BRUDERHOF
Schwärmer - diesen barschen Titel kennt die Reformationsgeschichtsschreibung für die radikalen Täufer und Aussteiger. Man denkt an die Vorgänge in Münster oder an Schwenckfeld, an Karlstadt, Sebastian Franck, Valentin Weigel oder Thomas Müntzer. Ob man dem Phänomen so gerecht wird? Arnold und die Seinen wußten sich jedenfalls in deren Tradition, ohne über dem eigenen Glauben ins Schwärmen zu geraten. Von Gott alles erwarten - ist das schwärmerisch, gar unchristlich? In Sannerz trafen immer mehr Menschen ein, um sich an das 'Experiment Urgemeinde' zu wagen. Man lebte in einer Art von urchristlichen Kommunismus von einer kleinen Landwirtschaft und von Vorträgen und Veröffentlichungen. Ein Verlag publizierte eigene Schriften Arnolds, Jahrbücher, Texte verwandter Autoren und längst vergessene Bücher von Geistesverwandten der Vergangenheit. Das alles konnte anfänglich nur sehr bescheiden aussehen. Die sieben ersten Hausbewohner begannen den Tag um sechs Uhr morgens mit einer schweigenden Andacht nach Art der nordamerikanischen Quäker, dann ging es an die Arbeit. Es konnte nicht ausbleiben, daß dieses für die damalige Zeit außergewöhnliche Leben manche Menschen anzog, die nur schwer allein zurechtkamen, seelisch Kranke, sozial Gestrauchelte, mitunter absonderliche Gestalten, wie sie im Europa der Zwischenkriegszeit in vielen Gegenden umherzogen. Das brachte etliche Belastungen mit sich. Ende 1921 war die Gruppe dann auf vierzig Menschen angewachsen, ein lockerer Bund zunächst, der nach einer Form verlangte. In dieser Zeit trat eine weitere Gemeinschaft hervor, die sich auf die Schlüchtern-Bewegung zurückführte. Der schweizer Pfarrer Emil Blum suchte von seinem Habertshof aus einen ähnlichen Weg einzuschlagen, wollte sich aber nicht in die radikale Opposition zu Kirche und Welt wie Arnold begeben. Auf den zunächst noch gemeinsamen Treffen sprach auch Wilhelm Stählin. Zu einer näheren Bekanntschaft zwischen den beiden Männern ist es jedoch wohl nicht gekommen, denn Stählin erwähnt Arnold in seinen Lebenserinnerungen nicht. Unter den Einflüssen der Habertshöfer kam es zu einer ersten schweren Krise der Lebensgemeinschaft. Sollte nicht doch eher der Weg in die Veränderung der bestehenden Verhältnisse angestrebt werden und weniger stark der Bruch? 1922 hatten die Auseinandersetzungen um Lebensform und -inhalt eine solche Schärfe gewonnen, daß man sich trennen mußte. Ein Neuanfang wurde notwendig, denn Arnolds waren nicht bereit, sich ihre Sehnsucht nach dem Reich Gottes zerstören zu lassen.

