Acedia als Hemmschwelle
acedia ist der alte Name für die Gefühle von Unlust und Überdruß. "Von allen möglichen deutschen Äquivalenten wie Ekel, Langeweile, Trägheit, Mutlosigkeit, Mattigkeit, Widerwillen, Schwermut, Überdruß (... ) ist es gut, wenn man stets auch die anderen Bedeutungsnuancen mithört." (Anm. 9) Und was ist mit Überdruß gemeint? Eine "Erschlaffung (atonia) der Seele, (...) die Spannkräfte (tonos) der Seele sind erschlafft", sagt Evagrios. "Der Überdruß ist also zunächst ganz allein eine Atonie, eine Art Spannungsverlust der natürlichen Seelenkräfte." (Anm. 10) Angesichts der mangelnden geistlichen (und sonstigen) Spannkraft auch bei vielen Christen heute ist zu bemerken, daß es einen Zusammenhang mit der Achtlasterlehre der Alten Kirche und des Mittelalters gibt. "In der Sprache der geistlichen Schriftsteller des Mittelalters ist acedia vor allwm die Langeweile und die Verzagtheit, die sich einer Seele bemächtigen will, die unfähig ist, sich zu konzentrieren und die Aufgaben zu lösen, mit denen sie sich eigentlich beschäftigen sollte." (Anm. 11) Zweifellos müssen wir damit rechnen, daß die Erscheinungsformen in verschiedenen Epochen wechseln. Geistliche Lehrer (wie auch Evagrios Pontikos) befaßten sich mit Abhilfen. Viele 'Gegenmaßnahmen' bezogen sich auf zeittypische Einstellungen. Bemerkenswert scheint mir aber, daß es schon damals als 'probates' Mittel von denen empfunden wurde, die unter Überdruß litten, "zur Zeit des Überdrusses zu den Brüdern zugehen, um von ihnen getröstet zu werden" (in heutiger Sprache: um sich abzulenken), wie Evagrios sagt. Der Kommentator meint dazu: "Eine ganze Unterhaltungs- und Reiseindustrie ist heute einzig damit beschäftigt, den armen Zeitgenossen die Last des Überdrusses zu erleichtern, ja, sie nicht einmal zum Bewußtsein kommen zu lassen, daß sie an diesem Übel kranken. Nur kein Stillstand, keine Leere!" (Anm. 12) Gegenwärtig dürften wir also eher auf Symptome des Ausgelaugtseins und der Überforderung stoßen. Gerade in der Auseinandersetzung mit den Symptomen der acedia könnte dem darum Ringenden eine neue, die ersehnte Spannkraft geschenkt werden - durch die Einführung in den Umgang mit der universalen Lebenskraft, mit Reiki.
Nach meiner Beobachtung ist die Befähigung zur Weitergabe von Reiki Menschen in unterschiedlichem Grad gegeben. Offenbar hat der Herr der Kirche- ähnlich wie des Paulus in 1. Kor 12 für die geistlichen Gaben schreibt - auch die Gabe der dynamis (Kraft) unterschiedlich ausgeteilt: nicht jeder erhält die Gabe der Krankenheilung. Andererseits können wir Reiki in Form der Handauflegung als schöpfungsmäßige Gabe ansehen, die jedem Menschen zuteil wird. Wie sollten wir es sonst verstehen, daß eine x-beliebige Mutter ihrem Kind die Hand auflegt und das Bauchweh dann verschwindet?! Und diese Schöpfungsgabe schließt nicht aus, daß sie durch Übung vertieft werden kann- nicht selten bis hin zur Krankenheilung (Beispiele liegen vor) -, was den Geschenkcharakter auch der Heilung in keiner Weise schmälert.

