Hans Carl von Haebler
Die Grenze 
Leserstimmen
Die im letzten Osterheft aufgeworfene Frage nach den Grenzen, die dem Menschen gesetzt sind, ist von den Lesern unserer Zeitschrift, man kann schon sagen, leidenschaftlich aufgegriffen worden. Offenbar sind wir auf ein Zentralproblem gestoen, das uns alle aufs tiefste bewegt.
Wir bilden uns nicht ein, dieses Problem lsen zu knnen, das heute der ganzen Menschheit Kopfzerbrechen macht. Es wre aber schon etwas gewonnen, wenn wir Ansatzpunkte finden knnten, die einen Einstieg ermglichen. Von den Fragen von Karl Knoch und von den Hinweisen von Gnter Howe ausgehend und die Leserzuschriften auswertend hat der Verfasser versucht, diese Arbeit zu leisten. Karl Knoch und Gnter Howe haben sich der Mhe unterzogen, sie durchzusehen und einiges zu verbessern und zu ergnzen. Insofern darf sie als das Ergebnis gemeinsamen Nachdenkens bezeichnet werden.
Versuchen wir zunchst, aus den Zuschriften der Leser herauszuhren, was fr die Beantwortung unserer Frage von Bedeutung ist! Es gibt Leser, die es fr ein Wesensmerkmal des Menschen halten, da ihm von Gott Grenzen gesetzt sind, und dabei an den Baum der Erkenntnis erinnern; und es gibt Leser, die es fr abwegig halten, den Wissenschaften Grenzen zu setzen - Grenzen, die immer schon berschritten sind, wenn man ihrer inne wird. Es haben sich aber auch Stimmen gemeldet, die Unterschiede machen und etwa die Atom- und Luftraumforschung bejahen, die Versuche, Leben auf knstlichem Wege herzustellen, dagegen unbedingt ablehnen. Andere Leser vertiefen die Frage, indem sie die den Menschen gesetzten Grenzen relativieren: der Mensch sei in stndiger Entwicklung begriffen und trage Krfte in sich, die den Atomkrften hnlich seien und ihn zerreien wrden, wenn sie nicht allmhlich zur Entfaltung kmen. Gott setze den Menschen von Zeit zu Zeit immer wieder neue Grenzen und mit diesen Grenzen Aufgaben, fr die jeweils neue Krfte des Denkens aufgeboten werden mten. Diese Aufgaben aber bestnden darin, da der Mensch den "Rckschritt" ausschalten soll, der mit jedem "Fortschritt" in der Forschung verbunden ist, so wie der Arzt die Aufgabe hat, die unerwnschten Folgen eines Heilmittels auszuschalten. Wenn wir uns von diesen Aufgaben dispensieren und lieber Zune aufrichten, um den Fortgang der Geschichte zu bremsen, dann verzichten wir auf die Freiheit innerhalb des uns gegebenen Spielraums, und die Zeit wird ber uns hinweggehen. Die Tatsache, da Gott uns Grenzen setzt, kommt nicht in Normen zum Ausdruck, die ein fr allemal festliegen, sondern darin, da dem Wissen das Gewissen zugeordnet ist. Der ueren Grenze entspricht eine innere Grenze in uns selber; doch ist auch diese Grenze vorlufig. Indessen ist "das individuelle Gewissen", wie Gnter Howe zu diesem Leserbeitrag bemerkt, "ja weitgehend machtlos, und es geht deshalb darum, da die Christenheit insgesamt oder stellvertretend durch ihr prophetisches Amt berhaupt den Horizont in Frage stellt, in welchem sich unsere Entscheidungen vollziehen, und das heit dann wieder, da wir die geschichtlichen Vorentscheidungen zu berprfen haben, die zu unserer heutigen Lage gefhrt haben".
Zu beherzigen ist auch die Bemerkung, da wir die Ohnmacht, die uns angesichts der Entwicklung von Wissenschaften und Technik berkommt, nicht mit der Machtlosigkeit verwechseln drfen, die wir vor dem Herrn des Kosmos empfinden.
