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Quatember

Utopie und Wirklichkeit
von Norbert Müller
(Teil 3)


3. Kritik der utopischen Vernunft (Anm. 6)

LeerIhre Rationalität macht zugleich die Ehre und die Gefahr jeder Utopie aus: ihre Ehre, weil dieser Wesenszug die utopische Fiktion nachvollziehbar, durchsichtig und damit auch korrigibel macht und ihr einen Wesenszug von Offenheit und Freiheit verleiht; ihre Gefahr, Gefährdung und Gefährlichkeit zugleich, weil die rationale Schlüssigkeit einer Anschauung die von ihr Ergriffenen leicht dazu verleiten kann, sie für unwiderlegbar, unüberholbar, für schlechthin unfehlbar zu halten. In diesem Fall verliert aber die Utopie die Ehre ihrer Rationalität; sie dient nicht mehr der Idee, der sie ihre Existenz verdankt, sondern versucht, sie sich dienstbar zu machen: Sie wird zur Ideologie. Klassischer Beleg für diesen fatalen Unfall ist der vieltausendmal als Losung zitierte, keines Kommentars bedürftige Satz von Lenin: »Die Lehre von Marx ist allmächtig, weil sie wahr ist.« (Anm. 7).

LeerEine Kritik der utopischen Vernunft müßte versuchen, deren Ehre zu wahren oder wiederherzustellen, indem sie jene Gefährdungen und Gefährlichkeiten aufdeckt, das heißt den aus der Rationalität der Fiktion abgeleiteten totalitären Geltungsanspruch als Selbsttäuschung entlarvt und damit die Utopie in den Bereich zurückverweist, in dem sie auf ihre Weise der Wahrheit dienen kann, so daß ihr schließlich selbst Wahrheit zugesprochen werden kann.

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LeerEs ist also den großen Warnungen vor den totalitären Gefahren, die von utopischem Denken ausgehen können, recht zu geben. Vor allem ist auf Karl Popper hinzuweisen, der in seinem Werk »Die offene Gesellschaft und ihre Feinde« (1944, deutsch 1957) nicht nur mit der marxistischen, sondern schon mit der platonischen Utopie hart ins Gericht geht. Popper kritisiert nicht nur den Zwangscharakter einer Gesellschaftsverfassung, die nach den Forderungen der Utopisten konstruiert würde und wurde, sondern vor allem auch den Zwangscharakter einer Denkhaltung - von Popper »Historizismus« genannt -, die meint, aus dem überschaubaren Geschichtsverlauf Gesetze für die Zukunftsentwicklung ableiten zu können und sich das Recht nimmt, diese der Wirklichkeit auch gegen den Willen der betroffenen Menschen aufzunötigen. Wenn geschichtsphilosophisches Denken seine Ergebnisse absolut setzt, kann es zu mythischen Überhöhungen kommen, wie sie unserem Jahrhundert voller Schuld und Leid ihre unauslöschlichen Spuren aufgeprägt haben: Ernst Cassirer, ein anderer großer Philosoph dieses Jahrhunderts, hat sein letztes Buch »Der Mythus des Staates« (1949) diesen Zusammenhängen gewidmet. Wir wollen uns aber dennoch nicht davon abschrecken lassen, auch über eine mögliche Ehrenrettung der Utopien nachzudenken. Sie wäre, wie wir meinen, durch eine Besinnung darüber zu erreichen, ob es, wenn schon keine Verifikation, so doch bestimmte Wahrheits- oder vielleicht noch richtiger Bewertungskriterien für utopische Vorstellungen geben könne. Ästhetische und theologische Gesichtspunkte wollen wir hier ausschließen, obwohl sie bei der Gesamtwürdigung eines utopischen Entwurfs eine Rolle spielen könnten; wir hatten uns ja bereits darauf verständigt, daß eine mögliche Wahrheit der Utopie nicht mit künstlerischer oder religiöser Wahrheit schlechthin gleichgesetzt werden dürfe. Die Rationalität der Utopie ist nach unserem Verständnis in ihrem Begriff mitgegeben, kann also für eine Wertung nicht in Anschlag gebracht werden. Wir möchten einen schon beiläufig ins Spiel gebrachten Gedanken hier aufnehmen und weiterführen: Jede Utopie verdankt einer Idee ihr Dasein und ist darauf angelegt, ihr zu dienen. Freilich bedürfte es nun einer eingehenden Untersuchung, was unter dem Wort »Idee« genau zu verstehen sei. Für unseren Zusammenhang dürfen wir uns aber vielleicht mit einer andeutenden Begriffsbestimmung begnügen: Mit »Idee« bezeichnen wir einen grundlegenden Leitgedanken, eine Leitvorstellung, ein Leitbild.

