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Quatember


Jugendbewegung und Kirchenkampf
in Biographie und Theologie Wilhelm Stählins1


von Hans Eduard Kellner

(Seite 1 von 7)


I. Zur Biographie Stählins und zur Genese seines theologischen Denkens
LeerBiographie - Person und Werk
LeerEntstehung und Systematik der Theologie Stählins
II. Die Bedeutung der Jugendbewegung für seine Biographie und Theologie
LeerDie Lage des Menschen vor Gott
III. Im Kirchenkampf

I. Zur Biographie Stählins und zur Genese seines theologischen Denkens2

Wilhelm Stählin: Sohn eines früh verstorbenen Pfarrers und Missionars aus dem Bayrisch-Schwäbischen, in Gunzenhausen geboren am 24.9.1883, 92jährig am 16.12.1975 in Prien am Chiemsee gestorben. Seine biographischen Daten machen schon deutlich, er gehört jener Theologengeneration an, die, vor der Jahrhundertwende geboren, am Anfang des 20. Jahrhunderts Theologie studierte, bewußt am eigenen Leibe die Katastrophe des Ersten Weltkrieges und des darauffolgenden Umbruchs erlebt, theologisch geprägt durch die entsprechenden geistigen, politischen und gesellschaftlichen Ideologien "Zwischen den Zeiten". Was folgt, war der Untergang der Weimarer Republik und das Heraufziehen des Hitlerfaschismus, dem - kaum zu entwirrende - konservative, nationalistische und völkische und antisemitische Ideologien vorgearbeitet hatten. Beim Zusammenbruch des "Dritten Reiches" im Mai 1945, war Stählin, schon im sechsten Jahrzehnt seines Lebens, Professor für Praktische Theologie in Münster; er folgte bald dem Ruf auf den Bischofsstuhl der Oldenburger Kirche. Dieser zeitgeschichtliche Umbruch bedeutete insgesamt gesehen nie den Impuls für sein Leben und Denken, den die Jahre 1917-1924 darstellen. Das ergibt die Analyse seiner Texte von den frühen Schriften der Religionspsychologie bis hin zur Schrift "Bruderschaft" aus dem Jahre 1940. Die Übersicht3 zeigt prominente Theologen dieser Zeit, wie Barth, Tillich, Bonhoeffer, aber auch Bultmann und Althaus, Zeitgenossen; die engste Beziehung ergab sich zu Paul Tillich. Er arbeitet mit am Berneuchener Buch, ist beteiligt an den Gesprächen zur Reform der Kirche in den Jahren 1925 bis 1930, doch dann trennen sich die Wege. Tillich: "Ich schloß mich der sogenannten 'Berneuchener Bewegung' an, die, geführt von Wilhelm Stählin und Karl Ritter, am meisten von allen Reformgruppen der damaligen Zeit auf Allseitigkeit der Reform drängte und sich nicht auf das Kultische beschränkte. Vor allem suchte sie ein klar durchdachtes theologisches Fundament und gab mir dadurch die Möglichkeit fruchtbarer theologischer Arbeitsgemeinschaft."4 Letztlich aber hatte Tillich dann doch den Eindruck, Berneuchen entwickle sich, nicht zuletzt im Angesicht der Bedrohung durch die politische Romantik des Faschismus, in eine kultische Engführung: "Könnte es nicht sein", so eine kritische Anfrage 1930, nach dem letzten Gespräch über das Thema "Kirche und humanistische Gesellschaft", "daß das Gefühl, daß wir als liturgische Bewegung betrachtet werden, davon kommt, daß wir nicht ernst genug aus der Gesamtlage heraus handeln? ... Das ist meine ganze Kritik: Breite und Aggressivität unserer Arbeit ist nicht ausreichend."5