Was die Wissenschaften anbetrifft, so sind wir Laien in der Verlegenheit, da wir nicht sachverstndig sind und doch mitreden mchten; denn es geht ja um unser Leben. In dieser Verlegenheit verfallen wir leicht in den Fehler, ihnen von uns aus Grenzen zu ziehen und sie womglich mundtot zu machen. Doch wrden wir damit den Spielraum unausgenutzt lassen, den der Herr des Kosmos uns zum Leben zuweist, und uns von vornherein der Mglichkeit begeben, in dem Spiel der Krfte mitzuwirken und ihm eine gute Wendung zu geben. Was soll aber der Mensch tun, der nicht sachverstndig ist und nicht mitreden kann in dem Proze, in den er doch selber verwickelt ist? Auf diese Frage haben unsere Leser drei Antworten gefunden: er soll, wo er es fr geboten hlt - zum Beispiel in der Frage der knstlichen Befruchtung oder der Ttung "lebensunwerten" Lebens - den Mut zu einem persnlich zu verantwortenden, vorlufigen Nein aufbringen, um das Gewissen der Sachverstndigen und Spezialisten zu schrfen; er soll ferner seine Verantwortung in dem Bereich wahrnehmen, in dem er selber zustndig und sachverstndig ist; und er soll schlielich betend und frbittend hinter den Spezialisten der Wissenschaft, der Technik, der Politik stehen, die stellvertretend fr die ganze Menschheit zu handeln haben. Denn auch auf diesen Gebieten darf, wie in einer anderen Zuschrift betont wird, nur geschehen, was wir Gott zu Lob und Ehre bringen knnen. Der Schreiber dieser Zeilen fgt ein Gedicht bei, das sich an Simon Dachs Choral (EKG 322) anlehnt und in dem es heit:
Knnten wir doch wandern wie die Vter,
heimzukommen frher oder spter!
All ihre Plagen
waren mit dem Heimweh leicht zu tragen.
Der Roboter klappert - leere Hllen!
Nur der Engel kann mit Lob erfllen
Hebel und Schrauben.
Wir, wir aber knnen nicht mehr glauben.
Soweit die Leserstimmen! Was die Verantwortung und Mitarbeit des einzelnen, besonders des Nicht-Spezialisten anbetrifft, so wird sich nicht viel mehr sagen lassen. Es ist, abgesehen vom Gebet, ber dessen Kraft und Wirkung sich nicht diskutieren lt, herzlich wenig. Aber wir werden zugeben mssen, da wir es auch an diesem Wenigen fehlen lassen.
Mensch und Kosmos
Wie steht es nun mit der Verantwortung des Spezialisten? Auch seine Mglichkeiten sind gering, und zwar nicht allein, weil ein Spezialist auf den anderen angewiesen ist und weil der Fortgang der Wissenschaften nicht von ihm abhngt. Der Vergleich des Wissenschaftlers mit dem Arzt, zu dessen Kunst es gehrt, die schdlichen Nebenwirkungen eines Heilmittels auszuschalten, ist nicht ganz stichhaltig. Es gibt eben Flle, in denen das Schdliche nicht als Nebenwirkung auftritt, sondern Gegenstand und Ziel der Forschung ist. Schon immer hat der Krieg, dieser Stiefvater aller Dinge, die Entwicklung der Technik gefrdert, die dann erst spter dem friedlichen Aufbau zugute kann. Wir stellen Gifte her, um Unkraut und Schdlinge zu bekmpfen oder um sie in kleinen Dosen als Medikamente zu verabreichen. Aber einerlei, welche Absichten wir damit verfolgen, das Gift ist da, wenigstens als eine potentielle Gefahr. Wir wissen auch, da ein falscher, verbrecherischer Gebrauch vorkommt, und wir mssen damit rechnen, da es unkontrollierbare und unabwendbare Vernderungen herbeifhrt.
Nebenbei bemerkt: Was ist eigentlich unrechter Gebrauch und was ist Schdling? Fr die Tier- und Pflanzenwelt ist der Mensch der grte Schdling, und in den Augen eines Nihilisten wre es vermutlich ein gutes und verdienstvolles Werk, wenn man die Menschheit mittels der Atombombe von sich selber erlsen wrde; denn: Alles, was entsteht, ist wert, da es zugrunde geht.
Schdlich sind jene Nebenwirkungen eben nur im Sinne einer Ethik, die das Leben bejaht.
