 3.
"Da ich es wollte verschweigen, verschmachteten alle meine Gebeine durch mein täglich Heulen. Denn deine Hand war Tag und Nacht schwer auf mir" (V. 3-4). Der Selbstbetrug führt zur Selbstvergiftung. Und was am Tage zugedeckt wird durch Ablenkung und Zerstreuung, durch laute (allzu laute!) Selbstsicherheit und Geltungsdrang, das steigt in den Träumen der Nacht wieder herauf. Über den unbewußten Schichten der Seele liegt ein Bann, der sich in Depressionen und Neurosen auswirkt. Der schuldige Mensch ist krank an Leib und Seele, und "weiß" nicht warum; denn er will es nicht wissen. Bis er eines Tages im tiefen Erschrecken über sich selbst zum heilsamen Erwachen gelangt und die Hände des Retters ergreift. Nun versteht er: die Bedrohung des Lebens durch Gott ist auch die Lebensrettung. Im Gericht ist die Gnade verborgen. Gottes Gnade aber ist nicht billig zu haben, sie fordert das Bekenntnis unserer Schuld. Die Lebensrettung ist die Beichte.
4.
"Darum bekannte ich dir meine Sünde und verhehlte meine Missetat nicht" (V. 5). Beichten aber ist gefährlich, und man soll auch nicht jedem beliebigen Menschen beichten, weil die Gefahr besteht, daß man sich preisgibt, daß man sich dem andern in die Hand gibt. Zum Beichtehören gehört eine wissende und tragende Liebe, eine tiefe Lebenreife und eine priesterliche Vollmacht. - Weil man die Gefahrenzone fühlt, in der die Beichte steht, darum begibt sich der heutige Mensch an dieser Wegscheide von neuem auf die Flucht; denn es fehlt ihm die kirchliche Erziehung zur Beichte. Mit der reformatorischen Ablehnung des Beichtzwanges als einer wahrhaft seelengefährlichen Vergewaltigung des Gewissens ist in der Geschichte des Protestantismus auch die Beichte selbst verfallen. Nun hat der Mensch zwei Fluchtmöglichkeiten. Entweder sagt er als "guter Protestant": beichten, das ist ja katholisch! Darauf ist zu antworten, daß die Beichte ein tiefstes Anliegen Martin Luthers war. Er wollte "lieber alles verlieren, denn von der Beichte das geringste Stücklein aus der Kirche kommen zu lassen". Ja, man kann sagen: die Beichte ist das Herzstück der lutherischen Theologie. Denn in der Beichte wird es ja konkret und praktisch, daß ein Mensch auf alle Selbstrechtfertigung verzichtet, daß er sich demütigt in dem Wissen, daß er auf Gottes Gnade angewiesen ist. Weil aber kein Mensch "unmittelbar zu Gott" ist, weil er sich das Wort der Vergebung sagen muß, darum braucht er den priesterlichen Menschen, welcher Sachkenntnis hat in den vielschichtigen und gefährlichen Fragen der Seelenführung und welcher Vollmacht hat, Sünde zu vergeben. (Vgl. die Schrift von Otto Glüer: Die Beichte und das Sakrament des Freispruchs. Ev. Verlagsanstalt, Berlin.)