Glauben
Als hilfreiche und darum auch wünschenswerte Begleitung für den Umgang mit Reiki, der universalen Kraft, ist mir in diesen Jahren die Bedeutung von glauben aufgegangen: hier nicht substantivisch als Glauben an ... verstanden, sondern als personaler Vorgang, der infolge seiner Intensität einen Menschen ganzheitlich in seinem Fühlen, Denken und Wollen und Handeln(!) ergreift und formt. lrn Gleichnis von der 'bittenden Witwe' vor dem 'ungerechten Richter' (Lk 18, 1 ff.) erzählt Jesus von der Witwe als einem Beispiel dafür, wie sich Glaubenskraft selbst Gott gegenüber auswirken kann (V. 7 f.). Der syrophönizischen Frau (Mt 15, 21 ff.), deren Bitte um Hilfe er anfangs schroff zurückweist, dann aber klar aufnimmt und erfüllt, sagt Jesus "Frau, dein Glauben ist groß"(wobei das griechische Wort für 'groß' auch den Grad der Intensität angeben kann, etwa Apg 4,33). Die Frau mit dem Blutfluß drängt sich durch die Menge hindurch und wagt es, ihn zu berühren! Und Jesus willfahrt ihr: "Meine Tochter, Dein Glaube hat dir geholfen. Gehe hin in Frieden!" (Lk 8, 48). Beim Hauptmann von Kapernaum verwundert sich Jesus: "Solchen Glauben habe ich in ganz Israel nicht gefunden!" (Lk7,9). In den Zusammenhang einer solchen Intensität der ganzheitlichen Haltung gehört auch der Ausdruck nicht nachlassen, wie er in der lutherschen Übersetzung der griechischen Wendung me engkakein nicht selten vorkommt (etwa Lk 18,1; 2. Kor 4,1. 16; Gal 6,9; Eph3,13: nicht verzagen; 2. Thess 3,13: nicht verdrießen lassen). Unlängst entdeckte ich im hebräischen Text, daß das Zentralbekenntnis Israels Höre Israel (Sch'majisrael, 5. Mose 6,5) im letzten Vers (bei Luther Kraft) me'od hat, was übersetzt etwa Wucht oder Stoßkraft bedeutet! Und schließlich stieg dem Theologen in mir im Rückblick auf das Studium wieder die Erinnerung auf, daß das Hebräische eine eigene Verbform hat, das sogenannte Intensivum (!), eine Steigerungsform des Verbs, für die das Deutsche keine direkte Parallele kennt. (Anm. 13)

Was ist Glauben
Zu Reiki hatten wir gefragt: was 'ist' das Wesen dieser universalen Energie, im Japanischen ki genannt? Ich sah mich veranlaßt, sie unter die Seinskategorie des 'Spirituellen' einzuordnen. Zweifellos gehört glauben pastoralpsychologisch zum individuell Menschlichen im Gegenüber zum Sein Gottes. Doch ist auch hier, ähnlich wie in der Mystik, das Paradox des 'Sowohl-als-auch' angemessen, um der Wirklichkeit gerecht zu werden. Es ist wahrlich kein Zufall, daß hier die Mystik wieder auftaucht: Göttliches und Menschliches spielen beim Glaubens-Vollzug unbestreitbar ineinander. Wie zum Glaubens-Vollzug eine mystische Komponente gehört (wie etwa bei Tersteegens Liedstrophe Herr, komm in mir wohnen, EG 165,8), muß offenbar auch für Reiki wegen seiner Zugehörigkeit zur spirituellen Wirklichkeitsdimension mit einer mystischen Komponente gerechnet werden.