Wer es aber bejaht, sei es als Gabe Gottes, sei es aus Angst vor dem Tode, sei es auf Grund seiner Vitalitt, der mu sich darber klar sein, da es nur in einer Lebensgemeinschaft zu haben ist, die ihn nicht allein mit seiner Familie und seinem Volke, nicht allein mit der Menschheit, sondern mit der ganzen Kreatur verbindet. Der ganze Kosmos bildet in seiner rumlichen und zeitlichen Entfaltung einen Zusammenhang, in den wir hineingehren und auf den wir einen sehr bescheidenen, aber wachsenden Einflu ausben. Vergegenwrtigen wir uns in aller Krze, wie sich die Beziehungen des Menschen zum Kosmos verndert haben! Da ist zunchst der Frhmensch, der sich dem Kosmos verbunden fhlt wie seiner Mutter. Er spricht von der Mutter Erde und glaubt an Muttergottheiten. Er nhrt sich von dem, was ihm zuwchst. Aber in dem Mae, in dem die Menschen sich vermehren, wird die Nahrung knapper, sie mssen sich ausbreiten, neue Jagdgrnde und Weidetriften aufsuchen und schlielich in die Substanz der Erde eingreifen und Ackerbau treiben. Der Nachbar wird zum Rivalen und die Natur zum Ausbeutungsobjekt. Dabei verhlt sich der Mensch eigentlich nicht anders als die Pflanze, die andere Pflanzen verdrngt und berwuchert und der Erde ihre Krfte entzieht. Er vertreibt den Nachbarn, er rottet die Tierwelt aus, er bearbeitet den Boden, bis die Ertrge nachlassen, beraubt ihn seiner Schtze und rodet die Waldgebirge, so da sie verkarsten. Die Erde wird rmer, und die Bevlkerung wchst. Zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts ist die Entwicklung so weit gediehen, da man auf dieses Miverhltnis aufmerksam wird. Der englische Pfarrer Robert Malthus stellt dstere Prognosen. Aber die Menschheit berwindet die Grenze, die sich fr ihn abzeichnet, indem sie die Gaben der Natur industriell auswertet. Erfindungen und Entdeckungen aller Art werden in der Technik nutzbar gemacht, der Bodenfruchtbarkeit wird durch knstlichen Dnger nachgeholfen, die Warenzufuhr durch Dampfer und Eisenbahn erleichtert, ja, soweit es sich um Massengter handelt, berhaupt erst ermglicht. Energiequellen werden erschlossen und Ersatzstoffe hergestellt. Im Verlauf dieses Prozesses verwandelt sich das, was wir Natur nennen, allmhlich in eine Kulturlandschaft, in ein Nebeneinander von Fabrik- und Parkanlagen, durchkreuzt von Schienenstrngen und Hochspannungsleitungen, von Kanlen und Autobahnen. Der Mensch durchdringt die Natur und fllt sie aus, so wie man in einen Anzug hineinwchst, der auf Zuwachs angefertigt wurde. Er begegnet sich selber in diesem neuen Milieu nicht anders, als er sich in seinem Leibe begegnet. Das ist mehr als ein Vergleich. Die Natur, vormals als Mutter verstanden, spter als Ausbeutungsobjekt, ist zum erweiterten Leibe der Menschheit geworden, und, wenn dieser sich frher von ihr ernhren lie oder Raubbau mit ihr trieb, so mu er jetzt etwas fr sie tun, damit er seine Lebensgrundlage nicht verliert. Denn sie ist an ihm erkrankt: Abgebaute Gruben, verseuchte Gewsser, verkarstete Gebirge, Degenerationserscheinungen bei Pflanzen und Tieren, Lrm - man denke auch an das Problem des Atommlls! - bedrfen der Therapie, wenn wir selber am Leben bleiben wollen. Und zwar ist nicht nur unser physisches, sondern auch unser seelisches und geistiges Leben bedroht; denn unser Geist ist ja leider nicht so autonom, wie man einmal glaubte, sondern ebenfalls auf die Nahrung angewiesen, die ihm die Natur liefert. Diese Nahrung ist nicht ohne Einflu auf unsere Stimmung. Auch unsere Sprache und Vorstellungswelt lebt von ihr. So verbindet der Ruhrkumpel mit der Vokabel "Luft" eine ganz andere Vorstellung als der Alpenbewohner. Die Vokabel "Strae" wechselt ihre Bedeutung, wenn ich nicht mehr die alte Landstrae vor mir sehe, die den Windungen eines Flusses folgt und die Berge mhsam hinaufklettert, sondern eine Autobahn, die mit allen Gelndeschwierigkeiten spielend fertig wird. Indem wir aus der Welt schaffen, was anstrengend und zeitraubend ist, verlieren wir selber die Fhigkeit, uns anzustrengen und uns Zeit zu nehmen. Wir legen uns nicht mehr von der Schpfung her aus, sondern - wie Gnter Howe in seinem einfhrenden Beitrag ausfhrte - von der Technik her, das heit von dem, was wir aus der Natur gemacht haben. Die Kunst liefert dafr gute Beispiele. Ich denke dabei besonders an den franzsischen Maler Fernand Leger, dessen Menschenbild die Starrheit und die Formen der Maschine in sich aufgenommen hat.
