Udo Schulze
Jdische Wurzeln in der Liturgie des christlichen Gottesdienstes 
Vieles in der Erforschung des Verhltnisses der Gottesdienstordnungen im Judentum und im Christentum ist noch rein hypothetisch. Die Ouellenlage der entscheidenden Jahrhunderte, der beiden ersten christlichen Jahrhunderte ist dnn. Oft mssen Rckschlsse aus der Zeit nach 200 gezogen werden. Dabei kann die Entwicklung in der Frhzeit der Kirche vllig anders gewesen sein, als man es in dicken Bchern liest. Wahrscheinlich ist es oft anders gewesen. Vielleicht sind die jdischen Wurzeln, auf die wir stoen, andere, als wir sie heute zu entdecken meinen, und vielleicht wird man nach einer weiteren Generation sie wieder anders entdecken und deuten mssen. Aber es gibt sie allemal.
Es gibt jdische Wurzeln nicht nur in der Anfangszeit. Der christliche Gottesdienst hat sich in seiner Geschichte hufig auf seine Ursprnge zurckbesonnen - und das gerade auch zu Zeiten, wo er eigentlich die Tendenz hatte, sich vom Stamm aus derselben Wurzel zu lsen. Man entdeckte neu, was man vorher bersehen hatte. Das macht Hoffnungen fr das Jahr 1992 und die folgenden Jahre, da auch da Neuentdeckungen gemacht werden knnen.
I.
Zunchst einmal fllt auf, da die Christenheit von der jdischen Gemeinde die Sieben-Tage-Woche bernimmt. Das war ja in der Antike berhaupt nicht selbstverstndlich. In Rom rechnete man mit Kalender, Nonen und Iden, aber doch nicht mit der Sieben-Tage-Woche. Die gab es wohl in Babylon, aber Babylon spielt fr die Christenheit kaum eine Rolle. Sie wird die grundlegende Zeiteinheit, in der gottesdienstliches und christliches Leben sich gestaltet. Es mag in der palstinensischen Urgemeinde anfangs noch so gewesen sein, da die Christen den Sabbat begangen haben, wie er in diesem Raum selbstverstndlich war. Mit den Juden und vielleicht hier und da ohne die anderen Juden - denn Juden waren die Christen in Palstina ja auch - hat man Sabbat gefeiert. Aber mindestens daneben, und spter an Stelle des Sabbats, da nmlich, wo die christliche Gemeinde die Grenzen Palstinas berschreitet, setzt sich die Feier des ersten Tages der Woche durch. Er wird zu dem christlichen Feiertag, damals noch ohne irgend welchen staatlichen Schutz. Wenn wir das feststellen, dann merken wir etwas, das wir immer wieder konstatieren werden, da in der Geschichte des Gottesdienstes (und auch in der Gegenwart des Gottesdienstes) Nhe und Distanz zum Judentum immer gleichzeitig vorhanden sind. Mit der Synagoge hlt die Christenheit an der Sieben-Tage-Woche fest. Ohne die Synagoge ordnet sie diese Woche neu vom ersten Tage her. Das ist nicht nur eine uere, sondern eine innere Neuordnung.
Wir kennen die Begrndung aus dem Neuen Testament: Am ersten Tag der Woche ist der Auferstehungstag Jesu, und Johannes 20 macht besonders deutlich, wie immer wieder am ersten Tag der Woche die Gemeinde sich versammelt; Jesus erscheint berhaupt nur am ersten Tag der Woche, nmlich am Auferstehungstag, und dann erst wieder ber acht Tage, nicht zwischendrin. Diesen Tag feiert man. Dieser Tag bekommt eine weitere Bedeutung. Er ist ja der erste Schpfungstag vom ersten Buch Mose her, der Tag, an dem das Licht geschaffen wurde, oder genauer, an dem die Finsternis von dem Licht getrennt wurde. Und mit dem ersten Tag der Woche, mit dem Tag der Auferstehung Jesu, fngt Gott gleichsam die Schpfung noch einmal wieder an. Der erste Tag der Woche ist immer Hinweis auf die neue Schpfung, der siebte Tag der Tag, an dem die alte Schpfung immer wieder zur Ruhe kommt. In der spteren christlichen Tradition wird sich dann beides miteinander verbinden. Man bertrgt die Gebote der Sabbatruhe auf den Sonntag. Wir sollten trotzdem nicht, wenn wir Sonnabend oder Sonntag meinen, vom Wochenende reden. Das ist reine Gedankenlosigkeit.