Was könnte Reiki für die kirchliche Praxis austragen? Ohne eine einfache Empfehlung geben zu wollen, möchte ich ein Teilproblem ansprechen, für dessen Lösung sich die Einarbeitung der universalen Kraft Reiki als ein bedeutsames Element zeigen könnte: Nach theologischem Verständnis ist es bei Segenshandlungen der Kirche (etwa Konfirmation, Trauung, Berufung in ein geistliches Amt) Gott als Herr der Kirche selbst, der den Segen spendet und nicht die (menschliche) Person, die den liturgischen Akt vollzieht. Diese ist tätig im Auftrag des Herrn. Bei Umfragen unter Konfirmierten stellte sich heraus, daß nur wenige eine Erinnerung an den Vorgang der Handauflegung hatten. Ist das unvermeidlich, daß dieser Vorgang eine reine Formsache bleibt, ungefüllt durch eigenes Erleben der Gesegneten? Es muß so nicht bleiben daß ein bedeutsames Ereignis zu Beginn eines neuen Lebensabschnittes geistlich-spirituell leer bleibt. Wenn wir uns also nicht damit abfinden wollen, kommen wir nicht umhin, an der Wandlung dieser Praxis zu arbeiten. Wenn wir das mit Erfolg tun wollen, dürfte sich das wohl segensreich für die Glieder der Kirche selbst wie auch für die Gliederzahlen in unseren Landeskirchen sehr positiv auswirken - wenn ich die sich wandelnde Einstellung in der Gesellschaft hinsichtlich spiritueller Wirklichkeit gut einschätze! Darum begrüße ich auch ausdrücklich die Äußerung der neuen Landesbischöfin von Hannover, Dr. Margot Käßmann: "Es ist eine legitime Sehnsucht des Menschen, daß Religion auch erfahrbar sei. Wahrscheinlich waren wir Protestanten viel zu kopflastig. Die Sehnsucht nach Spiritualität muß ernst genommen werden." (Anm. 14)

Schlussbemerkungen
Es ist, als hätten wir in dieser sehr gerafften Darstellung eine Art Blitzreise durchgeführt, von der Kraft in biblischer Zeit über die Jahrhunderte des Mittelalters über die Erscheinungen von Erschlaffung und Erlahmung in der Vergangenheit bis zu möglichen Neuentdeckungen alter spiritueller Einstellungen in unserer Zeit. Dabei haben wir nicht Station gemacht bei diesen Negativ-Erscheinungen, sondern allenfalls Stationssbilder im Vorbeirasen zu entziffern versucht (acedia). Für längere Aufenthalte ist der gegebene Rahmen zu klein. Wer sich für solche Aufenthalte interessiert, wird sich Möglichkeiten schaffen, um die Umgebung dieser Stationen zu erkunden. Und wer die Intensität aufbringt, den neuen und zugleich alten spirituellen Einstellungen nachzugehen, wird sich erst recht dafür Wege zu entdecken wissen. Gottes Geist geleite uns!
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Anmerkungen
1: John Mbiti, Afrikanische Religion und Weltanschauung, 1974, S.258.
2: Charles T. Tart, Transpersonale Psychologie, Olten 1978, S. 211.
3: Georg Schmidt, Die Mystik der Weltreligion, Stuttgart 2. Aufl. 1990, S. 197.
4: Johannes Cassian, Spannkraft der Seele (hrsg. v. Gertrude und Thomas Sartory), Freiburg, S. 28.
5: Barbara Simonsohn, Das authentische Reiki, 1996, S. 66.
6: Ulrich Dehn, Weltanschauliche Gruppen im Westen mit ostasiatischem Hintergrund, Berlin 1997.
7: Heiko Ernst, "Gute Laune, schlechte Laune. Das Geheimnis unserer Stimmungen", in: Psychologie heute, 8/1996, S. 20.
8: Otto Friedrich Bollnow, Das Wesen der Stimmungen,2. Aufl. 1943, S.19.
9: s. Anm.6. Kommentar 2.47.
10: Gabriel Bunge, Akedia. Die geistliche Lehre des Evagrios Pontikos vom Überdruß, Köln, S.38 f.
11: Dictionnaire de spiritualité, Artikel acede, TomI, 1937 (Übers. v. St. Steege).
12: s. Anm. 10, S.58.
13: Zur Verdeutlichung kann ich nur unterschiedliche Verben benutzen, etwa flüstern < reden < rufen < schreien.
14: In: Die Kirche, Nr. 27 vom 4.7.1999
Quatember 2000 (S. 26-33)
© Dr. Gerhard Steege
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