Noch 1922 hatte sich die vierköpfige Familie Braun den Arnolds angeschlossen. Mit ihnen ging es wieder aufwärts. Und seit 1925 kann man von einer neuen Phase der Bruderhofsbewegung reden. Die Gemeinschaft wuchs und nahm immer mehr die Züge einer Kommunität an. Bald schon lebten wieder vierzig bis fünfzig Menschen fest in Sannerz. Das Haus war längst schon zu klein geworden. Einige Kilometer entfernt entdeckte man einen großen Hof mit fünfundsiebzig Hektar Land. Ohne auch nur einen Pfennig zu besitzen, unterzeichnete Arnold den Kaufvertrag. Kaum zwei Wochen später, die Anzahlungssumme war fällig geworden, schenkte ihnen ein Freund das notwendige Geld, wieder einmal. Der Röhnbruderhof entstand. Nach anstrengenden und mühevollen Ausbauarbeiten konnten die Gebäude 1927 bezogen werden. Der Mut dieser Menschen war beachtlich, denn Reichtümer waren bei ihrer Lebensweise nicht zu erwarten. Es ist erstaunlich, mit welcher Gelassenheit die Gemeinschaft die ständigen Geldsorgen und die drohenden amtlichen Maßnahmen der folgenden Jahre hinzunehmen bereit war. "All dies", so sagte es Emmy Arnold, "hatte eine lähmende Wirkung auf unsere Arbeitskraft, aber nie auf die Freude und Zuversicht für die uns aufgetragene Sache. Wir waren gewiß, daß es vorwärts gehen mußte." Gelingen konnte diese Form des gemeinsamen Lebens nur, weil alle Beteiligten auf das verzichteten, was das bürgerliche Dasein ausmachte, nämlich Individualität und Existenzsicherung. Nichts für sich allein wollen, sondern zuerst die Gemeinschaft und deren Weg in das Reich Gottes sehen - so stellte sich der Röhnbruderhof dar. Die Anerkennung bleibt nicht aus, denn auf der staatlichen Seite konnte man nicht umhin, die positiven Auswirkungen des Bruderhofes für die Region als Port für Gestrandete und sozial Randständige wahrzunehmen. Ein Heim für gefährdete Kinder traf in besonderer Weise auf Zustimmung. Die Kommunität wurde bekannter. Und immer wieder trafen Spenden ein, die das Überleben für die nächsten Zeit sichern halfen.

DIE HUTTERER
Arnolds urgemeindliche Bestrebungen, seine Einstellung zur Taufe und sein radikaler Pazifismus mußte ihn zwangsläufig auf die Geschichte der Hutterer stoßen lassen. Die mährischen Hutterer waren als radikale Taufgesinnte schon bald nach der Reformationszeit aus Europa geflohen und hatten sich in den USA angesiedelt, wo sie ähnlich wie die mennonitischen Amischen, in eigenen Dörfern zusammenleben. Arnold war tief beeindruckt von dem, was er über die Hutterer erfuhr und nahm deshalb 1930 sofort die sich ihm bietende Gelegenheit wahr, in die USA zu reisen. Der Aufenthalt währte bis zum Mai 1931- Zwar konnte, wie sich Arnold erhofft hatte, die sehr viel größere und bereits fest etablierte Hutterer-Gemeinschaft dem Rhönbruderhof keine finanzielle Unterstützung zukommen lassen, doch wurde die Vereinigung beschlossen: Von nun an galt der Bruderhof als eine Gemeinde der Hutterer, die damals außer in den USA noch in Kanada zu finden waren. Heute sind es vier Hofdörfer, eines in England (Darvell/Sussex) und drei in den USA (Woodcrest in Rifton/New York, New Meadow Run in Framington/Pennsylvania und Deer Springin Nofolk/Connecticut), in denen jeweils zwischen 150 und 400 Frauen, Männer und Kinder zusammenleben. In einer neueren Broschüre der Hutterer heißt es 1984: "Kommt uns besuchen, arbeitet mit, tauscht Euch aus! Für Unterkunft und Essen seit Ihr unsere Gäste. Wir zahlen keinen Arbeitslohn. Bitte schreibt keine Abhandlungen über uns. Kommt und helft uns, den Willen Gottes für die Menschen von heute zu erkennen." In dieser schlichten Überzeugung erkannte auch Arnold damals seine eigenen Ziele. Die Verbindung in die USA sollte den Mitgliedern des Bruderhofes später dann das Leben retten.
