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Quatember


Jugendbewegung und Kirchenkampf
in Biographie und Theologie Wilhelm Stählins


von Hans Eduard Kellner

(Seite 5 von 7)


I. Zur Biographie Stählins und zur Genese seines theologischen Denkens
LeerBiographie - Person und Werk
LeerEntstehung und Systematik der Theologie Stählins
II. Die Bedeutung der Jugendbewegung für seine Biographie und Theologie
LeerDie Lage des Menschen vor Gott
III. Im Kirchenkampf

Verfolgen wir den Dreischritt der Gedanken des Schlußkapitels "Die Lage des Menschen vor Gott":

1. "Der Aufbruch der Jugend ist in seinem innersten Kern und Wesen von Anfang an eine religiöse Bewegung gewesen." So die seit 1918 bekannte Grundthese. Sie besagt aber nicht, daß die Jugendbewegung ursprünglich und per se auf eine "Neubegründung der Religion" angelegt gewesen sei, sie war keine "religiöse Erneuerungsbewegung", im Gegenteil, sie war von unkirchlichem "heidnischem Lebensgefühl" bestimmt. Trotzdem war sie ein Protest gegen die bürgerliche Frömmigkeit des ausgehenden Jahrhunderts, in der die "religiösen und profanen Lebensformen" völlig voneinander getrennt wurden, weswegen sie "weder Kraft noch Beruf zur Weltgestaltung in sich verspürte". Das Entscheidende dieser religiösen Bewegung war ihr Anrennen gegen die "Unterscheidung heiliger und profaner ... Lebensformen". Sie sehnte sich wieder "nach einer neuen Einheit und Weihe des gesamten Lebens". Ihr religiöser Kern liegt im jugendlichen Protest und in ihrer Suche nach einheitlicher "Sinndeutung der Welt und (nach einer) Heiligung des Lebens". Der diesseitige Charakter der Suche widerspricht dem nicht, denn in den Elementen und Erlebnissen wie Natur, Leib, Volk, Bund geht es "um etwas ganz anderes ... als diese Dinge selbst". Sie wurden von der Jugend unter einem "eigentümlich religiösen Vorzeichen" neu erfaßt, wodurch sich insgesamt in der Jugend ein neues "gläubiges Bild einer neuen Welt" bildete. Die deutsche Jugendbewegung als religiöse Bewegung zu begreifen, heißt nicht in der "vollkommenen Diesseitigkeit aller dieser Erlebnisse ... zugleich die tiefe Sehnsucht nach einer metaphysischen Verankerung des Menschenwesens, nach einer wirklichen Einordnung und Eingliederung des Menschen in den Kosmos der nie vollendeten Schöpfung" zu erkennen. Man wähnte, in der Natur und Gemeinschaft direkte "Einfallstore des Göttlichen in das Leben und Erleben des jungen Menschen" gefunden zu haben und damit die Einordnung in die "Einheit alles Lebendigen" verwirklichen zu können.45

2. Abseits traditioneller, pietistischer oder bürgerlicher Frömmigkeit und der verfaßten Kirche, ungewollt geleitet durch das metaphysische Bedürfnis, entdeckte diese junge Generation die "Urelemente der religiösen Lage, der Lage des Menschen vor Gott". Die Lebenselemente wie Natur, Leib und Gemeinschaft wurden neu wieder erfahren als "unbedingte Verpflichtung" des Individuums. Die in den Lebensordnungen gegebenen "objektiven Ansprüche" kamen wieder zur Geltung. Die Einsicht war neu gewonnen, daß alle "Gestaltungen des Lebens ihre besonderen Notwendigkeiten in sich tragen", ihr "inneres Gesetz". Der praktische Versuch aber, diese Anforderungen "wesentlich zu verwirklichen", erwies sich als unlösbarer Widerspruch zum Bekenntnis der Meißnerformel, nämlich das eigene individuelle Leben gemäß "innerer Wahrhaftigkeit" zu gestalten. Der Widerspruch zwischen individualistischer Wahrhaftigkeit und objektiver Wahrheit und das daraus resultierende Scheitern an einer "Reform des Menschen" führt zu einer Erkenntnis, die auch das paulinische Gesetz nennt. Nach "diesen Gesetzen fragen, heißt nach einer göttlichen Ordnung der Dinge" zu fragen. "Alle ... Lebensgebiete sind an den göttlichen Mittelpunkt gebunden und (zum) Werkzeug seines Willens geweiht ... Indem ... die Wirklichkeit ernst" genommen wird, indem "nach dem Wesen" gefragt wird, erfährt sich der Mensch "überall vor Gott gestellt". In der "qualvollen Enttäuschung" über sein Scheitern, offenbart sich menschliches Leben als "Wagnis und ... Ringen mit Dämonen", als "Kampf auf Leben und Tod ". Die anfängliche euphorische Gewißheit einer neuen Lebens- und Weltgestaltung fällt angesichts der "Zwiespältigkeit" und "unerlösten Spannung", der "unaufgehobenen Gegensätzlichkeiten des Lebens" dahin. In dieser Krise aber kündigt sich der "geheime Sinn dieses furchtbaren Schicksals", Mensch zu sein, an. Denn allein das Aushalten und Bejahen dieser Lage des Menschen unter dem Gesetz hätte verhindern können, was sich in der Jugendbewegung tatsächlich vollzog: daß "Surrogate echter Religion" wie Mystik, Mysterienspiele, pietistischer Fundamentalismus, Katholizismus, Anthroposophie und die Christengemeinschaft an breitem Einfluß gewannen. Gott wird eben nicht in "Erlebnissen" gefunden, auch nicht im Kultus, in dem sich ein Mensch "durchchristet". Die vorschnelle Hoffnung der Kirche, jugendliche Anhänger für die eigene Sache zu gewinnen, ging und geht andrerseits ebenso fehl, weil die Frage der Jugend gar nicht gehört wird, ob denn die verfaßte Kirche "wirklich Kirche sei", ob nicht in dieser Krisis "notwendig alles Kirchenwesen selbst und jede Frömmigkeit fragwürdig" werden müssen oder sind.46