In der Gestaltung der Woche finden wir bei der ltesten Christenheit dieses Verhltnis von Nhe und Distanz auch an anderen Stellen. Es ist alte jdische, zumindest pharisische Tradition, zweimal in der Woche zu fasten, am Montag und am Donnerstag. Die Christenheit bernimmt es; darin steht sie in der Tradition. Aber wieder wechselt sie die Tage. Sie nimmt den Mittwoch und den Freitag als Fastentage, und darin zeigt sich wieder, wie auch dieser Teil christlichen Lebens ganz an Jesus Christus gebunden wird; denn das sind die Tage, die mit seinem Leiden zusammenhngen. Feiert man am ersten Tag der Woche die Auferstehung, so begeht man am vierten und am sechsten Tag den Verrat und den Tod Jesu Christi und setzt so jdische Tradition in eine neue Tradition um. Man verndert, ohne da man aufgibt.
Man lebt ebenfalls weiterhin im Gefge des jdischen Tages. Selbstverstndlich fngt fr die Christen, wie fr das Judentum, der Tag nicht um Mitternacht, sondern mit Sonnenuntergang an. Es ward Abend und es ward Morgen - ein erster Tag, sei heit es in Genesis 1. Mit dem Abend beginnt auch der christliche Tag. Wir wissen das bis heute, denn wir beginnen die Feier des 25. Dezember am Abend des 24. Dezember; der Abend des 24. Dezember ist der Abend, der zum 25. Dezember gehrt. So fngt Weihnachten an. Wochenschluandachten, Vorabendmessen in unserer heutigen Zeit verdeutlichen diese uralte Tradition - manchmal mehr unbewut - wieder neu.
II.
Ich mchte jetzt auf den Sonntagsgottesdienst selbst eingehen. Er weist Beziehungen auf zum Gottesdienst der Synagoge. Das ist am augenflligsten bei den Lesungen.Zwei Lesungen kennt der Gottesdienst der Synagoge, die fortlaufende aus der Thora, und die ergnzende Lesung aus den Propheten. Naiv knnte man jetzt sagen, also entspricht das Epistel und Evangelium. Nur ist das zu einfach gedacht, und es ist auch falsch. Denn fr die alte Christenheit war die Bibel des Judentums, vor allem in der bersetzung der Septuaginta, die Heilige Schrift. Aus ihr wurde zitiert und gewi auch - wie in der Synagoge - bei den gottesdienstlichen Versammlungen gelesen. Wenn wir das auch nicht mit Sicherheit beweisen knnen, haben wir aber doch Hinweise.
Es gibt eine eigentmliche Entwicklung in der alten Christenheit, die eine sehr groe Nhe zum Synagogengottesdienst erkennen lt, zumindest in einer altchristlichen Landschaft, im antiochenisch-syrischen Raum, das heit in der Landschaft, in der ja auch Palstina liegt und in der die Urgemeinde und die Anfnge des Judenchristentums zu Hause waren: den Gottesdienst der syrisch-antiochenischen Kirche. Seit wenigen Jahren haben wir Gemeinden dieser Kirche in Deutschland, z.B. im oldenburgischen Delmenhorst. Der Gottesdienst dieser Kirche hat bis heute die Lesung von Thora und Propheten. Wie in der Synagoge werden diese beiden Texte der hebrischen Bibel Sonntag fr Sonntag, auer in der Osterzeit, wo man nicht aus der hebrischen Bibel liest, gelesen. Aber man ergnzt, man bleibt nicht stehen bei Thora und Propheten. Man ergnzt und fgt die apostolischen Brieflesungen und die Worte und Geschichten des Herrn aus den Evangelien an, so da der syrische Gottesdienst regelmig vier Schriftlesungen hat: Thora, Propheten, Epistel und Evangelium. Aber mit dieser Reihung beginnt zugleich eine neue Wertung. Im Synagogengottesdienst ist die Thora die eigentliche Hauptlesung. Die Thora wird festlich aufgehoben aus dem Thoraschrein, und die Prophetenlesung wird angehngt. Im christlichen Gottesdienst werden die Akzente - und hier haben wir jetzt wieder Nhe und Distanz - vllig anders gesetzt. Die Thora bleibt an der ersten Stelle, aber sie ist am weitesten vom Evangelium entfernt. Das Gesetz ist nebeneingekommen (Rmer 5,20) - weit von Christus, so wird hier empfunden. Die Propheten sind einen Schritt nher. Sie sind das eigentliche Verheiungswort der hebrischen Bibel. Die Apostel, von denen wir die Briefe haben, sind die Jnger des Herrn. Dann begegnet er uns im Evangelium selbst. Und so, wie die Thorarolle im Synagogengottesdienst ausgezeichnet wird, wird in den christlichen Kirchen, die an Sonn- und Feiertagen festliche Hochmter feiern, bis heute das Evangelienbuch feierlich ausgezeichnet. Da wird geruchert, da werden Kerzenprozessionen veranstaltet, und da ist es der besondere Lektor, mindestens ein Diakon, der aus diesem Buch lesen darf, whrend aus den anderen Bchern auch andere Lektoren lesen. Distanz und Nhe - es bleiben die alten Lesungen, aber die Wertung kehrt sich um: eine aufsteigende Linie von der Thora zum Evangelium. So ist es vielleicht fast natrlich, da andere christliche Liturgie-Bereiche die Thoralesung nicht kennen, vielleicht nicht gekannt haben - wir wissen es nicht. berliefert ist sie nur aus dem syrisch-antiochenischen Raum. Die Prophetenlesung ist sonst berall die erste einer dreigliedrigen Lesung. Auch sie fllt schonim Mittelalter in den abendlndischen Liturgien weg, nur die Meordnung von Mailand behlt sie bei und hat bis heute drei Lesungen. Da es in der neueren evangelischen und auch rmisch-katholischen Liturgik Bestrebungen gibt, auf irgendeine Weise die drei Lesungen wiederzugewinnen, das steht auf einem anderen Blatt. Aber hinweisen mchte ich doch auf die Lima-Liturgie und die Vorschlge in der Erneuerten Agende.
III
Die Heilige Schrift der Juden, die von der Urchristenheit als die Schrift gelesen wurde - eine kirchliche christliche Schrift gab es je in den Anfangszeiten noch nicht -, enthlt auer der Thora und den Propheten auch die Schriften; es ist der Tenak (Thora, Nebiim und Ketubim). Das wesentlichste Stck der Schriften, das dann in den christlichen Gottesdienst hineingenommen wird, sind die 150 Psalmen. Psalmen der hebrischen bzw. wohl eher der ins Griechische bersetzten Bibel, der Septuaginta, hat die Christenheit wohl von Anfang an gebetet und gesungen, obwohl es sehr unsicher ist, ob eine Nennung wie im Kolosser-Brief, wo Psalmen, Oden und Hymnen nebeneinander gestellt sind (Kolosser 3,16), diese verschiedenen Gattungen unterscheiden will und mit den Psalmen die 150 der hebrischen bzw. der Septuaginta-Bibel meint. Aber abgesehen davon, ob dies sicher oder unsicher ist, ist doch so viel deutlich, da die Psalmen eine Rolle gespielt haben; denn die drei Lobgesnge aus den beiden ersten Kapiteln des Lukasevangeliums, der Lobgesang der Maria, der Lobgesang des Zacharias und der Lobgesang des Simeon, sind nicht anders denkbar, als da sie aus der Tradition der hebrischen oder der Septuaginta-Psalmen heraus gedichtet sind. Sie sind christliche Umformungen, Weiterentwicklung alter jdischer Tradition. Gleicherweise werden auch ursprngliche Psalmen gebraucht worden sein. Die Stellung der Psalmen im Gottesdienst ist allerdings in den Anfangszeiten unsicher gewesen. Sie hatten ihren ursprnglichen Platz in der Christenheit wohl zunchst an einem anderen Ort. Ganz deutlich ist das im entstehenden Mnchtum des dritten Jahrhunderts. Der gyptische Mnch in der Wste betete Tag fr Tag alle 150 Psalmen. Spter hat das benediktinische Mnchtum dies etwas gemildert. Benedikt schreibt vor, wchentlich einmal alle 150 Psalmen zu