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Quatember


Der Beitrag der Evangelischen Michaelsbruderschaft zur Gottesdienstreform des 20. Jahrhunderts
von Heinrich Riehm
(Teil 2)


EINLEITUNG
- MARTYRIA - LEITURGIA - DIAKONIA
- IN DER KIRCHE - FÜR DIE KIRCHE
- LITURGISCHE ERNEUERUNG

Gliederung des Themas

TEIL I - DIE LITURGISCHE ARBEIT DER EMB
a) Wichtige Stationen in den dreißiger Jahren
- DAS KIRCHENJAHR (1934)
- LIEDER FÜR DAS JAHR DER KIRCHE (1935)
- LESUNG FÜR DAS JAHR DER KIRCHE (1936)

b) Die liturgische Arbeit unmittelbar nach dem zweiten Weltkrieg
- GEBETE FÜR DAS JAHR DER KIRCHE (1948)
- DAS STUNDENGEBET (1948)

c) Die Veröffentlichungen von den sechziger Jahren an
- DIE EUCHARISTISCHE FEIER (1961)
- EVANGELISCHES TAGZEITENBUCH (1967)
- ORDNUNG DER TÄGLICHEN BIBELLESUNG (1978)

Teil II - AUSWIRKUNGEN

TEIL I - DIE LITURGISCHE ARBEIT DER EMB

a) Wichtige Stationen in den dreißiger Jahren

DAS KIRCHENJAHR (1934)

Im Jahr 1934 erschien die Denkschrift »Das Kirchenjahr« herausgegeben von Theodor Knolle und Wilhelm Stählin 12. Diese Denkschrift stellt insofern einen Markstein in der Entwicklung der Agenden dar, als hier zum ersten Mal ein völlig durchgestaltetes, sozusagen geschlossenes Kirchenjahr aufgrund der altkirchlichen Perikopen vorliegt, in dem die einzelnen Sonntage mit Thema, Sonntagsspruch (Wochenspruch) und Lied ausgestattet sind. Das Buch enthält eine ausführliche Erläuterung und Begründung dieser erstmals vorgelegten Kirchenjahresordnung.

Die bisherigen Agenden waren ja wie oben erwähnt in der Regel nach Festtagen und Festzeiten und für die festlose Zeit nach allgemeinen Themen und Anlässen (für einzelne Phasen) eingeteilt. So auch etwa »Das Jahr der Kirche in Lesungen und Gebeten«, das Rudolf Otto 1927 (in 2. Auflage) herausgegeben hatte und das auf eine schwedische Vorlage zurückging. Dort waren die Sonntage bereits durchgezählt und auch jeweils mit einem zugeordneten Psalm versehen 13.

12: Das Kirchenjahr: Eine Denkschrift über die kirchliche Ordnung des Jahres, im Auftrag der Niedersächsischen Liturgischen Konferenz und des Berneuchener Kreises hrg. von Theodor Knolle und Wilhelm Stählin, Bärenreiter-Verlag Kassel 1934
13: »Das Jahr der Kirche in Lesungen und Gebeten«, E. Linderholm: Neues Evangelienbuch, deutsch von Th. Reißinger in zweiter Auflage, vermehrt und überarbeitet mit W. Knevels und G. Mensching von Rudolf Otto, Leopold Klotz Verlag, Gotha 1927.
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LIEDER FÜR DAS JAHR DER KIRCHE (1935)

1935 erschien das Heft »Lieder für das Jahr der Kirche«, dessen Geleitwort interessante Aufschlüsse zur Entstehung des Wochenliedes gibt 14. Dort heißt es: »Die hier veröffentlichte Auswahl von Kirchenliedern, je eines de tempore für den Sonntag und die Festzeit ausgewählt, ist hervorgegangen aus den Liedvorschlägen des Kalenders 'Das Jahr des Kirchenmusikers' seit 1929. Sie entspricht der Kirchenjahresordnung, wie sie in der Denkschrift 'Das Kirchenjahr' (herausgegeben von Theodor Knolle und Wilhelm Stählin, Bärenreiter-Verlag Kassel) dargestellt und ausführlich begründet ist. Die Aufgabe der Liedfestlegung selbst ist im Hinblick auf die praktischen Aufgaben des Pfarramts, des Kirchenmusikeramtes und der Schule in mehreren Beiträgen der Zeitschrift 'Musik und Kirche' behandelt, vgl. Wilhelm Thomas 'Das Detemporelied' (6. Jahrg. Heft 4) und Christhard Mahrenholz 'Liedplan für das Kirchenjahr' (6. Jahrg. Heft 6).«

Man erkennt unschwer, welches Gewicht dem »Detemporelied« damals beigelegt und wie stark seine Verbreitung gefördert wurde. Die einzelnen Lieder sind mit den Namen der Sonntage und ihrer Themen überschrieben, wobei die Sonntage nach Pfingsten, nach Johannis und nach Michaelis gezählt werden.

