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Quatember

Utopie und Wirklichkeit
von Norbert Müller
(Teil 2)


2. Sozialismus als Utopie

LeerEinliniges Fortschrittsdenken kann den Weg »von der Utopie zur Wissenschaft« nur als Überwindung einer vorwissenschaftlichen Denkform verstehen; der »wissenschaftliche Sozialismus« bedeutet dann »das Ende der Utopie« (Anm. 4). Aber schon eine stilistische Betrachtung des vorhin zitierten Schlüsseltextes von Engels läßt hier gewisse Zweifel aufkommen. Ist in ihm die Utopie wirklich an ihr Ende gekommen, »aufgehoben« im dreifachen Sinn Hegelscher Dialektik in der kalten Präzision wissenschaftlicher Prognose? Engels bietet in seiner Kurzdarstellung wohl nüchterne gesellschaftskritische Analyse: Er stellt die für ihn relevanten Tatbestände in einem übersichtlichen Bild vor Augen. Aber unversehens mischen sich in seinen Sprachgestus auch schon dort, wo es um die sachliche Vermittlung ökonomisch-soziologischer Informationen geht, Elemente geschichtsphilosophischer Wertung, eines sich gegen Ende der Abhandlung deutlich verstärkenden politisch-moralischen Pathos ein: Schon die mittelalterliche Produktionsweise trägt den Keim der »Anarchie« in sich; der Übergang zum Kapitalismus wird zwar (positiv) als »Revolution« gewertet, führt aber zu einem »Grundwiderspruch«, der sich zum »Widersinn« steigert und in dem die Bourgeoisie ihrer »Unfähigkeit« überführt wird, sich schließlich als »überflüssige Klasse« erweist; das Proletariat dagegen macht in der letzten Phase der vorausgesagten Entwicklung nicht nur die Produktionsmittel und zugleich sich selber frei, sondern es beseitigt auch »die Anarchie der gesellschaftlichen Produktion«, bringt »die politische Autorität des Staates« zum Verschwinden und macht die Menschen überhaupt zu »Herren der Natur, Herren ihrer selbst«. In der Schlußsequenz des Engelsschen Textes wird dann »diese weltbefreiende Tat« als »der geschichtliche Beruf des modernen Proletariats« gefeiert; dem »wissenschaftlichen Sozialismus« die Aufgabe zuerkannt, »theoretischer Ausdruck der proletarischen Bewegung« zu sein. Die Theorie folgt also der politischen Bewegung, sie ergründet »ihre geschichtlichen Bedingungen«, begründet aber nicht deren vorbestimmte Richtung. Sie vermittelt Einsicht, aber eigentlich keine Innovation.

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LeerBevor wir unsere Betrachtung fortsetzen, dürfte es angebracht sein, daß wir uns in gebotener Kürze darüber verständigen, was wir im Folgenden als »Utopie«, »utopisch« bezeichnen wollen. Eine brauchbare, nicht ideologisch eingeengte neuere Begriffsbestimmung, die uns hier hilfreich sein kann, besagt, »daß politische Utopien Fiktionen innerweltlicher Gesellschaften« seien, »die sich entweder zu einem Wunsch- oder einem Feindbild verdichten«, wobei »eine präzise Kritik bestehender Institutionen und sozio-politischer Verhältnisse« mit einer »durch dachte(n) und rational nachvollziehbare(n) Alternative« konfrontiert wird (Anm. 5). Gerade die klassischen Utopien der Neuzeit, also etwa die »Utopia« von Thomas Mores, die der Gattung den Namen gab (1518), Johann Valentin Andreaes »Christianopolis« (1619) und Francis Bacons »New Atlantis« (1627), ebenso aber auch das antike Vorbild, Platons »Politeia«, auf das diese Literaturgattung letztlich zurückzuführen ist, weisen die hier zusammengefaßten Grundzüge in charakteristischer Synthese auf: Kritik und Alternative, auf einen fiktiven Wirklichkeitshorizont projiziert. Utopien sind, freilich in einem weiteren und wesentlicheren Sinn, als es die von einem bedauerlichen Niveauverlust bedrohte literarische Gattung heute im allgemeinen zu leisten vermag, »science fiction«, eine Verbindung von Wissenschaft und phantasievoller Prognose, von Philosophie und Belletristik und auch, hier wäre die oben zitierte Definition zu ergänzen, von Rationalem und Emotionalem. Eine Utopie kann demnach auf Wahrheit beruhen, wenn die Grundannahmen, auf die sie sich in ihrer Kritik stützt, richtig sind; sie kann sich bewähren, wenn sie dem ethischen und politischen Bewußtsein neue, weiterführende Impulse vermittelt; sie kann bestätigt werden, wenn sich die Alternativen, die sie anbietet, als erfüllbare, als schließlich erfüllte Prognosen erweisen. Eine Utopie kann aber wegen ihrer komplexen Struktur nicht im strengen wissenschaftlichen Sinn als Ganzes wahr oder falsch sein.

