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Inhalt 1996 Teil 3 Teil 4 Teil 5 Teil 6 Teil 7 |
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I. Zur Biographie Stählins und zur Genese seines theologischen Denkens 1913 gipfelt Stählins religionspsychologisch-experimentelle Forschung in seiner Dissertation über die sprachpsychologische Rolle der Metapher in religiösen Texten. Seine Mitarbeit im "Archiv für Religionspsychologie", das er 1914 mitbegründet hatte, endete 1921. In diesem Jahr erscheint ein Artikel Stählins zum Wahrheitsanspruch von Religion in religionspsychologischer Sicht, eine Arbeit von 1914, die 1921 durch den Satz ergänzt wurde: "Nähere Beschäftigung mit der Phänomenologie, zu der mich die Kriegsjahre in seltsamer Verknüpfung geführt haben, konnten mir das Recht und die Notwendigkeit einer solchen Untersuchung bestätigen, die man heute ... eine phänomenologische zu nennen geneigt wäre.":18 Seine Forschungen zum Wahrheitsanspruch der Religion waren demzufolge schon auf einem Wege, der dann durch Begegnung mit der Phänomenologie gleichsam neuen Grund und Profil gewinnt und den Übergang ermöglichte. Denn er bemerkt, wie sehr er in diesen Jahren für sein Forschen und Denken Entscheidendes gefunden hat: "Die in diesem Archiv vertretene Auffassung der Religionspsychologie berührt sich aufs engste mit der phänomenologischen Forschung; ich bekenne, kaum irgendwo so wertvolle Belehrung über die psychische Seite der Religion empfangen zu haben. ":19 In einem Artikel aus dem Jahre 1923 über "Erlebnis und Erkenntnis" verrät Stählin seinen ideengeschichtlichen Gewährsmann: Es sind die Schriften Max Schelers, die ihm den Dienst geleistet haben, "mein wissenschaftliches Denken völlig (zu) revolutionieren und mir Tore zu ganz neuen Einsichten" aufzustoßen.:20 Neben der in diesen Jahren praktischen Arbeit im Pfarramt, besonders im Bereich der Jugendarbeit, ist es diese "Revolution", die Stählin bewog, sehe religionspsychologischen empirischen Forschungen zu beenden. Anhand eines handschriftlichen Manuskripts Stählins zu Schelers Erkenntnislehre läßt sich dessen Übernahme schelerschen Gedankenguts ab 1917 nachvollziehen.21 Wichtig für sein theologisches Denken ist, daß er damit einem bewußt antikantianischen Erkenntnismodell folgt. Es geht um die Überwindung des Begriffes apriori, "Kants Ideologie", es geht um Gewinnung "unmittelbarer Erfahrung".22 Scheler übernimmt den brentanoschen Intentionalitätsbegriff Husserls, aber gegen dessen Absicht, das "reine Bewußtsein" als Apriori der Erkenntnis begründen zu wollen. Scheler hingegen (und mit ihm Stählin) verwendet diesen Ansatz ontologisch, im Sinne "unmittelbar" gegebener Erfahrung. Mit Augustinus wird dieser Erfahrungsbegriff theologisch-christlich gefüllt als Liebe: Liebende Hingabe, Interesse antwortet auf das sich offenbarende Sein. Scheler: Erkennen ist liebende Hingabe an etwas, also "eine Antwortreaktion des Gegenstandes selbst, ein 'Sich-geben', ein 'Sich-Erschließen' und 'Aufschließen' des Gegenstandes, das heißt, ein wahrhaftiges Sichoffenbaren des Gegenstandes". "Natürliche Erkenntnis der Welt"23 trägt für Augustin in Schelerscher Fassung und damit für Stählin immer Offenbarungscharakter, dem dann die Offenbarung Christi nur positiv zur Seite tritt. Es wird ersichtlich, wie sehr die Schöpfungsthematik für Stählin wichtig werden wird und