Wo ist die Grenze?
Eine Frage an die Wissenschaften, an die Theologie und an den Leser 
Karl Knoch
Als es dem sowjetischen Major Gagarin gelungen war, als erster Mensch in den "Weltraum" vorzustoen und gesund wieder zurckzukehren, schrieb Altbischof Wilhelm Sthlin (Quatember 1961, S. 143): "In diesem Abenteuer der Weltraumfahrt steckt wohl noch etwas anderes, das sich schwer in Worte fassen lt: Von allen mglichen wissenschaftlichen, praktischen oder auch wohl militrischen Auswirkungen abgesehen, ist es der Drang, die den Menschen gesetzten Grenzen zu berspringen oder vielmehr zu berfliegen und das Ma des Menschenmglichen ins Unbekannte und Unerhrte auszuweiten."
Die Frage nach Ma und Grenze lauert schon lange hinter vielen "Erfolgen", die der Mensch errungen hat. In seinem Buch <i>Die Zukunft hat schon begonnen</i> spricht der Zeitungsmann Robert Jungk davon, da dem Amerikaner unserer Zeit das Ziel vorschwebe, "die Macht ber das All zu gewinnen, die vollstndige, absolute Herrschaft ber das Universum der Natur in all seinen Erscheinungen". . . . Und er kommt zu dem Satz: "Es geht um Gottes Thron" (S. 13). Freilich wird auch sehr deutlich gezeigt, da "der Amerikaner fr den Griff nach der glckverheienden Allmacht den hchstmglichen Preis bezahlt. Er gibt dafr seine Freiheit als gottgeschaffene Person hin" (S. 15). "Der Mensch kommt nicht mehr zum Genu der Welt. Er verzehrt sich in Angst und Sorge um sie." (S. 18).
Nun findet Jungk aber neben all diesen bengstigenden Zgen einer Entwicklung, die die Menschheit in den Abgrund zu fhren droht, in Amerika auch Anzeichen dafr, da sich einige Einsichtige dem entgegenstemmen. Doch ist "die groe Geistesnderung, die sich durch Wiederanerkennung menschlicher Begrenzung und das Wiederfinden des Maes ausdrcken mte, bisher ausgeblieben . . . Erst, wenn der krampfhafte Griff nach der Allmacht sich einmal lst, wenn die Hybris zusammenbricht und der Bescheidenheit Platz macht, dann wird Amerika von dem wiederentdeckt werden, den es vertrieben hat: von Gott" (S. 19).
Nun ist aber die Frage nach der Grenze nicht nur eine Frage, die den Amerikaner angeht, sondern es ist eine Menschheitsfrage. Denn die Entwicklung, die Jungk aufzeigt, ist in der Sowjet-Union und in Europa ebenso im Gang. Ja, auch die farbigen Vlker sind daran, den vermeintlichen Vorsprung der weien Rasse mglichst rasch aufzuholen.
Ohne bestimmte Grenzen knnen wir gar nicht leben. Schon sein leibliches Dasein mit den ihm gegebenen Fhigkeiten bedeutet fr den Menschen ein Dasein in sehr klaren Grenzen: unsere Lebenszeit ist begrenzt auf "70 Jahre, und wenn es hoch kommt, so sind's 80 Jahre". Die Tatsache, da wir keine Flgel haben zum Fliegen, da wir keine Last von 100 Zentnern tragen knnen und vieles andere -, das sind Grenzen, die uns der Schpfer gesetzt hat.
Vor allem ist unser Zusammenleben mit anderen Menschen gekennzeichnet durch Grenzen, die wir in der Regel als selbstverstndlich hinnehmen: die Verkehrszeichen an der Strae, jedes Gesetz, jeder Vertrag im Wirtschaftsleben sind Grenzen, die die Menschen sich gegenseitig gesetzt haben; ohne solche Abgrenzungen knnen wir berhaupt nicht miteinander leben.
Neben der Tatsache, da uns viele Grenzen gesetzt sind, steht nun aber die andere Tatsache, da der Mensch immer wieder den Drang hat, die ihm gegebenen Grenzen zu berschreiten: jedes Gert, das wir uns geschaffen haben, ist eine Ausweitung unserer Grenzen; die Mglichkeit, sich immer schneller fortzubewegen, ist gesteigert worden bis zum Dsenjger mit berschall-Geschwindigkeit; die einstigen Urlaubsreisen in den Schwarzwald oder an die Nordsee sind ausgedehnt worden bis nach Afrika und Indien; Maschinen und Automaten haben die Mglichkeiten der Erzeugung unerhrt gesteigert.
Und nun erhebt sich die Frage: wo und wie weit darf der Mensch die ihm zunchst gesetzten Grenzen berschreiten? Wo mu er sie vielleicht berschreiten, um zum Beispiel die unaufhrlich zunehmende Bevlkerung unserer Erde zu ernhren? Und wo ist die Grenz-berschreitung menschlicher Hochmut, der ins Verderben fhren mu? Wir nennen einige Punkte, an denen die Frage nach der Grenze brennend wird:
Ist etwa die <i>Weltraum-Forschung</i> eine fr die Menschheit notwendige Hinausschiebung der Grenzen, die dem Menschen gesetzt sind? Da der Mensch keine Flgel hat, also zum Fliegen nicht bestimmt ist, hat uns nicht abgehalten, mit Luftschiffen und Flugzeugen die Luft zu erobern, und wir knnten uns das Leben auf unserer Erde heute kaum noch vorstellen ohne den weitverzweigten Luftverkehr. Ist der weitere Vorsto in den Weltenraum, in dem die Lufthlle, die unsere Erde umgibt, nicht mehr da ist, berechtigt, notwendig? Oder ist das alles menschlicher Hochmut?
Oder betrachten wir die <i>Atomforschung</i>. Es sei hier noch gar nicht an die fr den Krieg bereitgestellten Atombomben gedacht, sondern nur an die Forschung "zu friedlichen Zwecken". Mit welchen umfangreichen Vorsichtsmanahmen mu da gearbeitet werden! Und dennoch treten immer wieder schwerste gesundheitliche Strungen auf, "Radiumvergiftung und Silikosis" . . . "Blutkrankheiten, Knochenentartungen und mglicherweise sogar Krebsleiden" (Jungk S. 100). Einiges davon ist durch die Folgen des Bombenabwurfs auf Hiroshima bekanntgeworden. Aber die grten Schwierigkeiten bereiten die "durch die Atomspaltung in die Welt gesetzten lebenzerstrenden Krfte" -, ein bisher noch ungelstes Problem! Die radioaktiven "Abflle" werden wohl in einem weiten Wstenareal begraben; Behlter, Kannen, Metallkapseln mit radioaktiv-verseuchten Gegenstnden, werden in meterhoher Erdschicht begraben. Aber ihre Wirkung wird uns um Jahrtausende berdauern, und die von Jahr zu Jahr zunehmenden atomischen Abfallgruben "bereiten der Atomenergie-Kommission mehr Kopfzerbrechen als irgendein anderer Teil ihrer Ttigkeit. Dazu kommt, da die so begrabenen radioaktiven Gifte sich durch das Grundwasser allmhlich nach anderen noch "reinen" Gegenden durcharbeiten und noch knftige Generationen bedrohen. Mit jedem Jahrhundert aber wird es schwerer sein, die ansteigenden Mengen von Atomabfllen zu kontrollieren . . . Zum ersten Male haben wir nun durch diese unsere Natureingriffe etwas hervorgebracht, das zwar nicht unsterblich, nach unserem Ma gemessen aber doch "kaum sterblich" ist. Ein gefhrliches Erbe, das alle anderen Schpfungen lange berleben wird, ein Stckchen "Beinahe-Ewigkeit!, ein Stckchen Hlle" (Jung, S. 148 f.).
