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Quatember

Jesus und niemand anderem als Jesus folgen
Eberhard Arnold (1883-1935)

von Frank Lilie
(Teil 1)


LeerIn Scharen kamen sie den Hügel herunter, schwer bewaffnete Polizisten der Gestapo. Sie umstellten die Gebäude und trieben alle Mitglieder des Rhönbruderhofes im Eßsaal zusammen. Der Leiter der Polizeiaktion verlas nun einen amtlichen Bescheid: "Ich mache euch hiermit bekannt, daß der Rhönbruderhof jetzt vom Staat aufgelöst ist und nicht mehr existieren soll." Dann wandte er sich an Hans Meier, den Leiter des Hofes: "Ich verlange von Dir die Bücher und alle Schlüssel. Und verkündige Euch auch, daß in vierundzwanzig Stunden alle vom Hof fort sein müssen. "(1)

LeerDie Frist wurde zwar wegen einer Grippeepidemie unter den Kindern des Hofes um einen Tag verlängert. Doch offiziell endete am 14. April 1937 die Geschichte der Bruderhofbewegung in Deutschland. Formaler Grund der Auflösung dieser Gemeinschaft war das 1933 erlassene Gesetz zur Abwehr kommunistischer staatsfeindlicher Gewaltakte; eine pazifistische und internationale Gemeinschaft konnte im neuen Deutschland nur als "unerwünscht" gelten. Alle Mitglieder mußten den Bruderhof verlassen. Mit sich nehmen durften sie lediglich das, was sie selbst tragen konnten. Sie versuchten, so rasch wie möglich den Bruderhof in Liechtenstein zu erreichen oder gleich weiter vom Festland fort nach England zu gelangen. Vermutlich war es nur der Anwesenheit zweier hutterischer Brüder aus Nordamerika zu verdanken, daß die Bruderhofmitglieder nicht in Konzentrationslager interniert wurden. Auf sie geht auch der Bericht von der Gestapoaktion zurück.

LeerZwei Jahre bevor die Nationalsozialisten die Bruderhofgemeinschaft zu zerschlagen suchten, war ihr Gründer, Eberhard Arnold, bereits gestorben. Es war ihm noch gelungen, die schulpflichtigen Kinder des Hofes 1934 in das neutrale Liechtenstein zu bringen, um sie dem Einfluß der NS-Schulen zu entziehen. Aber es wäre verfehlt, das, was Arnold geleistet und gelebt hat, nur von seinem spektakulären Kampf gegen den Nationalsozialismus her zu verstehen. Sicher, hier hatte sich christlicher Glaube in einer besonderen Weise zu bewähren. Doch Arnold sah eigentlich sein ganzes Leben als eine solche Bewährung an. Denn der Glaube befand sich für ihn immer in der Auseinandersetzung mit dem, was er die "Welt" nannte und mit deren verworrenen, christusfernen Zustand er sich nicht abfinden wollte. Leidenschaftlich auf Christus ausgerichtet - so hatte er gelebt, seit er als Jugendlicher beschlossen hatte, ein Nachfolgender zu werden. Er lebte dies in der Form totaler Hingabe. Kompromisse blieben ihm zeitlebens fremd.

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GEGEN DEN STROM

LeerGegen den Strom, so hat Emmy Arnold, seine Frau, ihre Erinnerungen an ihren Mann und an ihren gemeinsamen Weg überschrieben. Und in der Tat, hier war einfach alles ein Schwimmen gegen den Strom - obgleich Begabung und Startbedingungen auch ganz andere Bahnen ermöglicht hätten, angesehenere, erfolgreichere, bequemere. Aber das alles war Eberhard Arnolds Sache nicht.

LeerIm ostpreußischen Königsberg kam er am 26. Juli 1883 zur Welt. Damals war sein Vater noch Lehrer am dortigen Gymnasium, zog aber bald mit der Familie nach Breslau in Schlesien, weil er einen Ruf als Professor für Kirchengeschichte an die Universität erhalten hatte. Eine Laufbahn im akademischen Milieu der Gründerzeit hätte Eberhard Arnold beginnen können, finanziell gesichert, gesellschaftlich angesehen - es gab etliche Möglichkeiten. Doch mit sechzehn Jahren erlebte er das, was wir eine regelrechte Bekehrung nennen müssen. Durch Gespräche mit seinem Onkel Ernst Ferdinand Klein, der Pfarrer in Lichtenrade bei Berlin war, kam er mit einem Christentum in Berührung, das er so noch nicht erlebt hatte. Klein wußte sich als Pfarrer ganz auf der Seite der Armen. Er hatte in Schlesien die noch immer notvolle Lage der Weber kennengelernt (wir sind in der Zeit der frühen Dramen Gerhard Hauptmanns!) und erkannt, daß das Kirchenchristentum der wilhelminischen Zeit keine Antwort auf die sozialen Umwälzungen des 19. Jahrhunderts zu geben vermochte. Auch Diakonie und Innere Mission änderten daran nur wenig. Kleins Äußerungen brachten ihm nur Feindschaften ein: In Schlesien wie in Lichtenrade wurde er angefeindet und regelrecht bekämpft; wiederholt warf man ihm die Fensterscheiben ein.

