Bilder aus der kirchlichen Gegenwart:
Der Konvent Berlin-Brandenburg der Evangelischen Michaels-Bruderschaft hat sein gewohntes monatliches Treffen. Zum Ablauf gehört diesmal ein Vortrag mit der Thema: Von der Wiederentdeckung der Kraft im Gottesbild der Bibel. Gegen Ende skizziere ich vermutete Vorgänge von Kraftlosigkeit bei Pfarrern und andern kirchlichen Mitarbeitern und merke an, daß immer wieder Krankheitserscheinungen vorkommen, bei denen ich Zusammenhänge mit Überforderungen sehe, wobei einer der Brüder deutlich wahrnehmbar murmelt: wir sind ja schon überfordert, und er ergänzt später: nicht wenige gehen völlig ausgelaugt in den Ruhestand, vollkommen gebrochen, in geistlicher Armut.
Ein anderes Erscheinungsbild:
Nicht wenige Pfarrer und Pfarrerinnen (um bei dieser Berufsgruppe zu bleiben) stürzen sich in Arbeit (die bekanntlich nie ausgeht), wohl aus dem gleichen Beweggrund: weil sie eine geistliche Leere oder Apathie fürchten, die sie durch Aktivität zu überdecken hoffen. Und da viele Pfarrstellen in der gegenwärtigen Finanzmisere der Kirche zusammengelegt werden, um Stellen und Gehälter einzusparen, werden solche Bemühungen zugleich hoch geschätzt, woraus dann ein Teufelskreis zwischen Überforderung und Krankheit entstehen kann. In der Tiefe aber 'sitzt der Wurm', treibt mit solchen Spielen der Durcheinanderwerfer sein Unwesen. Ist das erkannt, kommt alles darauf an, ihm sein Handwerk zu legen. Denn Ausgelaugtsein, Lustlosigkeit - das ist ein bedenkliches und gefährliches Krankheitssymptom für die Kirche, in ihrer Bestimmung, Salz der Erde zu sein (Motto des Stuttgarter Kirchentages 1999)!
Nun kann ja nicht fortwährend Kirchentag sein mit dem Schwung, den solches Treffen mit sich bringt. Aber es gibt durchaus Lösungswege heraus aus solcher Wirrnis! Ein Weg aus solcher Verwirrtheit oder geistlichen Orientierungslosigkeit kann sein, sich der biblischen Energieform anheimzugeben, die (in der Übersetzung von Martin Luther) mit Kraft wiedergegeben wird. Was hat es mit dieser Kraft auf sich?

Kraft der Bibel
Das Vaterunser schließt mit der Wendung: denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit. In Ewigkeit. Amen. Darüber hinaus verwendet die Heilige Schrift in beiden Testamenten das Wort Kraft sehr häufig: Der Luthertext verwendet Kraft etwa 150 mal. Im griechischer Neuen Testament wird dynamis und im Alten Testament werden die hebräischen Worte für Kraft koach und ooz etwa 240 mal gebraucht. Ein geläufigeres Beispiel: "Das Wort vom Kreuz ist eine Torheit denen, die verloren werden, uns aber, die wir selig werden, ist es eine Gotteskraft."(1. Kor 1,18). Im übrigen war die erstaunliche, wenn auch zu damaliger Zeit nicht einzigartige Rede über Jesus im Umlauf: "Alles Volk begehrte, ihn anzurühren, denn es ging Kraft von ihm aus und heilte alle"(Lk 6, 19). Und Paulus faßt in seinem zweiten Brief an seinen Schüler Timotheus die Gesamtbotschaft von der Auswirkung des neuen Lebens mit Jesus zusammen in den Worten: "Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit" (1,7). Beide Bibelstellen beziehen sich mit der Kraft auf den Lebensalltag, nicht so sehr auf herausgehobene Situationen: Bei der Rede über Jesus ist ganz eindeutig die Kommunikation im Mittelpunkt, und den Zeitgenossen fällt besonders auf, wie wohl tuend sein Umgang für den Menschen ist, bis hin zur Heilung von Krankheiten. Und Paulus hebt neben Kraft vor allem Liebe und Besonnenheit hervor, beides ebenfalls Schwerpunkte einer wohltuenden Kommunikation unter Menschen, zugleich auch Schwerpunkt spirituellen Ursprungs mit klarer Auswirkung auf das Zusammenleben der Menschen in ihrem normalen Alltag. Damit ist ein Bezug zum kosmologischen Aspekt von Gott als Person ermöglicht.