Sagt uns hier die Natur nicht selbst ein gebieterisches Nein zu all diesen Arbeiten, zu dieser Grenzberschreitung nach dem Kleinsten hin?
Auf der anderen Seite steht die Menschheit vor der Tatsache, da - zumal im Blick auf das rasche Anwachsen der Menschheit -, die natrlichen Energie-Spender immer rascher abnehmen. "In 250 Jahren wird die Menschheit alles verbraucht haben, was die Natur in 250 Millionen Jahren aufgebaut hat." Dieser Satz fiel auf einem Kongre der Britischen "Kniglichen Gesellschaft fr Wissenschaften" in Blackpool. Der Vortragende, das Ratsmitglied der Welt-Gesundheitsorganisation, Hermann G. Baity, fhrte zum Beweis seiner Behauptung vom rapiden Schwund der irdischen Bodenschtze, Wasservorrte und unbebauten Landstriche eine Statistik des Kohleverbrauchs an, nach der die Hlfte der in der Menschheitsgeschichte verfeuerten Kohle auf die Jahre nach 1920 entfllt.
Da ergibt sich die Frage, ob die so zu Ende gehenden Vorrte an Kohle, Erdgas und Erdl nicht eben durch Kernspaltung ersetzt werden mssen, um der Menschheit eine ausreichende Lebensgrundlage zu erhalten? Allerdings sind auch die Vorrte an Uranium und Thorium, die zur Atomzertrmmerung notwendig sind, nicht unbegrenzt.
Auf dem Gebiet der <i>Biologie</i> beunruhigt vor allem die Frage der <i>Geburtenregelung</i>. Sie ist eine der wenigen Fragen, ber die schon viel nachgedacht worden ist. Denn einmal geht sie die ganze Menschheit an; dann aber ist sie in den meisten Ehen von den Gatten ganz persnlich zu beantworten.
In dem Bericht ber den oben genannten Vortrag von Dr. Baity heit es: "Nach seinen Angaben erhht sich die Zahl der Erdenbrger jeden Tag um 150 000. Bei einem Anhalten dieses Wachstums wrden keine 500 Jahre vergehen, bis auf den einzelnen nicht einmal ein einziger Quadratmeter Bodens komme." Dr. G. Howe sagte anllich eines Vortrags auf der Erzieher- und Schulkonferenz in Dortmund am 11. November 1960: "Nach sehr rohen Schtzungen werden wir vielleicht schon bald nach dem Jahr 2000 mit einer Erdbevlkerung von etwa acht Milliarden zu rechnen haben."
Diese Entwicklung stellt die ganze Menschheit vor die Frage, ob eine solche berbevlkerung unserer Erde nicht durch Geburtenregelung verhindert werden msse. In der weien Rasse ist die Geburtenregelung schon lange blich; viel schwieriger wird sie sich bei farbigen Rassen durchfhren lassen. Erst, wenn auch diese auf eine Stufe der Zivilisation gekommen sein werden, wie sie das Abendland erreicht hat, erst also, wenn die einzelnen Ehegatten fr sich persnlich den Wunsch haben werden, nicht so viele Kinder zu haben, wird eine Geburtenregelung mglich sein. Wie allerdings die Geburtenregelung durchgefhrt werden soll, darber gehen die Meinungen noch weit auseinander. Die Rmische Kirche erkennt nur die Beobachtung der "unfruchtbaren Tage" an. Andere fordern volle Enthaltsamkeit. Evangelische Christen, so Haug und Bovet, erkennen neben der Beobachtung der unfruchtbaren Tage auch die Verwendung mechanischer oder chemischer Mittel an. (Bovet, Die Ehe, Hamburg 1949, S. 163.)
Was sagen wir zur <i>Frischzellen-Einpflanzung</i>? Diese Methode, das Leben alternder Menschen erheblich zu verlngern, ist erst vor wenigen Jahren entwickelt worden. Bestimmte Zellen eines noch ungeborenen Kalbes, fr deren Gewinnung das Muttertier geschlachtet werden mu, werden dem Menschen eingespritzt. Drfen wir das? Ist hier die Aufgabe des Arztes, die Krankheiten des Menschen zu bekmpfen oder einzudmmen, nicht berschritten? Ein Arzt, der mehrmals diese Frischzellen-Einpflanzung vorgenommen hatte, sagte mir, er knne das mit seinem Gewissen nicht mehr vereinbaren und tue es nicht mehr.
Das Gegenstck zu diesem Versuch, das irdische Leben eines Menschen zu verlngern, ist die sogenannte <i>"Vernichtung lebens-unwerten Lebens"</i>, die wir in der Hitlerzeit kennengelernt haben. Ob aber nicht auch heute noch dann und wann ein Arzt die Bitte eines unheilbaren Kranken, sein Leben durch eine Spritze abzukrzen, erfllt?
Auch vor tiefgehenden <i>Eingriffen in das Leben der Tiere</i> macht der Mensch nicht halt.
"Schiet Elefanten! Sie bringen viel Geldl" Das ist die Losung, die jetzt ausgegeben wird. Taschen, Handtaschen und Schuhe aus "Elefant natur", das ist der "jngste Schrei der Modeplaner" . . . Die Folge ist, da "in diesen Monaten entsprechend einem Beschlu des Negerparlaments in Acholi, einem Bezirk im Nordwesten Ugandas, ber 3000 Elefanten abgeschossen werden". Wie lange wird es dauern, bis der Elefant durch den Menschen vllig vernichtet sein wird? (Sonntags-Zeitung der Sdwestpresse Nr. 27 v. 1. Juli 1961.)
"Wir betrachten unsere Khe als Maschinen" - so sagte ein Farmer zu Jungk (S. 187). Dazu gehrt natrlich der Melkapparat, die mechanische Stallreinigungsanlage und, da die Khe nach 2 &frac12; Jahren "ausgebrannt" sind. Sie knnten ein Jahr lang auf die Weide geschickt werden und wren dann wieder gesund; aber das lohnt sich nicht. Man schlachtet sie darum lieber gleich.

