Die heute viel erörterte Zukunft der Kirche ist aller Welt bekannt. Die Zukunft der Kirche heißt Jesus Christus. Die Geschichte der Kirche, erst recht die Geschichte ihrer Spaltungen, besteht aus mancherlei Verdunkelungen dieser schlichten Tatsache. Also unterliegt die Zukunft der Kirche nicht dem Belieben des Menschen. Gleichwohl hat Christus seine Kirche den Christen, also Menschen, anvertraut, allerdings nicht, damit sie nach eigener Einsicht und Vernunft über die Kirche verfügen, sondern nach der Einsicht und Vernunft des Neuen Testamentes.
Nur auf diesem Hintergrund können Erörterungen über die Zukunft der Kirche angestellt werden, und auch das wiederum nur mit einer wesentlichen Einschränkung. Christus hat der Kirche zugesagt, daß sie bis an das Ende der Tage leben wird. Es ist dem Glauben nicht möglich, diese Zusage anzuzweifeln. Alle Mutmaßungen, die die Tage der Kirche für gezählt halten, scheiden daher aus. Das Volk Gottes kann nicht darüber befinden, ob die Kirche Jesu Christi noch eine Zukunft hat oder nicht, sondern allenfalls darüber, ob die Zukunft der Kirche die Sekte sein wird oder im vollen, allumfassenden Sinn Kirche.
Im Augenblick sieht es vielfach so aus, als wolle man der Sekte den Vorzug geben, dem Gesinnungsverein, einer vorsätzlich herbeigeführten Diaspora. In manchen Erwägungen spielt das Wort Diaspora für die Zukunft der Kirche eine bedenkliche Rolle, so als könnten es die Christen gar nicht abwarten, in die Diaspora verdrängt zu werden. Eng verknüpft damit breitet sich die seltsame Meinung aus, das Fundament der künftigen Kirche würde die persönliche Überzeugung des einzelnen Menschen sein. Falls es tatsächlich dahin kommen sollte, würde die Welt die Kirche lediglich noch im Vereinsregister führen, und wir hätten unseren Auftrag an die Welt verraten weil wir so gern Diaspora spielen wollten.

Man kann die Botschaft des Neuen Testaments nicht wie diese oder jene Weltanschauung aus persönlicher Überzeugung annehmen. Dazu taugt sie nicht, denn in ihrer Herkunft und in ihrem Kern widerspricht sie jeder nur denkbaren Erwägung der menschlichen Vernunft. Wer die Zukunft der Kirche abhängig machen will von einem wohlerwogenen Überzeugungsakt des einzelnen Menschen, behindert das Fundament der Kirche, die freie Gnadenwahl Gottes. Doch scheint man heutzutage mitten in der Kirche oft gar nicht mehr zu wissen, nicht mehr wahrhaben zu wollen, daß der Glaube etwas radikal Anderes ist als menschliche Überzeugung oder Gesinnung. Der Glaube muß Dimensionen der menschlichen Existenz für wahr halten, die unserer Vernunft und intellektuellen Erwägung unzugänglich bleiben. Eben deswegen kann man den Glauben nur aus Gnade haben.
Erst unter dieser Perspektive darf über die Volkskirche gesprochen werden, die heute meistens im Vordergrund steht, wenn über die zukünftige Entwicklung der Kirche diskutiert wird. Die Volkskirche, also die Selbstverständlichkeit der Säuglingstaufe und damit der Zugehörigkeit zur Kirche, ist für die Kirche längst eine Last geworden. Das muß man im Blick auf die Zukunft der Kirche klar aussprechen, auch wenn man oft das Gegenteil zu hören bekommt, so als stünde der Kirche ein schwerer Verlust bevor, falls sie sich eines Tages von der Volkskirche lösen muß. Ein Verlust würde das nur für diejenigen sein, die sich noch an den irdischen Machtmöglichkeiten der Kirche sonnen, also die Kirche vornehmlich für eine "gesellschaftlich relevante Gruppe" halten, die folgerichtig in allen wichtigen Gremien öffentlicher Verantwortung gehört werden muß.
Eine Last ist die Volkskirche vor allem deshalb, weil ihr die so selbstverständlich Getauften zu einem großen Teil innerlich gar nicht mehr zugehören und daher andauernd die Botschaft des Neuen Testamentes in unerträglicher Weise zu verflachen und zu verharmlosen drohen. Jeder Geistliche weiß heute aus Taufgesprächen, daß in dem Volk der Volkskirche zwar christliche Gewohnheit und christliche Gesittung noch verbreitet sind, vom Glauben im Sinn der Botschaft aber meist nur noch atavistische Reste zurückblieben. Daß diese atavistischen Reste eine Erweckung des Glaubens und ein auch nur annähernd lebendiges Gemeindeleben fortwährend behindern, wissen wir alle aus bitterer Erfahrung. Und doch ist es gerade dieser Reste wegen der Kirche untersagt, von sich aus die Auflösung der Volkskirche voranzutreiben. Sie hat die Last der Volkskirche bis zur Neige zu tragen, und zwar aus Barmherzigkeit. Es ist uns nicht erlaubt, den Menschen die ständige Gegenwart der Volkskirche mutwillig wegzunehmen. Immerhin wird durch das bloße Vorhandensein der Volkskirche noch ziemlich viel christliche Luft eingeatmet. Das Angebot, die Fragestellung bleibt sozusagen auf dem öffentlichen Markt.