Gerade die entschieden unpolitische Haltung des Bruderhofes mußte politisch anstößig wirken. Auch Politikverweigerung ist eine Form politischer Wirksamkeit. Das NS-Regime sah hier eine große Gefahr für seine totalitären Bestrebungen - zu recht. Mit Menschen, die sich verweigern, ist nun einmal kein Staat zu machen. Bei der Scheinwahl vom November 1933 wurde der Gemeinschaft aber bald deutlich, daß unter den neuen Bedingungen Verweigerung andere Konsequenzen als bisher nach sich ziehen würde. Arnold hatte eine Erklärung formuliert, "die zum Ausdruck brachte, daß wir wohl hinter einer von Gott gesetzten Obrigkeit stünden, daß aber unser Auftrag ein anderer sei, nämlich der Auftrag Christi, nach seiner Art und nach seinem Vorbild als Korrektiv für diese Welt zu leben. Jeder schrieb diese Erklärung auf ein gummiertes Papier ab. Dann zogen wir alle gemeinsam hinunter nach Veitsteinbach, dem Dorf dem wir alle zugehörig waren. jeder von uns klebte diese Erklärung auf den Wahlzettel und warf ihn in die Urne. Zu unserem Erstaunen wurde in der nächsten Tageszeitung bekanntgegeben, daß ein jeder auf die Volksbefragung mit 'ja' geantwortet, also die Politik Hitlers bejaht habe." Die Antwort blieb nicht lange aus. Vier Tage später wurde der Hof von etwa 140 SS-, SA- und Gestapo-Leuten umstellt und durchsucht. Besonders die Auslandsverbindungen galten als verdächtig. Papiere wurden beschlagnahmt, aber Kriminelles kam natürlich nicht zum Vorschein. Die Truppen rückten ab. Aber der Hof wurde von nun an scharf beobachtet.
Die weitere Entwicklung war vorauszusehen. Es konnte nur klug sein, eine Ausweichmöglichkeit ins Ausland zu suchen. Man fand sie im neutralen Liechtenstein, ein altes Kurhotel. Wieder ein Anfang, ohne Mittel, ohne das Wissen, welche Zukunft bevorstand. Der Almbruderhof entstand und nahm bereits einige Erwachsene und zwölf Kinder auf. Arnolds blieben hingegen in der hessischen Rhön - und das, obgleich Eberhard Arnold seit geraumer Zeit an einem nicht ausheilenden Beinbruch schwer erkrankt war. Die Entwicklung im Hitlerdeutschland der kommenden Jahre zwang dann auch die übrigen Bruderhofmitglieder, sich mit dem Gedanken der Auswanderung vertraut zu machen. Die schulpflichtigen Kinder wurden nach Liechtenstein gebracht, die jungen Männer folgten ihnen, um dem Militärdienst zu entgehen. Arnold reiste noch, er hielt Vorträge, aber seine Gesundheit und die sich verschärfende politische Lage ließen es immer deutlicher werden, daß das Ende des Rhönbruderhofes absehbar war. Am 22. November 1935 starb er an den Folgen der notwendig gewordenen Beinamputation. Der schwäbische Theologe Karl Heim, der Arnolds Weg immer mit besonderem Wohlgefallen verfolgt hatte, schrieb in seinem Nachruf. "Nun ist dieser einzigartigige Lebensweg abgeschlossen, den der Heimgegangene geführt wurde von seinen Hallenser Studienjahren an über die Berliner Zeit bis zur Gründung und Leitung der Bruderhof-Gemeinde. Ich habe diesen Weg beinahe vom ersten Anfang an aus der Nähe und Ferne miterleben dürfen, und ich stand immer unter dem Eindruck einer einheitlichen Richtung und heiligen Notwendigkeit, mit der ein Schritt auf den anderen folgte, bis das ganze zur Vollendung kam. Man sah in diesem Lebensgang mit wunderbarer Deutlichkeit die unsichtbare Hand, die einen hohen Plan durchführt."

WARTEN AUF GOTTES REICH
Nach Arnolds Tod blieben nur wenige Geschwister der Gemeinschaft auf dem Bruderhof zurück. Bis 1937 konnten sie sich noch in Deutschland halten, dann erzwang der Staat das Ende. Über den Almbruderhof in Liechtenstein gelangten die Mitglieder zunächst nach England, wo sie in Cotswold Zuflucht fanden, und gingen danach 1940/41 nach Paraguay, wo bis 1961 eine Gruppe von Brüdern und Schwestern unter den schwierigen tropischen Bedingungen ausharrte. Die meisten hatten jedoch nach dem Ende des Weltkrieges den Weg zurück nach England und vor allem in die USA zu den größeren Höfen der Hutterer gefunden.
Der radikale Weg der Nachfolge - so stellt sich Eberhard Arnolds Leben dar.