Die <i>"knstliche Befruchtung"</i> wurde in der Sowjet-Union entwickelt und von den USA bernommen, samt dem dazu erforderlichen Beruf des "Befruchtungs-Technikers". Die Problematik der Hhnerzucht ist in dieser Zeitschrift schon zur Sprache gekommen (1955/56, S. 223).
Drfen wir Menschen so mit den Tieren umgehen? Oder sind wir nicht dazu gezwungen, weil es immer mehr an Arbeitskrften fehlt und darum auch die Viehzucht mechanisiert werden mu?
Wie mit den Tieren, so geht der Mensch mit der ganzen Natur um. Es sei hier daran erinnert, da die Menschen schon vor Jahrhunderten die Wlder in Palstina, im Balkan, in Italien und Spanien abgeholzt haben und da damit die Gebirgszge der <i>Verkarstung</i> anheimfielen. Heute wei man, da die im Wald gehauenen Bume unbedingt durch Neu-Anpflanzungen ersetzt werden mssen. Aber eine andere Schwierigkeit ist in unserer Zeit aufgetaucht: die Verschmutzung der Flsse und des Grundwassers durch Abwsser und durch das verbrauchte l der Schiffe. Da der Wasserverbrauch bei der zunehmenden Bevlkerungsdichte immer mehr steigt, stehen wir in der Frage der Wasser-Versorgung vor ganz schwierigen Aufgaben, die hohe Kosten verursachen werden. Lange genug aber hat man nach dem allen gar nicht gefragt und hat nicht bedacht, da es auch da Grenzen geben knnte, die nicht ungestraft berschritten werden.
Wenn man sich dieses alles vor Augen hlt, dann kommt man zu der Schau, die Georg Picht in seinem Bchlein "Technik und berlieferung" (Hamburg 1959) herausstellt. Er fhrt die Stze des Freiburger Biologen Friedrich Oehlkers an: "Fr die Tier- und Pflanzenwelt ist der Mensch das schlechthin satanische Wesen; mit berlegenen, unheimlichen Mchten ausgestattet, geht er in allem seiner Willkr nach. Er pflanzt die Gewchse an, wo und wie er mag, und er vernichtet sie wieder nach seinem Gefallen. Er verndert sie nach seinem kurzsichtigen Gutdnken, weil er eine oberflchliche Kenntnis der Gesetze der Vernderung besitzt, und sie folgen ihm willig und still. Die Zerstrungen aber, die der Mensch in seiner Verwaltung des ihm anvertrauten Planeten anrichtet, sind so furchtbar und zugleich so unwiderruflich, da er sich selbst auf die Dauer damit zerstren mu" (S. 13).
Picht erklrt diese Einstellung des Menschen aus einem falschen Verstndnis des Satzes 1. Mos. 1, 28: "Machet euch die Erde untertan". Dieser Satz kann nicht heien, da der Mensch nun der Besitzer der Natur ist und mit ihr tun darf, was er will, sondern, da er selbst "nach dem Ebenbilde Gottes" geschaffen ist, kann er die Erde und ihre ganze Natur nur im Sinne Gottes pflegen und betreuen. Der Mensch soll "herrschen als der Beauftragte Gottes". Er "verstt gegen seinen Auftrag, wenn er nicht mit der Schpfung, sondern gegen die Schpfung handelt; wenn er ber die Natur verfgt, ohne darauf zu achten, wie sie gewachsen ist. Das Modell der Herrschaft ist die Herrschaft des Hirten ber seine Herde. Sie ist in einem Frsorge und Zucht. Sie ist nicht rechnendes Verfgen ber Objekte im Dienste der eigenen Bedrfnisse, sondern ist eine Pflege, die das Lebendige am Leben erhlt." So ist sie denn in der Tat das Gegenteil der satanischen Herrschaft, deren Bild uns die Worte von Oehlkers gezeichnet haben (S. 16).
Das Schlimmste, was geschieht, ist aber dies, da <i>der Mensch selbst</i>, wenn er die ihm gesetzten Grenzen nicht einhlt, wenn er die Natur nicht im Auftrag Gottes betreut, sondern sie beherrscht, so tiefgreifend verndert wird, da er das ihm vom Schpfer gegebene Wesen verliert.
Fr Amerika beschreibt Jungk diese Wandlung an der Art, wie man die Menschen im Wirtschaftsleben behandelt. Der Arbeiter ist heute nicht mehr unzufrieden, weil er zu wenig Lohn bekommt; er ist ja lngst "Brger" geworden, und er wird nicht schlecht bezahlt, so lange die Wirtschaftsblte anhlt. Aber dennoch ist eine Unzufriedenheit deutlich zu spren, auch bei Angestellten und Beamten: jeder kommt sich vor wie eine gut ausgebeutete Maschine.
Nun entdeckte die Psychologie die Seele des arbeitenden Menschen und bildete daraus die Lehre von den Human Relations, von den Beziehungen von Mensch zu Mensch. Nun versucht der "Seelen-Ingenieur", der "Betriebs-Psychologe" durch Befragen und Gesprche herauszufinden, wie die Stimmung der Mitarbeiter gehoben werden knnte, uni eine bessere Leistung zu erzielen! Auch wird erkannt, wie wichtig es ist, in welcher Weise der Kunde im Laden bedient wird -, mit freundlichem Lcheln; denn seine Kauffreudigkeit soll angeregt werden. Darum sollen die Verkuferinnen stets ihre "Standard-Maske" zur Schatz tragen, ein freundliches Lcheln und eine stete Geduld. Die Geschftsleitung aber sorgt dafr, da sie ber jeden Mitarbeiter genauestens im Bilde ist, ihn gleichsam stets durchschauen kann. So entsteht die "Welt ohne Wnde".
Das alles ist aber auch in Europa im Gang und sollte uns ebenso mit Sorge erfllen. - Welchen Einflu die Reklame, der Film, die Presse, - vor allem die Illustrierten Bltter! - haben, das kann man schwer ermessen. Aber jedem, der offene Augen hat, sind diese Einflsse unbersehbar.
Dem Einflu, den die <i>Technik</i> in ihrer ganzen Vielseitigkeit auf die Gestaltung des Menschen hat, geht Picht in dem oben genannten Bchlein nach und kommt zu dem erschreckenden Ergebnis: "Der Betrieb kann nur dann richtig funktionieren, wenn die von den Menschen vollzogenen Handgriffe so eindeutig definiert und reguliert sind, da die Menschen sich wie Glieder einer Maschine jederzeit auswechseln lassen, ohne da der Ablauf selbst dadurch im mindesten beeinflut wird. Die Regulation mu so vollstndig sein, als ob die Menschen selbst Glieder der Maschine wren" (S. 19). Picht schliet seine Betrachtungen mit dem Satz: "Die Expansion des Systems der totalen Technik mu zur Katastrophe einer totalen Zerstrung fhren, wenn der Mensch nicht der Technik gegenber wieder frei wird" (S.26).