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LeerAls der junge Eberhard Arnold eines Tages an einem Gespräch zwischen seinem Onkel und einem jungen Heilsarmeeoffizier teilnahm, war er von der brüderlichen Art des Umgangs und von der brennenden Christusliebe der beiden so angetan, daß er eine große Sehnsucht empfand, auch selbst die Quelle dafür zu entdecken. An einem Tag im Oktober 1899, nach langem Studium der Bibel, nach Gesprächen und Gebeten, war sich Arnold dann mit einemmal gewiß: Christus rief ihn in die Nachfolge. Man mag skeptisch gegen Bekehrungserlebnisse und ihre Psychologie sein. Und hier wird gewiß auch häufig forciert und ein Gefühlsüberdruck erzeugt, der im Alltag rasch verpufft. Glaubenserlebnisse sollten uns aber auch immer eine gewisse Keuschheit des Umgangs abnötigen. Denn was auch immer sich hinter ihnen verborgen halten mag - es sind Lebensäußerungen, die ernst genommen werden wollen. Ob sie auch wahr sind, muß dann das Leben des Bekehrten selbst erweisen. Eberhard Arnold lebte von dieser Zeit an jedenfalls ohne jeden Kompromiß das, was er als den Weg der Nachfolge erkannt hatte. Wenn Wahrheit etwas mit Bewährung zu tun, dann war seine Bekehrung wohl eine echte Christusbegegnung. Arnold sammelte einen kleinen Kreis gleichgesinnter Freunde um sich, er besuchte des öfteren die Versammlungen der Heilsarmee und trat auch öffentlich für sie auf, sehr zum Leidwesen seiner Eltern, die sich ob solcher Aktivitäten nur schämten. Die Schule und dann das Abitur schaffte er nur mit Mühe; seine Zeit war ihm damals für anderes als das Lernen wichtiger. Zunächst begann Arnold dann aber doch zu studieren, Evangelische Theologie, Philosophie und Pädagogik in Breslau, Halle und Erlangen. Aber Pfarrer der Evangelischen Kirche zu werden kam für ihn nicht in Frage. Die beiden prägenden Motive seines Christentums, die Christusnachfolge, wie er sie bei der Heilsarmee, und die soziale Frage, wie er sie bei seinem Onkel kennengelernt hatte, machten es ihm nicht möglich, sich ohne weiteres in den Apparat der bestehenden Kirche einzufügen. Emmy Arnold sagt im Rückblick über diese Jahre: "Sehr beschäftigte uns damals das Einswerden mit Christus und die innere Beziehung zu denen, die dasselbe erlebten und die dasselbe Ziel vor sich hatten und was sie geglaubt hatten. Dadurch wurde die soziale Frage und auch die Kirchenfrage immer mehr akut für uns." 1909 hatten Emmy von Hollander und Eberhard Arnold in Halle geheiratet. Ihre Eltern konnten der Radikalität der beiden jungen Leute bald schon nicht mehr folgen. Als Arnold dann noch die Ablegung des ersten theologischen Examens verweigert wurde, weil er nicht in den Kirchendienst einzutreten gedachte, kam es beinahe zum Bruch. Er promovierte in diesem Jahr über Urchristliches und Antichristliches im Werdegang Friedrich Nietzsches. Daneben traten Vorträge und Reisen zu den verschiedensten Versammlungen. Ein Missionar der Gemeinschaftsbewegung? In gewisser Weise ja. Aber immer mehr reifte im Ehepaar Arnold die Gewißheit, daß es beim bloßen Predigen nicht bleiben dürfe. Berief Christus nicht den ganzen Menschen in die Nachfolge? Forderte er nicht eine Entscheidung, die einen Weg ohne Nebenwege vorzeichnete? Wenn es die Bürgerlichkeit der bestehenden Kirche nicht war (vergessen wir nicht: In dieser Zeit war das Gesicht der Evangelischen Kirche noch vom Landesherrlichen Kirchenregiment wilhelminischer Prägung gezeichnet!), so mußte nach neuen Formen der Gemeinschaft gesucht werden, bei denen nicht mehr die bürgerliche Existenzsicherung, sondern Christus selbst in der Mitte stand. Es ist nur zu verständlich, daß die Betonung der Entscheidung für Christus Arnold bald auch zur Ablehnung der Kindertaufe und damit dann auch zur Kritik der gesamten volkskirchlichen Struktur führen mußte. Und auch für die nationalen Eruptionen des Ersten Weltkrieges war ein solches Denken nicht empfänglich. Gegen den Strom - immer stärker, immer kraftvoller. Die junge und allmählich wachsende Familie lebte in diesen Jahren von den bescheidenen Einkünften, die Arnold als Mitarbeiter des Hilfswerkes für Kriegsgefangene und des neugegründeten Furche-Verlages erhielt. Die nationalen Töne, die dort und auch in der Deutschen Christlichen Studentenvereinigung zu hören waren, für die Arnold reisend und vortragend tätig war, mußten ihm zutiefst widerstreben.