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LeerWir wollen nun versuchen, wie sich eine bestimmte Utopie einer Idee zuordnen läßt. Wenn wir uns mit dieser Absicht Platons Staatsutopie, seiner »Politeia« zuwenden, dürfen wir uns nicht dadurch verwirren lassen, daß Platon in diesem Werk seine ganz spezielle Lehre von den Ideen entwickelt. Obwohl das gerade im Sinne unserer Thematik kein Zufall ist, muß festgehalten wenden, daß unser Wortverständnis von »Idee« nicht den strengen Anforderungen einer philosophischen Terminologie entspricht, sondern bewußt in einer gewissen umgangssprachlichen Allgemeinheit verbleibt. Wenn wir nun in diesem Sinn nach der Platons »Politeia« zugrundeliegenden Idee fragen, müssen wir besonders auf die Bedeutung achten, die der »paideia«, der Menschenbildung, im Entwurf eines Idealstaates zugemessen wird. Diese Bildung, die Leibes- und Geistesübung zugleich umfaßt, dient der Erhaltung des Staates, weil sie allein die Voraussetzung dafür schafft, daß diejenigen die Herrschaft ausüben können, die das Wesen der Gerechtigkeit erkannt haben, und das sind die »Liebhaber der Weisheit«, die Philosophen. Die Idee, der die Utopie Platons dient, ist also die Verbindung und Versöhnung von Geist und Macht. Platon hat dieser Idee auch in der politischen Wirklichkeit seiner Zeit zu dienen versucht; er ist dabei wohl daran gescheitert, daß die Bildungsfähigkeit und Lernwilligkeit der Mächtigen nicht den Anforderungen entsprach, die Platon an sie stellte. Platon selbst aber hat sich als lernwillig erwiesen und sein utopisches Denken für Korrekturen offengehalten; im Atlantismythos seines fragmentarisch überlieferten Dialogs »Kritias« und in dem großen Spätwerk über die »Gesetze« hat er weitere und veränderte utopische Entwürfe hinterlassen und so jeden totalitären Geltungsanspruch für ein einzelnes seiner fiktiven Gesellschaftsmodelle selbst widerlegt. Gerade dadurch aber bleibt sein Beitrag zur Wahrheit der Utopien, die Forderung einer harmonischen Zuordnung vorn Geist und Macht, ja der Unterordnung der Macht unter den Geist in unaufhebbarer Gültigkeit.

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LeerWagen wir es, in gleicher Weise nach der Wahrheit der sozialistischen Utopie zu fragen? Sie dürfte am unmittelbarsten dort zu finden sein, wo sich ihre Theorie am wenigsten wissenschaftlich, am offensten utopisch darbietet. Das ist in dem von uns betrachteten Text von Engels an der Stelle der Fall, an der die Menschen als »Herren ihrer selbst-frei« vor dem inneren Auge erscheinen. Auch hier könnte, wie mir scheint, eine Idee erkennbar werden: die Leitvorstellung einer harmonischen Zuordnung von Arbeit und Freiheit, einer Unterordnung der Arbeit unter die Freiheit. Diese Idee hat tiefe Wurzeln in unserer eigenen christlichen, biblischen Vorstellungswelt. Im Schöpfungspsalm 104 wird in einem unvergeßlichen Bild der Mensch gezeichnet, wie er am Morgen hervortritt: Hinter ihm liegt die Nacht, in der die wilden Tiere auf Beute ausgehen und mit ihrem Gebrüll ihr Lebensrecht bekunden; wenn aber die Sonne aufstrahlt, »geht der Mensch hinaus an sein Tagwerk, an seine Arbeit bis zum Abend« (Vers 23). Im Wort erscheint hier der Mensch lediglich als das Wesen, das durch »Arbeit« gekennzeichnet ist - vom gleichen Sprachstamm wie »Arbeit« ist im Hebräischen auch »Knecht«, »Sklave« abgeleitet. Im Bild aber steht der Mensch hier vor uns im Morgenlicht der Schöpfung, aufrecht, den Blick frei erhoben von der Erde, den Mund befreit zum Organ der Sprache, die Hände entfesselt zu freiem Wirken. Wo die Utopie des sozialistischen Denkens diesem Leitbild dient, bleibt sie der ihr anvertrauten Wahrheit treu; wo sie es verleugnet, verliert sie ihren Sinn.

LeerWie steht es also mit der Beziehung zwischen Utopie und Wirklichkeit? Wir wollen unsere Betrachtung nicht mit einer abschließenden Behauptung, sondern mit einer Erwägung beenden, die die Fragemöglichkeiten offenhält. Könnte es sein, daß dem Eifer, Utopien verwirklichen zu wollen, ein Kurzschluß zugrunde liegt? Könnte es sein, daß die Utopie gar nicht in Realität umgesetzt werden, sondern der Stachel bleiben will, der jede real existierende Wirklichkeit mit der Wahrheit der Ideen konfrontiert, denen sie dient? Und noch weiter und unvorsichtiger gefragt: Könnte es sein, daß nicht nur Platons »Staat«, sondern der Staat selbst eigentlich eine Utopie ist, die dem Leitbild wohlgebildeter Menschlichkeit in Geist und Freiheit dienen möchte, ohne je ohne Einschränkung verwirklicht werden zu können und zu wollen? Jede Ordnung hätte sich an ihr zu messen, keine aber dürfte sich autoritär mit ihr identifizieren. Ihr möglichst nahezukommen, könnte das Ziel eines edlen politischen Wettstreits werden. Die Ehre der Utopie liegt darin, in dieser Weise der Wirklichkeit zu dienen, sich der Wirklichkeit mitzuteilen, nicht aber, die Wirklichkeit sich zu unterwerfen.

Anmerkungen:
6) Vgl. dazu Wilhelm Voßkamp (Hrsg.): Utopieforschung. Bd. 1. Frankfurt, 1985, S. 7.
7) Wladimir Iljitsch Lenin: Drei Quellen und drei Bestandteile des Marxismus (1913). Hier zitiert nach: Lenin: Über Hegelsche Dialektik. Leipzig, 1970, S.11.

Quatember 1992 (S. 77-87)
© Prof. Dr. Norbert Müller, Leipzig


© Joachim Januschek
Letzte Änderung: 03-05-29
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