beten, und das nachkonziliare moderne Benediktinertum verteilt sie auf vierzehn Tage. Das Pensum wird geringer, aber das Mnchtum lebt aus den Psalmen. Es ist wohl immer so gewesen, da da, wo die Christenheit neue Impulse empfangen hat, das Leben aus den Psalmen eine groe Rolle gespielt hat. Die Reformation Luthers ist ohne die Psalmen nicht denkbar. Denn es war ja nicht nur die Arbeit am Rmerbrief, sondern die groe Psalmenvorlesung von 1513-1516, die ihn zur Reformation, zum reformatorischen Denken gefhrt hat. Nicht nur die christliche, sondern auch die hebrische Bibel steht Pate bei der Reformation. Und wenn im Kirchenkampf des Dritten Reiches Dietrich Bonhoeffer die Psalmen ganz neu wieder entdeckt, so ist das sicherlich auch eine Entdeckung, aus der Kraft geholt wurde fr diese Zeit christlicher Kirche. Aber im Gottesdienst des Sonntags kamen sie anfangs nicht vor, wahrscheinlich nicht, wer will es so genau sagen. Sie dringen ein, und sie dringen geradezu reformatorisch ein, wie man heute feststellt. Denn es war wohl so, da es viele Hymnen und Oden gab in den ersten zwei-, dreihundert Jahren der Christenheit, Hymnen und Oden, mit denen viel Hresie in den Gottesdienst eindrang, vielleicht Hymnen und Oden aus dem Kreis eines Markion oder aus anderen gnostisch bestimmten christlichen Gruppen. Diese Hymnen und Oden beseitigt man, abgesehen von wenigen berresten, und an ihre Stelle stellt man das biblische Lied und das biblische Gebet des Psalms - auch im ausgehenden dritten und dann im vierten und fnften Jahrhundert schon eine Gottesdienstreform von der Heiligen Schrift, vom Psalter her.
Damit bekommt der Psalm seinen Platz im christlichen Sonntagsgottesdienst. Am bekanntesten ist er uns heute als Introitus, als Eingangsstck des Gottesdienstes, meistens als Dublette neben dem Eingangslied. Hier ist er wohl erst im 5. Jahrhundert in den rmischen Gottesdienst, in die Papstmesse, eingefhrt worden, als Begleitgesang des Chores zum Einzug des Papstes und der Kleriker. Wenn der Einzug vorbei war, dann nahm die Gemeinde den Psalm auf und verchristlichte ihn - wenn man so will -, indem sie ihm das Gloria patri et filio et spiritui sancto (Ehre sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist) anfgte.
Es gibt wahrscheinlich einen lteren Ort der Psalmen im Gottesdienst, wo wir ihn im evangelischen Gottesdienst fast ganz verloren haben; gemeint ist der Psalmgesang zwischen den einzelnen Lesungen. Er ist wahrscheinlich im dritten Jahrhundert, vielleicht schon hier und da im zweiten Jahrhundert - manche Osternachtsliturgien knnten darauf hinweisen - in den christlichen Gottesdienst aufgenommen worden. Der Ort des Psalms an dieser Stelle bedeutet auch eine grere Nhe zum Synagogengottesdienst, wo er hnlich eingesetzt wird. Die Art und Weise, ihn zu singen, ist zwischen den Lesungen hnlich wie in der Synagoge. Auch das ist ein Hinweis auf das hhere Alter an dieser Stelle. Der Introituspsalm wurde und wird gesungen auf antiphonale Weise, d.h., zwei Halbchre singen ihn im Wechsel. Der Psalm zwischen den Lesungen wird auf responsorische Weise gesungen: Ein Vorsnger singt die Verse, und die Gemeinde oder der Chor respondiert. Bei der Hinfhrung zum Evangelium sind solche Responsorien dann die Halleluja-Gesnge, die auch aus dem Synagogengottesdienst stammen. Das Evangelium wurde mit dem Jubel des Halleluja begrt. Heute schliet bei uns das Halleluja meistens die Lesung der Epistel ab. Die Eucharistische Feier von Karl Bernhard Ritter hat es allerdings als Jubelruf vor dem Evangelium.
IV.
