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Quatember


Die Bibel geistlich lesen
Kirche im Neuen Testament

von Horst Folkers
(Teil 1)


Gebirge und Ozean
Auf jedes Wort bedacht
Geistliche Lesung
Berneuchener Tradition
Das Wort der Schrift

LeerWer begonnen hat, in der Bibel zu lesen, wem das eine oder andere ihrer Worte nahe gekommen und ihm ein merk-würdiges Wort geworden ist, wer sich der Überzeugung nähert, in diesem Buch die Heilige Schrift vor sich zu haben, wer gar im Gottesdienst die Lesung aus ihr begrüßt hat mit den Worten "Ehre sei dir, Herr", der ist nicht leicht geneigt, die Worte des Alltags zu überschätzen, andere Lektüre der Bibel vorzuziehen, ihr andere Bücher gleichzusetzen. Sie hat das Lebenswort, wenn es denn ein solches für uns Menschen gibt. Zwar muß solche Überzeugung durchaus nicht mit einem fleißigen und andächtigen Bibelstudium einhergehen, aber es ist doch natürlich, immer wieder aufzusuchen, was man hoch schätzt. Dabei kann geschehen, was man gar nicht wollte. Die Worte der Bibel werden so vertraut, daß sie immer nur wieder das sagen, was sie seit Kindertagen sagten, sie sind hoch und ehrwürdig, werden aber doch nicht recht mitgenommen in das erwachsene Leben und reifen nicht nach, wie andere Ansichten und Einsichten nachreifen. Dann kann es zur Müdigkeit kommen in der Bibel zu lesen, bis zur Verdrossenheit, daß etwas, was doch so gut ist, einem so wenig sagt. Luther hat davon gewußt und mahnt uns: "Und hüte dich, daß du nicht überdrüssig werdest oder denkest, du habest es einmal oder zwei genug gelesen, gehört und gesagt und verstehest es alles bis auf den Grund. " Darin folgt Stählin ihm, wenn er von der "tödlichen Bekanntheitsqualität, die alles für selbstverständlich nimmt, sich über nichts mehr wundert und gar nicht daran denkt, sich nun auf den Weg zu machen," spricht.

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GEBIRGE UND OZEAN

LeerKönnen wir dazu beitragen, die Bibel zum sprechen zu bringen, daß sie uns neu ihr lebenschaffendes Wort sagen möge? Gewiß wissen wir, daß dieses Wort allein der heilige Geist in uns spricht, aber der Geist verlangt nicht, daß wir deswegen selber nichts mehr tun. Im Gegenteil spricht und mahnt er ohne Unterlaß, daß wir uns aufmachen zum "rechten Umgang mit der Heiligen Schrift", zum geistlichen Lesen, das "eine Sache der Ehrlichkeit, des Fleißes und der Treue" ist, freilich auch eine Sache der Neugier und des Mutes und der nie zu Ende kommenden Aufmerksamkeit. Dazu hilft, daß "wir in unserer Seele eine Verwunderung über Gottes Taten unter den Menschenkindem erwecken".

Leer Wer die Bibel geistlich zu lesen beginnt, und das hat schon ein jeder getan, der nur einmal von ihr berührt wurde, der muß auf Überraschungen gefaßt sein. Denn sie sagt mehr und öfter auch anderes als der Gelehrteste sich träumen läßt, und der hochgelehrte Origenes hat gewiß recht erahnt, die Heilige Schrift sei wie ein "ungeheures Gebirge, ein unerschöpflicher Ozean verborgener Wahrheit". Die Bibel ist nicht nur im Ganzen, sie ist auch im Kleinen und Einzelnen vollkommen. Trotzdem dürfen wir unverzagt anfangen, sie geistlich zu lesen, denn sie ist nicht für die Gelehrten geschrieben, wie wir von Jesus hören: "Ich preise dich Vater daß du solches den Weisen und Klugen verborgen hast und hast es den Unmündigen offenbart" (Mt 11,25). Und daher können wir uns mit der Frage, wie wir denn nun die Schrift geistlich lesen können und sollen, sogleich an die Schrift selbst wenden und ihre Antwort hören. Lukas hat es uns wissen lassen, indem er uns die Art Mariens zu hören überliefert. Maria, den Bericht der Hirten vernehmend, verwunderte sich nicht nur gleich den anderen Zuhörern - was allein in sich schon der Anfang des rechten Hörens wäre -, sie tat ein weiteres, sie "behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen" (Lk 2,19).

