Vieles in der Erforschung des Verhältnisses der Gottesdienstordnungen im Judentum und im Christentum ist noch rein hypothetisch. Die Ouellenlage der entscheidenden Jahrhunderte, der beiden ersten christlichen Jahrhunderte ist dünn. Oft müssen Rückschlüsse aus der Zeit nach 200 gezogen werden. Dabei kann die Entwicklung in der Frühzeit der Kirche völlig anders gewesen sein, als man es in dicken Büchern liest. Wahrscheinlich ist es oft anders gewesen. Vielleicht sind die jüdischen Wurzeln, auf die wir stoßen, andere, als wir sie heute zu entdecken meinen, und vielleicht wird man nach einer weiteren Generation sie wieder anders entdecken und deuten müssen. Aber es gibt sie allemal.
Es gibt jüdische Wurzeln nicht nur in der Anfangszeit. Der christliche Gottesdienst hat sich in seiner Geschichte häufig auf seine Ursprünge zurückbesonnen - und das gerade auch zu Zeiten, wo er eigentlich die Tendenz hatte, sich vom Stamm aus derselben Wurzel zu lösen. Man entdeckte neu, was man vorher übersehen hatte. Das macht Hoffnungen für das Jahr 1992 und die folgenden Jahre, daß auch da Neuentdeckungen gemacht werden können.
I.
Zunächst einmal fällt auf, daß die Christenheit von der jüdischen Gemeinde die Sieben-Tage-Woche übernimmt. Das war ja in der Antike überhaupt nicht selbstverständlich. In Rom rechnete man mit Kalender, Nonen und Iden, aber doch nicht mit der Sieben-Tage-Woche. Die gab es wohl in Babylon, aber Babylon spielt für die Christenheit kaum eine Rolle. Sie wird die grundlegende Zeiteinheit, in der gottesdienstliches und christliches Leben sich gestaltet. Es mag in der palästinensischen Urgemeinde anfangs noch so gewesen sein, daß die Christen den Sabbat begangen haben, wie er in diesem Raum selbstverständlich war. Mit den Juden und vielleicht hier und da ohne die anderen Juden - denn Juden waren die Christen in Palästina ja auch - hat man Sabbat gefeiert. Aber mindestens daneben, und später an Stelle des Sabbats, da nämlich, wo die christliche Gemeinde die Grenzen Palästinas überschreitet, setzt sich die Feier des ersten Tages der Woche durch. Er wird zu dem christlichen Feiertag, damals noch ohne irgend welchen staatlichen Schutz. Wenn wir das feststellen, dann merken wir etwas, das wir immer wieder konstatieren werden, daß in der Geschichte des Gottesdienstes (und auch in der Gegenwart des Gottesdienstes) Nähe und Distanz zum Judentum immer gleichzeitig vorhanden sind. Mit der Synagoge hält die Christenheit an der Sieben-Tage-Woche fest. Ohne die Synagoge ordnet sie diese Woche neu vom ersten Tage her. Das ist nicht nur eine äußere, sondern eine innere Neuordnung.
Wir kennen die Begründung aus dem Neuen Testament: Am ersten Tag der Woche ist der Auferstehungstag Jesu, und Johannes 20 macht besonders deutlich, wie immer wieder am ersten Tag der Woche die Gemeinde sich versammelt; Jesus erscheint überhaupt nur am ersten Tag der Woche, nämlich am Auferstehungstag, und dann erst wieder über acht Tage, nicht zwischendrin. Diesen Tag feiert man. Dieser Tag bekommt eine weitere Bedeutung. Er ist ja der erste Schöpfungstag vom ersten Buch Mose her, der Tag, an dem das Licht geschaffen wurde, oder genauer, an dem die Finsternis von dem Licht getrennt wurde. Und mit dem ersten Tag der Woche, mit dem Tag der Auferstehung Jesu, fängt Gott gleichsam die Schöpfung noch einmal wieder an. Der erste Tag der Woche ist immer Hinweis auf die neue Schöpfung, der siebte Tag der Tag, an dem die alte Schöpfung immer wieder zur Ruhe kommt. In der späteren christlichen Tradition wird sich dann beides miteinander verbinden. Man überträgt die Gebote der Sabbatruhe auf den Sonntag. Wir sollten trotzdem nicht, wenn wir Sonnabend oder Sonntag meinen, vom Wochenende reden. Das ist reine Gedankenlosigkeit.

In der Gestaltung der Woche finden wir bei der ältesten Christenheit dieses Verhältnis von Nähe und Distanz auch an anderen Stellen. Es ist alte jüdische, zumindest pharisäische Tradition, zweimal in der Woche zu fasten, am Montag und am Donnerstag. Die Christenheit übernimmt es; darin steht sie in der Tradition. Aber wieder wechselt sie die Tage. Sie nimmt den Mittwoch und den Freitag als Fastentage, und darin zeigt sich wieder, wie auch dieser Teil christlichen Lebens ganz an Jesus Christus gebunden wird; denn das sind die Tage, die mit seinem Leiden zusammenhängen. Feiert man am ersten Tag der Woche die Auferstehung, so begeht man am vierten und am sechsten Tag den Verrat und den Tod Jesu Christi und setzt so jüdische Tradition in eine neue Tradition um. Man verändert, ohne daß man aufgibt.