Ein zentrales gottesdienstliches Stck aus der hebrischen Bibel ist das Dreimalheilig, verbunden mit dem Benedictus-Vers aus Psalm 118. Das Dreimalheilig oder das Sanctus oder das Trishagion aus Jesaja 6 gehrt in die Kaduscha des Vormittagsgottesdienstes am Sabbat. Dort erklingt es; es erklingt auch sonst im jdischen Gottesdienst, aber vor allem erklingt es dort. Und dort wird es eingeleitet mit einem kurzen Vers des Vorsngers, der darauf hinweist, da dieses Stck die Seraphim gesungen haben. Dann stimmt die Gemeinde ein in das Heilig, heilig, heilig ist der Herr Zebaoth. Prfation und Sanctus entsprechen dem im christlichen Gottesdienst. Auch wir werden ja sprechend oder besser singend (leider nicht immer) darauf hingefhrt, da wir mit den Engeln und Erzengeln, mit den Cherubim und mit den Seraphim in dieses Lied einstimmen. Das ist nicht nur ein uerer Hinweis, sondern hier ist ein inneres Stck liturgischer Vorstellung, gottesdienstlicher Vorstellung, das - so, wie ich es sehe - Judentum und Christentum miteinander verbindet. Gottesdienst geschieht nicht nur am Sabbatmorgen oder in der Vorfeier des Sabbat oder auch in den Werktagsgottesdiensten und nicht nur am Sonntagmorgen oder in Vorabendmessen oder Christvespern, sondern Gottesdienst geschieht pausenlos und immerwhrend. Denn Gottesdienst ist eigentlich der Gottesdienst der Engel, der hat keinen Anfang und kein Ende. Irdischen Empfngern gttlicher Offenbarung wird gelegentlich erlaubt, da hineinzublicken:
So Jesaja 6, als Jesaja seine Berufung erlebte und er dann den Lobgesang der Seraphim vernahm: Heilig, heilig, heilig ist der Herr Zebaoth, alle Lande sind seiner Ehre voll; so die Hirten in der Weihnachtsgeschichte, als sich der Himmel auftat und sie den Lobgesang hrten: Ehre sei Gott in der Hhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens; und am eindrcklichsten im letzten Buch der Bibel, wo der Seher Johannes am Tag des Herrn die vielen himmlischen Lobgesnge hrt, die sich durch dieses Buch hindurchziehen. Ihnen wird gleichsam ein Blick hinter den Vorhang gewhrt. Das ist jdisch-christliche Tradition, gemeinsame Wurzel, wo bei der visionren Berufung der Visionr diese Audition und diese Vision empfngt. Und wir, wir stammeln ein wenig mit am Sabbatmorgen und am Sonntagmorgen, singen die Worte, die uns vorgegeben sind. Natrlich waren das Gesnge, welche die Tempelgemeinde und die christliche Gemeinde gesungen haben und die Jesaja, Lukas und Johannes in ihre Schriften aufgenommen haben; aber sie wurden gesungen als Mitfeier an dem himmlischen Gottesdienst, der ein ewiger Gottesdienst vor Gottes Thron und mit Gott ist.
Schon die Synagoge verbindet das Trishagion mit weiteren Lobsprchen. Dem entspricht in der christlichen Kirche die Verbindung mit dem einen festen Lobspruch aus Psalm 118, dem Benedictus und Hosianna, wieder ein Lobspruch aus der hebrischen Bibel: Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn! Hosianna in der Hhe! Wir kennen ihn aus der christlichen Bibel. Es ist der Gesang, den nach den Evangelien das Volk gesungen hat, als der Messias Jesus in seine Stadt einzog, ganz bewut aus diesem Psalm genommen. Aber hier wird die christologische Deutung wesentlich. Denn im christlichen Gottesdienst gren wir den, der nicht nur als Messias in seine Stadt einzieht, sondern der jetzt auf verborgene Weise kommt. Er, der der Messias des jdischen Volkes ist und der ber das jdische Volk der Welt Heiland geworden ist, er zieht ein in seine Gemeinde unter Brot und Wein und lt sich da neu empfangen. Mit dem Lied des alten Israel empfangen wir ihn, den Messias Israels und den Heiland der Welt. Und er kommt in seine Gemeinde und zu jedem einzelnen.
V.
Damit kommen wir zu einem weiteren Stck der abendlndischen Messe, das auch in diesen Teil des Gottesdienstes hineingehrt; es ist das Agnus dei. Immer wieder ist es wichtig, im Gottesdienst zu erfahren, was im Agnus dei erklingt: Lamm Gottes, der du hinwegnimmst (oder: der du trgst) die Snde der Welt, erbarme dich unser. Ein entsprechendes liturgisches Stck im Judentum ist mir nicht bekannt. Aber was klingt da alles mit, und wie wenig kann man diesen Gesang verstehen ohne die hebrische Bibel, auch wenn er als Gesang nicht aus dieser Bibel kommt! Gewi, das nchste biblische Wort ist eines aus der christlichen, griechischen Bibel, nmlich aus dem Johannesevangelium, wo die Grenzgestalt zwischen den Testamenten, Johannes der Tufer, auf ihn hinwies und seine Jnger an ihn wies: Das ist das Lamm Gottes, das trgt (oder: das hinwegnimmt) die Snde der Welt (Johannes, 1,29). Auch in der Apokalypse ist Christus das Lamm.