Die andere Ausflucht lautet: Der "moderne Mensch" beichtet dem Arzt und nicht dem Pfarrer; denn der Arzt ist jenseits von gut und böse; in der Aussprache gegenüber dem Arzt begibt man sich in eine neutrale Zone. Hier wird die Schuld als Krankheit gewertet und - entwertet, weil sie verharmlost wird, weit ihr der Stachel der Verantwortung genommen wirc, der Verantwortung vor Gott, die dem Menschen zu allererst seine Würde verleiht. Das ist, nach einem Worte Hegels, die Würde des Menschen, daß er Schuld haben kann: "nur das Tier ist wahrhaft unschuldig". "Statt zum Sakrament floh ich zur Wissenschaft", so hat Gertrud von le Fort diesen Fluchtweg des modernen Menschen gekennzeichnet (im "Schweißtuch der Veronika"): und ich "empfing von ihm die einzige Absolution, welche die Welt zu spenden vermag, nämlich die Absolution des Psychiaters, vor dem es keine Sünde gibt, die nicht vergeben werden kann, weil es ja keine Seele gibt, die sich Gott versagen kann. Und diese Absolution hat mit jenen furchtbaren Frieden verliehen, von welchem heute Tausende leben, deren Krankheit nichts anderes ist, als daß sie den Frieden mit Gott verschmähten." Wer aber zum Gottesfrieden kommen will, der muß den tödlichen Ernst seiner Sünde erkennen und die echte Beichte wagen als das Gespräch des Menschen im Angesicht Gottes. Dazu bedarf er des Seelsorgers, der um die seelischen Tiefen weiß und den Abgrund der Schuld nicht beschönigt. Dazu bedarf er des Menschen, der das priesterliche Amt bekleidet, der ihm den priesterlichen Dienst tun kann: der in demütiger Liebe ein Mit-Wissender und ein Mit-tragender ist, und dem doch Christus die Vollmacht gab, Sünde zu vergeben - im Namen Gottes. Das aber bedeutet Befreiung. Wer auf Selbstrechtfertigung, auf alle Verschleierung und Verharmlosung seiner Schuld verzichtet, wer sich aus der Hand gibt in die Hände Gottes, der erfährt die Lebenshilfe des priesterlichen Menschen, der mit mir redet, der mir zur Selbstklärung hilft, der mich trägt und tröstet im Angesichte Gottes. Er steht im Dienst des Königs der Wahrheit, welcher sagt: Ich stehe vor der Tür und klopfe an. So jemand meine Stimme hören wird und die Tür auftun, zu dem werde ich eingehen (Off. 3, 20). Doch muß der angerufene Mensch die Tür seines Gefängnisses von innen her auftun, er darf das Licht der Wahrheit nicht scheuen, er muß sich dem Gerichte Gottes stellen und aus der Tiefe rufen:
Wir bitten nicht! schlag zu, o Gott, schlag zu!
Wir löschen unser Licht, nun leuchte Du. (Gerhard Schumann.)
Wenn Beichte diese konkrete Lebenshilfe sein kann, die den in sich selbst gefangenen Menschen in die Freiheit und in den Frieden Gottes führt, wenn aber die Beichte auch eine Gefahr sein kann, weil hier der Mensch sich selber preisgeben und in die Hände der Menschen fallen kann, dann ist zu fragen: wer darf Beichte hören? Darauf ist zu antworten: wer selbst zur Beichte geht und wer ein priesterliches Amt bekleidet. Wer selbst zur Beichte geht, versteht sich selbst als Sünder unter Sündern. Er erhebt sich nicht über den andern, sondern stellt sich unter seine Last als der mit-schuldige, mit-betroffene Mensch. Wer das priesterliche Amt bekleidet, der handelt nicht im eigenen Namen, sondern im Namen dessen, der allein Vollmacht hat, Sünde zu vergeben. Seine Tugend ist die Verschwiegenheit. Als in Prag der Erzpriester Nepomuk das Beichtgeheimnis der Königin Johanna nicht preisgeben wollte, da ließ ihn der König Wenzel in die Moldau stürzen und ertränken. Seitdem ist er der Brückenheilige in den Ländern der Donau und des Mains. Er wird uns zur symbolischen Gestalt des Beichtvaters, so als wollte er sagen: auf diese Brücke kannst du treten! Wer Beichte hört, muß wissen, wie tief das Beichtsiegel ihn verpflichtet zum Schweigen bis in den Tod. Wer Beichte hört, soll aber nicht allein ein verschwiegener, er soll auch ein schweigender Mensch sein. Er muß schweigen und warten, schweigen und hören. Muß warten auf die Stunde der Gnade und auf den wunderbaren Augenblick, in dem die Seele sich der Seele offenbart. So "hört" er die Beichte des Bruders: er hört ihm bis zum letzten Satze zu, bis er von selber sinkt in stumme Ruh / Und wartet immer noch und fühlt ihm an, was er aus tiefster Not nicht sagen kann. (Johannes Günther.) Dietrich Bonhoeffer, der Blutzeuge des Dritten Reiches, hat uns gesagt, Beichte bedeute dreierlei: Durchbruch zur Gemeinschaft, Durchbruch zum Kreuz und zum Leben.