Nun sind wir aber in der ganzen Welt der Technik und in einer tief ineinander verflochtenen Wirtschaft in eine Entwicklung hineingestellt, von der wir das bedrckende Gefhl haben: das alles ist gar nicht aufzuhalten! Wir treiben inmitten einer Lawine, die im Abgrund, in der groen Katastrophe endigt, von der die Bibel spricht.
Jesus hat, auch als er seinen Kreuzweg ganz klar vor sich sah, bis zuletzt seinen Heilandsdienst getan -, bis hin zu dem Mann, der neben ihm am Kreuz hing.
Das verpflichtet uns, bis zum letzten Augenblick so zu leben, wie Luther es einmal ausgesprochen hat: "Und wenn ich wte, da morgen die Welt untergeht, so wrde ich heute einen Apfelbaum pflanzen!"
Darum soll uns die Frage: Wo ist die Grenze? unentwegt beschftigen und wir haben eine Antwort auf diese Frage zu suchen, auch dann, wenn wir den Weg der Menschheit in den Abgrund nicht umgehen knnen. - Das mge ein Beispiel zeigen.
Dem amerikanischen Biologen Dr. John Rock war es im Jahr 1944 gelungen, eine menschliche Ei-Zelle zum erstenmal auerhalb des Mutterleibs zu befruchten. Spter gelang es dem New Yorker Dr. Shettles, menschliche Keime im Reagenzglas bis zu 6 &frac12; Tagen lebensfhig zu erhalten. Der italienische Arzt Dr. Petrucci in Bologna setzte diese Versuche fort im Zuge seiner Forschungen ber das Problem der Geschlechtsbestimmung beim Menschen. Ihm gelang es, ein menschliches befruchtetes Ei 29 Tage lang lebend zu erhalten. Moralische und religise Bedenken lieen ihn dann um das Urteil der katholischen Kirche bitten, ob diese Versuche fortgesetzt werden drften. Der Osservatore Romano sprach dazu ein klares Nein! Wrtlich schrieb das Blatt: "Die Kirche sagt nein, und zwar auf Grund der zehn Gebote und des Naturgesetzes. Jeder, der Ehrfurcht vor dem Menschen hat, kann nicht anders, als mit dem Urteil der Kirche bereinzustimmen."
Da wir evangelische Christen keine Stelle haben, die in solchen Zweifels-Fragen hilft, sind wir in einer viel tieferen Weise als mit-verantwortlich aufgerufen, ber diese schwierigen Fragen nachzudenken. Wir werden nicht Antworten erwarten drfen, die ein fr alle mal und fr alle Zeiten bindend sind. Zwar haben wir die Heilige Schrift. Aber es ist wohl jeder Zeit-Epoche die Aufgabe gestellt, die auf sie zukommenden Fragen aus dem Sinn und der Grundhaltung der Heiligen Schrift heraus neu zu beantworten. Jesus hat die Zehn Gebote bernommen, aber er hat sie ganz neu ausgelegt.
In diesem Sinne haben wir heute zu fragen -, was man eigentlich schon lange htte fragen sollen! - "Wo ist die Grenze" fr das, was der Mensch tun darf? Drfen wir alles, was wir knnen? Oder wo haben wir in der Verantwortung vor Gott und in der Verantwortung vor Menschen, Tieren und Pflanzen eine Grenze zu ziehen? Wir haben gesehen, da es manchmal schwer ist, die Grenzen zu finden, die wir nicht ungestraft berschreiten drfen. Schwer auch, weil es sich um verwickelte Fragen handelt, die in verschiedene Fachgebiete hineinreichen. Darum mten sich Physiker, Biologen, rzte, Wirtschaftsfhrer und auch - Theologen zusammenfinden, um sie in gemeinsamer Arbeit zu beantworten.
In einzelnen Zeitschriften, in Vortrgen, bei Tagungen verschiedener Art ist die Frage nach der Grenze schon da und dort aufgeklungen, so etwa, wenn sich bei Picht (S. 10) der Satz findet: "Nur wo man Mae kennt, gibt es ein Optimum."
Auch in der Forschungssttte der Evangelischen Studiengemeinschaft, dem "Christophorus-Stift" in Heidelberg, sind hnliche Dinge schon behandelt worden. Wren nicht auch die "Evangelischen Akademien" ein Ort, um diese so schwierige Frage aufzugreifen? Vielleicht knnten Gesprche, die dort gefhrt werden, verantwortungsbewute Forscher und Wissenschaftler anregen, ber Wege nachzudenken, die nicht so sicher in den Abgrund fhren, wie vieles, was bisher geschehen ist.
Eine ernste Arbeit an der Frage nach der Grenze knnte dazu fhren, da die wirklich verantwortlichen Mnner einen Weg gewiesen bekommen, der zu einem neuen Verhltnis des Menschen zur gesamten Schpfung -, und damit zu einer Heimkehr zu Gott selbst fhrt.


Gnter Howe:
Bei einem Gesprch ber die Verantwortung der Wissenschaft sagte krzlich ein bekannter Physiker, da es nicht geraten sein knne, in einem brennenden Hause zunchst eine Feuerlschordnung zu entwerfen oder gar Patentschriften fr knftige Feuerlschgerte auszuarbeiten, anstatt sogleich Hand anzulegen.
Dieser Temperamentsausbruch eines hervorragenden Gelehrten enthlt freilich nur die halbe Wahrheit, da bei der Frage nach der Verantwortung der Wissenschaft sofortiger praktischer Einsatz und langfristige theoretische Besinnung eng miteinander zusammenhngen.
Karl Knoch hat uns die vielfachen Gefahren eindringlich geschildert, die gegenwrtig etwa durch Physik, Biologie und Technik heraufgefhrt worden sind und die uns dazu aufrufen, unverzglich an der Brandstelle den Kampf mit dem Feuer aufzunehmen. Nicht minder wichtig ist es aber, aus den drngenden Gegenwartsaufgaben immer wieder zurckzutreten in die grundstzliche Frage nach der Grenze des menschlichen Handelns berhaupt, auf die der Aufsatz von Karl Knoch zielt. Hinter dieser Frage verbirgt sich die grundlegende Entscheidung ber den weiteren Weg des abendlndischen Menschen, die uns und den kommenden Generationen aufgegeben ist.
