Angesichts einer Vielzahl in Westeuropa geübten Formen der Meditation aus dem Buddhismus, dem Hinduismus und dem Bereich der Tiefenpsychologie stellt sich mit immer größerer Dringlichkeit die Frage: Sind wir auf solche Methoden angewiesen? Gibt es nicht auch eine bewährte Form christlicher Meditation, die nicht nur aus der Betrachtung biblischer Worte und Symbole besteht, sondern vielmehr zur Kontemplation führt, zur übergegenständlichen Wahrnehmung des absoluten Grundes unserer Existenz? Und damit verbindet sich zugleich die andere Frage: Wie kann eine solche Alternative christlicher Frömmigkeit als Glaubensvollzug verstanden und theologisch verantwortet werden?

DAS INNERE GEBET
Einen original christlichen Weg der Versenkung finden wir noch heute in den Klöstern, den Skiten und Einsiedeleien des Athos. Daß die Übung des immerwährenden Herzensgebetes in dieser Mönchsrepublik keine ausgefallene monastische Spezialität ist, zeigt das jüngste Zeugnis dieser Spiritualität, das in Griechenland weit verbreitete, in mehreren Auflagen erschienene Buch des Athosmönches Theklitos Dionysiatis: Metaxy ouranou kai ges (Zwischen Himmel und Erde). Während dieses Buch außerhalb Griechenlands bisher unbekannt blieb, haben die zuerst 1865 in Kazan an der Wolga erschienen "Aufrichtigen Erzählungen eines russischen Pilgers" in vielen Ländern eine weite Verbreitung gefunden. Bis in unsere Gegenwart sind sie in immer neuen Auflagen in deutscher Übersetzung erschienen. Ergänzt wurden diese Erzählungen 1911 aus dem Nachlaß des 1891 verstorbenen Starez Amvrosij von der Optina-Pustin-Einsiedelei, der für Dostojewskij das Vorbild abgab für die Gestalt des Starez Sossima der Brüder Karamasow und der auch auf Leo Tolstoj eine große Anziehungskraft ausübte. Die Frage, ob sich auch in der Überlieferung des christlichen Glaubens eine mit dem achtgliedrigen Pfad des klassischen Yoga und der Tiefenmeditation des Zen-Buddismus vergleichbare Übung der Versenkung findet, wird durch das Jesusgebet des russischen Bauern in diesen Erzählungen beantwortet. Durch die auf den Rhythmus des Ein- und Ausatmens, dann aber auch des Herzschlages abgestimmte dauernde Wiederholung des einen Satzes "Herr Jesus Christus, erbarme dich meiner" und schließlich nur des einen Wortes "Jesus" kommt es allmählich zur Ablösung von allen Begriffen, Vorstellungen und Bildern und schließlich zur absoluten Ruhe eines inneren Gebetes, bei dem die göttliche Gegenwart jenseits aller diskursiven Objektivierung erfahren wird. Im Gegensatz zu der vorwiegenden rational orientierten Christlichkeit des Westens ist der russische Pilger der Repräsentant eines ostkirchlichen Erfahrungsweges des Glaubens, der in einer bestimmten Methode der Kontemplation begründet ist.

Das klassische Dokument dieser meditativen Gebetsübung ist die in diesen Erzählungen mehrfach erwähnte Philokalia, eine umfangreiche, mehr als 30 Autoren umfassende Anthologie. Diese Sammlung spiritueller Texte wurde erstmalig 1792 in Venedig ediert; sie war eine Gemeinschaftsarbeit des Bischofs Makarios von Korinth und des Athosmönches Mikodemos. Beide waren beseelt von dem Wunsch, die christliche Gebetstradition, angefangen von den Wüstenvätern bis zu ihrer Erneuerung im 14- Jahrhundert und ihrer vorläufigen Zusammenfassung in der Centurie der Mönche Kallistos und Ignatios, den Gläubigen wieder nahezubringen. Schon 1793 erschien in Moskau die von dem Mönch Paisij Velickovskij bearbeitete kirchenslavische Fassung dieses Werkes, das Dobrotoljubie, das einen nachhaltigen Erfolg erlebte und in der slavischen Welt eine Renaissance des religiösen Lebens auslöste. Bis heute prägt diese bedeutende Kompilation spiritueller Tradition die orthodoxe Frömmigkeit. 1877 erschien eine russische, nach dem letzten Krieg eine rumänische Übersetzung. Ebenso wurden in den letzten Jahren Neuauflagen des griechischen Originals des Werkes herausgegeben.