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LeerNach dem Ende des Krieges geriet Arnold immer stärker in die Opposition zu gängigen christlichen Auffassungen. 1919 sprach er auf einer Versammlung bei Marburg/Lahn auf dem Frauenberg. Das Thema des Treffens lautete: "Wie verhält sich ein Christ zu Krieg und Revolution? - Kann ein Christ Soldat sein?" Seine Antwort war ein klares "Nein!" Jesus habe zwar die Macht des Staates erkannt, doch seine Verkündigung sei allein auf das Reich Gottes gerichtet. "Der Christ soll ein immerwährendes Korrektiv für den Staat sein, ein Gewissen für den Staat und für dessen Gesetzgebung, ein Sauerteig, ein fremder Körper in dem Sinn eines höheren Wertes. Aber er kann nicht Soldat, Scharfrichter oder Polizeipräsident sein. Es ist unsere Aufgabe, in Wort und Tat zu bezeugen, daß nichts in Jesu Worten verwirrt werde. Wir müssen Gott mehr gehorchen als den Menschen! Wir müssen ein Korrektiv in dieser Welt sein." Hermann Schafft, der unter den Zuhörern saß, widersprach Arnold besonders heftig: Der Staat sei nach Paulus eine Dienerin Gottes, "um das Böse zu strafen und das Gute zu fördern."Auch wenn Arnold das in einem gewissen Sinne durchaus anerkennen konnte, blieb er jedoch bei seiner Erkenntnis: Christ und Welt gehören nicht zusammen, jetzt sei die Stunde, den Willen Jesu, die Gewaltlosigkeit eines Nachfolgers Christ zu bezeugen.

LeerIst es nicht naheliegend, daß Arnolds Radikalismus in manchen Kreisen der deutschen Jugendbewegung auf fruchtbaren Boden fiel? Es kam zu Begegnungen, zu Gesprächen. Die Bergpredigt rückte immer mehr ins Zentrum - die Magna Charta für alle, die das Reich Gottes als Lebenswirklichkeit und nicht bloß als eschatologisches Motiv verstanden wissen wollen. Doch wie sollte sie denn nun gelebt werden? Etliche Vorschläge wurden erwogen: Könnte man nicht eine aufklärende Volkshochschulbewegung ins Leben rufen? Sollte man gar, auch das wurde besprochen, mit Planwagen über Land von Dorf zu Dorf ziehen und sich mit Musik und Vorträgen den Unterhalt verdienen - ein Dasein als Vaganten Gottes führen? 1919 fuhr Arnold zum ersten Mal nach Schlüchtern in Osthessen. Dort hatte sich um den Volksschullehrer Georg Flemming eine Gruppe von Menschen gesammelt, die ähnliche Gedanken wie Arnold und seine Freunde hegten. Die Schlüchtern-Bewegung entstand damals, Treffen von hundert, manchmal tausend Menschen, erfüllt von einem eher unbewußten Drang, etwas gestalten zu wollen und die Zukunft nicht einfach den tonangebenden Schichten Deutschlands zu überlassen. Hier kamen jene Teile der Jugendbewegung zusammen, die sich bewußt als christlich und auch kirchlich gebunden verstanden. Ein Brutschrank von Ideen, von Plänen, von umstürzlerischen Gedanken. Lebensreformer im Namen Gottes, unausgegoren in vielem, gewiß, aber begeistert und vorwärtsdrängend: Es mußte sich doch etwas ändern lassen!

LeerNach dem Schluß der Pfingstkonferenz 1920 brachen Arnold und ein kleiner Kreis von Jugendlichen in das Dorf Sannerz in der Nähe Schlüchterns auf. Dort, so hatte man ihnen erzählt, stand ein großes leeres Haus zum Verkauf oder zur Verpachtung frei. Geld war keines vorhanden. Mit einem kaum vorstellbaren Mut entschloß man sich zum Abschluß eines Pachtvertrages auf zehn Jahre. Ein wohlhabender Freund gab überraschend die nötige Summe, Arnolds legten noch die Erträge ihrer gekündigten Lebensversicherung dazu. "Wir wollten alle Brücken hinter uns abbrechen, um uns ganz und gar in das Vertrauen auf Gott zu stellen, wie die Vögel unter dem Himmel, wie die Blumen auf dem Felde. Das sollte das Fundament für die Zukunft werden, das sicherste Fundament. Darauf wollten wir bauen."


© Joachim Januschek
Letzte Änderung: 00-12-08
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