Gibt es aber nicht doch einen einfacheren Weg? Warum ist die Frage nach der Grenze von Wissenschaft und Technik mit so unlsbaren Schwierigkeiten belastet und warum macht sie sogleich eine Besinnung ber die Zukunft des abendlndischen Menschen berhaupt erforderlich?
Gewi ist es menschlich sehr eindrucksvoll und ein weithin sichtbarer Aufruf zur Besinnung, wenn der italienische Arzt Dr. Petrucci, wie es uns Karl Knoch geschildert hat, bei seinen Versuchen mit befruchteten menschlichen Eiern die Weisung seiner Kirche einholt und sich dem Urteil des Osservatore Romano fgt. Dennoch ist es deutlich genug, da die Frage nach der Grenze von Wissenschaft und Technik auf diesem Wege nicht gelst werden kann, auch wenn Wissenschaftler und Techniker in sehr viel strkerem Mae konfessionell gebunden wren.
Konnte der junge Physiker Houtermans 1927 bei seinen berlegungen ber den Energiehaushalt der Sonne und der brigen Fixsterne voraussehen, da seine astrophysikalischen Untersuchungen einmal die entscheidende Voraussetzung fr den Bau der Wasserstoffbombe darstellen wrden? Kann man Planck und Einstein einen Vorwurf daraus machen, da sie mit ihren bahnbrechenden Entdeckungen der Jahre 1900 und 1905 zugleich der Atombombe den Weg bereitet haben? Wre es mglich, die Menschheit auf dem Standpunkt der klassischen Physik etwa der Jahrhundertwende zurckzuhalten und auf die entscheidende Wandlung des Verhltnisses des Menschen zur Natur zu verzichten, die sich in der Quantentheorie anzubahnen beginnt, auch wenn wir dann den Gefahren der Atombombe nicht ausgesetzt wren? Konnte Galilei ahnen, da der von ihm so glnzend begonnene Weg der neuzeitlichen Naturwissenschaft im ABC der heutigen Kriegfhrung enden wrde? So mu der Physiker und der Techniker damit rechnen, da seine Entscheidungen in besonderem Mae der Beschrnktheit des menschlichen Horizonts unterworfen sind und da er die Folgen seines Handelns noch sehr viel weniger zu bersehen vermag als ein Wirtschaftler oder ein Staatsmann.
Die Tatsache, da an entscheidenden Wegkreuzungen der neuzeitlichen Physik bewute und leidenschaftlich theologisch interessierte Christen wie Kepler oder Newton gestanden haben, sollte uns vor der auch nur rckschauenden Betrachtung warnen, smtliche Fragen seien bewltigt, wenn nur alle Naturwissenschaftler und Techniker bekehrte Christen seien.
Notwendig ist vielmehr eine Besinnung ber die Voraussetzungen, die der neuzeitlichen Physik und Technik zugrunde liegen und ber das Verhltnis des Menschen zur Welt, aus dem die heutige naturwissenschaftlich-technische Weltbemchtigung erwachsen konnte f Wir knnen nicht erwarten, da die subjektive, noch so redliche und vielleicht aus echter christlicher Verantwortung erwachsene Entscheidung eines einzelnen Menschen in die Tiefen reicht, in denen die Ursprnge des neuzeitlichen Geistes verborgen liegen, und eben hier beginnt uns die neueste Wendung der Physik, der Philosophie und zum Teil auch der Theologie die Augen zu ffnen.
Was soll aber der einzelne Mensch tun, der nun einfach in der notwendigen Begrenztheit seines Horizonts, in der Belastung durch die bereits gefallenen Vorentscheidungen zum Handeln berufen ist? Es ist verstndlich, da sich die Physiker. durch die erschreckenden Aspekte der atomaren Kriegsmittel frher als die Gelehrten anderer Fachgebiete vor Entscheidungen dieser Art gestellt sahen.
So haben Physiker von Weltruf wie Niels Bohr oder James Franck die amerikanischen Regierungsstellen schon 1944 und 1945 darauf aufmerksam gemacht, da sich das Geheimnis der Atombombe nur wenige Jahre werde hten lassen und da die Gre dieser Waffe eine grundlegende Wandlung aller politischen Verhltnisse unseres Planeten erzwingen werde. So haben sie der amerikanischen Regierung vorgeschlagen, den damals erreichten Vorsprung zu einem Vorsto in dieser Richtung auszunutzen und die spter auf Japan abgeworfenen Bomben allenfalls demonstrativ zu verwenden. Es ist nicht abzusehen, wieviel leichter der Weg der amerikanischen Politik seit 1945 gewesen wre, wenn die durch die unerhrte Spannung des nahenden Kriegsendes belasteten Politiker und Militrs sich die Mue genommen htten, diese freilich vllig ungewohnten Gedanken der Physiker nachzuvollziehen.
Auch die achtzehn Gttinger Physiker, die im Mrz 1957 mit ihrem bekannten Aufruf hervorgetreten sind, haben fr ihr Vorgehen viel Kritik geerntet, nicht nur von denjenigen, denen der Rat politisch unbequem schien, da sich ein kleines Land wie die Bundesrepublik mglichst aus der atomaren Bewaffnung heraushalten solle. Man stie sich vielfach gerade daran, da sich der Physiker nicht wie bisher allein auf die Sorge fr die Richtigkeit seiner Formeln und die Exaktheit seiner Messungen beschrnkte, sondern sich zu einer umfassenderen Verantwortung fr die Konsequenzen seiner Entdeckungen gerufen sah. Die Gttinger Erklrung ist ein Beispiel dafr, wie durch die moralische Entscheidung von Menschen auch die geistige Situation verwandelt werden kann, denn die aus der unmittelbaren Notwendigkeit der Stunde erwachsene Erklrung hat zugleich neue Mglichkeiten fr die grundstzliche Durchdringung der zwischen Physik und Ethik stehenden Fragen geschaffen. Das gleiche gilt fr den Entschlu des berhmten russischen Physikers Kapitza, der der Aufforderung Stalins, beim Bau der russischen Atombombe mitzuwirken, unter Gefahr fr Leib und Leben widerstanden hat.
Nach 1945 haben sich in Amerika und in England, 1959 auch in der Bundesrepublik Wissenschaftler, insbesondere Physiker zusammengeschlossen, um die neu sichtbar gewordene Verantwortung der Wissenschaft gemeinsam sowohl im praktischen Einsatz wie in theoretischer Besinnung zu bewhren, aber es kann kein Zweifel daran bestehen, da der hier beginnende Weg sehr lang und mhselig sein wird. Sehr notwendig wre ein hnliches Vorgehen auch auf dem Felde der Biologie, weil die dort heraufziehenden Gefahren fr das Menschsein des Menschen mglicherweise noch sehr viel einschneidender sein werden als die uerlich so augenflligen Gefahren der Atomphysik. Wir knnen hier nur auf das schon vor dreiig Jahren verffentlichte Bchlein von Aldous Huxley <i>Schne neue Welt</i> und auf seine krzlich erschienene Rckschau <i>Wiedersehen mit der braven neuen Welt</i> verweisen.