Aber das konnte ja nur geschehen, weil die Tradition der hebrischen Bibel, der Tempel- und der Synagogengemeinde da war, weil so viel mitschwingt, wenn vom Lamm Gottes geredet wird, weil man sich erinnern konnte und mute an alle Texte der hebrischen Bibel, die vom Lamm oder vom Widder reden. Wir erinnern uns an Genesis 22. Wie war es doch da, als der Gott Abrahams, der ja auch der Gott Isaaks sein sollte, von Abraham erwartete, seinen Sohn zu opfern? Da hing dann am Schlu der Widder oder das Lamm im Gest, und die Stimme erklang: Du hast deines einzigen Sohnes nicht verschont (Genesis 22,16). Paulus wird spter schreiben: Gott hat seines eingeborenen Sohnes nicht verschont, sondern hat ihn fr uns alle dahingegeben (Rmer 8,32). Paulus zieht also die Verbindungslinie von Jesus Christus zu dem Widder, den der Gott Abrahams und der Gott Isaaks - in diesem Augenblick erwies er sich als der Gott Isaaks - ins Gebsch geschickt hatte.
Man erinnert sich weiter, wenn man hrt: Lamm Gottes, das hinwegnimmt die Snde der Welt. Passa leuchtet auf, das Blut der Lmmer an den Trpfosten (Exodus 12), dieses Blut der Lmmer, das bewahrenden Charakter hat. Da, wo das Lmmerblut ist, hat der Tod keinen Zugang; dort wird das Volk Israel vor dem Tod bewahrt. Wir wagen es, als Christen das mitzusingen und mit Luther so zu deuten: Dessen Blut, nmlich Jesu Christi Blut, zeichnet unsre Tr - so heit es ja in Luthers groem Osterlied -,das hlt der Glaub dem Tod fr, ein Spott aus dem Tod ist worden (EKG 76,4-5). Wer Anteil hat an diesem Lamm Gottes, der ist ewig vor dem Tod bewahrt.
Wir erinnern uns an das Lamm Gottes, an das schon Philippus den Eunuchen aus thiopien erinnert hat, in Jesaja 53: das Lamm, das zur Schlachtbank gefhrt wird (Jesaja, 53,7). Heutige Auslegung der Gottesknechtlieder deutet diese Lieder und damit ja auch Jesaja 53 auf das Volk Israel. Nicht ganz eindeutig, aber mit einer hohen Wahrscheinlichkeit kann man sie so lesen: Der leidende Gottesknecht ist das Volk. Wenn Christus der Knecht ist, der wie ein Lamm zur Schlachtbank gefhrt wird, ist er der, der zunchst einmal fr sein Volk, fr sein leidendes Volk ans Kreuz gegangen ist und dann die anderen, die Goiim, die Heidenvlker mit einbezogen hat in dieses sein Heilshandeln am Kreuz. Das klingt auf in diesem Lied.
Und ganz besonders - das ist wohl am dichtesten an diesem Lied - spielt Leviticus 16 eine Rolle, der groe Vershnungstag, dessen hebrischen Namen seit 1973 jedes Kind kennt: Jom Kippur. Zwei Lmmer sind es, die da wichtig sind: das Lamm, das auf dem Opferaltar im Allerheiligsten durch den Hohenpriester geschlachtet wird, und vielleicht noch mehr das andere, auf das der Hohepriester seine Arme stemmt, um ihm die Snden, die Jahressnden des Volkes aufzudrcken und es dann in die Wste zu jagen, damit es die Snde des Volkes hinwegtrgt, so wie es unser christliches Lied sagt. Dahinter steht die Deutung des alttestamentlichen Opferdienstes auf Jesus Christus, wie sie im Brief an die Hebrer entfaltet wird. 
Das, was wir bei der Bedeutung der biblischen Lesungen gehrt haben, besttigt sich in groer Verdichtung hier noch einmal. Nicht eine Einzelstelle, sondern eine Zusammenschau verschiedener biblischer Worte wird auf Jesus Christus bezogen. Unverstndlich ist das alles ohne die alttestamentlich-jdische Wurzel, aber die Deutung geht dann einen neuen Weg.
