Die Christen sind heute unerhört freigebig mit großen Worten. Sie gehen mit bedeutenden und inhaltsschweren Namen um, als ob sie ein flüssiges Kleingeld für den Tagesgebrauch seien, so daß diese Worte in den Ohren einer kritischen Mitwelt nur noch wie tönende Phrasen wiederklingen. Sie haben keine Scheu, auch noch die kläglichste Sonntagspredigt eine Wortverkündigung zu nennen. Sie gebrauchen das Wort Mission für eine zwar sehr segensreiche, nur eben kaum noch missionarische karitative Arbeit. Und sie verweigern auch der armseligsten Lokalparochie, aus der alle Spuren geistlichen Lebens längst entwichen sind, nicht den Namen, der ihnen vor anderen ehrwürdig sein sollte, den der christlichen Gemeinde. Sie wissen offenbar überhaupt nicht mehr, was für gewaltige und atemberaubende Dinge die wirkliche Mission, die echte Verkündigung, die wahre Gemeinde sind.
Im Falle der Gemeinde ist dieser Namensmißbrauch nicht nur eine Stilfrage, hier hat er geradezu katastrophale Folgen gehabt und hat sie noch und gerade heute. Die Kirche hat sich in unserer Zeit mit gutem Recht wieder von der Gemeinde her verstehen gelernt. Sie weiß wieder, daß sie sich nicht aus der Masse der mehr oder weniger gutwilligen Steuerzahler konstituiert. Sie scheint damit zu dem Verständnis der Kirche, wie es die reformatorischen Väter hatten, zurückgekehrt. Aber eben hier lauert eine Unzahl naheliegender Mißverständnisse, so daß wir gar nicht sorgsam genug fragen und gar nicht fein genug unterscheiden können.

Wenn Luther ausdrücklich darauf bestand, das Wort ecclesia mit Gemeinde zu übersetzen, dann gewiß nicht mit der Absicht, dieses griechische Wort seines Inhalts zu entleeren, sondern umgekehrt, um dem Begriff Gemeinde ein recht umfassendes Verständnis zu verschaffen. Mag sich die Gleichsetzung von Kirche und Gemeinde zunächst gegen das römische Verständnis der Kirche als Anstalt und Institution gerichtet haben, so wurde die reformatorische Gemeinde doch eher noch umfassender als die institutionelle Kirche Roms begriffen. Albrecht Oepke hat in seiner Untersuchung über den Begriff des Gottesvolkes darauf hingewiesen, daß Luther Ecclesia schlechthin mit Volk gleichgesetzt hat. Wie umfassend das von Luther gemeint ist, zeigt sein geradezu drastischer Hinweis auf die Türken: "gleichwie der Türck auch Ecclessia, ein Volck, ist". Er hat also unter Gemeinde wahrhaftig nicht die Parochie, sondern die gläubige Christenheit, das ganze Volk Gottes verstanden.
Vielleicht kommt in dem Verständnis der Kirche als solch umfassender Gemeinde am deutlichsten die Intention der Reformatoren, an die Kirche der frühen Christenheit anzuknüpfen, zum Ausdruck. Die Urkirche hat sich in der Tat in solch umfassenden Sinn als Gemeinde und Volk Gottes verstanden. Aber zugleich wird in dieser Anknüpfung auch der ganze Anspruch deutlich, der darin liegt, Gemeinde Jesu Christi und Gottes Volk zu heißen. Die Urkirche macht erst vollends deutlich, was es bedeutet, wenn Oepke mit einer sehr kühnen, ja aufregenden Formulierung sagt: "Gott wird auch in seinem Volke Fleisch". Denn durch die frühe Christenheit geschah eben das in zeugnishafter Weise, was uns durch das Evangelium als unausweichlicher Auftrag zugesprochen ist: die Veränderung einer verlorenen, verfinsterten, hoffnungslos gewordenen Welt durch Menschen, die durch die Begegnung mit der Botschaft Christi im Kern ihres Wesens verwandelt wurden.
Gemeinde im Sinne der urkirchlichen Ecclesia wäre demnach nur dort, wo nicht allein Gottesdienst und Verkündigung, sondern auch Mission und Verwandlung geschehen, wo das Gottesvolk wie ein Licht in der Finsternis leuchtet, wo es die umgebende Welt wie ein Salz durchsetzt und wie ein Sauerteig durchsäuert, wo vor allem Verwandlung der Welt durch Menschen erfolgt, die sich selbst Christus als ihrem Herrn anverwandelt haben.

