EINLEITUNG
ALTE BRÄUCHE
NEUENTDECKUNG DES ORDENSLEBENS
ABKEHR VON DER THEORIE
ENTDECKUNG DER MEDITATION
DIE WIEDERENTDECKUNG DES FASTENS
ÖKUMENISCHE WÜNSCHE
Es muß in der Mitte der sechziger Jahre gewesen sein, kurz nach Beendigung des II. Vatikanischen Konzils, da wurde ich durch Vermittlung von Frau Menner, der langjährigen Sekretärin von Kirchberg, zu einer dortigen ökumenischen Besprechung eingeladen. Es war keine öffentliche Tagung. Nur ein kleiner, persönlich eingeladener Kreis kam zusammen. Schon während des Konzils hatte sich dieser gebildet, um über den Delegierten der Michaelsbruderschaft, Pastor Wilhelm Schmidt, Einfluß auf die Konzilsverhandlungen zu nehmen. Diese Gespräche hatten sich als so fruchtbar erwiesen, daß sie auch nach Beendigung des Konzils weitergeführt werden sollten.
Teilnehmer der Gespräche waren nach meiner Erinnerung Wilhelm Stählin, der durch die Gründung des »Stählin-Jäger-Kreises« ökumenisch hervorgetreten war, der damalige Älteste der Bruderschaft, Karl Bernhard Ritter, ein Liturg von hohen Graden, und Hans-Karl von Haebler, damaliger Schriftleiter von QUATEMBER. Von katholischer Seite waren beim ersten Mal Otto Karrer, der ökumenische Vorkämpfer aus Luzern, Abt Laurentius Klein OSB und ich anwesend. Vertreter der Orthodoxie war Erzpriester Sergius Heitz aus Düsseldorf. Gastgeber war Dekan Rohleder, der Hausvater von Kirchberg, der mit seiner ruhigen, schwäbischen Bedächtigkeit etwas Väterliches einbrachte. In den folgenden Jahren - ich wurde mehrfach zu diesen Zusammenkünften eingeladen - kamen hinzu der spätere Älteste Pastor Hage aus Altenberg, Oberkirchenrat Kemper von der ökumenischen Zentrale in Frankfurt, Reinhard Mumm, Hans Dombois und ein Michaelsbruder aus dem Elsass, dessen Name mir entfallen ist. Unsicher bin ich auch hinsichtlich der Teilnehmer von Niederaltaich, Abt Emmanuel Heufelder, P. Thomas Sartory und P. Dr. Gerhard Voss.
Ich war damals wohl der jüngste in dieser erlauchten Runde, sperrte Augen und Ohren auf, um aus den Erfahrungen der Älteren zu lernen.
Ganz besonders war ich angetan vom geistlichen Leben des Hauses. Viermal täglich traf sich die Hausgemeinde in der Kapelle zum Tagzeitengebet sowie ein- bis zweimal in der Woche zur Feier der Evangelischen Messe, einer Errungenschaft der Michaelsbruderschaft. Das Gotteslob in Kirchberg wurde getragen von der ganzen Hausgemeinschaft. Sekretärin und Köchin, Hausmeister und junge Leute, die hier ihr diakonisches Jahr (später ihren Zivildienst) absolvierten, standen im Chorgestühl des ehemaligen Klosters und leiteten mit ihrem Gesang und Gebet diese Gottesdienste. Hausgäste und Tagungsteilnehmer nahmen selbstverständlich teil. Den Neulingen wurde immer wieder eine kleine Einführung und Einübung in die Gesänge geboten. Ich empfand diese Weise des Zusammenwirkens sinnvoller als die bei uns in Neresheim gewohnte. Bei uns erschweren die räumlichen Gegebenheiten, der große Abstand zwischen den Besucherbänken und dem Mönchschor, sowie die lateinische Sprache ein solch gemeinsames Gotteslob. Unsere zahlreichen weltlichen Mitarbeiter im Hospiz, der Landwirtschaft und den Werkstätten nehmen kaum einmal an unseren Gottesdiensten teil. Hier in Kirchberg sah ich eine bessere Lösung und habe meinen Mitbrüdern davon berichtet.

ALTE BRÄUCHE
Zu meiner Überraschung fand ich alte katholische Bräuche in Kirchberg, nicht kopiert, sondern neu belebt. Am Schluß des Mittagsgebetes wurde der Engel des Herrn gesprochen, allerdings ohne den zweiten Teil des Ave Maria. Dabei wurde die Glocke angeschlagen. Es ist ja ein sinnvoller Christenbrauch, in der Mitte des Tages an das zentrale Ereignis der Menschheitsgeschichte zu erinnern, die Menschwerdung Gottes auf dieser Erde.