Kosmos und Gott als Person
"So spricht der Herr: Der Himmel ist mein Thron und die Erde der Schemel meiner Füße" (Jes 66,1). Und die allgegenwärtige Präsenz Gottes ist uns geläufig (so etwa Ps 139, 8 f): "Führe ich gen Himmel, so bist du da; bettete ich mich bei den Toten, siehe, so bist du auch da. Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer, so würde auch dort deine Hand mich führen und deine Rechte mich halten." Im biblischen Gottesbild überwiegt eindeutig die Personalität Gottes. Dennoch ist der kosmische Aspekt nicht ausgemerzt. Wir finden ihn auch wieder in der Kraft. In diesem Begriff ist Gottes Schöpfermacht mit seinem Personsein verschmolzen, so daß er sich souverän dem Mose offenbaren kann auf dessen Frage nach Gottes 'Namen' (also nach seinem Wesen): - "Ich bin, der ich bin" (Luther: "ich werde sein,der ich sein werde",2. Mose 3,14). Gottes Kraft als Schöpferwirklichkeit findet sich in der hebräischen Bibel ungleich häufiger als im Neuen Testament, und dabei ist zugleich die vital-kreatürliche Dimension oft mit der spirituellen Dimension des Lebens verschmolzen. Wir haben aber in unserer Glaubenslehre wie in der Auslegungsgeschichte die beiden Dimensionen in der Regel voneinander getrennt und mußten damit die Konsequenzen für unser Gottesbild wie für unser Glaubensverständnis tragen!

Von der Bibel zu Reiki
Auch andere Religionen kennen dieses Verständnis Gottes als Kraft, die die spirituelle und vital kreatürliche Dimension zusammenschließt. "Die afrikanischen Völker sind sich einer mystischen Kraft im Universum bewußt. Diese Kraft stammt letzten Endes von Gott, wohnt jedoch in der Praxis physischen Gegenständen und Geistwesen inne bzw. geht von ihnen aus. Das bedeutet aber, daß das All nicht statisch oder 'tot' ist. Es ist im Gegenteil ein dynamisches, 'lebendiges'und krafterfülltes All." (Anm. 1) Der amerikanische transpersonale Psychologe Charles T Tart schreibt von einer "Energie, die sich nur in ihrer Auswirkung auf das Leben und das Bewußtsein manifestiert, (die) verschiedene Bezeichnungen erhalten (hat), so prana in Indien, chi in China und ki in Japan" (Anm. 2) Für den Christen ist Gott Kraft und zugleich Person, die mich anspricht und zu der ich sprechen. Hier entsteht ein Problem. Mein Vorschlag ist: das Paradoxe im Nebeneinander beider Begriffe zu akzeptieren, weil es - wie bei der Mystik- erkenntnistheoretisch nicht auflösbar ist. Die Mystiker greifen "manchmal zu persönlichen, manchmal zu unpersönlichen Gottesvorstellungen. Daraus aber abzuleiten, daß es eine personale und eine apersonale Mystik gäbe, wäre systemsüchtiger Unverstand. Mystik ist Erleben. Erleben durchbricht die Welt der Vorstellungen." (Anm. 3) Dieser Sicht schließe ich mich im Blick auf die Kraft im Gottesbild an.
Worum handelt es sich nun bei Reiki? Nicht lange nach der Wende erfuhr ich von einer Teilnehmerin meiner damaligen Fallbesprechungsgruppe der Klinik-Seelsorge von einem Kurs, der in Reiki einführt, eine energetische Übung, die u. a. Balance und Ausgeglichenheit mitbringt. Ich absolvierte einen Einführungskurs. Die Zusage traf zu! Verbunden mit Verstärkung der inneren Energie verbesserte sich die seelische Ausgeglichenheit und innere Balance. Nach mehreren Kursen (mit mäßigem Honorar) erfuhr ich auch, daß die Quelle dieser Energie sowohl universal wie unerschöpflich sei. Dem Theologen in mir ging ein möglicher Zusammenhang zwischen dem Empfang der Energie über Reiki und der Kraft auf, die mit der biblischen Botschaft verkündet wird. In der Wirkung ergab sich eine verblüffende Übereinstimmung. In der Bibel heißt es: "Denn in ihm ist alles geschaffen, was im Himmel und auf Erden ist ... es ist alles durch ihn und zu ihm geschaffen" (Kol 1, 16). In dieser Gewißheit konnte ich noch weitere Kurse absolvieren in der inneren Klarheit, mit 1. Thess 5,21 ("Prüfet alles, und das Gute behaltet") auf einem guten Weg zu sein und die Reikipraxis in meine Gottes-Beziehung einbauen zu können. Dies geschah in der Folgezeit vor allem in der Fürbitte, wenn ich (nach Möglichkeit) die Einwilligung der Betreffenden eingeholt hatte. Dabei wurde mir bewußt, wie bedeutsam die Vertrauensbasis zwischen Beter und Empfängerin der Fürbitte ist. Übrigens wurde mir auch bald klar, daß die energetische Stärkung sich nicht oder kaum auf körperlich bedingte Müdigkeit bezieht, sondern in erster Linie die Erschlaffung meint, die sich in der geistig-seelischen Sphäre in Form von Unlust-Stimmungen o.ä. äußert und zu Spannkraft umwandelt. (Anm. 4)