daß sich an diesem Punkt seine Denkweise von Tillichs Scheler-Kritik unterscheidet. Für Tillich gibt es keine unmittelbare Erfahrung, sie ist immer durch kritisches Bewußtsein gebrochen. Das hat entscheidende Auswirkungen für das Natur- und Symbol- bzw. Gleichnisdenken Stählins. Für ihn ist im sakramentalen Element "Brot" als Natur und Schöpfung schon ontisch die Gleichnisfähigkeit des sich opfernden Christusleib gegeben. Für Tillich ist dagegen im Brot immer zugleich und gebrochen die historisch-soziale Dimension der Wirklichkeit kritisch mitgemeint, mithin immer ein geschichtliches Prae vor das Naturelement zu setzen?24 Eine weitere Konsequenz des Schelerschen ontologischen Erkenntnismodells ist die unhinterfragbare "Strukturgleichheit" zwischen Sein und Geist, erkennendem Subjekt und erkanntem Objekt, leibhaftigem Mensch und geschaffener Weltordnung.25 "Deshalb kann für Stählin die Gesamtgestalt des Credo und das darin gegebene geistige Wesen in der Wirklichkeit in Erscheinung treten. Das Verhältnis von Wesen und Erscheinung ... wird zu einer Aufgabe, die in die letzten Tiefen hineinreicht und alle Lebensgebiete umspannt."26 In diesem Sinne sind die Werte der Jugendbewegung zu verstehen, aus deren Wesen eine neue Kultur entstehen soll und die ethisch-praktische Aufgabe bis hin zur Gestaltung des Kultus, d. h.: "die Erscheinung mit Wesen zu erfüllen und das Wesen in die Erscheinung treten zu lassen"27. Menschlich-zeitlich ist dies eine unendliche Gestaltungsaufgabe, aber gültig für alles kirchliche Handeln und die Grundlage für Stählins Gleichnisdenken. Was Tillich schlicht als katholisch und romantisch kritisiert und Bonhoeffer strikt ablehnt, ist für Stählins Theologie die Entdeckung, begründet entscheidend inhaltlich seine Erkenntnislehre, ermöglicht das Fundament seiner Theologie und überwindet seinen früheren liberalen Ansatz des religiösen Selbstbewußtseins und löst den frühen empirischen Weg zur Phänomenologie ab. |
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| 14: | S. dazu H. Kellner, Das theologische Denken Wilhelm Stählins, Kap. 2 und 3. |
| 15: | Wilhelm Stählin: Via Vitae. Kassel, 1968, S.69 f. |
| 16: | Wilhelm Stählin: Zusage an die Wahrheit. Das Bekenntnis der Kirche. Kassel, 1952, Vorwort. |
| 17: | Wilhelm Stählin: Religion von oben her und von unten her. In: Christentum und Gegenwart, 1919, Sp. 91. |
| 18: | Wilhelm Stählin: Archiv für Religionspsychologie (ARPS).1921, S.136. |
| 19: | Ebd.,S.1. |
| 20: | Wilhelm Stählin: Die religiöse Not der Gegenwart. in: Christentum und Wirklichkeit. Jg. 1923, S. 20. |
| 21: | Dazu H. Kellner: Das theologische Denken Wilhelm Stählins, Kap. 3, a. a. O. |
| 22: | Wilhelm Stählin: Max Scheler. Handschriftl. Vortragsmanuskript. 1917, Archiv Münster. |
| 23: | Max Scheler: Liebe und Erkenntnis. In: Krieg und Aufbau. Leipzig,1916,S.393 ff.,S.427. |
| 24: | H. Kellner, Das theologische Denken Wilhelm Stählins, Kap.4:Tillichs Gespräch mit Berneuchen. A.a. O. |
| 25: | Max Scheler: Phänomenologie und Erkenntnistheorie. In: Schriften aus dem Nachlaß. Bd.l. Bern/München,1957, S.379 ff. |
| 26: | Wilhelm Stählin: Wesen und Erscheinung im Alltag. In der Zeitschrift: Christentum und Gegenwart. Nürnberg,1920. S. 20. |
| 27: | Ebd.,S.22. |
| © Joachim Januschek Letzte Änderung: 00-01-29 Haftungsausschluss |
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