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Inhalt 1996 Teil 7 |
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I. Zur Biographie Stählins und zur Genese seines theologischen Denkens 1933, zehn Jahre nach der ersten Konferenz in Angern, bilanziert Stählin diese Jahre Berneuchens. Der Aufbruch damals sei geprägt gewesen von der "schmerzliche(n) Unzufriedenheit mit der evangelischen Kirche, wie sie ist" und zugleich der "leidenschaftliche(n) Liebe" zu dieser Kirche.53 Angesichts der gegenwärtigen "nationalen Revolution" und dem allerorten aufgebrochenen völkischen Erneuerungswillen, konzediert er, all das sei schon in nuce in der Jugendbewegung da gewesen. "Wir haben allen Grund, gerade heute zu sagen, was unsre Berneuchener Arbeit der Jugendbewegung verdankt." Neben dem Ringen um die "gegenwartsnahe und wirklichkeitsmächtige Verkündigung", sei die "Jugendbewegung ... einer der Orte, wo das Volk neu entdeckt und erfahren worden ist". Im Banne der Machtergreifung geht der Chronist und Mitbegründer der Berneuchener Bewegung auf persönliche Erinnerungen an das Jahr 1919 ein: Damals auf den Burg Lauenstein sei "gegenüber ... der kommunistischen Verhetzung in der Freideutschen Jugend aus dem leidenschaftlichen Willen zu Volk und Staat der Jungdeutsche Bund geboren" worden. In diese positive Bilanz reiht er auch das Berneuchener Buch von 1926 und dessen theologische Grundlegung der "Heiligung des Volkes" ein, was ebenfalls bestätige, wie "sehr das Erbe der Jugendbewegung uns heute mit dem besten Wollen der Deutschen Christen verbindet".54 Schon die wenigen Äußerungen Stählins zum Januar 1933 machen deutlich, wie anders etwa Bonhoeffer oder Barth das politische und kirchliche Geschehen beurteilen. Erkennbar bleibt das Fahrwasser seiner theologisch-praktischen Rezeption der Jugendbewegung und damit seine Nähe zu jenen romantisch-antidemokratischen Ideologien, die Tillich als politische Romantik kritisiert. In der Bewegung der Deutschen Christen, so Stählin, sofern sie "echte religiöse Bewegung" sei, sei die Erkenntnis der "Schöpfungsordnungen" aufgenommen, einer der wesentlichen Punkte des jugendbewegten Protestes und der eigenen theologischen Arbeit.55 Es ist das Erbe der Jugendbewegung, "die Leibhaftigkeit unseres Daseins" als selbstverständliche "Grundlage und Form unseres gesamten Denkens und Seins" herzustellen, durch die "Rede von Gleichnis und Symbol", der Versuch, die leibhafte Wirklichkeit unseres natürlichen und geistigen Lebens ganz ernst zu nehmen und sie doch zugleich in der rechten Weise auf die Neuschöpfung Gottes in Christus zu beziehen. Hier zeigt sich die kirchenpolitische Konsequenz, die er schon gegenüber Althaus und Hirsch betont hat: die "schwerste theologische Aufgabe, die unserer Kirche in ihrer neuen Lage gestellt ist", sei, "ein wirklich christliches Verständnis von Leib und Blut und Rasse und Volk zu gewinnen". Stählins Hauptschriften aus den Jahren 1930 bis 1940 sind daher mit dieser Perspektive einer theologisch-christlichen Grundlegung von Leib, Volk, Natur als Schöpfungsordnungen zu lesen - in Auseinandersetzung und in Nähe zur völkischen Ideologie. Wenn er dann noch 1966 eine Theologie der Schöpfung und des Pneumas einfordert und in ihrem Fehlen den Schaden der Kirche auch in dieser Zeit erkennt, zeigt sich, wie sehr sich das theologische Denken Stählins weit über 1945 treu bleibt. Die Motivation