Gebirge und Ozean
Auf jedes Wort bedacht
Geistliche Lesung
Berneuchener Tradition
Das Wort der Schrift
DAS WORT DER SCHRIFT
Gehen wir wirklich, indem wir dem Rat des Evangelisten Lukas folgen und dem Vorbild Mariens nachstreben, gehen wir, indem wir die Erfahrungen der Väter des Glaubens annehmend, den Weg des geistlichen Lesens, dann ist unmöglich, daß das biblische Wort sich nicht bewegt, so fest und unwandelbar es da in seinen Lettern stehen mag. Es muß selbst in seiner Aufnahme und Aneignung, in der Bewegung im Herzen und in der den Beter mit Gott vereinigenden Schau ein anderes werden, es muß, durch die Lesung hindurchgegangen, anderes sagen als es anfänglich zu sagen schien, auch wenn es dem Buchstaben nach dasselbe geblieben ist.
Ein einziges Wort, das uns der Evangelist Matthäus überliefert, soll die Betrachtung leiten und den Weg des Verstehens führen. Es ist das Wort "Hinabsteigend", mit dem Matthäus nach der gewaltigen Bergpredigt Jesu ein neues Kapitel im Leben des Heilands aufschlägt. Luther übersetzte (1545) "Da er aber vom Berge herab gieng". Aber absichtsvoll, andere Wendungen nicht nutzend, beginnt Matthäus nicht mit "Da" oder mit "er", sondern mit dem Tun, dem Hinabsteigen, dann erst kommt er, Jesus, dann erst der Berg, von dem er hinabsteigt. "Katabäntos" steht da als erstes Wort des neuen, achten Kapitels im griechischen Text und das ist bis in die Lautung hinein ein Hinabgehen, fast ein Fallen. Hören wir zuerst auf dieses Wort, wie es im Erzählzusammenhang des Matthäus ein sinnliches, uns allen vertrautes Geschehen beschreibt. Vom Berge wieder hinabsteigen, das kann, nach der großen Rede, ein leichtes, fast beschwingtes, ein befreites Gehen sein, es waren ja viele mit oben auf dem Berg der Lehre, sie werden nicht eine Kletterpartie unternommen haben, und Wegkundige werden auch dabeisein, so ist der Weg abwärts leichter als der beschwerliche aufwärts. Wir brauchen nicht gleich an einen steilen, gefährlichen Abstieg denken, und auch Eulenspiegels Dialektik kommt uns nicht zuerst in den Sinn. Eines freilich betrifft jeden Hinabsteigenden als eine sinnliche Erfahrung, die Weite des Blicks oben auf dem Berge weicht den kurzen, bedrängten Sehweisen, die nur ab und an wieder einen Ausblick frei geben. Wer einmal in seinem Leben vom windumtosten und sonnenüberfluteten Belchen in das Tal des Nebels zurückgestiegen ist, hat erfahren, wie kein Abstieg ohne Beklommenheit geschieht, wir rücken der Angst der Kreatur wieder näher.

