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Quatember


Jugendbewegung und Kirchenkampf
in Biographie und Theologie Wilhelm Stählins


von Hans Eduard Kellner

(Seite 7 von 7)


I. Zur Biographie Stählins und zur Genese seines theologischen Denkens
LeerBiographie - Person und Werk
LeerEntstehung und Systematik der Theologie Stählins
II. Die Bedeutung der Jugendbewegung für seine Biographie und Theologie
LeerDie Lage des Menschen vor Gott
III. Im Kirchenkampf

Eine Nuance der Zwölf Berneuchener Sätze macht allerdings aufmerksam: Der "Satz über die arischen Christen" sei - so Stählin und Ritter "nicht eindeutig". Der monierte Satz 7 im Aufruf vom 9. Mai lautet: "Wir bekennen uns zu dem Glauben an den Heiligen Geist und lehnen deshalb grundsätzlich die Ausschließung von Nichtariern aus der Kirche" ab, sie beruht auf einer Verwechslung von Staat und Kirche. "Der Staat hat zu richten, die Kirche hat zu retten." Die Judenfrage, der Arierparagraph steht im Raum. Allerdings geht es den Jungreformatoren um die Abwehr des Arierparagraphen innerhalb der Kirche; das staatliche Tun wird nicht kritisiert. In den Leitsätzen 6 und 9 der Berneuchener steht zu lesen: Alle "irdischen Größen, auch Volkstum und Nation" stehen unter der Herrschaft Gottes, der "sie erwählen ... und verwerfen kann" ; verworfen werden irdische Größen dann, wenn sie "selbst die Herrschaft über die Gewissen" erlangen. Die Kirche verleugnet Gottes Ratschluß, wenn sie "die Wesensart eines Volkes oder einer Rasse zum Richter über die Offenbarung Gottes setzte". Der Kirche Christi ist "das Wort von der Versöhnung anvertraut, sie weiß und sie verkündigt, daß alle Mächte des Hasses immer nur das Verderben wirken können; sie bekennt sich selbst als Volk Gottes, das aus allen Ständen und Völkern gerufen und gesammelt ist". Solche Sätze schreiben Stählins theologische Begründung der Schöpfungsordnungen und sein Verständnis von Volk und Kirche fort. Die ökumenische Una Sancta wird dem Wesen des Volkes und den nationalen Interessen übergeordnet.

Immerhin wird deutlich, daß die entscheidende Nuance der Berneuchener Leitsätze die ökumenische Dimension ist.