seiner Mysteriumstheologie bleibt bestehen, nämlich seine "ernste Überzeugung, daß nur eine Theologie, die vom Geheimnis der Inkarnation und des Sakramentes herkommt, um die magische Tiefe geistlicher Kräfte weiß und den Blick eröffnet auf ein sakramentales Verständnis der Natur". Stählin konstatierte 1933 im Rückblick auf "10 Jahre Berneuchen" eine gewisse Nähe zum religiösen Wollen der Deutschen Christen, eine Nähe allerdings, die nicht zur Identifikation führt. Sein Denken in Schöpfungsordnungen konnte aber auch die antiökumenisch-nationalistische Haltung Althaus und Hirschs nicht gutheißen. Er propagiert für die Berneuchener die Unterstützung des "jungreformatorischen Kreises" und dessen Aufruf vom 9. Mai 1933. Angeregt davon verfassen Stählin und Karl Bernhard Ritter, Freund und langjähriger Mitstreiter seit 1919, in denselben Tagen ihrerseits "Zwölf Sätze zur kirchlichen Lage": "Wir sehen in der Bewegung der 'Deutschen Christen' einen notwendigen Gegenschlag gegen die Versäumnisse der evangelischen Kirche und verschließen uns nicht den richtigen Ansätzen ihres Wollens." Es geht ihnen um breite, übergreifende Zusammenarbeit in dieser Stunde. Die von ihnen ausgemachten positiven Ansätze werden beschrieben mit der Aufgabe, "ein christliches Verständnis der natürlichen Lebensordnungen" zu erarbeiten, ein gegenwartsnahes deutsches Bekenntnis zu formulieren und die gemeinsame Forderung nach "geistlicher Führung" für die verfaßten Kirchen, Abwehr des "demokratischen Parlamentarismus" der Synoden und den Einsatz für eine einheitliche "bischöfliche Leitung der Kirche". Gegen die bisherige Kirchenpolitik der reinen äußerlichen Absicherung der Institution ergeht jetzt der gemeinsame Ruf nach der "Vollmacht ihrer göttlichen Sendung". Es war schon das dezidierte Ziel des Berneuchener Buches, eine parteiübergreifende Reformbewegung zu entfachen, die 1926 ausblieb. Die Gunst der politischen Revolution soll nun für den Neubau einer evangelischen und episkopalen Kirche genutzt werden. Den jungreformatorischen Sätzen attestieren Ritter und Stählin im Namen Berneuchens "Anliegen,... wie wir (sie) von Anfang an vertreten haben". Handeln aus dem "Wesen der Kirche heraus", Wahlen als "überwundenen demokratischen Irrtum", "Ernennung eines Reichsbischofs", eine mit "Vollmacht handelnde geistliche Kirchenleitung", ein Bekenntnis, das die Antwort "des Evangeliums" auf die Frage nach "Rasse, Volk und Staat" geben kann. Die Nähe und Parallelität in den Forderungen nach einer vollmächtigen Bischofskirche zum politischen Denkschema von Gemeinschaft, Volk und Führer ist offensichtlich, eine fatale Implikation der antidemokratisch-romantischen Geschichtsideologie. |
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| 50: | S. dazu Peter Neumann: Die Jungreformatorische Bewegung. Göttingen, 1971, S.37 ff. |
| 51: | Paul Tillich: GW XIII, S.555. |
| 52: | S. H. Kellner, Das theologische Denken W. Stählins, a. o., S. 520 ff. |
| 53: | Stählin,10 Jahre Berneuchen, in: Ev. Jahresbriefe 1933, a. a. O., S. 105. |
| 54: | Ebd.,S.106 f. |
| 55: | S. dazu die Diskussion in: Die Eiche. Vierteljahresschrift für soziale und internationale Arbeitsgemeinschaft. Jg.1925-1932; Wilhelm Stählin: Ev. Kirche und Völkerverständigung. Zu der Erklärung der Professoren Althaus und Hirsch. In: Neuwerk, 1931, S. 239 ff. |
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Teil 5 |