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AUF JEDES WORT BEDACHT

LeerDamit ist in der Tat das Entscheidende des geistlichen Hörens und damit auch Lesens schon gesagt. Es kommt nicht darauf an, von biblischen Geschichten einen Eindruck mitzunehmen, auch nicht aus ihnen ein Bild in sich aufsteigen zu lassen, um es zu betrachten oder gar sich durch sie zu Ideen anregen zu lassen. Es kommt vielmehr darauf an, die Worte aufzunehmen, jeden Satz Wort für Wort, die Geschichte Wort für Wort und alle diese Worte zu behalten, nicht nur einige, auch nicht im großen und ganzen, sondern alle. Ausdrücklich und unmißverständlich und ohne die geringsten Überlieferungsschwankungen heißt es "alle"! Lukas betont das "alle" noch, indem er es gegen den gewöhnlichen Sprachfluß voranstellt, so daß wir eigentlich übersetzen müßten: "Maria aber alle behielt diese Worte". Da merken wir auf einen Schlag, wie selten wir bisher recht die Bibel gelesen, ja daß wir es vielleicht noch kein einziges Mal getan haben. Keines der Worte darf also verloren gehen, und wenn wir neunundneunzig behielten, und das hundertste vergäßen, sollten wir tun, wie Jesus auch mit dem verlorenen Schaf getan hat. "Alle Worte", das betrifft die Sachlichkeit der geistlichen Lesung, ja ihre objektive Seite ist zuerst gar nichts anderes als "alle diese Worte", sie sind das Elementare, für alles Weitere Unverzichtbare. Und sie "behalten", das ist dann die subjektive Seite oder jedenfalls ihr erstes Stück, das Menschliche der geistlichen Lesung. Etwas behalten - wenn wir etwas in die Hand nehmen, weil es uns gut gefällt und dann vom Eigentümer hören: Du darfst es behalten. Behalten, festhalten, aufbewahren, - conservare übersetzt die lateinische Bibel, verwahren wir einen Schatz, aber anders als einen Schatz nicht in der Truhe verschlossen, sondern von uns gehalten, in der Hand gehalten, im Gedächtnis behalten. Nun aber werden diese selben Worte von Maria nicht nur behalten, Maria "bewegte" sie vielmehr in ihrem Herzen. So lesen wir es jedenfalls in der heutigen Lutherbibel. Luther selbst war noch etwas beweglicher und bewegter als er schrieb "und beweget sie in ihrem Herzen", dabei die Zeit wechselnd und ganz in Harmonie mit dem Urtext von der Vergangenheit in die Gegenwart übergehend. Im Herzen bewegen! Das Herz, das ist der Ort des Mutes und der Tapferkeit, des beherzten Entschlusses. Die im Herzen bewegten Worte geben nicht nur zu denken, sie geben zu tun, sie weisen uns, was wir tun können, dürfen, müssen. Im Herzen bewegt, das heißt in unser Leben eingesenkt, wir sind mit diesen Worten vertraut und sie, "alle" diese Worte!, mit uns.

LeerSo hat es denn die geistliche Bibellesung nach Mariens Vorbild objektiv mit den Worten, mit der Welt der biblischen Worte zu tun, subjektiv aber mit unserm Denken und Handeln, mit dem Verstand, der sie behält, eines ums andere, wohlgeordnet und wiederauffindbar und mit dem Herzen, in dem sie zum Entschluß reifen.


© Joachim Januschek
Letzte Änderung: 00-07-16
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