GEISTLICHE ERFAHRUNGEN
Die Geschichte dieser Spiritualität, deren Zeugnisse in der Philokalia gesammelt sind, müßte erst noch geschrieben werden. Sie beginnt mit den "Sprüchen der Vater", die keine theologischen Reflexionen wiedergeben, sondern geistliche Erfahrungen berichten. Diese stehen in unmittelbarem Zusammenhang mit der hesychia, jener Ruhe der Seele, durch die der heilige Geist, "das himmlische Feuer der Gottheit" offenbart, wie es Makarios/Symeon in seinen "Geistlichen Homilien"ausdrückt. Als Mittel zur Erreichung dieses Zieles werden schon in den Vätersprüchen Stoßgebete empfohlen, und in der koptischen Fassung der Homilien finden sich erste Andeutungen einer Atemtechnik.
Entbehrt diese Übung des inneren Gebetes noch jeglicher theologischer Reflexion, so versuchte im 4. Jahrhundert Euagrios Pontikos, ein Zeitgenosse des Makarios/Symeon, auf der Grundlage der Theologie des Origenes christliche Spiritualität vom "nous" her zu begründen, dem nach dem Verständnis seines Meisters mit Gott konnaturalen Geist des Menschen. Dieser erhebt sich aus der "praxis", dem Kampf um die Leidenschaftslosigkeit und dem Bereich der "theoria physike", der geistlichen Schau der Natur und der Geschichte zur "theologia", die nichts anderes ist als die Schau Gottes. Wenn der Geist durch Läuterung und höchste Vereinfachung seinen ihm wesensgemäßen Zustand findet, kann es geschehen, daß bei diesem "reinen Gebet" das Licht der Trinität in ihm aufleuchtet als momentane Vorausnahme einer allerletzten Einheit des Erkannten mit dem Erkennenden, wie er sie endgültig nach der Befreiung von allem Körperhaften erfahren wird. - Später schildert noch einmal Johannes Klimakos (579-649) ausführlich die praktische Seite dieses Weges zur Vereinigung mit Gott. In seiner Paradiesesleiter beschreibt er in 30 Stufen die sittliche Läuterung und die Loslösung des Gläubigen von der sinnlich und begrifflich erfaßbaren Außenwelt. Der Gipfel wird erst dann erreicht, wenn das Denken zur völligen Ruhe gekommen ist. Der Hesychast "der Stille", widmet sich dem inneren Gebet, indem er seinen Geist sammelt auf die Monologie, die Anrufung des bloßen Namens Jesu. Dabei soll dieses "Gedenken an Jesus" eins werden mit dem Atem, damit das Auge des Herzens sich öffnet dem unendlichen Licht.

GLAUBE UND DENKEN
Daß dieser Weg der Vereinigung mit Gott nicht am Denken vorbei, sondern durch das denkende Erkennen hindurch, aber dann gänzlich über es hinaus führt, hatte schon im 4. Jahrhundert mit großer Klarheit Gregor von Nyssa ausgesprochen. So heißt es zum Beispiel in seinem Kommentar zum Hohen Lied:
"Die Seele jedoch, nachdem sie vielgeschäftigen Denkens jene ganze überirdische Welt durchwandert und auch unter den Geistigen und Unkörperlichen den Erdürsteten nicht wiedererkannt, verläßt nun alles Gefundene und erkennt den Gesuchten so, daß sie allein im Nichtwissen dessen, was Er ist, begreift, daß Er ist und daß jeder Ihn durchgreifende Begriff dem Hinzustrebenden ein Hindernis da Findens ist" (von Balthasar 65)
In seinem Leben des Mose beschreibt Gregorios, wie gerade im Wolkendunkel auf dem Berge Sinai die wahre Gottesbegegnung geschieht.
"Denn darin liegt die eigentliche Erkenntnis des Gesuchten, darin das Sehen im Nichtsehen, daß der Gesuchte alle Erkenntnis übersteigt, wie durch Finsternis durch seine Unbegreiflichkeit auf allen Seiten abgeschlossen" (Blum 92).

Etwa 100 Jahre später ist auch für Dionysios Areopagites Mose der Prototyp des Suchers, dem Gott via negationis in der Dunkelheit der Wolke des Berges Sinai begegnet. In der Mystischen Theologie heißt es von Mose:
"Und dann machte er sich los von allem, was gesehen werden kann und sieht und sinkt hinein in das wahre mystische Dunkel des Unerkennens, in dem er sein inneres Auge aller erkennenden Auffassung verschließt, und tritt ein in das ganz Unfaßbare und ganz Unsichtbare, ganz dem angehörend, der jenseits von allem ist und niemand mehr angehörend, weder sich noch einem anderen, geeint mit seinem Höchsten auf höchste Weise, mit dem völlig Unerkennbaren durch das Stillstehen aller Erkenntnis übergeistig erkennend dadurch, daß er nichts erkennt" (Ivanka 93),
Es ist deutlich, daß diese prägnante Formulierung der negativen Theologie, - die im Gegensatz zur kataphatischen, der zusprechenden Theologie, alle positiven Attribute Gott abspricht -, in ihrer letzten Intention auf die Vereinigung mit Gott zielt, weil sie sich der meditativen Kraft des inneren Gebetes verdankt. Auch Ausführungen in seinem größeren Werk zur negativen Theologie "über die Namen Gottes" lassen auf diesen Sachverhalt schließen.
Wie schon vor ihm Gregorios von Nyssa und Euagrios Pontikos weist auch Dionysios Areopagites darauf hin, daß dieses Übersteigen aller Erkenntnis in einem Akt der Liebe geschieht. Die zentrale Rolle der Liebeshingabe beim Jesusgebet wurde im 5. Jahrhundert besonders von Diadochos von Photike in seiner Centurie zur geistlichen Vollkommenheit herausgestellt: "Allein die Liebe vereint die Seele mit Gottes Kräften, indem sie mit ihrem inneren Sinn den Unsichtbaren sucht" (Kap.1; Frank 49).
Theologie ist für Diadochos Weisheit, die auf die Erfahrung der liebenden Vereinigung mit Gott zurückgeht, und diese Erfahrung entsteht durch das unablässige Anrufen des Namens Jesu. Dadurch wird, wie es heißt, "dieser Name im geistigen Gedächtnis festgehalten und in die Glut des Herzens eingeprägt" (ebd. 59; Frank 81).
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