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Quatember


Jugendbewegung und Kirchenkampf
in Biographie und Theologie Wilhelm Stählins


von Hans Eduard Kellner

(Seite 4 von 7)


I. Zur Biographie Stählins und zur Genese seines theologischen Denkens
LeerBiographie - Person und Werk
LeerEntstehung und Systematik der Theologie Stählins
II. Die Bedeutung der Jugendbewegung für seine Biographie und Theologie
LeerDie Lage des Menschen vor Gott
III. Im Kirchenkampf

Hier wird Stählins Sicht von Politik und von ethischem Handeln in der Geschichte deutlich, der sein Verhalten während des Kirchenkampfes später folgen wird. Der "Weg der Wahrheit und des Stils geht von innen nach außen und verlangt eine neue Gesinnung, den Geist, der sich den Körper baut". Der Anfang jeder "politischen Reform" liegt daher in einer dem Lebensstil entsprechenden "volksbürgerlichen Erziehung" (W. Stapel), die "soziale Instinkte" neu weckt und an Stelle von "Nützlichkeit ein geisterfülltes Leben" treten läßt, dessen "höchste Erscheinungsform ... in den Sakramenten" den "Menschen gegeben" ist37 - in den Sakramenten, weil sie wie die Geheimnisse des Lebens unmittelbar prägen. Sie sind manifeste seinsgegebene Gestalt religiöser und d. h. höchster Lebenswerte. Ethisches wie politisches Handeln ist ideale Wertegestaltung. Stählins Miterleben des Johannisfeuers auf dem Waberla muß für ihn Entscheidendes offenbart haben. Aus dieser Erfahrung und aus seinen Eindrücken vom katholischen Kultus in England und Kurland speist sich biographisch sein späteres Bild einer ökumenisch-sakramentalen Kirche und der Bruderschaft. Der "Neue Lebensstil" ist nicht nur Ideal, er ist die Wirklichkeit der Jugend im Widerspruch zu vielem, "was uns seit je mit ... Ekel erfüllte", was durch die Krisis dieses Krieges "ins Riesengroße gesteigert" wurde. Die Jugend, die sich "um das Feuer schart", trägt in sich "den Geist, der der eignen Jugend ferne Sehnsucht gewesen ist". Hier leuchtet die neue "Gemeinschaft eines heiligen Geistes" auf, ein Ursprung der Erneuerung, ja der "Reform des Menschen" im Geiste Christi:38 - eine gesunde Lebensfrömmigkeit, durch Hingabe, im Dienst an dem ewigen Werte des Seins.

1921 veröffentlicht Stählin Fieber und Heil in der Jugendbewegung und 1926, mit seinem Weggang aus dem Nürnberger Pfarramt, folgt seine Summa zu diesem Thema: Schicksal und Sinn der deutschen Jugend. Die Töne sind gegenüber dem Neuen Lebensstil von 1918 schon kritischer und nüchterner, denn der Wandervogel ist nun selbst Geschichte geworden, selbst Teil des 19. Jahrhunderts. 1921 - das Erscheinungsjahr erinnert und verweist zugleich auf das Ende der "Freideutschen Jugend" - es steht die Sammlung des konservativ-nationalen Flügels 1923 bevor. Der "Jungdeutsche Bund" - für Walter Laqueur das Indiz der zeitgeschichtlichen Wende der Jugendbewegung zur bündischen Jugend - war schon 1919 begründet. Wilhelm Stählin, seit 1922 Leiter des Bundes Deutscher Jugendvereine (BDJ), war in diese Ereignisse aktiv eingebunden - auch mit seiner bilanzierenden Schrift Fieber und Heil.

Diese Schrift und die Satzungen des BDJ lassen das zeitgeschichtliche Geschehen im Hintergrund erkennen - und die Veränderungen im theologischen Denken Stählins, die später wichtig für das Kapitel Kirchenkampf werden.

Der von Friedrich Naumann initiierte und theologisch liberal geprägte Bund für Jugendarbeit, gleichsam Pendant zum pietistischen CVJM, nimmt, durch Stählin mitangestoßen, auf dem Treffen 1919 in Magdeburg39 die Ziele der Jugendbewegung in seine Satzung auf. Das Erbe der Jugendbewegung soll mit dem Christusgeist verschmelzen.

