welt ..., der Geist geistloser Zustände« (Anm. 3). Zum Scheitern einer Theorie ist es ja nicht nötig, daß jede einzelne Hypothese, die zu ihr beigetragen hat, falsch ist; es genügt, daß eine von ihnen sich als unwahr oder auch nur unvollständig erweist. Die eigentliche Leistung der marxistischen Theorie liegt ja zweifellos in der Analyse der »kapitalistischen Revolution« und ihres Grundwiderspruchs; ihre Irrtümer in der mit so großem Selbstbewußtsein vorgetragenen Prognose liegen auf der Hand. Aber die Weltwirkung des Marxismus ging doch wohl nicht oder nicht in erster Linie von der Treffsicherheit seiner Analysen aus, sondern von den Zukunftsperspektiven, die er eröffnete. Faszination übte nicht die wissenschaftliche Stichhaltigkeit seiner Thesen aus: diese hatte in einer Periode exzessiver Wissenschaftsgläubigkeit nur eine zusätzlich bekräftigende Funktion. Es war das unerhörte Hoffnungspotential, das er freizusetzen vermochte, was ihm seine Anhänger gewann und seine Macht begründete. Von daher legt sich die Frage nahe, ob nicht, dem eigenen Selbstverständnis zuwider, das utopische Moment im marxistischen Sozialismus seinen wissenschaftlichen Elementen gegenüber seine eigene und eigentümliche Wirklichkeitsbeziehung besitzt, der nachzufragen gerade nach dem historischen Scheitern der dogmatisierten Theorie sinnvoll sein könnte.

Anmerkungen:
1) Alfred Kosing Art. »Wahrheit«. ln: (marxistisch-leninistisches) Philosophisches Wörterbuch. Bd.2, Leipzig, 1974, S. 1274
2) Karl Marx/Friedrich Engels: Ausgewählte Werke in sechs Bänden. (= MEAW). Bd. V Dietz Verlag, Berlin, 1972, S. 474-476.
3) Karl Marx: Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie, Einleitung (1844). MEAW.1, S.10.


© Joachim Januschek
Letzte Änderung: 03-05-29
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