Die Sache mit der Volkskirche hat allerdings eine Kehrseite. Es wird höchste Zeit, die Kirche aus ihrem volkskirchlichen Schlaf zu wecken. Volkskirche ist die Kirche heute aus Barmherzigkeit, ist sie, um den Raum frei zu halten für Gottes Gnade, um das Angebot auf dem Markt zu belassen. Wer freilich die Zeichen künftiger Zeiten zu lesen vermag, der weiß, daß die Zukunft der Kirche auf weitere Sicht nicht die Volkskirche sein wird. Das aber bedeutet, daß die Kirche sich bereits heute sehr gründlich auf eine künftige Zeit ohne Volkskirche vorbereiten müßte. Wenn sle das mit der gleichen Nüchternheit und entschlossenen Tatkraft täte, wie sie sich schon heute verwaltungstechnisch auf die eigene Erhebung der Kirchensteuer vorbereitet, dann brauchte uns nicht bange zu sein. Leider sind aber die verwaltungstechnischen Planungen weithin die einzigen Vorbereitungen auf eine Zukunft ohne Volkskirche.
Die hitzigsten Gegner der Volkskirche sind heute seltsamerweise die sogenannten progressiven Kräfte. Gerade sie drängen auf eine vorzeitige Auflösung der Volkskirche. Das scheint mir ein selbstmörderisches Unterfangen zu sein, denn je früher der historisch gewachsene Weg der Volkskirche mutwillig abgebrochen wird, desto weniger werden die progressiven Kräfte überhaupt noch vorkommen in der Kirche der Zukunft. Hielten wir die Frage der Volkskirche nicht in der Schwebe, sondern brächen sie schon jetzt übers Knie, dann wären die Tage der progressiven Kräfte innerhalb der Kirche und Theologie unverzüglich gezählt. Die Kirche würde dann eine Kirche der Rechtgläubigen sein oder derer, die sich dafür halten. Die einzige Chance der progressiven Kräfte in der Kirche ist augenblicklich die Fortdauer der Volkskirche mit ihrem breiten, freien Raum für eine gewisse Pluralität. Eine "gewisse" Pluralität, so muß man es sagen, denn im Sinn der gegenwärtigen Gesellschaft kann es in der Kirche Jesu Christi selbstverständlich keinen Pluralismus geben.

So bleibt es unbegreiflich, weshalb gerade die progressiven Kräfte, deren die Kirche sicherlich bedarf, einer "Auflösung der Kirche in die Welt" das Wort reden und doch wissen müßten, daß sich nach einer solchen Auflösung in die Welt nun erst recht Kirche sammeln würde, allerdings ohne sie. Wer nicht einsehen will, daß es Kirche nur im Gegenüber zur Welt gibt, wird eines Tages die Kirche verlassen, aber nicht auflösen. So hätten denn gerade die progressiven Kräfte, schon um ihrer selbst willen, die Aufgabe, das Gegenüber der Kirche zur Welt für unser Jahrhundert neu zu akzentuieren. Dessen bedarf die Kirche dringend, denn sie ist auf dem besten Weg, sich selbst zu säkularisieren.
Wer sich nur ein bißchen in der Geschichte der abendländischen Kirche auskennt, kann den gegenwärtigen Streit um das Engagement der Kirche an die Welt allenfalls schmunzelnd anhören, denn in diesem Streit tut man so, als wäre die Kirche erst heute zum Elend der Welt erwacht, als hätte sie bislang eingeriegelt an ihrem Altar verharrt und die Welt sich selbst überlassen. Das ist natürlich barer Unfug, doch verkauft er sich gut. Die Geschichte mit der Säkularisierung wird einfach auf den Kopf gestellt. Es wird vergessen, daß es die Kirche war, die im Laufe der Geschichte immer neue Kräfte an die Welt delegierte. So wird es uns auch mit dem gegenwärtigen Engagement der Kirche an die Welt ergehen. Zweifellos gibt es auch heute noch ungeheure weltliche Aufgaben für die Kirche, doch kann sie sich solcher Aufgaben nur annehmen, um sie alsbald an die Welt zu delegieren.
Heute fragt kein Bauer mehr im benachbarten Kloster an, welche Fruchtfolge seinem Acker zuträglich sei. Latein lernt man an staatlichen Schulen, die Pflege der Kranken und Gebrechlichen hat, bis auf wenige, allerdings charakteristische Ausnahmen, die Gesellschaft übernommen. So hat die Kirche im Lauf ihrer Geschichte die zunächst von ihr ganz spontan und selbstverständlich übernommenen Aufgaben an die Welt weitergegeben und damit die sogenannte Säkularisierung von sich aus vorangetrieben. Es ist also geradezu reaktionär, wenn man heute die eigentliche Aufgabe der Kirche in ihren weltlichen Diensten und Hilfswerken sehen will. Damit dreht man das Rad der Geschichte zurück und vergißt geflissentlich, aus welchen Quellen die Kirche jene Kräfte schöpfte, die sie immer wieder an die Welt delegierte.
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