VI.
Das Trishagion mit dem Benedictus nannte ich und das Agnus. Dazwischen steht das eucharistische Hochgebet, in vielen protestantischen Gottesdiensten nur rudimentr vorhanden und nicht immer gebetet. Ich will hier nichts zu seinem Recht sagen, auch keine Abendmahlstheologie in Kurzform entfalten, sondern nur einige wenige liturgische Hinweise geben. Es ist das Gebet, in das die Worte des Herrn eingefgt sind, in denen es heit: Solches tut zu meiner Anamnesis, zu meiner Memoria, zu meinem Gedchtnis. Das Abendmahl ist Anamnesis, erinnernde und danksagende Vergegenwrtigung des Heilsereignisses in Kreuz und Auferstehung Jesu, und es ist zugleich Vorgeschmack des Mahls im ewigen Gottesreich. Das verbindet es letztlich dann doch mit dem Passamahl. Es ist dabei gar nicht so wichtig, ob das letzte Mahl Jesu ein Passamahl gewesen ist oder nicht (worber dicke Bcher geschrieben worden sind), sondern wesentlich ist, da hier Vergleichbares passiert. Da, wo die jdische Hausgemeinde - dieses Mal nicht die Synagogengemeinde, sondern die Hausgemeinde - Passa feiert, ist erinnernd die groe Heilstat Gottes am Anfang der Geschichte des Volkes Israel gegenwrtig, und jedes Mal erlebt der Jude sie wieder neu. Das ist nicht nur eine gedankliche Leistung, sondern sie wird erinnernd wirklich gegenwrtig, diese entscheidende Gottestat am Anfang der Geschichte des Volkes: die Befreiung aus der Knechtschaft der gypter. Und wo wir das Sakrament des Altars feiern - und das tun wir betend, dann auch essend und trinkend, aber zunchst einmal betend, so, wie das auch der jdische Hausvater zunchst einmal betend tut -, dort wird das entscheidende Heilsereignis am Kreuz und in der Auferstehung Jesu gegenwrtig. Und der jdische Hausvater wird jedes Mal sagen: Das nchste Jahr feiern wir es in Jerusalem. Eigenartigerweise tut er es auch jetzt noch, wo er schon in Jerusalem feiert. Das heit doch wohl -vielleicht berinterpretiere ich jetzt jdischen Brauch, aber ich kann es eigentlich nur so verstehen -, dieses irdische Jerusalem ist fr die Passafeier noch nicht das endgltige Jerusalem, sondern Jerusalem ist die Stadt Gottes, der das Volk Israel heute noch entgegenpilgert, so, wie die christliche Gemeinde, die das Mahl ihres Herrn feiert, Gott entgegenpilgert. Jerusalem ist dann Symbol fr ein Gottesreich, das noch aussteht, aber in jedem Passamahl neu anbricht.
Die Nhe kirchlicher Eucharistiegebete zu jdischen Segensgebeten ist im brigen in den letzten Jahren wieder neu ins Bewutsein gekommen.
Fr uns ist ebenfalls der aramische Abschlu wichtig: Maranatha- das Beten um das Kommen des Herrn, des noch nicht gekommenen Messias, des wiederkommenden Christus.
VII.
Ich komme zu einem ganz anderen Stck des Gottesdienstes, zu den Anrufungen, die vor allem im Achtzehngebet begegnen. Anrufungen, Bittrufe sind bei uns immer auch Frbitten, in der Synagogengemeinde am Sabbat zumindest eigentlich keine Frbitten, weil man Gott am Sabbat auch seine Ruhe lt. Die Frbitten geschehen an den Tagen, wo man wirkt und wo Gott am Werke ist. Wir kennen diese Trennung so nicht, aber die Anrufungen haben wir auch. Hier gehe ich wieder ein Stck in die Liturgiegeschichte hinein. Frher einmal - vielleicht bis ins 6. Jahrhundert - standen die Anrufungen ganz am Anfang des Gottesdienstes im Abendland; im Osten stehen sie da auch heute noch. Die Anrufungen, die bittenden, die frbittenden, die preisenden Anrufungen, werden jedesmal durch Gemeinderesponsorien aufgenommen, werden aufgenommen durch den Ruf Kyrie eleison. Der Kyrios ist ja Adonai, d.h. der Herr, der fr den Namen steht, den man nicht ausspricht. Moderne christliche Theologen haben keine Hemmungen mehr, ihn auszusprechen; ob es zum Heil oder zum Unheil ist, mag dahingestellt sein; jdische Theologen sprechen ihn nicht aus, weil er der Name des Heiligen ist. Kyrios-Adonai steht an seiner Stelle. Fr uns ist der Kyrios immer auch Jesus, der gesagt hat: Ich bin und von dem es bei Paulus heit: Niemand kann Jesus den Kyrios, den Herrn nennen ohne den Heiligen Geist. Christlich knnen wir ihn nicht mehr trennen von seinem Vater, von dem Gott Abrahams und Isaaks und Jakobs und dem seines Volkes Israel, der Kinder Jakobs.
