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Quatember


Die Bibel geistlich lesen
Kirche im Neuen Testament

von Horst Folkers
(Teil 2


Gebirge und Ozean
Auf jedes Wort bedacht
Geistliche Lesung
Berneuchener Tradition
Das Wort der Schrift

GEISTLICHE LESUNG

LeerWo über geistliches Lesen der Bibel nachgedacht wird, versteht es sich, daß die subjektive Seite der Lesung im Vordergrund steht, sie geht ja von dem Wunsch aus, selbst besser zu verstehen und tiefer einzudringen in das biblische Wort, sich mit dem Bekannten und irgendwie Gewußten nicht zufrieden zu geben.

LeerLuther, wahrhaft ein Meister des Lesens und Hörens auf die Schrift, greift in seinen Anleitungen zum rechten Schriftlesen auf die alte Tradition der lectio divina zurück, die er auf seine Weise erneuert. Fundamental geschieht dies, indem die Schrift, und zwar in allen Stellen, als Gesetz gelesen tötet, als Evangelium gelesen aber lebendig macht (2.Kor 3,6) durch die Gnade unseres Herrn Christus. Aber Luther überliefert uns auch das Vorbild des Königs David, der uns im 119. Psalm drei Regeln lehrt, die Schrift recht zu lesen. Mit ihm unterscheidet Luther die Stufen der Oratio (des Gebets), der Meditatio (der Aneignung) und der tentatio (der Versuchung). Das Gebet ist als erste Stufe nötig, damit wir uns nicht selbst klug dünken."Erstens sollst du wissen, daß die heilige Schrift ein solches Buch ist, das die Weisheit aller anderen Bücher zur Narrheit macht, weil keines vom ewigen Leben lehrt als dieses allein. Darum sollst du an deinem Sinn und Verstand stracks verzagen." Bete aber "zu Gott, daß er dir durch seinen lieben Sohn wolle seinen heiligen Geist geben, der dich erleuchte, leite und Verstand gebe". Derart hat Luther mit feiner Dialektik zunächst den menschlichen Verstand abgetan, auf daß der Göttliche in uns sein Werk tun kann, eben der, durch den Maria "alle diese Worte" behielt. Auf der zweiten Stufe, der Meditation, sollst du "nicht allein im Herzen, sondern auch äußerlich die mündliche Rede und im Buch geschriebenen Worte immer treiben und reiben, lesen und wiederlesen, mit fleißigem Aufmerken und Nachdenken, was der heilige Geist damit meint". Der Anfechtung aber bedarf es als dritter Stufe, damit das so Gelesene und Ergriffene sich auch in den Stürmen des Lebens bewähre, wir aus der Willkür, den Irrtümern und dem Scheitern unserer Pläne zur heiligen Schrift zurückgerufen werden, damit wir "auch erfahren, wie recht, wie wahrhaftig, wie süß, wie lieblich, wie mächtig, wie tröstlich Gottes Wort sei, Weisheit über alle Weisheit".

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BERNEUCHENER TRADITION

LeerFür die Evangelische Michaelsbruderschaft hat dann Karl Bernhard Ritter die geistliche Lesung zurückgewonnen, indem er sie insgesamt als Gebet oder auch als Meditation verstand, welche ihrem allgemeinen Sinn nach nichts anderes ist, als "die gehorsame Hingabe, die Öffnung für den Samen des Wortes, das Eintauchen in die Schicht des inneren Schauens, in der die Bildkräfte, die formende Macht des Wortes erfahren werden bis hin zum Einswerden mit dem geistlichen Geschehen, von dem der Text redet." Im einzelnen unterscheidet Ritter drei Stufen der Lesung, die Betrachtung (cogitatio) oder die geistige Aneignung, die meditatio (im engeren Sinne) oder die Umsetzung in Motive des Handelns und die contemplatio oder die Schau der Vereinigung mit Gott.

