Symbol Startseite Inhalt Suchen E-Mail Kloster Kirchberg Inhalt Navigation Inhalt 1942

Quatember

Der Brief (Ausschnitt)
von Wilhelm Stählin


LeerAls der Krieg ausbrach, riß er uns alle aus dem Gleichmaß unserer Lebensgewohnheiten und unserer Arbeit. Während er die einen in der empfindlichsten Weise auch äußerlich aus der Bahn warf und sie zwang, alles, was ihnen nahe und vertraut war, hinter sich zu lassen, ist doch auch den anderen eine Loslösung und Umstellung zugemutet, wenn auch in einer stilleren und verborgenen Weise. Manchem schien es besonders schwierig, in der gewohnten Umgebung, zwischen den vertrauten Menschen, vielleicht auch in der gleichen Arbeit wie sonst, doch unter völlig veränderten Bedingungen, in ständiger Unsicherheit, von einem Tag zum andern zu leben.

LeerWir alle aber meinten zunächst, gleichsam nur Urlaub zu nehmen von unserem Alltag, in den wir über kurz oder lang zurückzukehren hofften. Diese Urlaubshaltung, die von dem vergangenen Friedenszustand innerlich nicht loskommt und ungeduldig nur auf den Tag wartet, wo es »wieder« so sein wird wie zuvor, ist gefährlich. Denn sie verführt uns dazu, unser gegenwärtiges Leben nur als eine Art Provisorium anzusehen und also nicht wirklich ernstzunehmen. Es rächt sich aber immer, auch in kleinen Dingen, etwas nur »vorläufig« zu tun; alles will mit ganzem Ernst und ganzer Herzenshingabe ergriffen und erfüllt werden. Was uns heute an Aufgaben vor die Füße gelegt wird, was an Hingabe, Opfer, Treue und Liebe von uns erwartet wird, ist wichtiger als alles, was wir vielleicht einmal später wieder unternehmen können und sollen. Gehen wir diese Zeit nur als eine unerwünschte Unterbrechung unseres »normalen« Lebensweges an, deren Ende wir ungeduldig herbeisehnen, so werden wir versäumen, was diese Zeit von uns verlangt. In diesem Sinne gibt es überhaupt keinen »Urlaub«, der dann wieder durch das »eigentliche« Leben abgelöst wird; sondern jeder Tag ist »eigentliches« Leben, und wir werden das Morgen verfehlen, wenn wir das Heute versäumen. So gewiß das für die großen Bewährungsproben in der Geschichte der Völker gilt, so gewiß gilt es auch im kleinen und persönlichen Bereich. Es gibt Aufgaben äußerer und innerer Art, die gerade jetzt unsere Kraft und unseren »Einsatz« verlangen; und wir stiften Schaden und nehmen Schaden, wenn wir, mißmutig über die störende Unterbrechung und ihre unabsehbare Dauer, nicht mit wacher Seele, mit allen Kräften des Geistes, des Herzens und des Leibes eben das ergreifen und vollbringen, was diese Kriegszeit von uns verlangt.

Evangelische Jahresbriefe 1942 S. 44


© Joachim Januschek
Letzte Änderung: 03-01-02
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