Es gibt also Grenzen, die der Mensch nicht berschreiten kann, ohne sich selber in Frage zu stellen. Er kann sie nicht festlegen oder voraussagen, aber er bekommt es am eigenen Leibe zu spren, wenn die Natur zum Gegenschlag ausholt und das Gesetz des Handelns an sich reit. Man denke an die sogenannten Zivilisationskrankheiten, an die Managerkrankheit, an die biologischen Wirkungen der Radioaktivitt, man denke auch an die Verkehrsunflle! Und ist nicht die medizinische Wissenschaft selber an eine Grenze gelangt, wenn ihre Bemhungen um Erhaltung und Verlngerung des Lebens zu dem traurigen Ergebnis fhren, da ein um so grerer Teil der Menschheit nun hungern und verhungern mu? Vielleicht handelt es sich um eine bergangserscheinung und so sollten wir nicht wie weiland Robert Malthus in einen voreiligen Pessimismus verfallen. Aber das atemberaubende Anwachsen der Weltbevlkerung mu uns doch Kopfzerbrechen machen. Fr das Jahr 1650 wurde die Weltbevlkerung auf 545 Millionen geschtzt, fr das Jahr 1800 auf 906 Millionen. Heute haben wir drei Milliarden erreicht und im Jahre 2000, das unsere Jugend noch erleben wird, werden es, wenn die Entwickelung so weitergeht, 7 Milliarden sein. [Anmerkung: Im Jahr 2000 betrug die Weltbevlkerung 6 Milliarden, also eine Verdoppelung in 40 Jahren.] Es ist, als legte die Natur dem Menschen die Quittung dafr vor, da er immer nur an sich selber denkt: Mag er nun auch an sich selber zugrunde gehen!
Christ und Kosmos
Aber wenn es schon eine Ernhrungs- und eine Gesundheitsgrenze, wenn es eine Lebens- oder Todesgrenze gibt, die der Ausbeutung der Natur und der Vermehrung der Menschheit Einhalt gebietet, und wenn diese Grenzen uns schon alarmieren und allen Anla geben, den Weg zu berprfen, den die Menschheit gegangen ist, und andere Wege zu suchen, so schliet das doch nicht aus, da die Eigengesetzlichkeit der Entwickelung uns ber die Grenze hinausdrngen knnte in den Untergang. Wir wollen die Hoffnung, da es nicht so kommt und da sich fr uns ein Ausweg findet, so wie er sich fr das 19. Jahrhundert gefunden hat, nicht aufgeben. Aber sie ist kein Gegenargument, auch dann nicht, wenn sie sich auf den Glauben sttzt, da "Gott im Regimente sitzt". Gewi sorgt Gott fr seine Kreatur, doch hat er dieser Welt auch ein Ziel gesetzt, "danach aber das Gericht". Deshalb sollte man niemanden verurteilen oder belcheln, der die Alarmzeichen am Himmel unserer Zeit als ein Memento mori versteht, und erst recht niemanden, der, wie Abraham am Vorabend der Katastrophe von Sodom und Gomorra, Gott mit Frbitten bestrmt. Aber das wird immer nur die Aufgabe von wenigen sein. Wir anderen sollten, gesttzt auf solche Frbitte, der Frage nachgehen, ob der Mensch nicht doch noch auf jene Eigengesetzlichkeit der Entwicklung Einflu nehmen kann.