3. Denn die "Anerkennung dieser Lage bedeutet das Bekenntnis der Schuld". In der erfahrenen Unmöglichkeit, Leben und Welt in idealistischer Verantwortung vor dem eigenen Ich wesensgemäß zu gestalten, bricht sich die Wiederentdeckung der Sünde Bahn, allerdings nicht in pietistisch-individualistischer Verengung, sondern als Erkenntnis des "Weltschuldgefühls", das sich im Leiden an der Wirklichkeit manifestiert. Versagen und Schuld werden sichtbar als "die Lage ... jedes Menschen und jeder Zeit". Dahinter steht konkret die Kriegserfahrung dieser Jugend, nämlich erleben zu müssen, in der "Unsicherheit der äußeren Existenz" zu leben, unentrinnbar der Notwendigkeit des Gehorsams und des Sterbens ausgeliefert zu sein. Diese Außenseite jedoch war und ist "Sinnbild eines viel furchtbareren Sterbens. Der Krieg war und ist der Ausdruck der vollendeten Gottlosigkeit; alle Weltschuld ist hier in furchtbarer Anhäufung offenbar." Die Entdeckung des Gesetzes ist also ursächlich mit der zeitgeschichtlichen Krisis verbunden. Darum hat das Schicksal der deutschen Jugend nur Sinn, "wenn dieses Stehen am Abgrund der Schuld und des Todes selbst einen Sinn hat ".47 Sinn aber gibt in der nicht mehr menschlich-religiös übertünchten Lage nur eines: das "Evangelium", "Christus". Der Hauptsatz der gesamten Schrift lautet denn auch: "Alles, was in dieser Schrift gesagt wird, wird gesagt, um einen Satz zu erläutern und aus der ganz konkreten Situation der Jugend heraus als befreiende Wahrheit aufzuzeigen, daß die Jugendbewegung erst in Christus ihren Sinn erfüllt." Denn Evangelium meint Christus, die Kraft der Welt, die die Spannungen, Gegensätzlichkeiten und Widersprüche des Lebens, die Gesetzlichkeit der Wirklichkeit "wirklich überwindet und in schöpferische Kraft umwandelt", also in "Liebe". Sie vermag allein "Spannungen in ihrer ganzen Schärfe ... anzuerkennen und über Grenzen und Abgründe hinweg sich mit der anderen Seite ... zu verbinden".48 Nun ist der Eros, die "Liebe von unten" von der Agape, dem "Ja Gottes zu den Menschen", der "Liebe von oben" zu unterscheiden. Im Schema des Seins und Wertekosmos gesagt: Die "Keime eines höheren Lebens" nehmen "die niederen Stoffe in das eigene Leben und Wachstum" auf. Der Mensch erkennt in liebender Hingabe das Seiende, das "sich uns offenbar(t)". Allererst in der "Verkündigung, daß Gott Liebe ist", ist die Menschenliebe begründet und ermöglicht.49 Jetzt erfahren die Lebensordnungen wie Leib und Gemeinschaft ihren Sinn, ihr Recht und ihre Heiligkeit trotz dem Unterworfensein aller Verwirklichung unter Sünde und Tod. Christologisch gewendet: Angesichts des Kreuzes, im Glauben an Christus, wird notwendiges und wesentliches Gestalten zum Gottes-Dienst und nicht mehr zum Götzen. Kultur, Kultus und Kirche sind nie identisch mit ihrem wesentlichen Sinn, bekommen aber nur ihr Recht in der evangelischen Sendung in die Welt.

Die Adaption neureformatorischer Topoi und Systematik, die Rede von Gesetz und Evangelium, läßt Stählins Annäherung an die neureformatorische Theologie erkennen, zeigt in der Rede von den Ordnungen aber auch, daß die Phänomenologie des Wesens für Ansatz und Duktus seiner theologischen Rezeption neulutherischer Ordnungstheologie bestimmend bleibt. Wie prägt nun Stählins Theologie seine Sicht und sein Verhalten im Kirchenkampf?

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Anmerkungen:

45: Wilhelm Stählin: Schicksal und Sinn der deutschen Jugend. Wülfingerrode-Sollstadt, 1926., S.131 f. und 133 f.
46: Ebd., S.134-140.
47: Ebd , S.142.
48: Ebd., S.144.
49: Ebd., S.145.

© Joachim Januschek
Letzte Änderung: 00-02-06
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