1927 wird ein theologischer Arbeitskreis aus Männern des BDJ, dem Christdeutschen Bund und dem Neuwerkkreis40 gegründet, der sich in den Jahren darauf zur "jungevangelischen Bewegung" formieren sollte. Sichtbar wird die Veränderung in Stählins Denken im Wortlaut der Eberswalder Satzung des BDJ aus dem Jahre 1928: Die Wirklichkeit muß vom Evangelium her durchdrungen werden.41 Das sollte Stählins Ziel als Bundesleiter bis zur Auflösung des BDJ 1933 bleiben. In seiner Rückschau aus dem Jahre 1929 stellt er selbst fest: 1921 habe der BDJ geglaubt, "es sei sehr leicht, die Verbindungslinien von der Jugendbewegung zu Jesus Christus zu ziehen". Aber die Sätze von Magdeburg von der "freien Volkskirche" und der "Volks- und Völkergemeinschaft aus dem Geiste Jesu" erweisen sich als unhaltbar. Der idealistische Traum eines "leichten Zusammenklangs von Jugendbewegung und Christentum" wurde zum "Weg in die Wirklichkeit", der der "Weg in die Wahrheit ist".42

Diesen Weg beschreibt "Schicksal und Sinn der deutschen Jugend". Die Sprache wandelt sich signifikant. "An die Stelle des neuen Lebensstiles" sei das "Ringen um den Menschen schlechthin getreten"43 - und das ist ein neuer Ton - ein Ringen mit den dämonischen Abgründen der Wirklichkeit. Beschrieb der Neue Lebensstil das Wesen einer idealen Bewegung des Lebens und damit der Religion, war 1921 in Fieber und Heil viel vom Willen zur Form die Rede, von Kampf um die Verwirklichung der Werte, so analysiert Stählin hier die Jugendbewegung als in sich selbst widersprüchliche und gescheiterte Geschichte, Teil des idealistischen und liberalen 19. Jahrhunderts. Die derzeitige bündische Jugend dagegen, sofern sie überhaupt noch "bewegte Jugend" sei, sei "ergriffen und erschüttert" durch das ihr widerfahrende "Schicksal Mensch zu sein, Mensch werden zu sollen" in und gegen die "verkehrte Welt". Im Scheitern der idealistischen Jugendbewegung ist gleichsam das Schicksal des Menschen schlechthin zu sehen. Es ist eben die Welt, die verkehrt ist, denn es ist eine "sinnlos gewordene Welt ohne Heiligtum und ohne Gott". Darum "sprechen wir ... mit Recht von dem Schicksal der deutschen Jugend, wenn wir das Schicksal Deutschlands in seinem innersten menschheitlichen Sinn meinen".44 Es ist das Schicksal des Menschen, vor Gott zu stehen, im Zwiespalt der abgründigen Wirklichkeit, der Sünde. Was im "Neuen Lebensstil" ideal da war, ist so nicht mehr erreichbar. 1921 war es der Wille zur Form, aber jetzt? Was kann aus diesem Zwiespalt retten?

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Anmerkungen:

37: Wilhelm Stählin: Der neue Lebensstil. Jena, 1918, S.27.
38: Ebd., S. 27 f.
39: Darüber berichtet D.Toboll: Evangelische Jugendbewegung 1919-1933. Diss. Phil. Bonn,1971; "Ziele der Magdeburger Erklärung waren Jugendbewegung, Kulturbewegung, bewußte Gestaltung der Verhältnisse der Geschlechter", die im Punkt 4 der Erklärung "gleichsam zu einer höheren Einheit verschmolzen", nämlich in einer "freien Volkskirche" in Volks- und Völkergemeinschaft "aus dem Geiste Christi". S,30; "Volkskirche" ist auch ein wichtiges Schlagwort in Stählins Schriften dieser Jahre!
40: S. die von Stählin und Cordier hrsg. Zeitschrift "Evangelische Jugendführung",1929-1933.
41: S. Wilhelm Stählin: Unser Bund, 1929, S. 49:"Er (der Bund sc.) dient keiner kirchlichen oder politischen Partei, aber er kämpft für die Durchdringung und Erneuerung aller Lebensgebiete im Geiste des Evangeliums."
42: Wilhelm Stählin: Die andere Schau. In der Zeitschrift: Die Treue.1929, S. 71 f.
43: Wilhelm Stählin: Schicksal und Sinn der deutschen Jugend. Wülfingerrode-Sollstadt, 1926, S.17.
44: Ebd., S.20.

© Joachim Januschek
Letzte Änderung: 00-02-06
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