Es ist gewi nicht gleichgltig, welche Einstellung wir der Natur gegenber haben, ob wir in ihr Gtter am Werke sehen wie die Alten oder nur die Materie oder das Material, das uns zur Befriedigung unserer Bedrfnisse zur Verfgung steht. Man hat mit Recht betont, da die Vergtterung der Natur der Entwickelung der Technik im Wege stand (Georg Picht, Technik und berlieferung, Furche-Verlag, Hamburg 1959, S. 10 ff.). Mit der Entthronung der Gtter hat das Christentum der Technik den Weg bereitet. Natrlich nicht mit Absicht! Man kann sogar sagen, da es die Natur aufgewertet hat als die Schpfung Gottes. Das Lob der Schpfung ist in der Christenheit nicht verstummt und hat im Sonnengesang des heiligen Franz und in den Chorlen von Paul Gerhardt seinen unberbietbaren Ausdruck gefunden. Wenn die Kirche auch die Natur entmythologisierte, so hat sie in ihren Gaben doch Gottes Gaben erkannt und sie mit Dank empfangen. Als ein frhes Beispiel dafr sei hier nur ein Opfergebet aus dem zweiten Jahrhundert genannt, das folgenden Wortlaut hat:
Wir danken Dir Herr und Gott und opfern Dir die Erstlinge der Frchte, welche Du uns gegeben hast, da wir davon nehmen, nachdem Du sie durch Dein Wort zur Reife gebracht und der Erde befohlen hast, alle Frchte hervorzubringen zum Nutzen, zur Freude und zur Nahrung des Menschengeschlechts und aller erschaffenen Wesen. Wir preisen Dich o Gott wegen dieser und aller anderen Dinge, durch welche Du uns Wohltaten erwiesen hast (Hippolyt).
Aber das Lob der Schpfung konnte doch nicht darber hinwegtuschen, da sie in den Sndenfall des Menschen hineingezogen war. Sie bedurfte der Heiligung, so wie dieser der Taufe bedurfte, und das Mittelalter hat nicht gezgert, sie in Gestalt von Weihen und Benediktionen von Gott zu erbitten. Erst als der Mensch sich von der brigen Kreatur distanzierte und sie zum bloen Gegenstand seines Denkens und Handelns machte, als er glaubte, eigenmchtig ber sie verfgen zu knnen, bekamen jene Weihen den magischen Charakter, den wir ihnen nachsagen, und wurde das Opfergebet dem Miverstndnis ausgesetzt, als knne der Mensch von sich aus Opfer bringen und Genugtuung leisten. Diesem Miverstndnis entgegentretend hat nun freilich der Protestantismus und mit ihm der Mensch der Neuzeit die Natur mit ihren Gaben und Krften vom Gotteslob ausgeschlossen und den Zusammenhang zwischen dem ersten und zweiten Glaubensartikel, zwischen Schpfung und Erlsung, zwischen zeitlichem und ewigem Leben zerrissen. Die Gaben Gottes wurden nicht mehr mit Danksagung empfangen und durch das Gebet geheiligt (1. Tim. 4, 4), sondern fr theologisch belanglos gehalten und zu ntzlichen Gegenstnden abgewertet. Als die Technik kam und begann, die Natur zu manipulieren, brauchte sie sich nicht mehr mit theologischen Bedenken auseinanderzusetzen. Was nicht Mensch war, war vogelfrei geworden. Das Gefhl der Abhngigkeit von Gott in der Natur schwand dann in dem Mae, in dem sie erforscht und in Dienst genommen wurde.
Das wre nicht ntig gewesen. Man htte im Gegenteil erwarten knnen, da die Verbundenheit mit der Natur und die Dankbarkeit fr ihre Gaben um so mehr wuchs, je mehr sie sich verausgabte, je mehr Menschen sie ernhrte, je mehr Fragen sie beantwortete. Da diese Reaktion ausblieb, lt sich nur damit erklren, da die Theologie ihre Zustndigkeit fr den Kosmos verkannte, ihn den Wissenschaften berlie und sich in ein Wolkenkuckucksheim reiner Geistigkeit zurckzog (wo sie sich dann als eine Spezialwissenschaft etablierte, die nicht fertig wird, ber sich selbst nachzudenken).
