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Quatember
Ich glaube die heilige katholische Kirche
von Herbert Goltzen
(Teil 1)


LeerIn dem einen Herrn Jesus Christus besteht die Einheit der Kirche. Durch die Schuld und den Eigensinn ist sie in getrennte Kirchentümer auseinandergebrochen, die Kirchen des orthodoxen Ostens und des lateinischen Abendlandes, die Kirchen der Reformation und der Gegenreformation. Die Bemühungen um die Wiedervereinigung im Dogma, im Kirchenrecht und in der Frömmigkeit lassen das Endziel einer völligen Gemeinschaft noch nicht erkennen. Aber trotz der noch nicht erreichbaren vollen gegenseitigen Anerkennung entdecken die Kirchen, was ihnen immer gemeinsam geblieben war. Die Gültigkeit der einen Taufe ist wieder anerkannt worden. Wir beten das Gebet des Herrn wieder in einem gemeinsamen Wortlaut. Nachdem der ökumenische Vaterunser-Text mit Freude und ohne alle befürchteten Widerstände aufgenommen worden war, hat die "Arbeitsgemeinschaft für liturgische Texte des deutschen Sprachgebietes" (ALT) ihre Arbeit fortgesetzt. Sie umfaßt beauftragte Vertreter aller Kirchen des deutschen Sprachgebietes. Neben liturgischen Texten hat die ALT vor allem die beiden ökumenischen Glaubensbekenntnisse, das Apostolicum und das Nicänum übersetzt.

LeerIn der beglückenden gemeinsamen Übersetzungsarbeit während der Jahre 1966-1970 gab es niemals konfessionelle Differenzen; ausschlaggebend waren stets sachliche exegetische und sprachliche Überlegungen. So konnten den Kirchenleitungen sorgfältig durchdachte Entwürfe vorgelegt werden. An einer einzigen Stelle gelang es nicht, eine einheitliche Übersetzung durchzusetzen: im dritten Glaubensartikel in der Aussage über die Kirche. In Zeile 16 des Apostolischen Glaubensbekenntnisses heißt es: "die heilige katholische Kirche"; entsprechend in Zeile 25 des Nicänischen Glaubensbekenntnisses: "die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche". Jeder Theologe hat gewußt, daß in den Bekenntnissen, an die er sich in der Ordination gebunden hat, diese Aussagen von der sancta ecclesia catholica oder von der una, sancta, catholica et apostolica ecclesia standen. Nur den Gemeinden blieb das leider fast unbekannt. In den römisch-katholischen Gemeinden galt bis zum Konzil die lateinische Gottesdienstsprache. In den Gemeinden der Reformationskirchen herrschte die Muttersprache in Gottesdienst und Katechismusunterricht. Da die Gottesdienstordnungen sich in den Landeskirchen entwickelt hatten, waren mannigfach verschiedene Übersetzungen im Gebrauch. Auch die deutschen volkstümlichen Katechismen und Gebetbücher der römisch-katholischen Bistümer hatten die lateinischen offiziellen Texte im Lauf der Jahrhunderte verschieden übersetzt und erläutert. Der ALT wurden als Arbeitsunterlage Dokumentationen der verschiedenen deutschen Fassungen vorgelegt. Man war erstaunt über die vielen Verschiedenheiten, die sich keineswegs nur auf die Konfessionen, sondern auch landschaftlich verteilten.

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LeerDer Urtext "catholica ecclesia" wird im Bereich der evangelisch-lutherischen Kirchen meist mit "christliche Kirche", im unierten Bereich mit "allgemeine christliche Kirche" übersetzt. Das Wort "katholisch" kennt man meist nur als Bezeichnung von Einrichtungen der andern Konfession. Da das Bekenntnis der eigenen Kirche zur sancta ecclesia catholica weithin unbekannt war, pflegten "Protestanten" heftig gegen alles Ungewohnte, auch gegen jede "Neuerung" in Gesangbuch und Liturgie als gegen etwas "Katholisches" zu reagieren. Was sagt das gemeinsame Bekenntnis über die Kirche aus? Kath' hólou meint bei Platon, Aristoteles und in der antiken Literatur: "im Ganzen" - im Unterschied von katà méros, dem Teilweisen. Im Neuen Testament klingt dies an in der Bitte: "holókläron - ganz möge euer Geist und die Seele und der Leib ... bewahrt werden" (1. Tess. 5, 23). Jesus heilt am Sabbat den "Menschen ganz" (Joh. 7, 23). Der einmal (in der Taufe) Gewaschene "ist ganz rein", während in der Fußwaschung nur die erneuten Einzelsünden abgewaschen werden (Joh. 13, 10). Auf die Kirche angewendet meinen die griechischen Väter ihre "Ganzheit" gegenüber jeder Absonderung. Wenn der Bischof Ignatius von Antiochia (+ um 115) ermahnt, sich nicht von der Gemeinde und ihrer Eucharistie abzusondern und keiner Irrlehre zu verfallen, sieht er im Bischof den Wächter der Einheit der Kirche: "Wo der Bischof erscheint, da soll die Gemeinde sein, so wie dort, wo Christus Jesus ist, die katholische Kirche ist." (Brief an die Gemeinde in Smyrna 8, 12).

