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Quatember


Jugendbewegung und Kirchenkampf
in Biographie und Theologie Wilhelm Stählins


von Hans Eduard Kellner

(Seite 3 von 7)


I. Zur Biographie Stählins und zur Genese seines theologischen Denkens
LeerBiographie - Person und Werk
LeerEntstehung und Systematik der Theologie Stählins
II. Die Bedeutung der Jugendbewegung für seine Biographie und Theologie
LeerDie Lage des Menschen vor Gott
III. Im Kirchenkampf

II. Die Bedeutung der Jugendbewegung für seine Biographie und Theologie

Die Jugendbewegung - in den zwanziger und dreißiger Jahren vorrangig die evangelische bündische Jugend - bedeutet für Stählin ein zentrales biographisch-geschichtliches Umfeld und damit einen wichtigen Gegenstand ideologischer, mithin theologischer Auseinandersetzung. Insofern ist sie sowohl von praktischer als auch von theoretischer Relevanz für das Denken und Leben Stählins. Die erste Begegnung mit den wandernden Jugendgruppen vermittelte Christian Geyer, sein älterer Amtsbruder und Freund in Nürnberger Tagen. Noch vor dem Ersten Weltkrieg macht er ihn mit dem Liedgut des Zupfgeigenhansl vertraut. Eine erste Ahnung des Neuen, das sich innerhalb der Jugend anbahnt, geht dem jungen Pfarrer von Egloffstein auf, als er "mit einer Schar Wandervögel auf die Ehrenburg, das Waberla, bei Erlangen" zieht und das Johannisfeuer miterlebt. Von nun an bleibt sein Kontakt zum Wandervogel bestehen, auch über die Kriegsjahre hin. Hier ist der Anfang seines Engagements für die "Hohenecker Konferenzen" nach dem Krieg, die sich um den Kontakt zwischen bayrischer Landeskirche und Jugendbewegung bemüht, um die Errungenschaft der "Freideutschen Jugend" fruchtbar werden zu lassen für kirchliche Jugendarbeit. Demselben praktisch-theologischen Bemühen entspringt 1923 die "Berneuchener Bewegung" der es um die Reform von Kirche und Kultur geht. Einige Jahre zuvor steht Stählin auch im Kreise des "Jungdeutschen Bundes ",1919 als Zusammenschluß der konservativ-nationalen Bünde gegründet, nach Abspaltung der politisch linksorientierten Freideutschen Jugend.28

Schon aus dem Kriegsjahr 1917 sind Stählins Vorstellungen von wesenhaft deutscher Kulturerneuerung aus dem Lebensgefühl der Neudeutschen Jugendbewegung überliefert. Er beschreibt seine Idee einer "Siedlung im Kurland", plant darin ein "protestantisches Kloster", das nichts mit "mönchischer Lebensfeindschaft" zu tun haben soll, sondern in dem "Zufluchtsstätten des rein menschlichen persönlichen Lebens" geschaffen werden, "in der Luft echter Menschlichkeit" eine Stätte der "Gesundheit und der Freude, der Arbeit und der Stille, der Reinheit und der Gemeinschaft".29 mitten in der verdinglichten Kultur des Massenmenschen: Kulturreform aus deutschem Wesen, in Form von landwirtschaftlicher und kunstgewerblicher Genossenschaft, eingebunden und zentriert um die religiöse Gemeinschaft - Leben und Religion! Zwar hat Stählin selbst 1924 diese Pläne sehr selbstkritisch bilanziert. Dennoch schlägt sich von hier bis zur Schrift von 1940 "Von der Bruderschaft " ein klarer Bogen in der Theologie Stählins. Die Gründung der Michaelsbruderschaft 1931 ist verständlich als Endpunkt und Verwirklichung der frühen Vorstellung vom "protestantischen Kloster", angestoßen durch seine Eindrücke während einer Englandreise und seine Begegnungen mit dem Katholizismus während der Kriegsjahre in Litauen.