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LeerBlicken wir von dieser Einsicht aus zu dem Text von Engels zurück, so fällt es nicht schwer, die Vermutung bestätigt zu sehen, daß hier keineswegs die Mischform der utopischen Darstellungsweise durch lupenreine Wissenschaftlichkeit verdrängt ist. Wohl stützt sich die dort durch Engels geübte Kritik auf einige richtige Grundannahmen; die Alternative, die er darbietet, muß aber Fiktion bleiben. Zudem sahen wir, daß Engels schon im Sprachstil die für die Gattung Utopie charakteristische Verbindung von rationaler Argumentation und emotionaler Agitation zeigt. Als Utopie hat sich dieser Gesellschaftsentwurf vielleicht in dem oben angedeuteten und eingegrenzten Sinn - wenn man ihre tiefgreifende Wirkung auf das Denken aller von den Problemen Betroffenen würdigt - bewährt; bestätigt aber wurde sie durch die Geschichte nicht.

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LeerDer Sozialismus, so dürfen wir jetzt sagen, hat sich selbst mißverstanden, wenn er das Moment des Utopischen, das er in sich trug, verleugnete. Wir andererseits begeben uns auf einen nicht unbedenklichen Weg, wenn wir ihm den Charakter einer Utopie zubilligen. Der Sozialismus ist wissenschaftlich nicht »wahr«, weil er wegen seiner fiktiven Elemente wissenschaftlich nicht »falsch« sein kann. Aber gewinnt er nicht gerade dadurch Heimatrecht in einer anderen, einer geistigen Welt, in der alle großen Utopien ihren legitimen Ort haben, allen voran Platons Entwurf vom Idealstaat, das Musterbild aller nicht bestätigten Utopien? In dieser Frage liegt eine Paradoxie, die uns wohl bewußt ist, aber unvermeidlich scheint: Das Wort »U-topia« lautet in seiner Grundbedeutung »Nicht -Ort«; wo soll der Ort zu suchen sein, den wir ihr im Widerspruch zu ihrem Namen zuerkennen? Diese Frage steht in innerer Beziehung zu einer weiteren, auf die es uns in unserem Zusammenhang ganz wesentlich ankommt: Könnte es sein, daß eine Utopie, obwohl sie nicht »wahr« im wissenschaftlichen Sinn sein kann, und obwohl sie durch die Geschichte nicht bestätigt wurde, Wahrheit in einem anderen, aber unverlierbaren Sinn vermittelt? Wir dürfen vor dieser Frage nicht zurückschrecken, als würde hier der Lehre von einer »doppelten Wahrheit« das Wort geredet. Die Wahrheit kann letztlich nur eine sein, daran wollen wir festhalten. Zweifeln dürfen wir allerdings daran, ob diese eine Wahrheit uns allein in mit den Mitteln der Empirie zugänglich, ob ihr Bereich durch die Möglichkeiten wissenschaftlicher Veri- und Falsifikation zureichend abgesteckt wird. Auch für das, was uns unser Glaube an Erkenntnis erschließt, erheben wir einen Wahrheitsanspruch, der sich nicht durch Beweise decken läßt. Wir wollen freilich nicht der Versuchung verfallen, eine mögliche Wahrheit nicht-bewährter Utopien zu schnell und zu bequem in die Nähe von Glaubenswahrheiten zu rücken (ohne die soeben hergestellte Beziehung andererseits sofort wieder ableugnen zu wollen): Utopien sind, so hatten wir uns sagen lassen, »Fiktionen innerweltlicher Gesellschaften«. Unter welchen Bedingungen, so wäre also zu fragen, könnten utopische Vorstellungen als wahr betrachtet werden - ohne wissenschaftlich verifizierbar zu sein -, die wir auf einen innerweltlichen Erwartungshorizont projizieren? Es darf daran erinnert werden, daß auch von der Wahrheit eines Kunstwerks gesprochen werden kann und daß wir das als legitim empfinden, ohne nach einer wissenschaftlichen Verifikationsmöglichkeit zu fragen; in ähnlicher Weise können auch Märchen und Mythen auf ihre Wahrheit hin betrachtet werden. Tatsächlich gibt es ja literarische Utopien, denen künstlerischer Rang nicht abzusprechen ist - Platons großer Dialog vom Staat ist auch hier an erster Stelle zu nennen -, und schon die Grundidee dieser Literaturgattung, die sich ja auch in dem Namen »Utopia« ausdrückt, die Versetzung in ein Land »Nirgendwo«, ist eigentlich ein Märchenmotiv. Eine Gleichsetzung von utopischer mit künstlerischer oder mythischer Wahrheit ginge dennoch nicht ohne Rest auf; es wäre dabei das rationale Moment vernachlässigt, das die von uns übernommene Begriffsbestimmung der Utopie zuspricht und das im marxistischen Selbstverständnis den Anlaß bildete, die sozialistische Utopie zur »Wissenschaft« umzudeuten. Es gibt also etwas wie eine »utopische Vernunft«, deren eigentümliche Wirklichkeitsbeziehung sich nicht von selbst versteht, sondern kritisch untersucht werden muß.

Anmerkungen:
4) Winfried Schröder: Art. »Utopie«. In: Philosophisches Wörterbuch (s. Anm 1). Bd. 2, S.1254.
5) Richard Saage: Politische Utopien der Neuzeit. Darmstadt,1991, S. 2 f.


© Joachim Januschek
Letzte Änderung: 03-05-29
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