Es ist selbstverstndlich, da die weltweite Christenheit in diesen Fragen zu einer besonderen Mitarbeit gerufen ist. So hat die Studienabteilung des kumenischen Rats der Kirchen 1958 ein bemerkenswertes Studiendokument <i>Christen und die Verhtung des Krieges im Atomzeitalter</i> zur Diskussion gestellt. Auch die von Karl Knoch besonders genannte Evangelische Studiengemeinschaft in Heidelberg hat 1959 einen Sammelband <i>Atomzeitalter, Krieg und Frieden</i> (Eckart-Verlag, Witten, 3. Aufl. 1962) vorgelegt, der eine zum Teil sehr leidenschaftliche Diskussion entfesselt hat, aber niemand kann darber im unklaren sein, was Christen auf diesem Felde tun sollten und wie wenig sie zu tun vermgen.

Bei all diesen Versuchen hat sich gezeigt, da theoretische Erwgungen nur gedeihen knnen, wenn sie aus dem Feuer des unmittelbaren Einsatzes erwachsen sind, aber umgekehrt knnen wir nur dann hoffen, innerhalb der uns heute gesetzten Grenzen zweckmige praktische Entscheidungen zu finden, wenn wir sie von vornherein in den Horizont einer umfassenden geschichtlichen und philosophischen Schau ,stellen, und darum seien im letzten Teil unserer kurzen Bemerkungen in lockerer Form noch einige mehr theoretische Erwgungen zusammengestellt.
1. Es ist offenkundig, da wir heute nicht die geistigen Mittel besitzen, um Fragen dieses Ranges auch nur angemessen formulieren zu knnen, und darum fllt es etwa dem Physiker so schwer, die von ihm empfundene Verantwortung auszusprechen, da er nur auf die herkmmliche philosophische oder auch theologische Ethik zurckgreifen kann. Gerade die vllige Ausblendung aller Fragen des Sinnes und des Wertes hat der modernen Wissenschaft und Technik zu einer so unerhrten Machtsteigerung verholfen, aber eben darum vermgen die immer noch vorgetragenen Thesen von der Wertfreiheit und der Wertneutralitt der Wissenschaft und von dem rein instrumentalen Charakter der Technik das Problem nur an der Oberflche zu berhren. Man sagt etwa, da die technischen Fhigkeiten des Menschen seinen ethischen Mglichkeiten vorausgeeilt seien, aber letztlich komme es bei der Bewltigung der Technik nur auf den technischen Menschen und nicht auf die Technik an - eine gefhrliche Halbwahrheit, denn das Wesen des neuzeitlichen Menschen ist untrennbar mit der Technik verbunden, in die er seine Seele hineingelegt hat und von der her er sich auszulegen versucht, die er geschaffen hat und an die er doch schon lngst seine Freiheit verlieren mute. Eine Atombombe im Blumenfenster eines Diakonissenhauses sei ganz ungefhrlich, schrieb ein bekannter Theologe noch vor einigen Jahren.
2. Seit der Zeit der Griechen haben wir es gelernt, sorgfltig die Physik im weitesten Sinne von der Ethik zu scheiden, und wir erkaufen die Leistungsfhigkeit unserer physikalischen Formeln damit, da wir ihnen keinerlei Hinweise entnehmen knnen, ob etwa die wirtschaftliche oder gar militrische Verwendung der Atomenergie ethisch geraten sein kann. Ebenso hat Karl Marx mit einem sehr bitteren Beispiel darauf hingewiesen, da der Nationalkonom nur ber die wirtschaftliche Zweckmigkeit, aber nicht ber die moralische Zulssigkeit eines Geschftes Auskunft geben knne, ein Zeichen fr die tiefgehende Selbstentfremdung des Menschen, in die er nach der Auffassung von Marx vor allem durch die moderne, auf Wissenschaft und Technik gesttzte Wirtschaft gefhrt worden ist.
Die vorhin genannten Thesen von der Wertfreiheit der Wissenschaft und dem instrumentalen Charakter der Technik setzen gerade die absolute Scheidung von Physik und Ethik als unbezweifelbare Selbstverstndlichkeit voraus, die es heute zu berwinden gilt. Wir knnen hier nur ohne jeden Versuch eines Beweises die Behauptung aufstellen, da die berwindung dieser Scheidung zu den wichtigsten uns fr die Zukunft gegebenen Aufgaben gehrt, die untrennbar mit der schon erwhnten grundlegenden Entscheidung ber den weiteren Weg des abendlndischen Menschen zusammenhngt.
3. Die abendlndische Metaphysik hat die voraussichtlich letzte Gestalt ihres Wesens in Nietzsches These vom "Willen zur Macht" gefunden, und nach Heideggers Meinung ist die Weltherrschaft der modernen Wissenschaft und Technik der vielleicht vollendetste Wesensausdruck dieser Metaphysik des "Willens zur Macht".
Wir sind weit davon entfernt, diese wahrhaft weltgeschichtliche Tatsache rein negativ beurteilen zu wollen. Der Mensch ist das Wesen, das unendlich ber sich hinausgehen mu, und Teilhard de Chardin hat etwa im Blick auf die Weltraumfahrt geuert, da der Mensch vielleicht in dieser Weise ber sich hinausgehen msse, bevor er in sein Inneres zurckfinde. Erst wenn wir uns der schicksalhaften Gre und Unentrinnbarkeit der modernen Wissenschaft und Technik wirklich stellen, gewinnen wir einen Blick auch fr die Gre der drohenden Gefahr und fr die heraufkommende Wesensverkehrung des Menschen. Noch ist es nicht entschieden, ob die Menschheit das mit der Atomphysik begonnene Experiment lebend berstehen wird. Ganz unzulnglich ist es aber, die Weltraumfahrt etwa als Drckebergerei zu bezeichnen, mit der sich der Mensch den von ihm auf der Erde gestellten Aufgaben zu entziehen suche, denn uerungen dieser Art verstellen uns den Blick auf die unheimliche Doppelgesichtigkeit dieses Vorganges, die sein eigentliches Kennzeichen und zugleich seine grte Gefahr ist.