Das Bild von der Reichsbischofskirche konkretisieren und bestätigen weitere Äußerungen: Das geistliche Amt des Bischofs wird direkt gebunden an "den göttlichen Auftrag", weil "die Verwaltung der Kirche ... der klaren Durchgestaltung von oben nach unten" bedarf. So entsteht eine streng hierarchische Ekklesia bis hin zur "Kirchenregierung" und "Führung des geistlichen Amtes", in der dann "Vertretungen der Gemeinden und die Verwaltung Sitz und Stimme haben". Wie hätte sich dieses Modell kirchenpolitisch durchsetzen lassen sollen? Hier mutet Bonhoeffers Sicht der Una Sancta realistischer an, deren Einheit im je historisch tradierten Bekenntnis besteht. Für Bonhoeffer war es die Friedensaufgabe und das Wort der Versöhnung und der Gerechtigkeit, was die Kirche zum Handeln gegen den totalitären Staat zwingt. Diese Anfrage Bonhoeffers an Stählins hierarchisch-sakramentalen und organologischen Kirchenbegriff bleibt bestehen. Mit der Gauleitertagung der DC am 23. Mai 1933, dem Sieg Hossenfelders über Missionsinspektor Weichert, ändert sich die kirchenpolitische Lage, die Fronten klären sich, und der Streit um die Bischofswahl nimmt vehemente Formen an. "Die Führer des Berneuchener Kreises hatten von Anfang an in vielen Forderungen der Deutschen Christen verwandten Geist verspürt" in der Hoffnung auf Erneuerung der Kirche durch "wahrhaft besonnene, theologisch gebildete und kirchlich verantwortliche Führer" innerhalb der DC. Man nahm an, daß diese siegen würden, weswegen viele Wochen hindurch Stählin und Ritter als Unterhändler des Berneuchener Kreises "in enger Verbindung mit einflußreichen Vertretern der Deutschen Christen" gestanden haben, um sich der "Reichsleitung der Deutschen Christen zur sachlichen Mitarbeit zur Verfügung" zu stellen. Aber "als wir eben noch hoffen durften, der von der Reichsleitung der Deutschen Christen, Pfarrer Hossenfelder, bevollmächtigte Verbindungsmann, Missionsinspektor D. Weichert, könnte aus den verschiedenen Gruppen des jungen Protestantismus einen sachlichen Arbeitskreis sammeln, zerschlug die Gauleitertagung ... alle Erwartungen und Möglichkeiten". Ab jetzt gelte innerhalb der DC eine "Kampfeslinie ..., auf der auch entschiedene Nationalsozialisten und Mitglieder der Deutschen Christen ihnen nicht folgen konnten oder wollten". Wie damals 1919 die Hoffnung, der "Jungdeutsche Bund" würde zum Beginn einer volkserneuernden Kulturerneuerung im Sinne des Neuen Lebensstil wachsen, so zerschlug sich 1933 auch die Hoffnung auf übergreifende Zusammenarbeit für eine einheitliche deutsche Bischofskirche. Stählin erlebt wieder eine Enttäuschung. Sie spricht aus dem Brief an alle Brüder vom 24. Mai: "Auf Grund genauer Kenntnis der Lage in Berlin, die sich zu einem Kampf um den Posten des Reichsbischofs zuspitzt, müssen wir heute unsre Freunde aufs dringlichste warnen, sich den Deutschen Christen anzuschließen. Wir selber haben die Überzeugung gewonnen, daß die Aktion der jungreformatorischen Gruppe auch mit ihrem Vorschlag sofortiger Berufung eines Reichsbischofs die richtige Linie verfolgt und daß es nötig ist, von allen Seiten die von der Kirche beauftragten drei Männer und die mit ihnen verbundene jungreformatorische Gruppe in ihrem schweren Kampf um die Kirche auch durch unser Vertrauen und unsere Gefolgschaft zu stärken." So kam es, daß sich Berneuchen vom zunächst anvisierten Weg der überparteilichen Zusammenarbeit mit der DC löste und sich den Jungreformatoren anschloß. Schon das DC-Bekenntnis vom April 1933, in dem die "nationale Revolution" als göttliche Fügung der Geschichte begrüßt worden war, habe ihn mißtrauisch gemacht, bekannte Stählin. Die Gefahr sei schon hier gewesen, "daß die evangelische Kirche durch staatliche Eingriffe gezwungen werden sollte, sich bestimmten ... Forderungen zu beugen". Die Kirche aber dürfe nie "unter den Anspruch politischer Macht gebeugt" werden. Gegen dieses Mißtrauen standen zunächst noch Persönlichkeiten wie D. Weichert und vor allem der vom Reichskanzler Hitler selbst eingesetzte Ludwig Müller. Dessen Einsetzung signalisierte "nach menschlichem Ermessen", daß diese Gefahr der politischen Einflußnahme "überwunden zu sein scheint", was nicht zuletzt "der staatsmännischen Besonnenheit des Reichskanzlers zu danken" sei. "Viele von uns haben sich gerade in dieser Erfahrung in ihrem Vertrauen zu der Person des Kanzlers bestärkt gefunden" - ein Vertrauen, das bald dahin war nach der massiven Propaganda von Partei und Staat um die Bischofswahl. Bonhoeffers und auch Tillichs klarsichtige Gegnerschaft zu Hitler und seiner Partei, aber auch die theologisch exakte Gegnerschaft Barths, gewinnen erst viel später für Stählin Bedeutung, wenn er, nach 1945 rückschauend, Nationalsozialismus und faschistischen Staat als abgründig verzerrte Form des echten jugendbewegten Nationalismus beklagt. Ist dies eine sich selbst entlastende Rezeption böser, dämonischer Geschichte?

Im Mai 1933 begrüßt Stählin den Aufruf Ludwig Müllers zur Zusammenarbeit mit der "Männerbewegung" der DC, um "wirklich Kirche zu werden und ihren Auftrag bußfertig und gehorsam zu erfüllen". Nach anscheinender Beruhigung der Lage folgt der 23. Mai und die Distanzierung der Berneuchener von der DC, ihre Unterstützung der Jungreformatoren und des Dreimännergremiums. In der Bischofsfrage standen sie für von Bodelschwingh ein, "von Herzen dankbar", weil seine "Wahl ein Symbol ist für die Kirche, die das Evangelium von Jesus Christus als das Evangelium der Armen verkünden und durch die Tat bezeugen will". Die Hoffnung, nach der Wahl des Reichsbischofs würde die Agitation der DC gegen den Reichsbischof beendet sein, trog allerdings.