Whrend der Islam mohammedanische Hochschulen und der Buddhismus buddhistische Universitten unterhlt, ist die christliche Universitt vom Kontinent verschwunden. Man treibt Physik, Biologie, Geschichte etsi deus non daretur, als wenn Christus nicht Fleisch geworden und in die Geschichte eingegangen wre. Die Folge ist eine Erkrankung der Wissenschaften. Von dem Heidelberger Psychosomatiker Ktemeyer stammt die Formulierung, da wir zwar eine Wissenschaft der Pathologie (Krankheitskunde), aber keine Pathologie der Wissenschaften htten. Daran fehlt es in der Tat. Vielleicht fehlt es schon am Verstndnis dafr. Man sollte aber doch sehen, da nicht der einzelne Wissenschaftler in die Speichen der Weltgeschichte und der Naturgeschichte greifen kann, auch nicht, wenn er "praktizierender" Christ ist. Die Wissenschaften als solche haben ihr Geflle, und die Wissenschaften als solche knnen krank sein, so wie eine Maschine schadhaft sein kann. Die Frage, wie eine solche Pathologie der Wissenschaften aussehen, welche Methoden sie anwenden mte, kann hier nicht errtert werden; sie wre aber des Schweies der Edlen wert.
Schon sind Fachleute der verschiedensten Richtungen zusammengetreten, um zu einer umfassenden Diagnose und wirksamen Therapie zu gelangen. Es wre aber mit Karl Knoch zu wnschen, da diese Arbeit auf eine breitere Grundlage gestellt und da besonders der Theologe daran beteiligt wird; denn, wenn wir recht sehen, hat ja gerade seine Resignation - vorgebildet in dem von Dante gebrandmarkten "feigen Verzicht" Clestins V. (Hlle, 3. Gesang) - zum Ausbruch der Krankheit gefhrt. Es scheint auch nicht an Theologen zu fehlen, die hierzu bereit wren. Aber hier ist Vorsicht am Platze. Es gibt nmlich - um einen Ausdruck von Dedo Mller zu gebrauchen - eine berlufertheologie, die sich von der Welt her versteht. [Vgl. dazu Dedo Mller - Was bedeutet "weltliche"' Verkndigung des Evangeliums bei Dietrich Bonhoeffer? in Quatember 1962] Es gibt Theologen, die sich in der Rolle eines advocatus diaboli gefallen und den Zweifel nicht nur als Methode gelten lassen, sondern zum Prinzip erheben. Eine Pathologie der Wissenschaften aber wrde einen Theologen verlangen, der nicht als advocatus diaboli, auch nicht als advocatus mundi, sondern als advocatus dei auftritt. Sie wrde einen Theologen verlangen, der christlich denken lehrt. 
Christlich Denken 
ber das christliche Denken ist in dieser Zeitschrift schon frher von Adolf Kberle Wesentliches gesagt worden (1960/61, Seite 61 ff.). Fr unser Problem scheint mir folgendes wichtig:
Christlich denken heit, Glauben und Verstand - credere und intelligere - unter einen Hut bringen. Das geschieht dadurch, da der Verstand am Beten beteiligt wird. Genauer gesagt: wir denken christlich, wenn wir berlegen, was wir dazu beitragen knnen, da Gottes Wille geschehe. Die Liturgie der Kirche lenkt den Verstand in diese Richtung. Wer in der Messe das Opfergebet vollzieht und sich dabei vergegenwrtigt, da die Gaben von Brot und Wein den ganzen Kosmos mitsamt dem Menschen und dem, was er hervorbringt, reprsentieren, und wer dann Gott gegenber bekennt: "Dein ist alles, was wir sind und haben", der mu sich darber klar sein, da er diese Welt nach bestem Wissen und Gewissen zum Lobe Gottes zu verwalten hat und da er mit ihr nicht machen kann, was er will. Und wer in der Epiklese bittet, Gott mge Brot und Wein mit dem Heiligen Geist erfllen, damit Christus in ihnen Fleisch werde, fr den sind diese Elemente und die durch sie reprsentierte Natur nicht nur Rohstoffe oder Fabrikate, sondern Gnadengaben, in denen Gott sich uns mitteilt. Gnadengaben aber wird er im Sinne dessen verwenden, der sich in ihnen gegeben hat, und nicht verschwenden oder gar mibrauchen.