Der euphorische Genossenschafts- oder Gemeinschaftsgedanke aber stammt eindeutig aus dem Aufbruchserleben der Jugend vor der Jahrhundertwende, als Jugendliche aus dem bürgerlich-wilhelminischen Familienleben und Schulbetrieb ausbrechen, hinaus in Natur und Heimat. Die Zeit des Wandervogel, der sich nach dem Krieg zur freien Jugendbewegung formierte, ist das Thema der ersten und euphoristischen Schrift Stählins zur Jugendbewegung:

"Der Neue Lebensstil": Dieses Bändchen spricht vom neuen Idealismus, vom "Ruf zu tätigem Geist", vom Gehorsam und Dienst am "großen Ideal", das "fordernd ins Leben tritt".30 Jugendbewegung ist "Lebensbewegung". Die Charakteristika des Lebensbegriffes werden in lebensphilosophisch-romantischen Farben beschrieben: Lebensbewegung meint eine geistige und damit geschichtliche Bewegung, die "von Anfang an .., verborgen in ihren Ursprüngen, grundsatz- und tendenzlos wie das Leben selbst" da ist, "aber ihrer selbst gewiß und ihres Daseins froh wie alles wahrhaft Lebendige"31 - eine phänomenologische Beschreibung unmittelbar gegebenen Seins, weit weg von historischer oder sozialer Analytik. Deshalb kann selbst die Meißnerformel vom Oktober 1913 das "lebendige Gefühl innerer Einheit im Wesen"32 dieser Lebensbewegung der Freideutschen Jugend schwerlich wiedergeben. An dem großen Treffen auf dem Hohen Meißner hatte Stählin selbst nicht teilgenommen, er nimmt aber die dort beschlossene Formel auf, um daran das Wesen des neuen Lebensstils zu zeigen. Die "vielgestaltige und wesenseinige Bewegung" steht in direkter Verwandtschaft zum nationalen Aufbruch vor 100 Jahren, als "Fichte seine Reden an die deutsche Nation hielt". Wie damals, so 1918: es geht um den Aufstand des deutschen Wesens gegen verwestlichte Kultur, es geht um den "Geist der Freiheit und der Verantwortlichkeit"33. Wie sehr sich die Bewegung, wie alles Leben, auch aufsplittern mag in mannigfaltige Gestalten, "das aus der Tiefe kommende Ringen um einen neuen Lebensstil"34 bleibt das allen gemeinsame Wesen. Idealismus, Romantizismen und national-patriotische Wesenergründung stehen Pate, Stählin nennt Fichte, Arndt und Schleiermacher.

Stählins Schrift des Jahres 1918 will diese Bewegung positiv darstellen und gegen Angriffe des Bürgertums und der Linksparteien verteidigen. Es geht ihm erkennbar nicht um kritische Geschichtsdarstellung, sondern um die Beschreibung des Wesens, das die Meißnerformel auszusprechen suchte: "Die Freideutsche Jugend will nach eigener Bestimmung, vor eigener Verantwortung, mit innerer Wahrhaftigkeit ihr Leben gestalten; für diese Freiheit tritt sie unter allen Umständen ein."35 Stählin übernimmt aus dieser Formel den "Dreiklang" von "Freiheit, Wahrhaftigkeit und Verantwortung", um das Wesen dieser Lebensbewegung nachzuzeichnen. Der unbegreifbare Grund des neuen Lebensstils bleibt das Erleben von Natur, Heimat und Gemeinschaft. In diesen wiedererlebten Werten begegnete die Jugend unmittelbar den Geheimnissen des Lebens; durch sie werden sie unmittelbar geprägt und erzogen. Zugleich kommt dieses wiedererwachte Streben der Jugend nach Idealen dem Streben nach dem Unbedingten gleich. Eine Konsequenz allerdings der Werte von Natur, Heimat (Volk) und Gemeinschaft ist nur, daß das gesunde Leben zum Kern der Kulturerneuerung avanciert. Nikotin und Alkohol waren schon in einem Zusatz zur Meißnerformel für tabu erklärt worden; dazu kommen jetzt noch der Kampf gegen das durch Krieg und Nachkriegszeit verdorbene sexuelle Leben. Dagegen stehen Freundschaft, Schlichtheit und Wahrhaftigkeit. Stählin verteidigt das Recht der Jugend, Leben Leben sein zu lassen und sieht in der jugendlichen Kritik an den Autoritäten deren tiefe Sehnsucht nach dem echten Führer.