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Streitpunkte waren neben der Frage, wie Kirche sich in der modernen, neuzeitlichen Gesellschaft verstehen solle, der Dissens in der Einschätzung der Jugendbewegung als eines tragfähigen Reformansatzes, die Frage des Kapitalismus und die damit aufgeworfenen sozialen Fragen und die gegensätzliche Wertung von Natur und Geschichte im Verstehen des Sakraments. Stählin seinerseits konstatiert den Bruch mit Tillich, der auf "der Grenze" zu bleiben gedachte, mit der Bemerkung, daß der Eindruck der Einseitigkeit, den sein theologischer Gesprächspartner empfindet - nur als liturgische Bewegung wahrgenommen zu werden - schlicht die Folge äußerer Notwendigkeiten gewesen sei, weshalb Tillich "unseren Weg zur Michaelsbruderschaft"6 nicht mitgehen konnte. Erwähnt sei noch, daß ausgehend von der theologischen Kritik am Symbolbegriff des Berneuchener Buches, noch ein entscheidender Divergenzpunkt zwischen Stählins und Tillichs Denken zu erkennen ist. Die zeitgenössische wissenschaftliche Theologie jedenfalls nimmt Berneuchen bzw. den Theologen Stählin kaum in ihren Diskurs auf. Und wenn, dann wird Stählins theologisches Anliegen, meist gleichgesetzt mit dem Schlag- und Reizwort "Berneuchen" bzw. "Symbol", entweder euphorisch begrüßt oder strikt abgelehnt. Eine Briefzeile Bultmanns mag dies verdeutlichen: "Aber das Ganze (gemeint ist das Berneuchener Buch) ist ein so elender Kitsch und enthält so alberne Deklamationen, zeichnet sich aus durch eine absolute Ahnungslosigkeit von der Reformation und verquickt Ihre (und unsere) Sätze in so unverantwortlicher Weise mit Tillichschen Spekulationen, daß man öffentlich widersprechen muß u. das müßten Sie tun."7 Ob der angesprochene Karl Barth der Aufforderung nachkam, war nicht zu eruieren, erhellend aber das Verdikt Tillichscher Spekulation und der Vorwurf: Ahnungslosigkeit von der Reformation. Tillich seinerseits witterte in der heraufziehenden neureformatorischen, dialektischen Theologie des Schweizers eine Neuorthodoxie, wie schon im Berneuchener Buch 19268 festgestellt wird. Barth erwähnt seinen Münsteraner Kollegen Stählin in einem Brief an Niemöller vom 29.6.1956 indirekt: Er schreibt: "Kam nicht alle Misere der folgenden Jahre ... davon her, daß man in Dahlem so gut wie in Barmen vor Gott und den Menschen Bekenntnis abgelegt hatte, um nachher gerade in dieser Sache, im Bekenntnis zum Leben und zu der Ordnung des Leibes Christi nach allen Seiten auszuweichen, nach allerhand .., bequemen Ersatz für das nach Dahlem Preisgegebene zu suchen. Dann begann man ihn auch zu finden: ..., die Berneuchener nun erst recht in ihren Mysterien und Bruderschaftsgeheimnissen"9 "Mysterium" und "Bruderschaft", Buchtitel und wichtige theologische Anliegen Stählins - die theologischen Konfrontationen werden erkennbar, die dann mitentscheidend werden sollten, für das jeweilige Verhalten im sich anbahnenden Kirchenkampf und der Zeit danach. Nicht zuletzt wegen des Barmer Bekenntnisses und den Extremisten Dahlemitischer Prägung verließ Stählin 1941 die Bekennende Kirche und wollte in der Michaelsbruderschaft bewußt die Türen offen halten für beide Seiten im Streit um die Kirche. Zugleich sah er die Position und Aufgabe der Marburger Bruderschaft jenseits von kirchenpolitischen oder politischen Bestrebungen der Zeit. Interessant ist das Bemühen Bonhoeffers um "Bruderschaft", die Barth allerdings kaum nachvollziehen kann, vermutet er doch dahinter nichts anderes als Taizé und die Berneuchener.10 Bonhoeffer seinerseits hatte die Nähe zum Schweizer immer gesucht.

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Eine positive Wertschätzung von Person und Werk Stählins können wir in Äußerungen von Adolf Köberle hören. Das theologische Werk Stählins habe die "Realität der Kirche" wiederentdeckt, durch seine positive Aufnahme von "Mythos" und "Symbol" bewahre es "das Beste der numinosen Mächtigkeit der Gottesoffenbarung", die von jeglicher "Entmythologisierung" nur zerstört werden kann.11 Die Spitze gegen Bultmann ist eindeutig, die numinose Mächtigkeit erinnert an Rudolf Ottos "Das Heilige", dem Stählin aber nur flüchtig begegnete. Die biblische Wahrheit sei Fundament der stählinschen Theologie, daß "alle Schöpfung gut ist, wenn sie durch das Wort Gottes geheiligt wird",12 die Schöpfung, die im Barmer Bekenntnis herausfalle. Damit sind schon die gängigen und umstrittenen Theologoumena der Zeit angerissen: Schöpfung, natürliche Theologe, analogia entis versus fidei, - das Jahrhundert der Kirche. Manche Zeitzeugen, meist aus dem engeren und weiteren Umkreis der Bruderschaft, würdigen Wilhelm Stählin positiv als charismatischen Jugendführer und begnadeten Pädagogen, als fesselnden Prediger und als kirchliche und ökumenische Persönlichkeit. Ein Lebenswerk, so Reinhard Mumm, sein Schwiegersohn und selbst Ältester der Bruderschaft, das beim "Liberalen und Rebellen" begann und hinführt zu einem "hochkonservativen Mann" im Bischofsamt.13 Letztere Etikettierung aber werde dem Reichtum seiner Schriften und seiner theologischen Weitsicht kaum gerecht.