Unter Hinweis darauf, da das Brot heute maschinell gefertigt wird, hat Gnter Howe in einem unverffentlichten Referat (Marburg 1961) gesagt: "Gott der Herr ist im Sakrament zur Fabrikware geworden, und seine Kondeszendenz (Selbstentuerung und Herablassung) in das Sakrament hinein ist tiefer, als sie je zuvor gewesen ist." Das mu man nun freilich bedenken, und es mte wohl auch in einer Liturgie fr den Menschen des 20. Jahrhunderts ausdrcklich gesagt werden, da die ganze neue Welt mit ihren Entdeckungen und Erfindungen, mit ihren Maschinen und Kunststoffen, mit all dem, was Gott dem Menschen zufallen und einfallen lt, damit er davon lebe und Ihn lobe, der Heiligung bedarf. Denn diese neue Welt ist ja genauso gottverlassen wie die Welt der alten Griechen es war, als der Apostel Paulus auf dem Areopag stand, und unsere Industrielandschaft ist genauso von Dmonen bevlkert, wie die antike Landschaft von Gttern bevlkert war. Genauso wie der Apostel die Gtter Griechenlands entthronte, mssen wir deshalb auch die Dmonen unserer Zeit im Namen Christi austreiben und unsere Welt zum Tempel Seines Leibes weihen.
Versuchen wir, dieses an der Liturgie ausgerichtete christliche Denken nher zu beschreiben! Drei Merkmale scheinen ihm eigen zu sein:
1. Christlich denken schliet eine Glaubenszuversicht ein, die es davor bewahrt, einer Existenzangst zu verfallen: der Angst vor Krieg und Atombomben, vor der Sinnlosigkeit des Lebens, vor Zukunft und Tod, vor anderen Menschen. Das Denken ist eingebettet in die Glaubenszuversicht, da der Schpfer Himmels und der Erde unser Vater ist. Es bleibt ein Denken, es folgt den Gesetzen der Logik, aber es ist kein bloes Denkvermgen, sondern eine Bettigung des Glaubens. Der Glaube ist an die Stelle der Triebe getreten, die das Denken des natrlichen Menschen in Gang setzen. Weil ich glaube, verstehe ich die Entwicklung der Menschheit und ihres kosmischen Leibes eschatologisch als eine Entwickelung auf Gott hin. Ich verstehe sie als eine Art Luterungsproze, der von der Fleischwerdung Christi ausgeht. Deshalb erblickt christliches Denken in den Gefahren, die es kommen sieht, nicht Klippen oder Untiefen, vor denen das Schiff der Menschheit umkehren mte, sondern Bojen und Leuchtfeuer, die die Fahrtrinne in den Hafen nach rechts und links abgrenzen und seinen Kurs bestimmen. Und so wie es Leuchtfeuer gibt, die anzeigen, da ein Kurswechsel vorgenommen werden mu, gibt es auf dem Wege der Menschheit Gefahren, die signalisieren, da es an der Zeit ist, den Gedanken eine neue Richtung zu geben und umzudenken.
2. Christlich denken heit in Verbindung mit der Kreatur treten und sich mit ihr einen, sei es nun mit Menschen, auf deren Liebe, mit Tieren, auf deren Zutrauen, oder mit sogenannten toten Gegenstnden, auf deren Hilfe wir angewiesen sind. Es ist uns nicht erlaubt, die Natur zu versachlichen und zur bloen Materie unseres Denkens zu machen. Sogar ein Auto hat Anspruch darauf, da man sich einfhlt und eins mit ihm wird. Es wird dann anders reagieren als wenn ich es lieblos behandle, das Getriebe qule, hart schalte, pltzlich bremse und rcksichtslos durch Schlaglcher fahre. Natrlich hat das Auto keine Seele; aber das ndert nichts daran, da es sich in meinem Dienste verbraucht. Das Mittelalter hat seiner Verbundenheit mit der Kreatur Ausdruck verliehen, indem es sie personifizierte. Es hat den Wissenschaften, etwa der Logik und der Geometrie, es hat den Tugenden, ja sogar Zustnden wie Frieden und Armut eine menschliche Gestalt gegeben, gewi nicht in einer poetischen Anwandlung, sondern, weil der Mensch sich als Glied des Kosmos und seine Denkttigkeit als ein Gesprch mit dem Kosmos verstand. Der moderne Wissenschaftler scheint zu dieser Einstellung zurckzukehren, wenn er zum Beispiel sein Experiment als ein "Befragen der Natur" kennzeichnet. hnlich der Knstler. C&eacute;zanne hat den Ausspruch getan: "Die Landschaft reflektiert sich, humanisiert sich, denkt sich in mir." Hier ist ein Umdenken im Gange, das unserer Vorstellung von einem christlichen Denken entgegenkommt. Dieses Denken begrenzt sich selber, indem es sich als kreatrliches, mit der Kreatur solidarisches Denken versteht.