Man lebt ebenfalls weiterhin im Gefüge des jüdischen Tages. Selbstverständlich fängt für die Christen, wie für das Judentum, der Tag nicht um Mitternacht, sondern mit Sonnenuntergang an. »Es ward Abend und es ward Morgen - ein erster Tag«, sei heißt es in Genesis 1. Mit dem Abend beginnt auch der christliche Tag. Wir wissen das bis heute, denn wir beginnen die Feier des 25. Dezember am Abend des 24. Dezember; der Abend des 24. Dezember ist der Abend, der zum 25. Dezember gehört. So fängt Weihnachten an. Wochenschlußandachten, Vorabendmessen in unserer heutigen Zeit verdeutlichen diese uralte Tradition - manchmal mehr unbewußt - wieder neu.
II.
Ich möchte jetzt auf den Sonntagsgottesdienst selbst eingehen. Er weist Beziehungen auf zum Gottesdienst der Synagoge. Das ist am augenfälligsten bei den Lesungen. Zwei Lesungen kennt der Gottesdienst der Synagoge, die fortlaufende aus der Thora, und die ergänzende Lesung aus den Propheten. Naiv könnte man jetzt sagen, also entspricht das Epistel und Evangelium. Nur ist das zu einfach gedacht, und es ist auch falsch. Denn für die alte Christenheit war die Bibel des Judentums, vor allem in der Übersetzung der Septuaginta, die Heilige Schrift. Aus ihr wurde zitiert und gewiß auch - wie in der Synagoge - bei den gottesdienstlichen Versammlungen gelesen. Wenn wir das auch nicht mit Sicherheit beweisen können, haben wir aber doch Hinweise.

Es gibt eine eigentümliche Entwicklung in der alten Christenheit, die eine sehr große Nähe zum Synagogengottesdienst erkennen läßt, zumindest in einer altchristlichen Landschaft, im antiochenisch-syrischen Raum, das heißt in der Landschaft, in der ja auch Palästina liegt und in der die Urgemeinde und die Anfänge des Judenchristentums zu Hause waren: den Gottesdienst der syrisch-antiochenischen Kirche. Seit wenigen Jahren haben wir Gemeinden dieser Kirche in Deutschland, z.B. im oldenburgischen Delmenhorst. Der Gottesdienst dieser Kirche hat bis heute die Lesung von Thora und Propheten. Wie in der Synagoge werden diese beiden Texte der hebräischen Bibel Sonntag für Sonntag, außer in der Osterzeit, wo man nicht aus der hebräischen Bibel liest, gelesen. Aber man ergänzt, man bleibt nicht stehen bei Thora und Propheten. Man ergänzt und fügt die apostolischen Brieflesungen und die Worte und Geschichten des Herrn aus den Evangelien an, so daß der syrische Gottesdienst regelmäßig vier Schriftlesungen hat: Thora, Propheten, Epistel und Evangelium. Aber mit dieser Reihung beginnt zugleich eine neue Wertung. Im Synagogengottesdienst ist die Thora die eigentliche Hauptlesung. Die Thora wird festlich aufgehoben aus dem Thoraschrein, und die Prophetenlesung wird angehängt. Im christlichen Gottesdienst werden die Akzente - und hier haben wir jetzt wieder Nähe und Distanz - völlig anders gesetzt. Die Thora bleibt an der ersten Stelle, aber sie ist am weitesten vom Evangelium entfernt. »Das Gesetz ist nebeneingekommen« (Römer 5,20) - weit von Christus, so wird hier empfunden. Die Propheten sind einen Schritt näher. Sie sind das eigentliche Verheißungswort der hebräischen Bibel. Die Apostel, von denen wir die Briefe haben, sind die Jünger des Herrn. Dann begegnet er uns im Evangelium selbst. Und so, wie die Thorarolle im Synagogengottesdienst ausgezeichnet wird, wird in den christlichen Kirchen, die an Sonn- und Feiertagen festliche Hochämter feiern, bis heute das Evangelienbuch feierlich ausgezeichnet. Da wird geräuchert, da werden Kerzenprozessionen veranstaltet, und da ist es der besondere Lektor, mindestens ein Diakon, der aus diesem Buch lesen darf, während aus den anderen Büchern auch andere Lektoren lesen. Distanz und Nähe - es bleiben die alten Lesungen, aber die Wertung kehrt sich um: eine aufsteigende Linie von der Thora zum Evangelium. So ist es vielleicht fast natürlich, daß andere christliche Liturgie-Bereiche die Thoralesung nicht kennen, vielleicht nicht gekannt haben - wir wissen es nicht. Überliefert ist sie nur aus dem syrisch-antiochenischen Raum. Die Prophetenlesung ist sonst überall die erste einer dreigliedrigen Lesung. Auch sie fällt schon im Mittelalter in den abendländischen Liturgien weg, nur die Meßordnung von Mailand behält sie bei und hat bis heute drei Lesungen. Daß es in der neueren evangelischen und auch römisch-katholischen Liturgik Bestrebungen gibt, auf irgendeine Weise die drei Lesungen wiederzugewinnen, das steht auf einem anderen Blatt. Aber hinweisen möchte ich doch auf die Lima-Liturgie und die Vorschläge in der »Erneuerten Agende.« |