Und da uns auch die einfachste sinnliche Erfahrung sofort an die Tiefe der Erfahrung erinnert, so haben wir in einem zweiten Schritt dem Wort Hinabsteigen in einem größeren Zusammenhang nachzudenken. Alle, die oben waren, steigen ja wieder hinab vom Berge, aber nur von Jesus wird gesagt "der Hinabsteigende", von den andern heißt es lediglich, daß sie ihm folgten, "folgete ihm viel Volks nach". Gerade er, Jesus, ist der, der hinabsteigt. Das will Matthäus betonen. Und so hören wir, daß Hinabsteigen auch bedeutet, sich dem nähern, was unten liegt, dem, das in der Tiefe ist, sich zuwenden. Hoch und niedrig sind ja nicht nur Ausdrücke für Berg und Tal, wir verwenden sie auch für die Stellung eines Menschen in der Gesellschaft - eine hochgestellte Persönlichkeit. Dann bekommt das Hinabsteigen Jesu einen neuen Klang, indem die deutsche Sprache sowohl hinabsteigen - hin zur Tiefe, als auch herabsteigen - her von der Höhe, sagen kann, ist sie reicher als die griechische, die im katä, abwärts, hinab und herab nicht unterscheidet. Sehen wir uns an der Seite Jesu, so steigen wir mit ihm hinab, sehen wir uns aber ihm gegenüber, schauen wir aus dem Tal zu ihm hinauf, so kommt Jesus zu uns herab. Luther hat in seiner Übersetzung diese Perspektive gewählt, er schaut von unten, wie Jesus herabkommt - und tut damit ganz recht, indem die Übersetzung schon die Auslegung beginnt. Doch ist es wichtig, die Bewegung auch und zuerst, mit Matthäus, von Jesus und seiner Perspektive aus zu betrachten, und Jesus steigt hinab. Er steigt hinab, wie der Geist Gottes hinabgestiegen ist bei seiner Taufe (Mt 1,16) und dabei freilich zu ihm herabgestiegen ist. Dort hatte Matthäus dieses Wort, das Hinabsteigen, katabaino, zuerst verwendet, genauer er hatte es eingeführt, um es in seinem Evangelium wieder aufrufen zu können, dem aufmerksamen Leser ein Merkwort zu geben, das den Sinn des Fortgangs mit zu enthüllen bestimmt ist. So ist also zuerst Gottes Geist herabgestiegen und Jesus folgt dieser Bewegung hier, am Anfang des achten Kapitels in der zweiten Verwendung dieses Wortes. Er könnte nicht hin absteigen wäre er nicht zuerst hinaufgestiegen und tatsächlich lesen wir zu Beginn der Bergpredigt ausdrücklich, Jesus sei auf den Berg hinaufgestiegen (Mt 5,1), um dort, nicht wie Mose das Gesetz von Gott zu empfangen, es dem Volk hinabzubringen, sondern um selbst das Volk im Gesetz zu unterweisen, wie Gott selbst, dabei freilich die Worte Mose, die Worte Gottes, wiederholend und bewahrend wie Mose sie vernahm und sie nur auslegend, ihren wahren Sinn freilegend. Wie Jesus hinaufstieg, so steigt er jetzt hinab, vom Thron der göttlichen Lehre geht es hinab zu den niedrigen Dingen, zur geplagten, zur leidenden Kreatur, zu den Menschen in ihrer Zertrenntheit.
Tatsächlich findet Jesus ein Tal des Leidens vor und hat sich in ihm zu bewähren mit seiner heilenden Kraft, der Aussätzige, der gelähmte Knecht des Hauptmanns, die fiebernde Schwiegermutter Petri, das sind die Leidenden, auf die er, der Lehrer mit göttlicher Vollmacht, jetzt stößt. Und so lesen auch wir das Hinabsteigen als Frage an unser praktisches Tun. Beginnt nicht ein jedes Tun, dem menschlicher Erfolg vorausgesagt werden kann, mit einem Hinabsteigen? Man muß die einzelnen Schritte, jeden einzelnen Schritt kennen und können, um den ganzen Weg zu gehen. Es gibt in der Welt gar nichts Großes, das nicht aus lauter gelungenen kleinen Dingen zusammengesetzt ist, aus wie kleinen, wie "kapriziösen" Teilchen setzt sich die Majestät eines großen Mosaiks zusammen! Sich dem Niedrigen zuwenden, das Kleine nicht übersehen, das ist eine Grundhaltung des Frommen (vgl. Eph 4,2), nicht oft genug können wir uns daran erinnern. Nicht um klein zu werden, sondern um das Große, das wir vom Berg der Lehrer mitgenommen haben, nicht leer ausgehen, es wirksam werden zu lassen.

