Symbol Navigation Inhalt 1998

Drucken
Downnoad
Links Teil 1
Quatember


40 Jahre Kirchberg
Ein ökumenischer Rück- und Vorausblick
von Beda Müller OSB


EINLEITUNG
ALTE BRÄUCHE
NEUENTDECKUNG DES ORDENSLEBENS
ABKEHR VON DER THEORIE
ENTDECKUNG DER MEDITATION
DIE WIEDERENTDECKUNG DES FASTENS
ÖKUMENISCHE WÜNSCHE

ENTDECKUNG DER MEDITATION

Schon früh hatte die Bruderschaft sich mit Meditation befaßt. Ich besitze ein Büchlein von Carl Happich Anleitung zur Meditation (3. Aufl. 1948), das für die Michaelsbruderschaft verfaßt wurde. Es scheint bei den ersten Versuchen zu Problemen gekommen zu sein, weshalb eine Unterbrechung eintrat, die erst Ende der sechziger und Anfang der siebziger Jahre durch die Wirksamkeit von Graf Dürckheim und Lassalle beendet wurde. Ich selbst verdanke diesen beiden entscheidende Impulse für mein geistliches Leben, und die Anleitung zur Meditation wurde dann neben dem ökumenischen Engagement meine wichtigste, bis heute wirksame Aufgabe. Mehrfach durfte ich auch in Kirchberg Meditationskurse leiten und dazu beitragen, daß es zu einer gesunden Synthese zwischen unserer christlichen Tradition und östlichen Elementen kam. Besonders wichtig und hilfreich wurde die Schweigemeditation, das Ruhegebet, das von der japanischen Zen-Meditation inspiriert wurde. Doch haben wir dann entdeckt, daß es auch in der christlichen Tradition diese Methode gibt, von den Hesychasten des frühen Mönchtums über Die Wolke des Nichtwissens des Mittelalters bis zum Quietismus des 17./18. Jahrhunderts in Frankreich. Von dort hat der evangelische Mystiker Gerhard Tersteegen diesen Weg kennengelernt. Sein Lied Gott ist gegenwärtig ist uns wertvoll geworden. Da heißt es schon in der ersten Strophe »Gott ist in der Mitten, alles in uns schweige«. Und in der sechsten Strophe: »Du durchdringest alles, laß dein schönstes Lichte, Herr berühren mein Gesichte. Wie die zarten Blumen willig sich entfalten und der Sonne stillehalten, laß mich so, still und froh, Deine Strahlen fassen und Dich wirken lassen!«
Ich möchte an unsere evangelischen Brüder und Schwestern die Frage richten: Liegt hier nicht eine Nähe zur Rechtfertigungslehre von Martin Luther vor? Er hatte ja in seinem »Turmerlebnis« die Entdeckung gemacht, daß die Rechtfertigung (wir Katholiken sprechen meist von Erlösung) nicht das Ergebnis unserer Anstrengungen, Verdienste und guten Werke ist, sondern ein Geschenk von IHM. Das ist übrigens eine genuin katholische Lehre, die im späten Mittelalter infolge der Überwucherung mit Heiligenverehrung, Reliquienkult, Wallfahrten, Ablässen und Anhäufung von Messen verdunkelt worden war. Luther hat die Hauptsache wieder zur Hauptsache gemacht und die Erlösungstat Christi wieder in die Mitte gestellt.
Daß diese Schweigemeditation keine Methode für Selbsterlösung ist, habe ich meinem Lehrer, Graf Dürckheim, einmal an einer Kerze demonstriert. Die Kerze ist zwar zum Brennen geschaffen, aber sie kann sich nicht selbst entzünden. Dazu muß ein Eingriff von außen erfolgen. So ist es auch bei uns Menschen. Wir können uns nicht selbst erlösen, oder - um das Modewort zu gebrauchen - selbst verwirklichen. Auch hier muß ein Eingriff von außen, nämlich aus der göttlichen Dimension, erfolgen.
Die Praxis der Meditation hat eine eminent wichtige Bedeutung für die Ökumene. Im gemeinsamen Schweigen in der Gegenwart Gottes kommen wir einander näher als in vielen theologischen Erörterungen und Diskussionen. Das kann ich aus der Erfahrung einer fast 30jährigen Kursarbeit bezeugen. über 20 evangelische Pfarrkonvente durfte ich in diese Praxis einführen.
TOP


DIE WIEDERENTDECKUNG DES FASTENS

Ein besonderes Verdienst hat sich Kirchberg erworben durch die Wiederentdeckung des Fastens. Merkwürdigerweise waren es Ärzte, die hier vorangingen, vor allem Dr. Buchinger aus Überlingen. Er hatte am eigenen Leibe die heilende Kraft des Fastens erlebt, erkannte dann, daß Fasten auch einen religiösen Aspekt hat, und begann in Kirchberg zusammen mit Dekan Rohleder Fastenkurse mit geistlicher und ärztlicher Begleitung durchzuführen. Von Kirchberg hat dann das ökumenische Zentrum in Craheim diese Praxis übernommen. Dorthin wurde ich eingeladen, um die Einübung in Meditation in diesen Fastenwochen beizusteuern. Auf diese Weise lernte ich ganz neu das Fasten kennen, das in unserer Kirche und auch in unseren Klöstern zwar noch bekannt war, aber nicht ernsthaft praktiziert wurde. Ich habe dann diese Fastenkurse auch in unser Neresheimer Programm aufgenommen. Sie finden seit vielen Jahren zweimal statt, in der Advents- und Fastenzeit, immer verbunden mit Meditation, Bibelgespräch, sakralem Tanz und eutonischen Übungen. Höhepunkte sind jeweils die Eucharistiefeiern im Meditationsraum.