Zuerst der Durchbruch zur Gemeinschaft. Wir sind alle einsam in unserer Sünde (Anm. 3). Sein böses Wesen muß man verschweigen. Man kann und darf nicht jedem Menschen beichten, weil man sich damit preisgibt. Und gefährlich ist es, in die Hände der Menschen zu fallen. Aber der schuldige Mensch versteckt sich auch vor Gott, er scheut das Licht und kommt nicht an das Licht und weicht dem Rufer im Gewissen aus. Darum ist unsere Gemeinschaft nur Schein. Wir trauen einander nicht, vertrauen uns dem andern nicht an. Wir wahren das Gesicht, die fromme Maske. Wir täuschen einander Frömmigkeit vor und sind doch Sünder: "Unausdenkbar das Entsetzen vieler Christen, wenn auf einmal ein wirklicher Sünder unter die Frommen geraten wäre." Sind wir nicht alle immer noch Moralisten? Zucken wir nicht die Achseln über den Mitmenschen, der den Schritt vom Wege tat? Wenden wir uns nicht ab? Fragen wir nicht im Stillen. "Wie kann man . . .?", anstatt zu fragen: "Wie kann ich - Dir in Deiner Not helfen?" Sind wir nicht christliche Pharisäer, die sich entrüsten, wenn einer mit Sündern zu Tische sitzt? Trifft uns nicht die Ironie des Christuswortes: "Ich bin gekommen, Sünder zur Buße zu rufen und nicht - die Frommenl" (Matth. 9, 13). Freilich, zur Buße: zur Umkehr, zum Umbruch der ganzen Existenz. Das Herrenwort pflügt uns um und reinigt unsern Acker. Trifft sein Wort, so weiß man: Wir werden alle aneinander schuldig. Wir müssen immer wieder uns begegnen und immer wieder durch einander leiden, bis wir dereinst dies alles segnen (Chr. Morgenstern). Denn da, wo Schuld bekannt und vergeben wird, da wächft - auf gereinigtem Boden - die echte Gemeinschaft. Da tragen wir einer des andern Last, weil uns die Liebe Christi trägt. "Nun darfst du Sünder sein und doch der Gnade Gottes froh werdenl"
Zum andern geschieht in der Beichte der Durchbruch zum Kreuz. Die Wurzel aller Sünde ist der Hochmut. "Geist und Fleisch des Menschen sind vom Hochmut entzündet." Die Beichte aber, das Bekenntnis unserer Schuld, schlägt den Hochmut nieder. Da wird unser Ichmensch ans Kreuz geschlagen, da brennt die Scham uns rein. In der Beichte bejahen wir unser Kreuz: "Der alte Mensch stirbt, aber über ihn hat Gott gesiegt."
Und endlich, Beichte ist der Durchbruch zum neuen Leben. Beichten ist ja eine Reifestufe der christlichen Existenz. Nicht jeder kann oder will beichten. Wer beichtet, tritt damit ein in den Raum der Christusherrschaft. Ist aber jemand "in Christus" (und nicht in sich selbst verschlossen), so ist er ein neuer Mensch geworden. Das Alte ist vergangen. Wer beichtet, hat mit seiner Vergangenheit gebrochen. Damit ist auch die Herrschaft der Sünde gebrochen. Und darum ist Beichte Befreiung. Wer beichtet, wird frei von sich selbst und frei für Gott. Im Vorgang der Beichte geschieht etwas mit mir, ein Entschlackungsprozeß meines seelischen Organismus und dadurch ein Gesundungsprozeß: Das Alte ist vergangen, es ist alles neu geworden.
Darum soll man wissen, daß man im Raum der Christusherrschaft vor dem Bruder und Priester seine Sünden bekennen darf, weil Christus selber gekommen ist, Sünder zur Buße zu rufen und nicht die Gerechten. Weil er selbst uns zuruft: Kommt her zu Mir, ihr Mühseligen, ihr Belasteten, ihr SchuIdbeladenen, siehe, Ich stehe vor der Tür und klopfe an! Aber noch einmal: Nur von innen her kann das Tor der Seele geöffnet werden, denn Gott wendet sich an den Willen und ehrt die Freiheit des Menschen. Darum bittet der Seelsorger als Botschafter an Christi Statt: Laßt euch versöhnen mit Gottl Brecht durch zur Gemeinschaft, zum Kreuz und zum Leben!
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3: Ich berichte im folgenden den Gedankengang Bonhoeffers und knüpfe daran an. Vgl. D. Bonhoeffer : Gemeinsames Leben. München 1949.

Evangelische Jahresbriefe 1952 (S. 52-56/95-98) |