Die deutsche Jugendbewegung ist "im Grunde eine religiöse Bewegung".36 Nicht, daß die Jugendbewegung oder die durch sie freigesetzte eigenständige Jugendphase religiöse Elemente des Unbedingten in sich schlössen, wird behauptet. Gemäß dem Gleichklang von Leben und Religion oder Religion als gegebenem Ursprung von Leben ist diese Jugendbewegung, aus dem Geheimnis des Lebens hervorquellend, in sich religiös. Die theologische Wende von der liberalen neuprotestantischen "Religion von unten" zur eher neureformatorischen "Religion von oben" bedeutete in Stählins Denken weder eine Kritik am Religionsbegriff, noch eine Entgegensetzung von Religion und Leben. Religion ist vielmehr gemäß schelerscher Phänomenologie immer gegebener Inhalt, nicht mehr empirische Funktion. Religion ist Wesen des neuen Lebensstils. Das befreiende Naturerlebnis, die kulturerneuernden Gemeinschaftsformen des Bundes, die Werte von Freiheit, Wahrhaftigkeit und Verantwortung und Autorität sind in sich religiöse Werte, seinsgegebene Ideale, die sich wiederum nur dem unmittelbaren Leben offenbaren. Es ist für die Jugend eine unbewußte und echte gelebte Religion, von der überlieferten Religion und erst recht von allem Kirchlichen weit entfernt. Darum das vehemente Bemühen Stählins um Reform der Kultur und der Kirche.

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Anmerkungen:

28: S. Walter Laqueur: Die deutsche Jugendbewegung. Köln,1962; Udo Smidt: Dokumente evangelischer Jugendbünde. Wandlungen zwischen zwei Weltkriegen. Stuttgart,1975.

29: Wilhelm Stählin: Siedlung in Kurland. In: Erstes Sonderheft des Rundbriefs der Feldwandervögel im Osten. Herbst 1917, S.3 f.; dort wird die "anglikanische Kirche (mit) ihren retreats" als Vorbild erwähnt.

30: Wilhelm Stählin: Vom jüngsten Tag. Vortrag. Archiv Münster, 1917, S. 6; Stählin paraphrasiert hier Scheler.

31: Wilhelm Stählin: Der neue Lebensstil. Jena, 1918,S.4.

32: Ebd., S. 5.

33: Ebd., S. 5. Wahrscheinlich bezieht sich Stählin auf die Tagung Karfreitag 1918 in Nürnberg, auf der nochmals eine politische Spaltung verhindert werden konnte. Aber 1919 folgte die Spaltung und die Gründung des "Jungdeutschen Bundes". Das Ende der Freideutschen Jugend markiert die Tagung 1921 in Hofgeismar.

34: Ebd., S. 1.

35: Ebd., S. 4;Walter Laqueur (siehe Anm. 28) a. a. O., S. 45. beschreibt die Vorgeschichte: Es ging um eine Organisation, die alle älteren Mitglieder des Wandervogel zusammenfaßt, Namensvorschlag war "Freideutsche Jugend".

36: Wilhelm Stählin: Der neue Lebensstil. Jena, 1918, S.23.


© Joachim Januschek
Letzte Änderung: 00-02-06
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