TOP


ÖKUMENISCHE WÜNSCHE

Ich wurde gebeten, Erwartungen und Wünsche für das Wirken in Kirchberg zu äußern. Da möchte ich an erster Stelle bitten, die ökumenischen Themen und Begegnungen wieder öfter ins Programm aufzunehmen. Die jüngste Auseinandersetzung um die Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre hat gezeigt, daß sich die wissenschaftliche Theologie hier eher mehr hinderlich als förderlich ausgewirkt hat. Zumindest sollte neben der intellektuellen Befassung das geistliche Geschehen treten. Kirchberg hat sich da schon als geeigneter Ort bewährt. Der Brief an den Papst, den unlängst eine ganze Reihe von evangelischen Kommunitäten, Bruderschaften und Gruppen unterschrieben hat, kam unter maßgebender Mitwirkung des Vertreters der Michaelsbruderschaft (Prof. Dr. Schmidt-Lauber/Wien) zustande. Die bisherige Antwort aus Rom ist noch etwas allgemein gehalten. Vor allem hat der Papst selbst sich noch nicht dazu geäußert. Ich könnte mir vorstellen, daß dieser Dialog fortgesetzt werden soll und daß Schmidt-Lauber als Moderator tätig bleibt. Außer Neresheim wäre Kirchberg ein geeigneter Ort für diese Gespräche.
Die Teilnahme von Katholiken an den Kirchberger Veranstaltungen wird vermutlich erschwert durch die noch nicht erreichte Abendmahlsgemeinschaft. Bei der Feier der Evangelischen Messe in Kirchberg gerät der Katholik in einen Konflikt. Einerseits möchte er gerne am Empfang der Eucharistie teilnehmen. Andererseits hat er Bedenken wegen der noch nicht erreichten Einigung in der Amtsfrage. Könnte da nicht der Weg beschritten werden, den skandinavische Lutheraner beim Besuch des Papstes in ihren Ländern vor etlichen Jahren gefunden haben? Bei der Austeilung der Kommunion traten sie mit ihren katholischen (Ehe) Partnern vor und legten, während diese kommunizierten, eine Hand auf deren Schulter. Andere nichtkatholische Teilnehmer traten vor, legten ihre gefalteten Hände auf den Mund und erbaten so den Segen mit der Hostie. Auf diese Weite bekundeten sie einerseits ihr Verlangen nach der eucharistischen Gabe, andererseits aber auch ihre Respektierung der noch nicht gegebenen Abendmahlsgemeinschaft. Könnte den katholischen Besuchern in Kirchberg nicht in dieser Weise eine Teilnahme angeboten werden?
In Neresheim hat sich bei den internen Eucharistiefeiern folgender Brauch bewährt. Da bei unseren Kursen viele evangelische Christen teilnehmen und auch solche, die aus der Kirche ausgetreten oder nicht getauft sind, wird hinsichtlich der Teilnahme an der Kommunion gesagt, daß diejenigen, die an die reale Präsenz des Herrn in Brot und Wein glauben, willkommen sind. Es ist dies eine Gewissenssache (wenngleich keine reine Privatsache). Für diejenigen, die aus irgendeinem Grund nicht zur Kommunion gehen (z.B. auch Katholiken, die geschieden und wiederverheiratet sind), wird nach der Austeilung der Kommunion etwas Wein oder Brot gesegnet und angeboten. Dieser Brauch wurde von der Ostkirche angeregt, wo ja am Schluß der Göttlichen Liturgie allen gesegnetes Brot ausgeteilt wird, die sogenannten Eulogien. Es dürfte dies ein Rest des frühchristlichen Agapemahles sein, das sich an die Eucharistiefeier anschloß. Auf diese Weise haben wir alle Teilnehmer zufriedenstellen können unter voller Respektierung der Gewissen.
Für QUATEMBER hätte ich den Wunsch, daß auch auf wichtige katholische Veröffentlichungen hin und wieder aufmerksam gemacht würde. Die protestantische Gepflogenheit »catholica non leguntur« (Katholisches wird nicht gelesen) dürfte ja für die Michaelsbruderschaft nicht gelten. Auch könnten christliche Glaubenszeugen aus unserer Zeit vorgestellt werden. »Worte belehren - Beispiele reißen mit« gilt heute angesichts der Inflation an Gedachtem immer noch. Ich kenne keine bewegenderen und stärkenderen Glaubenszeugnisse als die Abschiedsbriefe und Tagebuchaufzeichnungen, die Gollwitzer in dem Büchlein »Du hat mich heimgesucht bei Nacht« herausgegeben hat. Das Gedächtnis und Vermächtnis der Blutzeugen aus der NS-Zeit sollte in Ehren gehalten werden. »Es gibt nichts Lebendigeres als einen toten Heiligen« las ich irgendwo.
Mit diesem Beitrag möchte ich die Verbundenheit zwischen Kirchberg und Neresheim bekräftigen. Wird in Kirchberg am Donnerstag noch die Ökumene-Kerze angezündet? Ich habe vor vielen Jahren die Anregung dazu gegeben, die wir in Neresheim von Niederaltaich übernommen haben. Bei uns brennt diese Kerze donnerstags den ganzen Tag über vor dem Hochaltar und erinnert uns an das Gebet Jesu am Gründonnerstag: »Vater gib, daß alle, die an mich glauben, eins seien ... damit die Welt glaube, daß du mich gesandt hast!«

© Pater Beda Müller
(* 1914).Seit 1935 Benediktiner in Neresheim, leitet Kurse mit den Schwerpunkten Ökumene und Meditation.



© Joachim Januschek
Letzte Änderung: 99-06-25
Haftungsausschluss
Seite 1 TOP Kirchberg