Distanz und Nhe auch wieder hier, die Nhe in dem Ruf zu diesem Kyrios, die Distanz in dem Verstndnis von diesem Kyrios, in dem Verhltnis des Jesus aus Nazareth zu diesem Kyrios.
VIII.
Ein letztes, eine spte Entdeckung der Christenheit mchte ich erwhnen. Es ist eigenartig, da sie so spt war, eine Entdeckung der Reformation des 16. Jahrhunderts.
Gesegnet wurde immer in christlichen Gottesdiensten. Aber bersehen oder bewut nicht beachtet hat man den Priestersegen aus dem Buch Numeri, den Segen, der zwar nicht unbedingt am Schlu, aber doch im Synagogengottesdienst seinen Platz hat. Erst die Reformation gewinnt ihn fr den christlichen Gottesdienst, d.h. eine Zeit der Kirchengeschichte, die sich wahrscheinlich teilweise ihrer Wurzeln im Judentum nicht mehr so recht bewut war, sondern die sich auf einem Ast aus dieser Wurzel ansiedelte, der sich schon ein Stck weg entwickelt hatte von der Wurzel, aber natrlich noch von der Wurzel getragen war. Aber dieser Ast konnte sich noch einmal hinbeugen zurck zur Wurzel, wie der Ast einer Weide, und den aaronitischen Priestersegen entdecken. So verbindet seit dem 16. Jahrhundert jdische und evangelische Gemeinde ein weiteres Stck des Gottesdienstes: der uralte Segen Aarons, der mit Segensgebrde gesprochen wied, der uralte Segen Aarons, mit dem wir in den Schalom hinein entlassen wenden, in den Schalom Gottes, der nicht nur dem ersterwhlten Israel, sondern allen Vlkern zugesprochen wird, die gesegnet sind durch den Sohn aus diesem Volk, den wir als Heiland der Welt verehren.

Einige kurze Hinweise auf wenige Titel der umfangreichen Literatur:
1) lsmar Elbogen: Der jdische Gottesdienst in seiner geschichtlichen Entwicklung. Hildesheim, 1967, Nachdruck der 3. Aufl. 1931. Das Buch ist immer noch das Standardwerk fr jeden, der sich eingehend mit der Geschichte des Synagogengottesdienstes beschftigen mchte.
2) Else Schubert-Christoller: Der Gottesdienst der Synagoge. Gieen, 192Z Dieses kleine Bchlein ist vor allem deswegen wichtig, weil es viele gottesdienstliche Texte in deutscher Sprache abdruckt.
3) Gerhard Kunze: Die Lesungen. In: Leiturgia. Zweiter Band. Kassel, 1955, S. 87-180. Kunze ist ein groer Kenner der Geschichte der gottesdienstlichen Lesungen. Das Verhltnis des christlichen Gottesdienstes zu dem der Synagoge sieht er distanzierter, als ich es tue. Doch sehe ich meine Aufgabe in diesem (berarbeiteten) Vortrag nicht in einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem trotz mancher unterschiedlichen Meinung von mir mit Freude und Genu wieder neugelesenen groartigen Beitrag zur Erforschung der Geschichte der gottesdienstlichen Lesungen.
4) Frieder Schulz: Die jdischen Wurzeln des christlichen Gottesdienstes. In: Jahrbuch fr Liturgik und Hymnologie.28. Band. Kassel, 1984, S.39-55. Der Aufsatz bringt einen guten berblick ber die Forschungslage, auch zur Geschichte der Melodien. Hier findet der wissenschaftlich interessierte Leser weitere Literaturhinweise.

Copyright: Dr. Udo Schulze
Quatember 1992, S. 87-97
www.quatember.de