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Anmerkungen:

1: Vortrag vom 27.9.1995 in Hofgeismar, um das Thema "Berneuchener Gespräch" gekürzt.

2: S. dazu insgesamt: Hans E. Kellner: Das Theologische Denken Wilhelm Stählins. Frankfurt/M.,1991.

3: 1901-1905:Theologiestudium in Erlangen, Rostock und Berlin; u.a. bei Harnack und Pfleiderer.
1905-1913:Vikars- und Licentiatszeit in der Nähe Nürnbergs
1908 England-Studienreise, danach Studium der Psychologie bei Oswald Külpe/Würzburg,
1913 abgeschlossen mit Dissertation zur Sprachpsychologie der Metapher.
1914: Gründung der "Gesellschaft für Religionspsychologie", Herausgabe des "Archiv für Rps." bis 1921.
1914-1917: Feldgeistlicher, Kontakte zu Wandervogelgruppen innerhalb des Heeresabschnitts im Osten. Aktivitäten setzen sich fort: 1919 in der Gründung des Jungdeutschen Bundes, Teilnahme an den Hohenecker Konferenzen, Leiter des Bundes Deutscher Jugendvereine (BDJ) 1922-1932.
1917-1926:2. Pfarrstelle an St. Lorenz/Nürnberg, Zusammenarbeit mit Friedrich Rittelmeyer und Christian Geyer, Einsatz für die Gruppe der "Freier Gerichteten" innerhalb der Luth. Landeskirche Bayerns.
1926-1945 Ordentl. Professor für Praktische Theologie in Münster/W.
1931 Gründung der Ev. Michaelsbruderschaft in Marburg/L., hervorgegangen aus der "Berneuchener Bewegung" seit 1923. Langjährige Freundschaft mit Karl Bernhard Ritter.
1925-1930:Teilnahme Paul Tillichs an den Berneuchener Konferenzen.
1926 gemeinsame Veröffentlichung des "Berneuchener Buches".
1925 Teilnehmer an der Stockholmer ökumenischen Weltkirchenkonferenz. Mitarbeit in der deutschen ökumenischen Bewegung, in der Berliner Mittelstelle für ökumenische Jugendarbeit gemeinsam mit Dietrich Bonhoeffer.
1934-1941: Mitglied des Pfarrernotbundes und der Bekennenden Kirche. Die Jahre davor kirchenpolitisch in Berneuchen tätig in der "Jungevangelischen" und dann der "Jungreformatorischen Bewegung".
1941:Austritt wegen Differenzen zur Barmer Theologischen Erklärung und Distanzierung von Theologen wie Bonhoeffer und Barth.
1945-1952: Bischof der evangelischen Kirche Oldenburgs.
1946: Gründung des Theol. Konvents Augsburger Konfession und des ökumenischen Arbeitskreises ev. und kath. Theologen gemeinsam mit Erzbischof Lorenz/Paderborn.
1952-1975: Ruhestand, Vortragsreisen, Beiträge zum Berneuchener Schrifttum Sammelbände "Symbolon".

4: Paul Tillich: Gesammelte Werke (GW) Bd. XII, Stuttgart, 1971, S. 44.

5: Protokoll der Berneuchener Konferenz 1930 in Pätzig. Ebd.. S.11; s. auch GW IX, Stuttgart,1971, S.69 ff.

6: P Tillich. GW. Bd XIII, Stuttgart, 1972, S. 555.

7: Karl Barth: Gesamtausgabe. Briefwechsel 1922-1966. Barth-Bultmann. Zürich,1971, S.73.

8: P. Tillich GW, Bd. XII, S.192; Berneuchener Buch. Vom Anspruch des Evangeliums auf die Kirchen der Reformation. Darmstadt,1978 (Erstveröffentl. Hamburg,1926).

9: K. Barth: Gesamtausgabe, Briefwechsel Barth-Bultmann. S. 87.

10: Ebd.,S.405.

11: Adolf Köberle: Wilhelm Stählin. In: Hans-Joachim Schultz: Tendenzen der Theologie im 20. Jahrhundert. Stuttgart, o.J., S 233.

12: Ebd.,S.235.

13: Reinhard Mumm in: In memoriam Wilhelm Stählin. Sonderdruck des Berneuchener Dienstes.1976, S.23.


© Joachim Januschek
Letzte Änderung: 00-01-29
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