4. Es besteht weitgehende Einigkeit darber, da erst der mit dem biblischen Schpfungsbericht gegebene Sieg ber den vorderorientalischen Mythos, schrfer gesagt, der Sieg Jesu Christi ber Mythen und Mchte, Frstentmer und Gewalten den Raum freigekmpft hat, in welchem die moderne Wissenschaft und Technik erwachsen konnte. Das bedeutet eine sehr viel tiefere Verantwortung der Christenheit auch etwa fr die Atomfrage, als sie in den meisten christlichen uerungen zu diesem Thema zu spren ist. Gewi wird man etwa mit Gogarten darauf hinweisen knnen, da der moderne Mensch von dieser neuen Freiheit weitgehend einen hybriden, einen usurpatorischen Gebrauch gemacht hat. Dennoch wre der Weg der modernen Physik und Technik ohne das Christentum nicht mglich gewesen, und wir werden hinzufgen mssen, da die Atombombe nur im Bereich des christlichen Abendlandes hat entstehen knnen. Die Christenheit aber hat sich zu fragen, was sie getan hat, um diese Entwicklung in die rechten Bahnen zu fhren und ob sie nicht selbst in vielfltiger Weise frhzeitig vor dem Geiste der modernen Wissenschaft kapituliert und ihn da gefrdert hat, wo sie ihn htte lenken, verwandeln und ihm zu seiner eigentlichen Gestalt verhelfen sollen.
5. Eine nhere Untersuchung, in die wir hier nicht eintreten knnen, wrde zeigen, da die Wurzeln der modernen Physik und Technik im 13. und 14. Jahrhundert liegen, in der gleichen Zeit, in der sich herausstellte, da die innerste Aufgabe der Theologie, die Rede von Gott, mit den Mitteln der damals herrschenden griechisch-christlichen Metaphysik nicht zu bewltigen war, ohne da die Theologie dieser Zeit die Kraft besitzen konnte, revolutionre neue Wege zu suchen, was auch der Reformation nur zum Teil gelungen ist. Es wre zu fragen, ob nicht dieses Versagen gegenber ihrer eigensten Aufgabe die Theologie der Mglichkeit beraubt hat, ihr prophetisches Amt gegenber Wissenschaft und Technik auszuben.
Einsicht und Vollmacht zu diesem prophetischen Amt kann der Christenheit aber nur zuwachsen auf dem Berge einer neuen Gottesbegegnung. Nur wenn die Christenheit neu die Majestt des lebendigen Gottes erfhrt und damit zugleich der letzten, den Menschen gesetzten Grenze ansichtig wird, kann sie auch zur Aufhellung der uns heute so unlsbar erscheinenden Frage nach der Grenze von Wissenschaft und Technik beitragen. "Wir werden die Atomfrage nur lsen, wenn wir der Gottesfrage in einer neuen Tiefe begegnen" sagte vor annhernd drei Jahren der bedeutende Jurist Ulrich Scheuner bei einer Sitzung der Atomkommission der Evangelischen Studiengemeinschaft. Damit ist zugleich deutlich, da wir heute in Theorie und Praxis wohl einiges zur Vorbereitung der neuen Wege tun knnen, da aber das Eigentliche, das zu geschehen htte, nicht im Bereich unseres eigenen Wollens und Laufens liegt. Gerade hier wre aber der Ort. wo die von Karl Knoch angeregte Zusammenarbeit der Theologie mit den verschiedenen Fachgebieten fruchtbar werden mte.
Wir schlieen unsere berlegungen mit einer mehr praktischen Bemerkung: Wir knnen das Schicksal der abendlndischen Wissenschaft und Technik nicht dadurch verwandeln oder ihm auch nur dadurch entgehen wollen, da wir den Weg von Wissenschaft und Technik gleichsam auf der halben Strecke abzubrechen versuchen. So wird die Christenheit sogar gut daran tun, in vielen Fllen die Krfte zur Frderung von Wissenschaft und Technik zu strken. Zugleich aber gilt es, ein Residuum letzten Widerstandes und innerster Besinnung aufzubauen, von dem einmal die Impulse zu einer Wendung ausstrahlen knnen.


Hans Carl von Haebler:
Ein Pfarrer hat sich zum Wortfhrer der vielen gemacht, denen es in der Welt von heute allmhlich unheimlich wird, und die Mnner der Wissenschaft und der Technik aufgefordert, darber nachzudenken, wo die Grenzen liegen und wo sie aufhren sollten, diese Welt zu manipulieren.
Ein Physiker hat in seiner Antwort gezeigt, da der Forscher zumeist nicht vorhersehen kann, welche Folgen die Ergebnisse seiner Arbeit - vielleicht erst nach Jahrhunderten - haben werden. Die Christenheit mu sich klarmachen, da sie selber Verantwortung fr den Weg der Wissenschaft trgt, weil ihre Heilige Schrift ein neues Verhltnis zur Natur und damit erst die Mglichkeit der modernen wissenschaftlichen Forschung geschaffen hat.
Ein entscheidendes Erschwernis dafr, da wir unsere Verantwortung sehen und wahrnehmen, liegt darin, da es weder der Theologie noch der Philosophie gelungen ist, die klassische Scheidung von Physik im weiteren Sinne und Ethik zu berwinden. Die Lsung des Problems ist nicht darin zu suchen, da "Wissenschaft und Technik ihren Weg auf der halben Strecke abbrechen", sondern darin, da die Kirche sich auf ihren prophetischen Auftrag besinnt und auf die Art, in welcher dieser heute auszurichten wre. Das von Karl Knoch angeregte Gesprch des Theologen mit den Gelehrten der verschiedenen Fachrichtungen knnte dazu einen ersten vorbereitenden Dienst tun.
Wir anderen aber sollten es nicht dabei bewenden lassen, da wir die fhrenden und einflureichen Mnner in unserem Volke auffordern, ihre Verantwortung wahrzunehmen und uns zu sagen, was sich tun lt, wir sollten auch nach unserer Verantwortung fragen.
Wir haben uns daran gewhnt, da einige Koryphen der Wissenschaft, da einige Manager in Staat und Wirtschaft uns immer mehr Verantwortung abnehmen. Wir lassen uns das gefallen nicht nur, weil wir dabei offenbar ganz gut fahren, sondern auch, weil der gewhnliche Sterbliche gar keine Mglichkeit sieht, auf die heutige Massengesellschaft einen Einflu auszuben - es sei denn mit dem Wahlzettel oder durch ein "Eingesandt" in der Zeitung.
Aber wie steht es mit unserem Privatleben? Nehmen wir im kleinen die Verantwortung wahr, die wir vom Physiker oder Politiker im Groen erwarten? Einige Beispiele: Eine Frau, deren Mann die Familie recht und schlecht ernhrt, knnte die Sorge um das tgliche Brot loswerden, wenn sie ihr Kind im Kindergarten abgibt und selber arbeiten geht - Ein junger Mann steht vor der Wahl zwischen einem gemeinntzigen Beruf, zu dem er auch Lust htte, zum Beispiel zum Beruf des Lehrers, und einem Job, den die Menschheit gut und gern entbehren knnte, der ihm aber viel einbringt - Ein Unternehmer sieht sich durch keine Vorschriften daran gehindert, schdliche Abwsser auf billige Weise in einen Flu abzuleiten. Werden sie ihre Verantwortung wahrnehmen? Gesetzt sie nhmen sie wahr, gesetzt, die berwiegende Mehrheit eines Volkes nhme ihre Verantwortung wahr, auch wo sie dazu nicht gesetzlich angehalten und im Falle einer bertretung straffllig wird, dann wrden zweifellos auch diejenigen an diesem Ethos teilhaben, die die grere Verantwortung, die Verantwortung fr die Zukunft der Menschheit tragen.