Auch eine Schale mit geweihtem Wasser fand ich eines Tages vor dem Eingang zur Kapelle. Auch dieser Brauch ist als Erinnerung und Tauferneuerung sinnvoll, ich habe allerdings beobachtet, daß von dieser Möglichkeit kaum Gebrauch gemacht wurde. Beim Mittagsgebet wird die Kurzbiographie eines Heiligen oder Christuszeugen vorgelesen, eine Neufassung unseres Martyrologiums, das durch die Liturgiereform bei uns leider ganz abgeschafft wurde.
Mit der Regel des geistlichen Lebens von Stählin hatte ich mich schon früher befaßt, hocherfreut, daß so etwas nun auch im evangelischen Raum möglich geworden war. Seitdem Luther seine Kampfschrift gegen die Mönchsgelübde geschrieben und geheiratet hatte, war das Ordensleben im Protestantismus so gut wie ganz verschwunden. Luther meinte, die Bindung durch ein Gelübde widerstreite der Freiheit eines Christenmenschen. Er hatte offenbar nicht verstanden, daß die Mönchsprofeß eine Erneuerung und Konkretisierung des Taufgelöbnisses sein will, mit dem wir uns ja auch an Christus binden. Auch die Bindung durch das Eheversprechen steht ja der christlichen Freiheit nicht entgegen. Unser Vater Benedikt sagt in seiner Regel »durch Bindung zur Freiheit«. Friedrich Weber sagt in seinem Lehrgedicht Dreizehnlinden im Blick auf die Mönche: »Freiheit ist der Zweck des Zwanges. Wie man eine Rebe bindet, daß sie - statt im Staub zu kriechen - frei sich in die Lüfte windet«. In der Regel des geistlichen Lebens las ich: »Die Mitglieder der Michaelsbruderschaft wollen auf diese Weise aus einem unverbindlichen und daher kraftlosen Christentum heraus und suchen Halt durch das Hineinwachsen in eine tragende Gemeinschaft. Durch die äußere Ordnung soll die innere Ordnung ihres geistlichen Lebens gefördert werden. In der allgemeinen Zerfahrenheit des heutigen Lebens mit seiner zermürbenden Sorge (1946!) und seinen doch so unfruchtbaren Leerlauf wollen sie durch Bindung in einen höheren Raum der Ordnung vorstoßen«. Damit wurde mir selbst geholfen, meine Berufung besser zu verstehen und zu bejahen. Hier wurden alte Wahrheiten in einer neuen Sprache verkündet.

NEUENTDECKUNG DES ORDENSLEBENS
Für uns Angehörige der alten Mönchsorden wurde es zu einem beglückenden und ermutigenden Erlebnis, die Neuentdeckung des Ordenslebens im Protestantismus zu verfolgen. Ich habe die meisten dieser neuen Gemeinschaften persönlich kennengelernt. Schon im September 1962 war ich in Taizé, wo ich »zufällig« einen Konvent der Michaelsbruderschaft antraf, der in dem alten romanischen Kirchlein seine Evangelische Messe feierte. In Darmstadt besuchte ich die Evangelischen Marienschwestern. Mutter Martyria sagte auf meine Frage, wie sie die Chancen einer Einigung der Christenheit beurteile: »Freiwillig nie! Gott muß uns zusammenprügeln« Ein Wort, an das ich immer wieder denken mußte. Dann sind zu nennen die Jesusbruderschaft, damals noch in Ludwigshafen, die Kommunität Imshausen, die Christusbruderschaft in Selbitz, Pomerol in Südfrankreich, Grandchamps in der Schweiz, der Casteller Ring auf dem Schwanberg, die Bruderschaft vom Gemeinsamen Leben, die entscheidend beitrug zur Gründung des Ökumenischen Lebenszentrums in Ottmaring, zusammen mit den Frauen und Männern des Focolare. Hier lernte ich Familien kennen, die in (teilweiser) Gütergemeinschaft leben und ordensähnliche Formen auch für die Familien erprobten. Zum Birgittenjubiläum reiste ich mit einem Mitbruder nach Schweden, wo wir bei den evangelischen Marientöchtern einquartiert wurden. Auch die »lutherischen Benediktiner« lernten wir dort kennen. Diese evangelischen Gemeinschaften nennen sich meist Kommunitäten. Man spürte noch das Bestreben, sich auch in der Terminologie von den katholischen Klöstern zu unterscheiden. Erst jüngst wurde die Scheu überwunden durch das Gethsemane-Kloster in Riechenberg bei Goslar. Neuerdings gibt es auf den evangelischen Kirchentagen einen »klösterlichen« Bereich. Das »Kloster« scheint geradezu eine anziehende Kraft zu entwickeln.