Leer"Katholisch" ist die Kirche, weil sie das Ganze der offenbarten Wahrheit bewahrt. Katholisch ist sie, weil sie in der ungebrochenen Verbindung mit ihrem Ursprung, mit Christus Jesus bleibt. Katholisch ist sie, weil sie alle umschließt, die in der Gemeinschaft mit Christus Jesus stehen. Die Katholizität der Ganzheit und Fülle der geoffenbarten Wahrheit tritt auch in Erscheinung in der "geographischen Katholizität", der Verbreitung der Kirche allerorten. Die Gemeinde von Smyrna, die von Ignatius zum Bleiben an der Katholizität ermahnt wurde, richtete "an alle Gemeinden allerorts der heiligen und katholischen Kirche" ein Rundschreiben, in dem sie über den Märtyrertod ihres am 22. Februar 156 verbrannten Bischofs Polykarp berichtet. Polykarp war noch Schüler des Apostels Johannes gewesen und sieht auf ein Leben von 86 Jahren der Nachfolge Christi zurück. Vor seiner Verhaftung gedenkt er noch betend "aller, die er je kennengelernt hatte", "der ganzen katholischen Kirche des Erdkreises". Die Gemeinde gedenkt ihres Märtyrerbischofs als eines "apostolischen und prophetischen Lehrers, eines Bischofs der katholischen Gemeinde von Smyrna". Er hat "mit den Aposteln und allen Gerechten" Gott verherrlicht und Jesus Christus gepriesen, "den Heiland unsrer Seelen, den Lenker unsrer Leiber und Hirten der über den Erdkreis verbreiteten katholischen Kirche". (Martyrium des hl. Polykarp, 8, 1; 16, 2; 19, 2). Hier treten schon alle Merkmale auf, die die Kirche vertrauenswürdig machen: ihre Verbindung zum Ursprung in der apostolischen Verkündigung, ihre Heiligkeit, ihre Einheit über den ganzen Erdkreis hin.

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LeerAuch Irenäus von Lyon um 180 versteht die Kirche als katholisch wegen der Einheit ihres Glaubens mit dem apostolischen Ursprungszeugnis und wegen ihrer Weltweite: "Die Kirche, die ja über die ganze bewohnte Welt bis an die Grenzen der Erde zerstreut ist, hat von den Aposteln und deren Schülern den Glauben ... übernommen." Ebenso zählt um 200 das erste Verzeichnis der Schriften des Neuen Testaments die von der "einen durch den ganzen Erdkreis verbreiteten Kirche", der "katholischen Kirche" rezipierten Apostelbriefe auf. In der Unterweisung der Taufbewerber erklärt Bischof Kyrill von Jerusalem in der Karwoche 348 den dritten Glaubensartikel von der katholischen Kirche: weil sie auf dem ganzen Erdkreis, vom einen Ende bis zum andern, ausgebreitet ist - weil sie allgemein und ohne Unterlaß all das lehrt, was man von Himmel und Erde wissen muß - weil sie das ganze Menschengeschlecht, Herrscher und Untertanen, Gebildete und Ungebildete zur Gottesverehrung führt, weil sie jede Art von Sünden ... heilt - weil sie in sich jede Art von Tugend ... besitzt.

LeerIn einer Stadt soll man nicht nur fragen: "Wo ist das kyriakón", das "Haus des Herrn?" oder "Wo ist die Kirche?", sondern: "Wo ist die katholische Kirche?" Während der Machtbereich der Könige beschränkt ist, "hat die heilige katholische Kirche, und sie allein, eine unbegrenzte Vollmacht über den ganzen Erdkreis". Hier sind bereits alle Aspekte gezeigt: katholisch ist: das Ganze der Lehre, durch die wir in der Kirche "das ewige Leben erben" - die Kirche für alle Völker und Stände - die Vollmacht zur Heilung für alle Sünden und Sünder - die Fülle aller Gnadengaben - und die unbegrenzte Ausbreitung über den ganzen Erdkreis - und dies alles gründend in der ungebrochenen Verbindung zur Verkündigung der Apostel, wobei der Begriff zugleich die Abgrenzung gegen die Häresie enthält.

LeerAls die Kirche mit ihrem Schwerpunkt in Rom zur lateinischen Sprache überging, kam es zu keiner Übersetzung des Begriffs "katholikä". Vielmehr übernahm auch die lateinische Gottesdienst- und Bekenntnissprache das Lehnwort catholica ecclesia. Zwar wird in manchen Aussagen auch das Wort universalis verwendet, aber für die Fülle der Aspekte genügte ein lateinischer Begriff nicht. So spricht auch das werdende Taufbekenntnis, das im Apostolicum im 7. Jahrhundert in abgeschlossener Fassung vorliegt, von der sancta ecclesia catholica. So schreibt Augustinus 408 an den Donatisten Vincentius, einen Schismatiker: "Du glaubst eine scharfsinnige Bemerkung zu machen, wenn du den Namen "katholisch" nicht auf die Verbindung mit dem ganzen Erdkreise, sondern auf die Beobachtung aller göttlichen Gebote und die Ausspendung aller Sakramente beziehst. Als ob wir uns zum Beweis für die Verbreitung der Kirche unter allen Völkern auf das Zeugnis dieses Namens stützen würden, obgleich er sicherlich daher rührt, weil die Kirche das Ganze umfaßt, und nicht vielmehr auf die Verheißungen Gottes wie so viele und deutliche Aussprüche der ewigen Wahrheit selbst! ... Wie aber können wir uns darauf verlassen, daß uns in der hl. Schrift der wahre Christus offenbart ist, wenn uns in ihr nicht auch die wahre Kirche offenbart ist?" Also: nicht nur die "allgemeine" Verbreitung, sondern die Übereinstimmung mit der in der Schrift bezeugten ganzen Gotteswahrheit läßt die Kirche katholisch sein. So versteht das abschließende Bekenntnis des Konzils von Konstantinopel (381), das sogenannte Nicäno-Konstantinopolitanische die Kirche: "die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche".


© Joachim Januschek
Letzte Änderung: 01-04-13
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