Was ist damit gesagt? Zunchst nur so viel, da, wer nicht fr seine Person und in seinem bescheidenen Lebensbereich verantwortlich handelt, mitschuldig ist an jenem "wertfreien" Denken, das die Wissenschaften bisher fr sich in Anspruch genommen haben, und sich nicht beklagen drfte, wenn eine mit ihren Mitteln ausgelste Katastrophe ihn ereilte.
Aber diese Einsicht ist wichtig. Sie bewahrt uns davor, Verantwortung abzuschieben und uns nur als die Leidtragenden einer Entwicklung anzusehen, die ber unsere Kpfe hinweggeht.
Das Anliegen von Karl Knoch kann jedoch nicht mit der Feststellung abgetan werden, da es uns im Grunde genommen recht geschieht, wenn wir umkommen. Knoch will wissen: Wie knnen wir den Selbstmord der Menschheit verhindern, fr den sie schon die physikalischen und chemischen Mittel bereit hlt?
Dazu sagt Gnter Howe, da dies nicht allein durch Strkung unseres Verantwortungsbewutseins mglich ist. Denn wir sind ja nicht die ersten Menschen, sondern steigen in eine Welt ein, in welcher die Menschheit sich bereits festgelegt und Vorentscheidungen getroffen hat. Der Mensch ist nicht mehr Herr ber die Geister, die er entfesselte, "er hat seine Seele in die Technik hineinverlegt und versucht sich von hier aus auszulegen". Das Werk der Menschheit wendet sich gegen sie selber und bedroht sie wie eine Naturkatastrophe. Es scheint ein Gesetz zu geben, wonach die Bedrohung des Menschen durch den Menschen in dem Mae zunimmt, in dem er die Bedrohung durch die Natur ausschaltet. Dann wre der Mensch selber als ein Stck Natur zu verstehen, in dem die Naturgeschichte sich fortsetzt und ihrer Bestimmtheit entgegengeht, unabhngig von dem, was er will oder zu wollen glaubt. Eine Besttigung dafr knnte in dem eigentmlichen Tatbestand gesehen werden, da zu bestimmten Zeiten auch bestimmte Gedanken und Erfindungen "in der Luft liegen". Man denke an die Geschichte der Atomforschung oder an die Erfindung der Integralrechnung, zu der Newton und Leibnitz gleichzeitig, aber unabhngig voneinander, gelangten: Der Mensch, der Gelehrte kann noch so gro sein, er erfindet nur, was gerade ansteht und auf Entbindung wartet. Eben deshalb wird die verantwortungsbewute Enthaltsamkeit des einzelnen Gelehrten die Dynamik der Vorentscheidungen, in denen die Menschheit sich festgelegt hat, kaum beeinflussen knnen. Das gilt brigens nicht nur fr die Naturwissenschaften. Auch die sogenannten Geisteswissenschaften, auch die wissenschaftlichen Randgebiete der Theologie nehmen ja einen hnlichen Verlauf, und es ist zwar nicht beweisbar, aber steht fr mich fest, da die Kernspaltung und die Spaltung der Person zusammengehren (vergl. etwa Max Picard, Die Atomisierung in der modernen Kunst).
Die Vorstellung, da die Geschichte der Menschheit eine Verlngerung der Naturgeschichte ist und uns, gleich dieser, Gesetzen und Tendenzen unterwirft, ist gewi nicht dazu angetan, uns zu ermutigen. Sie bringt uns im Gegenteil unsere Ohnmacht zum Bewutsein. Die Angst, von der der Existentialismus handelte, verstrkt sich in unseren Tagen zur Ohnmacht. Je weiter die Entwicklung fortschreitet, je mehr bindet sie den Menschen und drckt ihn an die Wand.
Aber nun gilt es auch zu sehen, da die Menschheit noch etwas anderes ist als ein Stck Natur, als eine Naturkraft, die sich durch Arbeitsteilung und Spezialisierung vervielfltigt hat und immer weiter vervielfltigt. Schon da Menschen sich ohne Aussicht auf Erfolg der allgemeinen Entwicklung widersetzen, zeugt davon, da noch eine andere Kraft in ihnen wirkt: nicht der autonome Verstand, der sich ja in der Technik vergegenstndlicht hat und von der Technik her zu verstehen vermag, sondern etwas, was sie fr Gott ansprechbar macht.
Dadurch, da wir fr Gott ansprechbar sind und von Ihm angesprochen werden, bekommt unsere Ohnmacht eine positive Bedeutung. Der Apostel Paulus wird vom Herrn mit den Worten getrstet: "La dir an meiner Gnade gengen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mchtig" (2. Kor. 12, 9). Gott will durch uns wirken. Wir wrden aber nicht auf Ihn hren ohne die Erfahrung, da mit unserer Macht nichts getan ist, da wir ohnmchtig sind - auch die Mnner von Weltruf, an die wir uns in unserer Ratlosigkeit klammern. Vor fnfzig Jahren hie es noch: Gott ist mit den strksten Bataillonen - Wissen ist Macht. - Rund einhundertfnfzig Jahre hat man Gott nur theoretisch geehrt, weil man glaubte, aus eigener Kraft mit der Welt fertig zu werden. Die Probleme, die Karl Knoch vor uns ausgebreitet hat, haben uns eines besseren belehrt. Sie haben uns unsere Ohnmacht vor Augen gefhrt, ohne uns aus unserer Verantwortung zu entlassen.
Eine schlimme Lage! Aber wenn Gottes Kraft in den Schwachen mchtig ist, dann haben wir keinen Anla und kein Recht, das Spiel aufzugeben, sondern im Gegenteil allen Grund, uns darber Gedanken zu machen, wie wir unserer Verantwortung gerecht werden.
Machen wir uns also Gedanken und tauschen wir sie aus! Die Schriftleitung bittet den Leser in aller Form, zu den hier aufgeworfenen Fragen Stellung zu nehmen und die in einem der nchsten Hefte beabsichtigte Fortsetzung dieses Gesprchs zu frdern.

Anmerkung: Stellungnahmen der Leser sind im folgenden Jahrgang abgedruckt:<br>
Ulrich von Dassel - Gefahren fr das Mensch-Sein des Menschen? und<br>
Hans Carl von Haebler - Die Grenze (Leserbriefe).

Evangelische Jahresbriefe 1962 S. 57-72