LeerMit der Betrachtung beginnt die geistliche Lesung, sie ist "das Bedenken und Erwägen des Textes unter der Frage, was ist hier für mich und mein Leben gesagt". Aber die Betrachtung hat zum Ziel, auf die Zeichen der Gegenwart Gottes zu achten. Gott "umschließt zwar alle Fernen und durchdringt sie, aber er ist zugleich unendlich nahe, in allen Dingen im Kleinen und Geringsten gegenwärtig. Dieser unendlich nahe und gegenwärtige Gott tritt in der Offenbarung aus seiner Verborgenheit heraus, er enthüllt sich, er spricht zu uns." In der Betrachtung öffnet sich der Beter "den Berichten des Evangeliums. Er verweilt in der Anschauung seiner Bilder und Gleichnisse. Alle Worte mit Offenbarungsgehalt werden in dieser Andacht aufgenommen, bis sich das innere des Beters damit erfüllt hat und gesättigt ist."

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LeerDie Meditation als zweite Stufe der geistlichen Lesung ist dann die "bewegende und Impulse schenkende Betrachtung". Es geht in ihr darum, "die Worte und Bilder die uns bei der Betrachtung in ihrer Transparenz aufgegangen sind, der Seele so tief und unverlierbar einzuprägen, daß sie in uns zu einer wirkenden, formenden, bewegenden Macht werden". In dieser Haltung ist es möglich, "vor dem Angesicht Gottes Entschlüsse zu fassen, ... als von Gott ergriffener, überwältigter, zu solchen Entschlüssen im Innersten befreiter Mensch".

LeerDie Kontemplation schließlich ist "das Einswerden mit der Wahrheit, ihre vollkommene Bejahung im Akt der Liebe". Die Kontemplation steht unter der Verheißung: " Es ist noch nicht erschienen, was wir sein werden, wir wissen aber wenn es erscheinen wird, daß wir ihm gleich sein werden, denn wir werden ihn sehen, wie er ist" (1.Joh 3,2). "Über dem Schauen verwandelt sich der Mensch in das Geschaute. Das Erkennen hat verwandeInde Kraft. Die Seele schaut Christus, und je tiefer und reiner sie ihn erkennt, um so mehr wird sie verwandelt, wird sie Christus ähnlich." In der Kontemplation geschieht "die anbetende Hinwendung zu dem Angesichte Gottes", das uns Christen nicht anders als in der "Geschichte ...Christi...gegenwärtig" wird. Und bewegend ist es, zum Gott der Schöpfung, der "ansah alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut " (Gen 1,31) sich umzuwenden und teilzuhaben "an diesem Schauen Gottes, diesem seinem Sich-wiedererkennen in seinem guten Werk" das ist Kontemplation. Wo im verbindlichen geistlichen Leben der Gegenwart die lectio divina wieder aufgenommen wird, kommt es gleichsam zu einer Neuentdeckung der Heiligen Schrift, wie uns Bianchi, Gründer der communità monastica die Bose, berichtet. Nach seiner Erfahrung ist die Heilige Schrift als Wort Gottes ein Same (Mt 13,19), etwas das Leben in sich birgt (Dtn 32,47) und zum "Baum des Gottesreiches heran wächst. Es keimt sowohl in der Geschichte wie im Leben eines jeden Menschen; es wächst und erfüllt alle Wirklichkeit mit neuer Gegenwart; es heiligt, weil es alle, die es aufnehmen, nährt und stärkt; es erleuchtet (Ps 119,105 ), denn es enthüllt das Geheimnis der Dinge, gibt ihnen einen Sinn und führt sie zu ihrer letzten Vollendung. " Das alles soll uns die Heilige Schrift gewähren - und sie tut es, wenn der Heilige Geist sich unserer annimmt und uns diesen Weg führt. Aber sie selbst, was geschieht mit der Schrift auf unserem Weg?


© Joachim Januschek
Letzte Änderung: 00-07-16
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