14: »Lieder für das Jahr der Kirche« in Verbindung mit den Herausgebern der Denkschrift »Das Kirchenjahr« herausgegeben von Wilhelm Thomas und Konrad Ameln, Bärenreiter-Verlag Kassel 1935 (67 Lieder).
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LESUNG FÜR DAS JAHR DER KIRCHE (1936)

Eine weitere wichtige Station stellt die 1936 als Gemeinschaftsarbeit der Michaelsbruderschaft von Rudolf Spieker herausgegebene »Lesung für das Jahr der Kirche« dar 15. Anstelle einer fortlaufenden Bibellesung waren dort alle Lesungen der Woche vom Leitbild des vorausgehenden Sonntags bestimmt. Damit war die später sogenannte Kirchenjahres-Bibellese geschaffen, deren Besonderheit darin bestand, daß sie den Sonntagsgottesdienst mit dem Alltag der Woche durch die Lesungen verbunden hat. Auch war in dieser Veröffentlichung jedem Sonntag ein sogenannter »Sonntags-Psalm« zugeordnet - passend zum Leitbild des Sonntags ausgewählt.

Schließlich ist ein weiteres Charakteristikum dieses Buches zu nennen. Es sind die in der Einführung beschriebenen Gebetsanliegen für die einzelnen Tage der Woche. Sie geben den Wochentagen zugleich ihren Sinn und ihre innere Ausrichtung und haben hier folgenden Wortlaut:

Sonntag: Tag des neuen Anfangs, Tag des Lichtes (durch die Schöpfung der Welt, durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten, durch die Ausgießung des Heiligen Geistes).

Montag: Sendung in die Welt.

Dienstag: Versuchung, Kampf.

Mittwoch: Bindung an unseren "Nächsten"; Ehe, Familie.

Donnerstag: Die großen Ordnungen und Gemeinschaften, in denen unser Leben steht: Reich Gottes und Kirche; Volk und Staat.

Freitag: Gedächtnis des Todes Christi; Blick auf das Kreuz, Bereitung zum Leiden.

Samstag: Abend des Lebens und der Welt; Blick auf das Ende; Gericht und Erlösung.

*

Zur Klärung möglicher Mißverständnisse darf an dieser Stelle eingefügt werden, daß Monatsspruch, Monatslied und auch die Jahreslosung nicht auf Anregungen aus der Michaelsbruderschaft zurückgehen. Sie haben ihre Wurzeln in den Jugendverbänden und in den Aktivitäten der Bekennenden Kirche und sind ab 1934 verbreitet worden. 16


15: »Lesung für das Jahr der Kirche«, Biblische Lesungen für Kirche und Haus nach der Ordnung des Kirchenjahres, hrg. von Rudolf Spieker im Johannes-Stauda-Verlag zu Kassel 1936 - Geleitwort von Landesbischof D. Marahrens, Hannover.
16: Eine hilfreiche Information über Herkunft und Entstehung bietet Rosemarie Micheel »Jahreslosung, Monatssprüche, Bibellesepläne« in Heft 31/1998 der Gemeinsamen Arbeitsstelle für gottesdienstliche Fragen der EKD, Herrenhäuserstr. 12, 30419 Hannover (das Heft kann auf Anforderung kostenlos zugesandt werden).


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b) Die liturgische Arbeit unmittelbar nach dem zweiten Weltkrieg

GEBETE FÜR DAS JAHR DER KIRCHE (1948)