Wir können es als Schwärmerei abtun, als unverantwortlich in seinen Pflichten gegenüber der größeren Gemeinschaft, wir können die Gegnerschaft zur Kirche und zum Staat als Ordnungsmacht Gottes ebenso kritisieren wie die fehlende theologische Reflexion der Sakramentsfrage. Aber mogeln wir uns damit nicht an dem Anspruch dieses Lebensweges vorbei, der sich allein Christus und dem Anbruch des Reiches Gottes verpflichtet fühlte? "Wenn das Reich Gottes ebenso Gegenwart wie Zukunft ist", so schrieb Arnold kurz vor seinem Tod, "so muß den Glaubendenjetzt ein Leben gewiß werden, das dem zukünftigen Reich Gottes wirklich entspricht. Ebenso entspricht es dann dem historischen Leben Jesu. Jesus Christus ist derselbe gestern, heute und in alle Ewigkeit. Und wir müssen einig werden mit seinem Leben und seiner Zukunft, indem wirjetzt so leben, wie das Reich Gottes in Zukunft in Erscheinung treten wird." Glauben wir das eigentlich? Glauben wir noch an die Kraft der Gemeinschaft ("Wir müssen in Gemeinschaft leben, weil Gott will, daß wir auf die unklare Sehnsucht der heutigen Menschheit eine klare Glaubensantwort geben"), an den christlichen Widerstand gegen Verhältnisse und Strukturen, die Gott und der Erwartung seines Reiches spotten ("Durch Christus und seine Gemeinde ist das Reich Gottes jetzt schon verwirklicht. Die Erde wird endlich ganz für Gott gewonnen. Es geht ums Ganze. Die Liebe Gottes kennt keine Grenze. Sie weicht vor keiner Schranke.")? Wieviel Zutrauen haben wir noch zu Christus und was lassen wir uns dieses Zutrauen kosten ("Unser Leben wird nicht enger, sondern weiter werden, nicht umgrenzter, sondern uferloser, nicht angeordneter, sondernflutender, nicht pedantischer, sondern großzügiger, nicht nüchterner, sondern enthusiastischer, nicht kleinmütiger, sondern waghalsiger, nicht trauriger, sondern glücklicher, nicht untüchtiger, sondern schöpferischer. Das alles ist Jesus und sein Geist der Freiheit. Er kommt zu uns.")? Der Weg Eberhard Arnolds, eine abenteuerliche Verbindung von Innerlichkeit und Äußerlichkeit, von Christusmystik und Tat - eine noch immer unbeantwortete offene, eine bohrende Frage an uns.

ANMERKUNG
1 Erhältliche Schriften von Eberhard Arnold:
Die Revolution Gottes. Aus dem Lebenszeugnis der hutterischen Gemeinschaft, Stuttgart 1984 (Sammlung von Äußerungen aus dem Zeitraum 1919 - 1935)
Gemeinsames Leben - wozu?, Gnadenthal 1978 (1925)
Salz und Licht. Über die Bergpredigt, Moers 1982 (Schriften 1915-1935)
Über Arnold und auch über die Hutterer ist Material erhältlich bei der Hutterian Society of Brothers, Woddcrest, Rifton, New York 12471 U.S.A. und bei The Plough Publishing House, c/o Basisgemeinde Wulfshagenerhütten, 24214 Gettorf
Wichtig ist auch Emmy Arnold, Gegen den Strom. Das Werden der Bruderhöfe, Moers 1983.
Zitate werden nicht einzeln ausgewiesen, sondern, um der besseren Lesbarkeit willen, aus den verfügbaren Schriften zusammengetragen.
Quatember 2000 (S. 223-232)
© Frank Lilie
Internetsites der Bruderhofbewegung (weitgehend in Englisch):
www.bruderhof.org
www.eberhardarnold.com
www.pough.com Das Plough Publishing House ist der Verlag der Bruderhofbewegung.
Bei www.plough.com/Germany/Antiquariat/ sind auch deutsche Schriften erhältlich
bruderhofmuseum.com
Weitere Informationen zu der Geschichte der Bruderhöfe gibt der Aufsatz von Erika Altgelt (1956) Die Bruderhofbewegung kehrt nach Deutschland zurück |