3. Christlich denken heit umsichtig denken. Wir drfen den Gegenstand des Denkens nicht aus seinem Zusammenhang herausreien, sondern mssen im Auge behalten, was sonst alles durch unser Denkergebnis mitbetroffen wird. Hierfr zwei Beispiele: Ein nur auf die materielle Wohlfahrt der Menschheit gerichtetes Denken kann zu einer erschreckenden Verflachung und zu einem Verfall des geistigen und seelischen Lebens fhren. Ebenso verheerend kann sich einseitiges Denken im Bereich der Natur auswirken: So lassen sich durch Kanalisierung berschwemmungen verhten und Wasserwege erschlieen, diese Manahme kann aber zugleich den Wasserhaushalt der Natur zerstren und eine Versteppung der Landschaft zur Folge haben. In unseren komplizierten Lebensverhltnissen wird ein scheuklappenfreies Denken dem einzelnen freilich kaum mehr mglich sein. Umsichtig denken schliet deshalb ein Miteinander- und Freinander-Denken ein, so wie ja auch das Beten vor allem ein Miteinander- und Freinander-Beten ist. Von dem "Wir" der Liturgie her empfngt dieses Denken seinen christlichen Impuls.
Die fortschreitende Spezialisierung der Wissenschaften macht dieses Miteinander-Denken und die Entwickelung unserer Lebensgemeinschaft zu einer Denkgemeinschaft immer dringlicher. Freilich bietet auch eine Denkgemeinschaft keine Gewhr fr die richtige Beantwortung unserer Frage. Man kann in Gemeinschaft auch Bses ausbrten. Aber die Gemeinschaft, die wir im Auge haben, ist nicht nur eine Gruppe von Fachleuten, sondern, wenn ich so sagen darf, die denkende Kirche selbst, die sich im Vertrauen auf den Heiligen Geist in den Dienst des Erlsungswerkes stellt. Die ecclesia cogitans (denkende Kirche) ist die unserer Zeit angemessene Daseinsweise der ecclesia militans und die notwendige Ergnzung der ecclesia orans. Wir haben dabei keine Bischofskonferenzen oder Synoden im Auge, wir trumen auch noch nicht von einem Weltkonzil, sondern denken zunchst an den stellvertretenden Dienst kleiner Arbeitsgemeinschaften. Auf alle Flle aber setzt die Lsung unseres Problems die "Einigkeit des Glaubens" voraus, und diese ist fr uns nur in der "Mannigfaltigkeit der Zungen" zu haben; wobei wir unter der Mannigfaltigkeit der Zungen nicht nur die Sprachen der Vlker dieser Erde verstehen, sondern auch die Sprachen der Wissenschaften und der Konfessionen, und unter der Einigkeit des Glaubens nicht eine Kompromiformel, sondern die gemeinsame Ausrichtung ;auf das eine Ziel, nmlich unsere Einheit in Christus.
So lt sich die Frage nach den Grenzen, die dem Menschen gesetzt sind, unter dem trinitarischen Gesichtspunkt beantworten:
Der Glaube an den Schpfer Himmels und der Erde gibt uns die Gewiheit, da wir nicht uns selber oder kosmischen Krften preisgegeben sind, sondern, ,da menschliche Willkr und Naturgesetze lediglich den Spielraum abgrenzen, in dem wir uns bettigen sollen.
Die Liebe Christi, der sich uns in der Materie preisgegeben hat, lehrt uns, da Gott sich zu seinem Erlsungswerk der ganzen Kreatur bedient (Christus ist nicht nur Mensch geworden, sondern Fleisch, Opferfleisch, verfgbarer Gegenstand). Die Dankbarkeit fr dieses Opfer verpflichtet uns zum rechten und ehrfrchtigen Gebrauch der in Christus geheiligten Natur und verbietet uns mit ihr leichtfertig, willkrlich, eigenschtig umzugehen.
Der Beistand des Heiligen Geistes, den Christus Seiner Kirche verheien hat, sammelt und erleuchtet uns und hilft uns von Fall zu Fall, Grenzen zu berschreiten, die der einzelne fr unberschreitbar hlt, und Grenzen einzuhalten, ber die er sich hinwegsetzen mchte.

Evangelische Jahresbriefe 1963, S. 13-22