Die wichtigste Veröffentlichung ist zweifellos die »Agende für alle Sonntage und Feiertage des Kirchenjahres« (so der Untertitel), die Karl Bernhard Ritter im April 1948 unter dem Titel »Gebete für das Jahr der Kirche« herausgegeben hat 17. Sie ist die zweite, neubearbeitete Auflage der 1933 erschienenen »Gebete für das Jahr der Kirche«. Das Vorwort gibt einige Hinweise auf die inzwischen geleistete Weiterarbeit. Der Bedeutung wegen sei hier der erste Abschnitt daraus zitiert: »Seitdem die seit langer Zeit vergriffene erste Auflage der vorliegenden Sammlung von Kirchengebeten erschienen ist, sind zwölf Jahre vergangen, davon sechs Friedensjahre, in denen die Arbeit an der deutschen Liturgie durch theoretische und praktische Veröffentlichungen wesentlich vorangetrieben wurde. Ich verweise vor allem auf die ständigen Bemühungen um die Ordnung des Kirchenjahres. Durch die 'Lesung für das Jahr der Kirche' steht eine durchgehende, sich dem Gang des Kirchenjahres anschließende Leseordnung für alle Tage des Kirchenjahres fest. Die zweite Auflage der 'Lieder für das Jahr der Kirche' hat für alle Wochen des Jahres eine Liedreihe aufgestellt, die sich in ihren Grundzügen bewährt hat. Die schon in der ersten Auflage der vorliegenden Sammlung durchgeführte Ordnung des angebotenen Materials nach dem Kirchenjahr konnte durch diese Bemühungen nur ihre Bestätigung finden und hat sich als Grundsatz für alle agendarische Arbeit heute wohl allgemein durchgesetzt. Der in ihr m.W. zum erstenmal unternommene Versuch, eine deutsche Kollektenreihe für das ganze Kirchenjahr aufzustellen, konnte in der 'Lesung für das Jahr der Kirche' und in der 'Ordnung der Deutschen Messe' fortgeführt und verbessert werden. Inzwischen erschienene, zum Teil abweichende Vorschläge für die sonntäglichen Kollekten sind für diese Auflage unserer Sammlung sorgfältig beachtet worden. Sie bringt nunmehr fast durchgehend eine doppelte Reihe von Kollekten, deren erste sich stärker an die abendländische Überlieferung anschließt, deren zweite sich deutlicher in den Zusammenhang der betreffenden Sonntagsfeier einordnet.« 18

Die in diesem Vorwort genannten weiterführenden Veröffentlichungen sind eine ganze Reihe von Schriften, die seit den zwanziger Jahren in fortlaufenden Heften unter dem Titel »Der deutsche Dom« herausgekommen waren, darunter »Das heilige Abendmahl«, »Die Beichte der Gemeinde«, »Pfarrgebete«, um nur einige zu nennen. Ritter geht in seinem Vorwort im folgenden auf die Bemühungen um eine liturgische Sprache ein und stellt schließlich fest, daß »nunmehr auch alle anderen de tempore-Stücke aufgenommen worden [sind], die zum Altardienst der sonntäglichen Messe wie des selbständigen Predigtgottesdienstes benötigt werden« (S. 8).

Zum ersten Mal findet sich in dieser Agende bei den Introituspsalmen jeweils eine Antiphon, die den besonderen Charakter des Sonntags zum Ausdruck bringt. Die Agende enthält nach Ordinarium und Proprium (auch für die kleinen Feste und Gedenktage) noch weitere Gebete und Stücke für das Kirchenjahr. Unter den drei Anhängen (in Anhang I) finden sich Beispiele für die »Aufforderung zu Bittruf und Lobpreis« (S. 319 ff). Sie sind sozusagen ein stirnrunzelndes Zugeständnis an die Agenden der Unionskirchen, die ja dem Kyrie ein Sündenbekenntnis und dem Gloria ein Gnadenwort voranstellen und somit Kyrie und Gloria ihrer ursprünglichen Funktion berauben und das Ganze als eine abgekürzte Beichte verstehen.

Bemerkenswert ist schließlich an dieser Agende, daß im Ordinarium der Messe den Fürbitten »Der Opfergang« folgt, bei dem Geldgaben sowie Brot und Wein zum Altar gebracht und nach dem Kirchenjahr wechselnde »Gebete zum Opfergang« gesprochen werden. Es folgt das Credo und »Das Hochgebet« (so hier genannt), in dem nach den Einsetzungsworten Anamnese und Epiklese sowie das »Brotbrechen« ihren Platz haben. Eine Eigenart ist noch das nach dem Dankgebet verlesene »Schlußevangelium« (Joh. 1,1-5, 10-14+16), das sozusagen den Sendungscharakter am Ende der Messe unterstreichen soll, aber auch auf den Anbetungscharakter der ganzen Feier hinweisen will.


17: Kassel 1948.
18: ebenda S. 7.



© Joachim Januschek
Letzte Änderung: 99-08-01
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