Am 23. Juli 1933 folgen Synodalwahlen und der Bruch und Auszug der Gruppe "Evangelium und Kirche" aus der "braunen Synode". Dem schloß Stählin sich an. "Baut hier Gott seine Kirche oder ist hier eine unheimliche Macht am Werke um guten Willen zu verwirren?", so die bange Frage angesichts der kirchenpolitischen Ereignisse in Berlin. Berneuchens Antwort auf die damalige Lage: Hier waltet "ein Gericht Gottes". Mit dem Auszug aus dem politischen Raum, in dem "Parteien gegeneinander stehen", wachse die bislang latente Einsicht zur Gewißheit, es gelte jetzt Opfer zu bringen "für das Werden und Wachsen lebendiger Zellen" jenseits dieses Raumes. Hier setzt Stählins Hoffnung auf die Bruderschaft ein.

Schon die derzeitigen Fronten sind, wie der "Mißbrauch der Namen" erkennen lasse, falsch. "Wir wissen um unsere Brüder und Schwestern drüben, die mit uns leiden um die Kirche." Es gelte nun für die "wahrhaft evangelische Kirche in unserem deutschen Volk, zu gemeinsamen Dienst" einzustehen, über politische Gräben hinweg. Bruderschaft und Gespräche sind und bleiben Berneuchener kirchen-politische Leitsterne. Von einem Bekenntnis für die Kirche oder einer Haltung angesichts nationalsozialistischer Gewaltpolitik ist nicht die Rede. Ist zur Zeit das "öffentliche Gespräch mit den Deutschen Christen" unmöglich, so besteht die Gemeinschaft mit einzelnen "im Gebet". Wenn auch eine andere Führung der Kirche erhofft war, gibt es kein Recht, "an dem guten Willen des neuen preußischen Landesbischofs zu zweifeln".

"Alles, was da geschieht in unserer Kirche, Generalsynode und Verfassung und Gleichschaltung und Bischofsgesetz, ist ein vordergründiges Geschehen ... Aber dahinter geschieht eine heimliche Geschichte der christlichen Kirche;... die Geschichte Jesu Christi in der Welt. An dieser Geschichte tätigen Anteil zu haben, ist keinem von uns verwehrt." Auch die jungreformatorische Gruppe beschließt zunächst den "völligen Rückzug aus der Kirchenpolitik", Woraus sich dann der Pfarrernotbund rekrutiert, der zur Frage nach dem Status confessionis bis hin zur Barmer und Dahlemer Synode führt. Stählin und Berneuchen ziehen sich zurück und deuten das Zeitgeschehen mit dem Denkmodell eines Vorder- und eines Hintergrundes der Geschichte. Hier ist Stählins theologische Prämisse von Wesen und Erscheinung, also seine phänomenologische Axiomatik wiederzuerkennen. Stählin war zwar dem Pfarrernotbund beigetreten, doch schon die Barmer Theologische Erklärung (1934) war für ihn ein Ärgernis. Sie entsprach gar nicht seinem theologischen Arbeiten an einer die Natur einbeziehenden Pneumatologie, die im Sakrament und dem Mysterium der Kirche Gestalt gewinnt. Konflikthafte Erfahrungen mit BK-Studenten in Münster brachten ihn dann 1941 dazu, die Bekennende Kirche zu verlassen.

Die Aufgabe Berneuchens und der seit 1931 bestehenden Evangelischen Michaelsbruderschaft liege - und das gilt über das Jahr 1945 hinaus - darin, "innerhalb der Kirche des Volkes" Kerntruppen zu sammeln, jenseits aller Kirchenpolitik, also "Kreise derer, die mit Ernst Christen sein wollen. Dazu vor allem rufen wir alle Glieder und Freunde unseres Berneuchener Kreises auf".1935 wurde die Michaelsbruderschaft kirchenamtlich anerkannt, Marahrens, der hannoversche Landesbischof, wurde als Vicarius bestellt. Ihr Weg, so Stählin, sei klar vorgezeichnet: ohne einen sich abschließenden Konfessionalismus das Erbe der Reformation in Einklang bringen mit "ökumenischer Weite", im Gespräch mit der "anglo-katholischen Bewegung" der Oxforder. "Die große Stunde, die wir erleben, ... reißt uns ... empor, (um) von unserem Standort aus um die Erneuerung der einen heiligen Kirche zu ringen und nach der gemeinsamen Aufgabe der Christenheit an der Welt zu fragen."56

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Anmerkungen:

56: Wilhelm Stählin: Berneuchen. Kassel,1939,S.18 f.

© Joachim Januschek
Letzte Änderung: 00-02-06
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