Beim Ökumenischen Pfingsttreffen in Augsburg 1971 haben die evangelischen Kommunitäten und Bruderschaften zusammen mit katholischen Ordensleuten gemeinsame Stundengebetsgottesdienste vorbereitet und gefeiert. Diese Kontakte haben dann zu regelmäßigen Zusammenkünften der evangelischen Kommunitäten geführt, zu denen jeweils auch einige Benediktiner geladen wurden als Vertreter der katholischen Orden. Mehrere Jahre hindurch fanden diese Treffen unter Leitung von Reinhard Mumm im Kloster Kirchberg statt, bis dann der Wunsch ausgesprochen wurde, auch an anderen Orten zusammenzukommen um das dortige Leben einer Kommunität kennenzulernen.

ABKEHR VON DER THEORIE
Die Michaelsbruderschaft und Kirchberg haben auf diese Weise kommunikativ und integrierend gewirkt. Dies dürfte in ihrer Struktur und Zielsetzung begründet sein. Ich habe mir aus unserer Klosterbibliothek das Buch Frei für Gott und die Menschen (Hrsg. Lydia Präger 1964) entliehen, in dem die neuen evangelischen Kommunitäten und Bruderschaften zusammengestellt sind. Der Beitrag über die Michaelsbruderschaft stammt von Oskar Planck, dem ersten Hausvater von Kirchberg. Da erfahren wir, daß die Michaelsbrüder von recht verschiedener Provenienz waren, sei es hinsichtlich ihrer theologischen und kirchlichen Grundhaltung, ihrer landschaftlichen Herkunft oder ihrer sozial-politischen Richtung. Zwar waren die meisten Mitglieder Pfarrer. Aber es waren auch viele andere Berufe vertreten. Was sie verband, war nicht eine neue Theologie, sondern die Erkenntnis von der Krisis und Bedrohung der Kirche, sowohl was ihr innerstes Heiligtum, den Gottesdienst, als auch ihr Verhältnis zur Welt betraf. Es war das, was katholischerseits Romano Guardini »Das Erwachen der Kirche in den Seelen« nannte. (Es war kein Zufall, daß Guardini ebenso wie Wilhelm Stählin führende Persönlichkeiten in der Jugendbewegung waren und als solche miteinander in Verbindung standen).
Die Michaelsbruderschaft wollte es nicht beim Theoretisieren bewenden lassen. Die abstrakte Theologie hatte ja immer wieder zu neuen »Ansätzen«, Richtungen und Parteiungen geführt. Die Bruderschaft legte Wert auf den konkreten Vollzug geistlichen Lebens im Alltag. Dazu sollte nicht nur die Regel des geistlichen Lebens helfen, sondern auch der Zusammenschluß zu einer verbindlichen Gemeinschaft, mit mehrjähriger Probezeit, feierlicher Verpflichtung im Gottesdienst und Bereitschaft zur correctio fraterna. Jedem Bruder sollte ein Helfer zugeordnet sein zur persönlichen Seelsorge.
Die Verantwortung für die »Welt« versuchte die Michaelsbruderschaft wahrzunehmen durch das Ringen um Klärung der Zeitprobleme. Anfangs war es die Auseinandersetzung mit der Anthroposophie und Tiefenpsychologie, mit dem Nationalsozialismus, mit der Una-Sancta. Dann ging es aber auch um das Verhältnis von Arzt und Seelsorger, von Theologie und Naturwissenschaft, von Kirche und Politik, von Kirche und Kunst. Daneben liefen ständig Bemühungen um die Gestalt der Liturgie, das Tagzeitengebet und den gregorianischen Gesang. Meines Wissens wurde hier die Formulierung Leiturgia-Martyria-Diakonia als Aufgabe der Bruderschaft geprägt, die dann über diese hinaus als sinnvolle Form kirchlichen Lebens bedeutsam wurde.
Auf diese Weise gelang es der Michaelsbruderschaft, die Polarisierungen, die verstärkt seit der »Kulturrevolution« von 1968 in der evangelischen Kirche (später auch in der katholischen) auftraten, weitgehend zu überwinden. Ich meine die Parteiungen in Progressive und Konservative, Evangelikale und Liberale, politisch und biblisch orientierte. Die gemeinsame Mitte im Gottesdienst und geistlichen Leben verhinderte ein solches Auseinanderdriften und ermöglichte es, daß unterschiedliche Standpunkte als komplementäre Aspekte verstanden werden konnten. So wuchs der Michaelsbruderschaft zu, auch über ihre eigenen Reihen hinaus vermittelnd und versöhnend zu wirken.
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