Und hat nicht, wie der Geist Gottes hinabgestiegen ist auf den geliebten Sohn, Gott selbst sich herabgelassen, indem er den ungeheuren Entschluß der Schöpfung faßte? Und läßt er sich nicht täglich und stündlich wieder herab in seinem Erbarmen? Und ist nicht die Fleischwerdung seines Sohnes der große Höhepunkt - um es so paradox zu sagen - dieser Herablassung? Ist in Jesu nicht zuerst und zuletzt die Menschlichkeit Gottes, das Erbarmen Gottes Fleisch geworden? Erinnert nicht Matthäus mit diesem Wort katabántos an die ganze Geschichte Gottes mit seiner Schöpfung, mit seinem erwählten Volk, mit all seinen Menschen, die zu ihrem Ziel kommt, wo sein eingeborener Sohn zu ihnen hinabsteigt, von der göttlichen Höhe des Gebotes Gottes, ihre Gebrechen zu heilen? Und so hätte uns hier Matthäus mit diesem Wort "hinabsteigend" gesagt, worin Gottes Wege zum Ziel kommen und zugleich worin der Mensch Jesus ungetrennt Gott gleich, selber Gott ist, der Sohn des Vaters, so hätten wir hier erfahren, was es heißt, in einer Person die menschliche und die göttliche Natur zu vereinigen?
Daher dürfen wir schließlich zurückschauen und bemerken, daß wir ja auch selbst nichts anderes getan haben, als unsere Zeit und Kraft, unsere Aufmerksamkeit und Geduld einem einzelnen Wörtlein zu widmen, es genau und sorgfältig zu betrachten. Und hätte Matthäus am Ende auch dieses sagen wollen, daß wir hinabsteigend mit Jesus in die Tiefe, aus dem weiten Flug unserer Träume, gebeugt über die Seite des Buches, zur Niedrigkeit der Lettern, zugewendet den Worten, als wären sie das Heilige selbst, uns verwandeln, vielmehr verwandelt werden und die Worte uns zum Wort Gottes werden? Wir fangen an zu ahnen, daß wir sie gar nicht verstehen, wenn nicht Gott aus ihnen zu uns spricht, in ihnen sich gnädig zu uns herabneigt. Hinabsteigend aus dem Reich unserer Meinungen und Vorurteile zum Buchstaben der Schrift finden wir nach Hause, zu uns, zu Gott. Lectio divina, geistlich lesen, das ist selbst ein Hinabsteigen - "um Gott zu begegnen". Eigentümlich, wie dieses Hinabsteigen Raum in mir gewinnt, eigentümlich wie ich ein Hinabsteigender werde. so wird das Wort der Heiligen Schrift, das Wort Gottes "Mensch in mir" und ich werde darin "selbst Wort Gottes".

Wörtlichkeit hat die Betrachtung geleitet, dem Hinabsteigen, dem ersten Wort des achten Kapitels des Matthäusevangeliums haben wir uns anvertraut, mit jenem "grenzenlosen Vertrauen", das allein der Heiligen Schrift gebührt und wie sie allein es gewährt. Wir haben, wenn man so will, den sensus litteralis, den buchstäblichen Sinn dieses Wortes betrachtet, dann den sensus allegoricus oder übertragenen Sinn, der uns zugleich in den Zusammenhang des Wortes, dem Hinabsteigen das Hinaufsteigen hinzufügend, führte, sind von ihm zum sensus moralis geleitet worden oder dazu, was er bedeutet, ein Wort der Schrift als Mahnung und Weisung zu empfangen, sind weiter gegangen zum sensus anagogiae oder zur Erhebung und Betrachtung der Taten Gottes, um schließlich bei dem, den Alten noch nicht bekannten sensus hermeneuticus einzukehren, bei uns selbst und unserem Versuch, dem unerschöpflichen Wort uns preiszugeben, Gott zu begegnen.
Und dazu haben wir uns durch Luther ermutigen lassen, der uns aus eigenster Erfahrung wechselvoller Fahrt zuruft: "Zuerst übe dich an einem Psalm, ja an einem einzigen Vers eines Psalms! Du hast schon genügend Fortschritte gemacht, wenn du an einem Tag oder auch in einer Woche gelernt hast, einen Vers in deinem Inneren zu wirklichem Leben zu erwecken".
Dr. Horst Folkers . (* 1945), Jurist und Philosoph, arbeitet an einem Buch über Reich Gottes bei Kant und Hegel
Quatember 1997 (S. 216-224)
© Horst Folkers
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