Was ist Reiki
Die Ursprünge von Reiki als eines Energiesystems zur Aktivierung universaler Lebenskraft liegen im Dunkeln: "Der Überlieferung zufolge hat am Ende des 19. Jahrhunderts der Japaner Dr. Mikao Usui dieses alte System wiederentdeckt und an seinen Nachfolger, Dr. Hyashi, weitervermittelt. Eine aus Japan stammende Amerikanerin, Hawayo Takata, brachte dies System in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts nach Amerika, nach Hawaii. Erst Ende der siebziger Jahre gab sie die ersten Seminare auf dem amerikanischen Festland. Dort traf sie 1979 aufDr. Barbara Ray, eine Universitätsdozentin mit mehreren Doktorgraden in alten Sprachen und Kulturen, und bildete sie zur Lehrerin aus. Dr. Barbara Ray wußte durch ihre Universitätsstudien und Forschungsreisen, daß es in allen Hochkulturen ein Wissen um den direkten Zugang zu universaler Energie gab (... ) Als sie den 1. Grad bei Hawayo Takata machte und die erste Einstimmung von ihr bekommen hatte, wußte sie intuitiv, daß sie nun dieses verlorengegangene Wissen wiedergefunden hatte." (Anm. 5)
Die Übertragung des japanischen Wortes ins Deutsche lautet etwa: universale Lebenskraft. Die "Silbe rei beschreibt den universalen, unbegrenzten Hintergrund dieser Energie >ki<. ki ist Teil dieses rei, es ist die vitale Lebenskraft, die durch alles Lebendige fließt." (Anm. 6) Eine Einordnung in einen philosophischen oder theologischen Raster nach wesentlichen Gesichtspunkten ist mir bisher nicht bekannt geworden. Reiki dürfte am ehesten zur Kategorie der spirituellen Dimension der Gesamtwirklichkeit gehören. Der Empfangende braucht nichts weiter zu 'tun', als die Bereitschaft mitzubringen, offen zu sein. Der 'Sender' (wie der oder die Gebende meist, wenn auch irrtümlich, genannt wird) gibt nichts Persönliches von sich selbst. Da der gesamte Kosmos (christlich gesprochen: die gesamte Schöpfung) von dieser Kraft erfüllt, wenn auch nicht 'aktiviert' ist, ist solche 'Aktivierung' die Aufgabe des Senders. Was meint solche 'Aktivierung'? Diese Fähigkeit ist das Erlebnis einer sogenannten 'Einstimmung'. Sie befähigt den künftigen Sender, die Energiebrücke, die zugleich Liebe ist, zwischen der universalen Energie (Gott) und dem Empfangenden 'einzuschalten'. In der Fernanwendung von Reiki wenn also die empfangende Person nicht anwesend ist (christlich gesprochen: in der Fürbitte) - bittet der Anwender um nichts inhaltlich Konkretes, sondern um Kraft Gottes für die andere Person (mit meinen Worten, aber schweigend: Ich bitte Dich um Christi willen für N. N., Du weißt, was er heute braucht. Ich danke Dir, daß Du mich dafür in Deinen Dienst nimmst.) Der Sender ist lediglich ein Mitarbeiter Gottes, zu dem er sich hat bereiten lassen und der es Gott überläßt, zu wissen und zu schenken, was im Augenblick (!) für die andere Person das Nötigste ist. Bei dem ganzen Geschehen gilt für uns Christen Jesu Verheißung: "Alles, was ihr bittet im Gebet, als Glaubende werdet ihr's empfangen" (Mt 21, 22).

Auswirkungen von Reiki
Berichte über Reaktionen von Personen, denen Reiki zuteil wurde, lassen etwas davon erkennen, daß die Wirkung im weiten Bereich der Stimmungslage spürbar wird. "Ich fühle mich wie nach Segnung oder Absolution" (Rentnerin, promovierte Naturwissenschaftlerin). "Ich war seelisch aus dem Gleichgewicht, bedrückt und müde. Ich habe eine Weile in der Stille gesessen und losgelassen. Dann gab Reiki mir neue Frische und nahm mir die Bedrücktheit. Ich konnte wieder klar denken und vorwärts schauen. Ich war zufrieden und glücklich, aber irgendwie abgehoben. Reiki gab mir mehr Verwurzelung und innere Präsenz" (Pfarrer, Ende vierzig). Die Psychologie sagt über die Stimmungen, sie seien "die Hintergrundmusik des Alltags: Sie geben den 'Ton' unseres Sozialverhaltens vor, sie heben oder senken unsere Leistungsfähigkeit, und langfristig wirken sie sich sogar auf die körperliche Gesundheit aus (...) Stimmungen wühlen uns zwar weit weniger auf als Emotionen, aber dafür dauern sie zeitlich wesentlich länger an - und sind schon deshalb psychologisch bedeutsamer als kurzfristige Gefühlswallungen." (Anm. 7) Oder, mehr philosophisch: "Stimmungen gehören zu den Grundbefindlichkeiten menschlichen Daseins (...), die als die unterste Stufe in Form von 'Lebensgefühlen' oder 'Stimmungen' dem gesamten seelischen Leben zugrundeliegen." (Anm. 8) |