Wer wollte sich erkühnen, derartiges von dem Durchschnitt unserer lokalen Gemeinden zu sagen? Es darf gewiß nicht gering geachtet werden, daß es Stätten des Gebets und der Sakramentsverwaltung, der - immerhin möglichen - Wortverkündigung und Seelsorge gibt. Aber das rechtfertigt gar nicht die üblicherweise eingerissene Gleichsetzung von Gemeinde und Parochie. Wir geraten in einen wahren Teufelskreis von verhängnisvollen Mißverständnissen, wenn wir Kirche mit Gemeinde, Gemeinde aber mit Parochie identifizieren. Diese ebenso falschen wie plumpen Gleichsetzungen führen einerseits notwendig zu einer Ghettokirche, andererseits aber ebenso konsequent zu einer kaum noch erträglichen Klerikalisierung. Denn die übliche Berufung auf die Parochialgemeinde, die im Normalfall heute eben leider doch tote Gemeinde ist, hat zur Folge, daß die Kirche als Institution, nun aber aller hierarchischen Würde entkleidet und zur klerikalen Bürokratie geworden, das Feld beherrscht - ein Zustand, der heute fast schon "normal" geworden ist.
Man sollte sich endlich daran gewöhnen, die Dinge so zu sehen, wie sie sind, mag dieses Bild zu gewissen Wunschvorstellungen passen oder nicht: wenn die Parochie je Gemeinde in dem verantwortungs- und anspruchsvollen Sinn der Urkirche war, so ist sie es auf jeden Fall heute aus vielen Gründen nicht mehr und kann es kaum noch sein. Die allgemeine Säkularisierung hat nur noch Reste echter Gemeinden übrig gelassen. Und die Massengesellschaft unserer Tage, die das nachbarschaftliche Gefüge, auf dem die paroikia beruhte, weithin zerstört hat, hat auch diesen Rest noch in Frage gestellt. Heute grenzt es auf jeden Fall an Verantwortungslosigkeit, von Gemeinde in einem solchen Doppelsinn zu sprechen, daß sowohl Kirche als auch Parochie gemeint sein kann. Man sollte dem Parochialgötzen gründlich und für immer absagen, da es anders völlig aussichtslos ist, dem ur-evangelischen Verständnis der Kirche als des Volkes Gottes neu zum Durchbruch zu verhelfen.
Die Entleerung des Gemeindelebens hat allerdings, wie uns scheinen will, nur einen Notstand aufgedeckt, der weit tiefere Ursachen hat. Wenn uns in der Tat die Veränderung und Verwandlung der Welt aufgetragen ist, muß dann nicht sehr ernsthaft gefragt werden, ob das nicht auch die Kräfte der lebendigsten Parochialgemeinde überstiege? Bedarf es nicht noch ganz anderer als nur nachbarschaftlicher Bindungen, wenn es um die Bewältigung umfassender Aufgaben geht? Ist es daher nicht mehr als nur Zufall, daß die Kirche, seitdem sie sich von der Parochie her zu verstehen begann, vor allen sozialen Fragestellungen versagt hat? Denn die Kirche ist der Welt die Antwort auf ihr soziales Fragen noch viel tiefer schuldig geblieben, als die banale Rede von der "Arbeiterschaft die der Kirche verloren gegangen" sei, vermuten läßt.

Wir sind hier, so scheint uns, bei der entscheidenden Frage: der nach der Struktur und Gestalt, nach der sozialen Konkretisierung und Verleiblichung der Kirche. Wenn die Kirche Gottes Volk ist, so heißt das sicher nicht, daß sie als formlose und ungegliederte Masse verstanden werden könnte. Zweifellos konstituiert sie sich mindestens zu einem wesentlichen Teil aus den parochialen Gemeinden, die man, wenn sie wirklich Gemeinden sind, "Familien Gottes" vergleichen könnte, so wie die Völker der Welt sich aus Familien konstituieren. Aber wie die Weltvölker noch ganz andere soziale Strukturen als die familiären enthalten, so muß zur Integration des Gottesvolkes zum mindesten noch ein wesentliches Strukturelement zu dem parochialen hinzutreten, wenn anders nicht Ghetto-Existenz und Klerikalisierung als zwangsläufige Folgen eintreten sollen. Wir nennen dieses Strukturelement: Bruderschaft und suchen den Beweis für unsere Behauptung anzutreten.
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